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Author Topic: story - When in Rome...  (Read 1043 times)

Offline silver-moon-2000

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story - When in Rome...
« on: 28. March 2021, 17:57:09 PM »
Hinweis: Ich veröffentliche diese Geschichte gleichzeitig im englischen Teil.

Um Lesern, die noch nie etwas von mir gelesen haben, zu erklären, worauf sie sich einlassen, habe ich diesen einleitenden Kommentar von meiner anderen Geschichte geklaut:

Meine Geschichte unterscheidet sich in zwei Merkmalen von den meisten anderen, die in diesem Forum veröffentlicht werden. Sie wird (hoffentlich ;-) ) weder besser noch schlechter sein; sie ist einfach ANDERS:

Erstens passiert nichts und zweitens dauert es auch noch ewig, bis es soweit ist ;-)

Ich habe einen Schreibstil, den man als "langwierig" und "ausschweifend" beschreiben könnte, vielleicht auch als "langweilig". Mit anderen Worten: Ich wälze alles extrem platt, die Spannungskurve verläuft in dieser Geschichte sehr flach. Wer also wilde Action und haare-raufendes Drama erwartet, wird sicherlich enttäuscht.

Ich will nur warnen, dass diese Geschichte vermutlich nicht jedermanns Geschmack treffen wird!



Es sollte selbstverständlich sein, aber alle Namen sind frei erfunden; Ähnlichkeiten zu bestehenden Personen wären rein zufällig und sind nicht beabsichtigt!



Diese story basiert auf einer Idee, die ich vor mehr als sechs Jahren mal in wenigen Stichpunkten niedergeschrieben hatte. Vor etwa eineinhalb Jahren bin ich dann wieder mal über diese Idee gestolpert und habe mich schließlich dazu entschlossen, daraus diese Geschichte zu entwickeln.

Beim Ausarbeiten hat sich die Geschichte immer weiter von der ursprünglichen Idee entfernt. Die Verwandtschaft ist zwar noch zu erkennen, doch viele Bestandteile und Ideen haben sich so deutlich geändert, dass dieses Werk inzwischen als eigenständige Geschichte gelten muss.

Der Kern wurde zwar innerhalb relativ kurzer Zeit - wenigen Stunden - geschrieben, die story als Ganzes dann jedoch über Tage, Wochen und Monate hinweg immer wieder quergelesen, korrigiert und dabei auch überarbeitet. Ja, Monate!

Über ein halbes Jahr lang war ich immer wieder mal an dieser Geschichte zugange, bis ich schließlich die Lust verloren hatte und dieses Machwerk für beinahe ein Jahr lang wieder in der Versenkung verschwand. Dass Ihr meine andere Geschichte "Ein unliebsame Weihnachtsüberraschung" so positiv aufgenommen hattet, hatte mich bestärkt, diese Geschichte wieder heraus zu kramen und noch mal 'ne Woche daran zu tüfteln. Doch nun ist es "vollbracht", das letzte Korrekturlesen ist abgeschlossen, ich habe fertig, ich mag nicht mehr ;-)

Mit jeder Überarbeitung wurde die Geschichte jedoch erweitert: Hier einen kleinen Einschub, dort einen abrundenden Halbsatz und woanders wieder einen neuen Paragrafen oder sogar ein ganz neues Kapitel...

Ursprünglich sollte die Geschichte nur eine einzige Szene - ein "Bild" - beschreiben. Inzwischen wurde sie um Einleitung und Schluss erweitert, das eigentliche Bild wurde in mehrere Kapitel aufgeteilt und eine komplett neue Szene - wiederrum mit mehreren Kapiteln - hinten dran gezimmert.

Das ganze Konstrukt ist somit stärker gewachsen, als ihm meiner Meinung nach gut tut. Manche Ideen sind zu weit ausgewalzt, andere zu schnell herbeigezwungen und wieder andere sind nur oberflächlich angeheftet und fügen sich nicht gut ein. Die story ist nicht mehr so klar strukturiert und "knackig", wie ich es mir wünschen würde, doch für einen Rewrite fehlen mir Lust und Können.

Das soll aber bitteschön nicht bedeuten, dass mir meine Geschichte nicht gefällt, das tut sie nämlich. Ich bin recht zufrieden damit, was aus der "originalen Idee" geworden ist. Es bleibt nur dieses nagende Gefühl, dass es vielleicht noch besser hätte werden können... naja... jetzt ist's eh' zu spät ;-)

Also... viel Spaß, oder so...


Offline silver-moon-2000

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Re: story - When in Rome...
« Reply #1 on: 28. March 2021, 17:57:40 PM »
Teil 1

Donnerstag Mittag

Kapitel 01/15 - Das Telefonat

"Ja, ich warte." Frau Maier legt ihre Hand über das Mikrofon ihres Handys: "Sie holt Dr. Mahlmann". Der letzte Satz ist an ihre Tochter Tanja gerichtet, die ein paar Meter entfernt träge auf der Couch liegt. Für mehr als das ist es jetzt definitiv zu warm.

"Das hab' ich sogar von HIER gehört, Mama". Die Sprechstundenhilfe ist eine immer nett aufgelegte und hilfsbereite Frau, aber sie hat ein ziemlich lautes Organ. Egal ob man ihr direkt gegenüber steht, oder mit ihr "fernmündlich" redet; man hat immer das Bedürfnis, sie auf "leise" stellen zu wollen. Doch das ist natürlich leichter gesagt als getan.

"Hoffentlich dauert es nicht zu lange, ist schließlich ein Ferngespräch."

"SO teuer wie früher ist das auch nicht mehr", befindet ihr Vater lächelnd. "Das können wir uns schon leisten. Besonders wenn es um Deine Gesundheit geht!"

"Haha, Papa, wirklich! Deine Witze waren auch schon mal besser..."

Gerade will er zu einer Erwiderung ansetzen, als sich am Telefon etwas tut; seine Frau winkt ihm, leise zu sein.

"Dr. Mahlmann? Guten Morgen, Maier hier. Es geht um meine Tochter Tanja... Ja... Ja, genau: Tanja Maier... Sie hat sich gestern Abend ein Bracket abgebissen und Sie sagten, dass wir uns in dem Fall bei Ihnen melden sollten... So ist es... Ich wollte mich einfach jetzt erkundigen, was wir machen sollen... oder ob wir überhaupt etwas tun können..."

Im starken Gegensatz zu seiner Sprechstundenhilfe spricht der Arzt ziemlich leise und bedächtig. Das Mädchen auf der Couch hört nichts von seiner Erwiderung, so sehr sie ihre Ohren auch spitzt. Dass die alte Couch bei jeder Bewegung knarzt, hilft auch nicht.

"...genau das ist das Problem. So einfach können wir leider nicht vorbeikommen, wir sind momentan nämlich nicht zuhause... Wir sind im Urlaub... In Italien, bei Rom, genauer gesagt... Ja, genau." Die Mutter lacht pflichtschuldig "Es ist wirklich sehr heiß momentan... Nein, wir sind erst vor kurzem losgefahren... Genau, noch zwei Wochen..."

Tanja würde wirklich gerne wissen, was ihre Mutter mit dem Kieferorthopäden bespricht. Oder besser gesagt: Was es da überhaupt zu bereden gibt. Denn was sollen sie schon machen? Einfach mal schnell über tausend Kilometer heimfahren, nur damit das Bracket wieder festgeklebt wird? Sicherlich nicht!

Der Arzt kann doch eigentlich gar nichts anderes sagen als: "Kommen Sie vorbei, wenn sie wieder zuhause sind..." Und das dauert so lange?

"Ja, das ist jetzt wirklich dumm gelaufen", fährt die Mutter fort, "Wenn es so wichtig ist..."

Das Mädchen schüttelt den Kopf. Nein, es ist NICHT so wichtig, dass so ein Aufstand veranstaltet wird. "Mir ist ein Bracket abgegangen. Ich hab' mir keinen Zahn ausgeschlagen oder so...", wendet sie halblaut ein, doch sie wird von der Mutter ignoriert.

"Mein Mann und ich haben uns gefragt, ob es etwas bringen würde, wenn wir hier zu einem Kieferorthopäden vor Ort gehen würden..."

Tanja rollt mit den Augen. Das ist so typisch... Ihre Eltern haben die dämliche Angewohnheit, immer wieder über das Ziel hinaus zu schießen. Sie meinen es ja gut, daran kann kein Zweifel bestehen. Doch das hält sie nicht ab, regelmäßig zu über-treiben. Und jetzt... jetzt haben sie sich mit dieser Schnapsidee wieder einmal selbst übertroffen... So ein Quark, haltet doch einfach mal die Füße still, Leute!

"Ja, genau... nein, da haben Sie recht... Oh, aha... nein, das wusste ich nicht... Hmm, das macht es natürlich komplizierter..."

"Nein, Dr. Mahlmann macht garantiert nichts kompliziert", ärgert sich Tanja still. "IHR seid diejenigen, die alles verkomplizieren müssen"

"So ist es... Wenn Sie der Meinung sind, dass es nichts bringt..."

Der Teenager hebt die Hand und deutet auf das Handy in der Hand ihrer Mutter. So als ob sie andeuten wolle: "GENAU DAS sag' ich doch die ganze Zeit: Das bringt NICHTS... jetzt macht aus einer Mücke mal keinen Elefanten..." Doch ihr lautloser Einwand wird einfach mit einer Handbewegung beiseite gewischt.

"Doch, doch, ich verstehe Sie schon... Nein, wir müssten uns erst noch jemanden hier in der Gegend suchen... Ja... Ja, OK... Gut, dann machen wir das so... Genau: Wenn's nicht klappt, klappt's nicht... Vielen Dank für Ihre Zeit, Dr. Mahlmann. Einen schönen Tag noch!"

"Echt jetzt, Ihr übertreibt! Aber gewaltig!", lässt das Mädchen ihrem Unmut freien Lauf, sobald das Gespräch beendet ist. Das Getue geht ihr kräftig auf die Nerven. Ihre Eltern verhalten sich gerade so, als wäre es ein medizinischer Notfall... Merken die nicht einmal mehr, dass sie wahnsinnig übertreiben?

Dabei ist ihr gestern beim Abendessen nur ein kleines Malheur passiert. Sie hatte einfach nicht gewusst, dass die Oliven, die ihre Eltern gekauft hatten, noch ihre Steine haben... sonst wäre sie vorsichtiger gewesen...

Das Sofa knarzt, als Tanja sich aufsetzt. "Also, was hat er gesagt?"

Offline silver-moon-2000

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Re: story - When in Rome...
« Reply #2 on: 28. March 2021, 17:59:02 PM »
Donnerstag Nachmittag

Kapitel 02/15 - Die fremde Praxis

"Viel Glück, HIER 'nen Parkplatz zu finden", ätzt Tanja, ziemlich schlecht gelaunt.

"Ja, es sieht nicht gerade vielversprechend aus...", ihr Vater schüttelt den Kopf, während er das Auto vorsichtig über den kleinen Platz manövriert.

Und wirklich ist die Umgebung restlos zugeparkt. Nicht nur jeder Parkplatz ist voll, sondern wirklich JEDE Fläche, die gerade groß genug ist, ein Auto drauf zu stellen, ist belegt. Und die Zwischenräume sind mit Rollern zugestopft. Selbst für die kreative Fahrweise, die man normalerweise Südeuropäern zuschreibt, ist diese "Piazza" hoffnungslos überfüllt.

Das ist aber auf der anderen Seite auch verständlich, denn in dieser Hitze versucht nun wirklich jeder, nicht draußen sein zu müssen. Und wenn man das Auto dann für ein paar Stunden einfach mal "irgendwie" abstellt... naja, dann ist das halt so!

"Jetzt weiß ich auch, warum italienische Autos kleiner sind. Hier kommt man ja fast nicht mehr durch" Der Vater hat Schwierigkeiten, den Van zwischen zwei abgestellten Rollern durch zu fädeln. Auf jeder Seite bleiben nur wenige Zentimeter.

"Und wenn Du dahinten schaust?", seine Frau deutet auf eine Straße, die pfeilgerade von dem Platz wegführt.

"Was anderes wird uns nicht übrigbleiben..."

"Doch! Wir könnten wieder zum Ferienhaus zurück fahren", lässt sich Tanja vom Rücksitz vernehmen. Die Erwachsenen reagieren gar nicht erst darauf.

Ein paar Minuten später ist endlich ein Stellplatz gefunden, auch wenn er sich dafür von seiner Frau in die winzige Parklücke hat einwinken lassen müssen. Dafür haben sie Glück und sind gar nicht so weit wie befürchtet von dem Haus entfernt, an dessen Türe - neben einem halben Dutzend anderer - das Schild "Dr. Moretti" haftet.

Die Luft flimmert über dem aufgeheizten Asphalt; der Tag ist - wie befürchtet - extrem heiß geworden. Die Hitzewelle macht ihrem Namen alle Ehre... Als sie vor der Praxistüre ankommen, stehen allen drei bereits ein paar Schweißtropfen auf der Stirn.

"So, da wären wir. Was wir nicht alles für unser geliebtes Töchterchen machen...", scherzt der Vater.

Die mustert ihn verärgert, denn es ist genau das eingetreten, was sie befürchtet hatte: Ihre Eltern haben eben NICHT auf Dr. Mahlmann gehört, sondern haben die ganze Angelegenheit aufgeblasen bis zum Geht-nicht-mehr. Von "vernünftigem Handeln" keine Spur, sondern "maßloses Übertreiben" scheint die aktuelle Devise zu sein. Und das nervt gewaltig. Kein Wunder also, dass Tanja schlechte Laune hat.



Ihr wäre es viel lieber gewesen, wenn ihre Eltern die Sache mit dem abgegangenen Bracket einfach auf sich hätten beruhen lassen. Sie können ja sowieso nichts machen, da hätten sie sich - und ihr - das ganze Gehampele auch gleich sparen können...

Dabei ist es jetzt nicht so, dass Tanja große Probleme mit ihren Zahnspangen hätte. Drei Monate hatte sie schließlich schon Zeit, sich an die dauerhaften Fremdkörper in ihrem Mund zu gewöhnen.

Wie eigentlich bei jedem Spangenträger hat das auch funktioniert. Das mit dem Dran-Gewöhnen. Zum größten Teil zumindest. Mit Ausnahme der ersten Woche, in der natürlich noch alles neu und fremd war, hatte sie nie wirklich übermäßige Probleme mit den festen Spangen.

Andererseits kann sie leider aber auch nicht behaupten, sich inzwischen VOLLKOMMEN und absolut mit ihrem Silberlächeln abgefunden zu haben.

Jetzt nicht im Sinne von: "Ich traue mich nicht mehr zu lächeln und kneife immer meine Lippen zusammen, damit niemand meine Zahnspangen sehen kann..." Nein, so schlimm ist es bei weitem nicht. War es auch nie. Wirklich nicht! Großes Ehrenwort!

Es wäre vielleicht treffender, zu sagen: Alles ist in Ordnung, solange man die Spangen einfach das sein lässt, was sie sind: Ein notwendiges Behandlungsinstrument und - im Gegensatz zum Beispiel zu einem Paar Ohrringen - KEIN modisches Accessoire.

Zahnpangen sind - kurz gesagt - nichts, was einer gesteigerten Aufmerksamkeit bedarf. Nichts, was man ständig ansprechen müsste. Oder SOLLTE.

Mit anderen Worten: Im Alltag stören die Spangen ganz und gar nicht mehr, Tanja redet und lacht damit wie alle anderen auch. Nur in Situationen wie jetzt, wenn also ihr Silberlächeln in den Mittelpunkt des Geschehens rückt, wird ihr die ganze Sache dann doch noch unangenehm und peinlich.

"Einfach nicht auf dem Thema rumreiten, im Zweifelsfall lieber mal die Klappe halten und mich damit in Ruhe lassen, dann passt alles...", ist ihr Credo.

Ja, OK, es ist ärgerlich, dass das Bracket abgegangen ist, aber das ist doch kein Weltuntergang! Hat doch auch Dr. Mahlmann gesagt... Das ganze Heck-meck, das ihre Eltern veranstalten, geht ihr gehörig auf die Nerven. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.



Glücklicherweise ist die Praxis ziemlich leer. Nur ein Junge, etwas jünger als sie selbst, spielt im Wartezimmer auf seinem Handy, ansonsten ist tote Hose. Und das ist gut so, denn Tanja kann diese Art der Aufmerksamkeit ja nicht leiden.

Und dass sie - als typisch deutsche Touristen  - es schaffen, in einer kieferorthopädischen Praxis im Herzen Italiens inkognito zu bleiben, das ist mehr als unwahrscheinlich. Es ist unmöglich! Sie WERDEN also auffallen wie bunte Hunde!

Es beginnt schon damit, dass die junge Frau hinter dem Tresen - die laut Namensschild Giulia heißt - sie auf Italienisch anspricht.

"Oh, I'm sorry, I... ähhh... cannot understand you...", antwortet ihre Mutter verlegen.

Italienisch spricht keiner in der Familie... Und was Englisch anbelangt: Sie selbst ist ja noch in der Schule und kann nur wenig Englisch. Tanja macht sich da keine Illusionen, denn sie weiß selbst, dass ein paar Jahre Schulenglisch nicht viel bedeuten. Und das Englisch ihrer Eltern ist... nun ja, nennen wir es vorsichtig mal "deutlich eingerostet".

Soll heißen: Sie müssen sich ihren Weg zum Ziel radebrechend erkämpfen. Und dabei zwangsweise noch mehr auffallen... Dass ihre Mutter die nervige Angewohnheit hat, ALLES erklären zu wollen und sich deshalb in vollkommen unnötigen Details verliert, hilft auch nicht.

Mit wachsendem Unbehagen verfolgt Tanja deshalb, wie die Mutter versucht, der verwunderten Sprechstundenhilfe zu erklären, was geschehen ist und warum sie hier sind. Und sich dabei immer weiter verheddert, sodass am Schluss niemand mehr weiß, was eigentlich gesagt wurde.

Verdammt ist das peinlich. Ein schneller Blick lässt erkennen, dass der Junge im Wartezimmer das Handy hat sinken lassen und das Geschehen interessiert verfolgt. Schließlich wird es Tanja zu dumm. Als ihre Mutter wieder mal eine Pause einlegt und nach Wörtern sucht, übernimmt sie das Kommando:

"Yesterday I have lost a bracket". Und sollte das immer noch nicht verständlich genug sein, deutet sie dabei auf ihren Mund. "And my parents think that you can... ähm...  fix it..."

"Siehst Du Mama, so schwer war das doch jetzt nicht", denkt sich Tanja. Und die Helferin ist sichtbar erleichtert, jetzt endlich den Grund verstanden zu haben. Denn bisher hatte sie nur in Erfahrung bringen können, dass die Anwesenheit der Deutschen etwas mit Oliven zu tun haben muss...

"Ah, I see. Let me get the doctor for you. Please, follow me... take a seat..." Sie kommt hinter dem Tresen hervor und führt die Familie ins Wartezimmer. Auf dem Weg, dem Doktor Bescheid zu geben, nimmt sie gleich den letzten verbleibenden Patienten mit, sodass die Drei allein sind.

Die Sonne knallt durch das Fenster rein, die Stühle im Wartezimmer sind so heiß, dass alle Drei es vorziehen, stehen zu bleiben. "Warum hast Du eigentlich gesagt 'My parents think...'" erkundigt sich der Vater. "Das klingt fast so, als ob Du anderer Meinung bist..."

Tanja schüttelt den Kopf. "Ist einfach nur das erste, was mir eingefallen ist." Was glatt gelogen ist, denn sie hat diesen kleinen Seitenhieb mit voller Absicht eingebaut. Sie ist nämlich immer noch ein wenig sauer auf ihre Erziehungsberechtigten:

"Schließlich haben die mich hierher geschleift, auch wenn klar ist, dass die Leute hier uns hier nicht helfen können... Und dafür darf ich mich doch ein wenig rächen, oder etwa nicht? Ist ja nur die Wahrheit...", rechtfertigt sie ihre schlechte Laune...
 Kapitel 03/15 - Die Einschätzung

Ein paar Minuten vergehen, bis der Junge von vorhin - der letzte Patient des Tages - abgearbeitet ist und der Arzt Zeit für sie findet. Ein großer, sportlicher, sonnengebräunter Mann mittleren Alters, dem man sofort glauben würde, dass er in der Frei-zeit mit einigem Erfolg auf dem Surfboard Wellen reitet.

Er wurde anscheinend schon von der Helferin informiert, denn er spricht sie sofort auf Englisch an: "Good day! My name is Moretti. How can I help you?"

Die Eltern überlassen Tanja freiwillig das Feld: "Yesterday I lost a bracket", wiederholt sie, "and my pare... we hope that you can help us and... ähm..."

Bäm, jetzt ist sie selbst in die Falle getappt und sucht nach Worten: Wie sagt man auf English: "das Bracket ersetzen?" Ihr will das blöde Wort nicht einfallen... peinlich...

Doch auch so scheint der Arzt glücklicherweise zu verstehen, was von ihm gewünscht wird. Er macht jedoch ein nachdenkliches Gesicht... "I think, I understand... but why are you here?"

"Ähmm...?" Die Angesprochene sieht ihn erstaunt an. Sie weiß nicht wirklich, was sie darauf erwidern soll, schließlich ist doch offensichtlich, WARUM sie hier sind...

Dr. Moretti sieht sich zu einer Erklärung genötigt: "What I mean is: I'm not sure if I can help you... You should go and see your own... ahh... denti... ahh... orthodontist!"

Es ist seltsam beruhigend, festzustellen, dass ihre Familie nicht die Einzige ist, der die Kommunikation in Englisch nicht leicht über die Lippen geht. Auch Dr. Moretti muss nach Worten suchen.

Dass das englische Wort für Kieferorthopäde "orthodontist" lautet, weiß Tanja nur deswegen, weil sie auf der Fahrt hierher auf ihrem Handy ein paar Worte nachgeschaut hatte, um sich für das Gespräch zu wappnen. Im normalen Schulenglisch kommen solche Worte nämlich nicht vor. Und sie wollte verstehen, was ihre Eltern mit dem Arzt besprechen. Sie hatte nie gedacht, dass sie das Gespräch am Schluss selbst FÜHREN muss... Umso froher ist sie, dass sie sich ein paar seltenere Worte zurecht-gelegt hatte.

"He is in Germany, over one thousand kilometers away..." schüttelt Tanja ihren Kopf. Auch wenn sie am liebsten sagen würde: "Da bin ich voll und ganz Ihrer Meinung, aber meine Eltern stellen sich zu blöd an..."

"Ah... I see, that is a problem...", lächelt der Arzt dünn. "That is a bit far..." und setzt dann hinzu: "Still, why do you come to me? Why do you not wait? Is it really that urgent?"

Tanja hat etwas Schwierigkeiten, die Frage zu verstehen, das Wort "urgent" ist ihr nicht geläufig. Bis sie sich einen Reim darauf gemacht hat, was der Arzt von ihr will, hat schon ihre Mutter eine Antwort begonnen: "We... ähm... talked to our doctor and he said... ähm... that it is important, yes..."

Vielleicht ist es gut, dass Tanja mit der Antwort gezögert hatte. Auch so wirft sie ihrer Mutter schon einen genervten Blick zu und ist versucht, zu sagen: "Nein, DAS hat Dr. Mahlmann nicht gesagt...", aber sie besinnt sich eines Besseren. Auch wenn die Italiener sie garantiert nicht verstehen würden, muss sie hier und jetzt keinen Streit vom Zaun brechen...

"OK, I can understand that.", nickt Dr. Moretti leicht. "Still, there is another problem:"

"Every orthodontist has his... ahh... own system of braces, you see. These brackets have a different form..." erklärt Dr. Moretti, unsicher, an wen aus der Familie er sich wenden soll, "and I'm not sure, if the system your doctor uses, is... ahh... can be used with mine, you understand?"

Tanja nickt. Ja, das versteht sie wieder. Ist das doch das absolut gleiche Argument, das ihr eigener Kieferorthopäde heute Morgen im Gespräch mit ihrer Mutter vorgebracht hatte:

"Sehen Sie, Frau Maier", hatte er erklärt, "es gibt da mehrere Systeme von festen Spangen auf dem Markt und die sind untereinander nicht kompatibel. Man kann nicht einfach ein Teil aus dem einen Baukasten nehmen und mit Teilen aus einem anderen Baukasten zu einer festen Zahnspange kombinieren... so einfach geht das leider nicht!"

Und niemand könne garantieren, dass ein zufällig ausgewählter Arzt denselben Baukasten verwende... Dr. Mahlmann hatte zwar gemeint, dass er ein weit verbreitetes System einsetze, aber dennoch sei das kein Garant dafür, dass sich so einfach Hilfe finden lasse...

Sie dreht sich zu ihren Eltern um, mit einer Miene, die ganz offensichtlich besagt: "Das hab' ich Euch doch schon mehrfach gesagt, aber Ihr habt nicht auf mich hören wollen..."

Ihre Eltern hatten dennoch, wider besseres Wissen, entschieden, einfach auf gut Glück einen Kieferorthopäden hier vor Ort aufzusuchen. Jetzt sollen die sich um die Situation kümmern, ist schließlich DEREN Problem!

"You are sure, that it will not work?", versucht sich die Mutter pflichtgemäß, "Our... ähm... doctor said, that... that it is very important, that her braces are... ähm... repaired"

Tanja verdreht ihre Augen. "MAMA, das ist peinlich..." denkt sie sich.



Außerdem ist das nicht ganz wahr; oder zumindest übertrieben. Ja, OK, zugegeben: Dr. Mahlmann HATTE am Telefon gesagt, dass das Bracket tatsächlich zu einer dummen Zeit abgegangen sei. Gerade in dieser Phase der Behandlung würden sich die Zähne recht viel bewegen und daher sei es wichtig, dass alle Zähne diese Bewegung möglichst gleichmäßig mitmachen würden. Sonst würden sich dadurch unnötig Lücken auftun...

Auf der anderen Seite hatte er aber auch gesagt, dass es nicht nötig wäre, sich den Stress zu machen und zu einem anderen Kieferorthopäden zu gehen. Vor allem wenn sich nicht abschätzen ließe, ob dieser Kollege auch wirklich etwas ausrichten könne... Unterschiedliche Baukastensysteme und so...

Es müsse notgedrungen reichen, wenn Tanja bei ihm vorbeikäme, sobald sie aus dem Urlaub zurück sei. Das sei zwar alles andere als ideal, aber der "Schaden" sei auch nicht so groß, dass es den Behandlungsplan nennenswert durcheinanderbringen würde... und ein abgefallenes Bracket sei schon gleich gar nichts, was man später nicht mehr reparieren könne...

Also ganz genau das, was Tanja von Anfang an prophezeit hatte: Die einzige logische und sinnvolle Antwort, die der Arzt geben konnte.

Doch ihre Eltern - und das ist typisch, absolut typisch - hatten nur das gehört, was sie hören wollten. Und den Rest hatten sie verworfen. So wie sie es immer machen. Doch damit nicht genug: Die Erwachsenen ignorieren nicht nur eine Hälfte, sondern verstehen die andere Hälfte auch noch falsch!

Dass sie hier selbst übertreibt und ein wenig ungerecht ist, will Tanja nicht zugeben. Denn ganz offensichtlich HABEN ihre Eltern irgendwas falsch aufgefasst:

So wie sie sich verhalten, haben sie - aus welchem Grund auch immer - das Telefon-Gespräch so interpretiert, dass es STARKE negative Konsequenzen haben würde, wenn das Bracket nicht SCHNELLSTENS wieder angebracht werde. Auch wenn Dr. Mahlmann das definitiv so NIE gesagt hatte.

Deswegen hatten sie sich ihre Tochter geschnappt und waren zum erstbesten Kieferorthopäden gefahren, den sie über Google Maps haben finden konnten. Und das ohne Voranmeldung. Ohne zu klären, ob der Arzt überhaupt helfen kann. Am späten Nachmittag, nur Minuten bevor sie hier Feierabend machen... Bravo. Echt klasse... Das ist so typisch! Erst mal schnell-schnell überstürzt IRGENDWAS machen und dann später nachdenken...



"...smile for me?", beinahe überhört Tanja die Aufforderung des Arztes, so versunken war sie in Gedanken. Doch dann gehorcht sie. Ihre Lippen teilen sich und sie setzt ein gezwungenes, extrabreites Lächeln auf.

Die Wangen werden noch ein wenig roter als sie sowieso schon sind. Man, das ist SOO peinlich! Sie steht hier mitten im Warte-zimmer und fletscht die Zähne. Und außen herum stehen vier Erwachsene und schauen sie an... Glücklicherweise sind keine anderen Patienten mehr da...

Dr. Moretti wiegt den Kopf. "Well, it looks like my system... it could work... let's have a better look" Dann dreht er sich um und winkt der Familie, ihm zu folgen. Der Weg führt sie in einen kleinen Raum, in dem ein einzelner Behandlungsstuhl steht. Es ist heiß und stickig. Die Sonne knallt auch hier durch das Fenster herein.

"Please sit down", wendet er sich an Tanja. Mit wenig Enthusiasmus gehorcht sie. Als ihre Haut den Kunstleder-Stuhl berührt, hat sie beinahe das Gefühl, mit dem Kunststoff zu verschweißen. Das Metall der Armlehne ist so heiß, dass sie ihren Arm dort nicht ablegen kann.

Dann wendet er sich an seine Helferin. In Italienisch, das die Familienmitglieder natürlich nicht verstehen. Die junge Frau verschwindet und kommt kurz darauf mit mehreren Kästen zurück, aus denen der Arzt ein Bracket heraussucht.

"Smile again", trägt er seiner Patientin wieder auf. Kurz darauf nickt er, erstaunt und befriedigt. "Well, you're in luck", ist seine Antwort. Sein System sei - wie es aussieht - mit dem anderen kompatibel, er könne also das abgegangene Bracket ersetzen.

Aus den Augenwinkeln sieht sie, dass ihre Eltern erleichtert zu sein scheinen. "Yes? Wonderful, please do it!", hört sie ihre Mutter wieder.

Und wie denkt Tanja selbst darüber? "Ja, ja, wunderbar und alles... so ein Käse! Aber Mama und Papa werden natürlich keine Ruhe geben, also: Je schneller wir es hinter uns bringen, desto besser!", trifft es recht genau.

Allerdings gebe es da vorher noch eine Sache zu klären, wendet sich der Kieferorthopäde mit ernster Miene den Eltern zu. Tanja versteht nicht viel von dem, was Dr. Moretti als nächstes sagt. Zu viele Begriffe, die sie nicht kennt. Sie hat nur das Gefühl, dass es etwas mit Geld zu tun haben muss...

Doch ihre Eltern scheinen dieses Mal besser zu verstehen, worum es geht. Vielleicht, weil sie das Argument erwartet hatten?

"Yes, that is OK", antwortet schließlich der Vater. Er scheint das verdutzte Gesicht ihrer Tochter gesehen zu haben: "Das müssen wir selbst bezahlen, die Krankenkasse wird die Kosten nicht übernehmen".

Tanja zuckt mit den Schultern: "Da hab' ich wenig Mitleid mit Euch, schließlich habt Ihr mich hierher geschleppt. Ist Euer Problem!"

"Wir warten draußen, wenn es Dich nicht stört!", der Vater klingt auf einmal ein wenig genervt. "Das Zimmer ist ein bisschen eng für fünf Personen..."

Diese Geschichte wurde "vor Corona" geschrieben ;-)


"Ist gut", ist Tanjas knappe Antwort. Doch insgeheim denkt sie sich: "Meine Güte, Papa! Macht, dass Ihr verschwindet... Es ist so schon peinlich genug, da braucht Ihr nicht auch noch hier rumzustehen... Ich bin kein kleines Kind mehr, das schaff' ich auch ohne Euren 'Beistand'!"

Der Stuhl setzt sich in Bewegung und bringt sie in eine liegende Position.

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Re: story - When in Rome...
« Reply #3 on: 28. March 2021, 17:59:49 PM »
 Kapitel 03/15 - Die Einschätzung

Ein paar Minuten vergehen, bis der Junge von vorhin - der letzte Patient des Tages - abgearbeitet ist und der Arzt Zeit für sie findet. Ein großer, sportlicher, sonnengebräunter Mann mittleren Alters, dem man sofort glauben würde, dass er in der Frei-zeit mit einigem Erfolg auf dem Surfboard Wellen reitet.

Er wurde anscheinend schon von der Helferin informiert, denn er spricht sie sofort auf Englisch an: "Good day! My name is Moretti. How can I help you?"

Die Eltern überlassen Tanja freiwillig das Feld: "Yesterday I lost a bracket", wiederholt sie, "and my pare... we hope that you can help us and... ähm..."

Bäm, jetzt ist sie selbst in die Falle getappt und sucht nach Worten: Wie sagt man auf English: "das Bracket ersetzen?" Ihr will das blöde Wort nicht einfallen... peinlich...

Doch auch so scheint der Arzt glücklicherweise zu verstehen, was von ihm gewünscht wird. Er macht jedoch ein nachdenkliches Gesicht... "I think, I understand... but why are you here?"

"Ähmm...?" Die Angesprochene sieht ihn erstaunt an. Sie weiß nicht wirklich, was sie darauf erwidern soll, schließlich ist doch offensichtlich, WARUM sie hier sind...

Dr. Moretti sieht sich zu einer Erklärung genötigt: "What I mean is: I'm not sure if I can help you... You should go and see your own... ahh... denti... ahh... orthodontist!"

Es ist seltsam beruhigend, festzustellen, dass ihre Familie nicht die Einzige ist, der die Kommunikation in Englisch nicht leicht über die Lippen geht. Auch Dr. Moretti muss nach Worten suchen.

Dass das englische Wort für Kieferorthopäde "orthodontist" lautet, weiß Tanja nur deswegen, weil sie auf der Fahrt hierher auf ihrem Handy ein paar Worte nachgeschaut hatte, um sich für das Gespräch zu wappnen. Im normalen Schulenglisch kommen solche Worte nämlich nicht vor. Und sie wollte verstehen, was ihre Eltern mit dem Arzt besprechen. Sie hatte nie gedacht, dass sie das Gespräch am Schluss selbst FÜHREN muss... Umso froher ist sie, dass sie sich ein paar seltenere Worte zurecht-gelegt hatte.

"He is in Germany, over one thousand kilometers away..." schüttelt Tanja ihren Kopf. Auch wenn sie am liebsten sagen würde: "Da bin ich voll und ganz Ihrer Meinung, aber meine Eltern stellen sich zu blöd an..."

"Ah... I see, that is a problem...", lächelt der Arzt dünn. "That is a bit far..." und setzt dann hinzu: "Still, why do you come to me? Why do you not wait? Is it really that urgent?"

Tanja hat etwas Schwierigkeiten, die Frage zu verstehen, das Wort "urgent" ist ihr nicht geläufig. Bis sie sich einen Reim darauf gemacht hat, was der Arzt von ihr will, hat schon ihre Mutter eine Antwort begonnen: "We... ähm... talked to our doctor and he said... ähm... that it is important, yes..."

Vielleicht ist es gut, dass Tanja mit der Antwort gezögert hatte. Auch so wirft sie ihrer Mutter schon einen genervten Blick zu und ist versucht, zu sagen: "Nein, DAS hat Dr. Mahlmann nicht gesagt...", aber sie besinnt sich eines Besseren. Auch wenn die Italiener sie garantiert nicht verstehen würden, muss sie hier und jetzt keinen Streit vom Zaun brechen...

"OK, I can understand that.", nickt Dr. Moretti leicht. "Still, there is another problem:"

"Every orthodontist has his... ahh... own system of braces, you see. These brackets have a different form..." erklärt Dr. Moretti, unsicher, an wen aus der Familie er sich wenden soll, "and I'm not sure, if the system your doctor uses, is... ahh... can be used with mine, you understand?"

Tanja nickt. Ja, das versteht sie wieder. Ist das doch das absolut gleiche Argument, das ihr eigener Kieferorthopäde heute Morgen im Gespräch mit ihrer Mutter vorgebracht hatte:

"Sehen Sie, Frau Maier", hatte er erklärt, "es gibt da mehrere Systeme von festen Spangen auf dem Markt und die sind untereinander nicht kompatibel. Man kann nicht einfach ein Teil aus dem einen Baukasten nehmen und mit Teilen aus einem anderen Baukasten zu einer festen Zahnspange kombinieren... so einfach geht das leider nicht!"

Und niemand könne garantieren, dass ein zufällig ausgewählter Arzt denselben Baukasten verwende... Dr. Mahlmann hatte zwar gemeint, dass er ein weit verbreitetes System einsetze, aber dennoch sei das kein Garant dafür, dass sich so einfach Hilfe finden lasse...

Sie dreht sich zu ihren Eltern um, mit einer Miene, die ganz offensichtlich besagt: "Das hab' ich Euch doch schon mehrfach gesagt, aber Ihr habt nicht auf mich hören wollen..."

Ihre Eltern hatten dennoch, wider besseres Wissen, entschieden, einfach auf gut Glück einen Kieferorthopäden hier vor Ort aufzusuchen. Jetzt sollen die sich um die Situation kümmern, ist schließlich DEREN Problem!

"You are sure, that it will not work?", versucht sich die Mutter pflichtgemäß, "Our... ähm... doctor said, that... that it is very important, that her braces are... ähm... repaired"

Tanja verdreht ihre Augen. "MAMA, das ist peinlich..." denkt sie sich.



Außerdem ist das nicht ganz wahr; oder zumindest übertrieben. Ja, OK, zugegeben: Dr. Mahlmann HATTE am Telefon gesagt, dass das Bracket tatsächlich zu einer dummen Zeit abgegangen sei. Gerade in dieser Phase der Behandlung würden sich die Zähne recht viel bewegen und daher sei es wichtig, dass alle Zähne diese Bewegung möglichst gleichmäßig mitmachen würden. Sonst würden sich dadurch unnötig Lücken auftun...

Auf der anderen Seite hatte er aber auch gesagt, dass es nicht nötig wäre, sich den Stress zu machen und zu einem anderen Kieferorthopäden zu gehen. Vor allem wenn sich nicht abschätzen ließe, ob dieser Kollege auch wirklich etwas ausrichten könne... Unterschiedliche Baukastensysteme und so...

Es müsse notgedrungen reichen, wenn Tanja bei ihm vorbeikäme, sobald sie aus dem Urlaub zurück sei. Das sei zwar alles andere als ideal, aber der "Schaden" sei auch nicht so groß, dass es den Behandlungsplan nennenswert durcheinanderbringen würde... und ein abgefallenes Bracket sei schon gleich gar nichts, was man später nicht mehr reparieren könne...

Also ganz genau das, was Tanja von Anfang an prophezeit hatte: Die einzige logische und sinnvolle Antwort, die der Arzt geben konnte.

Doch ihre Eltern - und das ist typisch, absolut typisch - hatten nur das gehört, was sie hören wollten. Und den Rest hatten sie verworfen. So wie sie es immer machen. Doch damit nicht genug: Die Erwachsenen ignorieren nicht nur eine Hälfte, sondern verstehen die andere Hälfte auch noch falsch!

Dass sie hier selbst übertreibt und ein wenig ungerecht ist, will Tanja nicht zugeben. Denn ganz offensichtlich HABEN ihre Eltern irgendwas falsch aufgefasst:

So wie sie sich verhalten, haben sie - aus welchem Grund auch immer - das Telefon-Gespräch so interpretiert, dass es STARKE negative Konsequenzen haben würde, wenn das Bracket nicht SCHNELLSTENS wieder angebracht werde. Auch wenn Dr. Mahlmann das definitiv so NIE gesagt hatte.

Deswegen hatten sie sich ihre Tochter geschnappt und waren zum erstbesten Kieferorthopäden gefahren, den sie über Google Maps haben finden konnten. Und das ohne Voranmeldung. Ohne zu klären, ob der Arzt überhaupt helfen kann. Am späten Nachmittag, nur Minuten bevor sie hier Feierabend machen... Bravo. Echt klasse... Das ist so typisch! Erst mal schnell-schnell überstürzt IRGENDWAS machen und dann später nachdenken...



"...smile for me?", beinahe überhört Tanja die Aufforderung des Arztes, so versunken war sie in Gedanken. Doch dann gehorcht sie. Ihre Lippen teilen sich und sie setzt ein gezwungenes, extrabreites Lächeln auf.

Die Wangen werden noch ein wenig roter als sie sowieso schon sind. Man, das ist SOO peinlich! Sie steht hier mitten im Warte-zimmer und fletscht die Zähne. Und außen herum stehen vier Erwachsene und schauen sie an... Glücklicherweise sind keine anderen Patienten mehr da...

Dr. Moretti wiegt den Kopf. "Well, it looks like my system... it could work... let's have a better look" Dann dreht er sich um und winkt der Familie, ihm zu folgen. Der Weg führt sie in einen kleinen Raum, in dem ein einzelner Behandlungsstuhl steht. Es ist heiß und stickig. Die Sonne knallt auch hier durch das Fenster herein.

"Please sit down", wendet er sich an Tanja. Mit wenig Enthusiasmus gehorcht sie. Als ihre Haut den Kunstleder-Stuhl berührt, hat sie beinahe das Gefühl, mit dem Kunststoff zu verschweißen. Das Metall der Armlehne ist so heiß, dass sie ihren Arm dort nicht ablegen kann.

Dann wendet er sich an seine Helferin. In Italienisch, das die Familienmitglieder natürlich nicht verstehen. Die junge Frau verschwindet und kommt kurz darauf mit mehreren Kästen zurück, aus denen der Arzt ein Bracket heraussucht.

"Smile again", trägt er seiner Patientin wieder auf. Kurz darauf nickt er, erstaunt und befriedigt. "Well, you're in luck", ist seine Antwort. Sein System sei - wie es aussieht - mit dem anderen kompatibel, er könne also das abgegangene Bracket ersetzen.

Aus den Augenwinkeln sieht sie, dass ihre Eltern erleichtert zu sein scheinen. "Yes? Wonderful, please do it!", hört sie ihre Mutter wieder.

Und wie denkt Tanja selbst darüber? "Ja, ja, wunderbar und alles... so ein Käse! Aber Mama und Papa werden natürlich keine Ruhe geben, also: Je schneller wir es hinter uns bringen, desto besser!", trifft es recht genau.

Allerdings gebe es da vorher noch eine Sache zu klären, wendet sich der Kieferorthopäde mit ernster Miene den Eltern zu. Tanja versteht nicht viel von dem, was Dr. Moretti als nächstes sagt. Zu viele Begriffe, die sie nicht kennt. Sie hat nur das Gefühl, dass es etwas mit Geld zu tun haben muss...

Doch ihre Eltern scheinen dieses Mal besser zu verstehen, worum es geht. Vielleicht, weil sie das Argument erwartet hatten?

"Yes, that is OK", antwortet schließlich der Vater. Er scheint das verdutzte Gesicht ihrer Tochter gesehen zu haben: "Das müssen wir selbst bezahlen, die Krankenkasse wird die Kosten nicht übernehmen".

Tanja zuckt mit den Schultern: "Da hab' ich wenig Mitleid mit Euch, schließlich habt Ihr mich hierher geschleppt. Ist Euer Problem!"

"Wir warten draußen, wenn es Dich nicht stört!", der Vater klingt auf einmal ein wenig genervt. "Das Zimmer ist ein bisschen eng für fünf Personen..."

Diese Geschichte wurde "vor Corona" geschrieben ;-)


"Ist gut", ist Tanjas knappe Antwort. Doch insgeheim denkt sie sich: "Meine Güte, Papa! Macht, dass Ihr verschwindet... Es ist so schon peinlich genug, da braucht Ihr nicht auch noch hier rumzustehen... Ich bin kein kleines Kind mehr, das schaff' ich auch ohne Euren 'Beistand'!"

Der Stuhl setzt sich in Bewegung und bringt sie in eine liegende Position.

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Re: story - When in Rome...
« Reply #4 on: 29. March 2021, 16:21:54 PM »
Teil 2

Kapitel 04/15 - Die Reparatur

Es vergehen nur wenige Minuten, dann betritt das Mädchen wieder das Wartezimmer. "Können wir gehen? Wo is'n Papa?"

"Ist schon zum Auto. Hier war es ihm zu warm. Hat alles geklappt?"

Tanja nickt knapp. Sie hat knallrote Backen und drängt bereits Richtung Praxistüre.

"Ist was, Schatz?", die Mutter steuert stattdessen die Anmeldung an, ihre Tochter folgt notgedrungen.

"Nein, alles in Ordnung."

"Hat was nicht funktioniert?"

"Doch, schon. Warum?"

"Ach, nur so...", doch dann setzt die Mutter noch eine Erklärung hinzu: "Du siehst irgendwie... nachdenklich aus, so als ob es irgendwelche Probleme gegeben hat..."

"Ne, passt schon...", schüttelt die Tochter den Kopf. Und weil ihre Mutter sonst keine Ruhe geben würde, fletscht sie - hoffentlich zum letzten Mal - für einen kurzen Moment die Zähne: Tatsächlich, das fehlende Bracket ist ersetzt, die Zahnspange sieht wieder so aus, wie sie soll.

An der Anmeldung wechseln deshalb einige Scheine den Besitzer. Tanja ist sich sicher, dass dieses Geld nicht den offiziellen Weg nimmt, sondern ganz schnell in den privaten Geldbeutel des Arztes wandert. Sie kann nur hoffen, dass die Helferin - die eigentlich ganz nett war - einen Teil davon abbekommt. Aber das kann ihr ja egal sein: Das müssen die Italiener unter sich ausmachen.

Ihre Spange ist repariert und das ist die Hauptsache. Jetzt geben auch ihre Eltern hoffentlich wieder Ruhe. Sie muss nur aufpassen, sich nicht nochmal ein Bracket abzubeißen, sonst geht der ganze Zirkus von vorne los...

Mit einem Händedruck werden die beiden verabschiedet. Die Mutter sieht, dass ihre Tochter dabei den Blick des Arztes meidet.

"Also irgendwas HAST Du, Schatz! Das seh' ich doch. Was ist los?", wird sie erneut gefragt, als sich die Praxistüre hinter ihnen geschlossen hat.

Tanja schüttelt ihren Kopf: "Ne, passt schon..." Ihre Wangen leuchten immer noch intensiv rot. Um ihrer Begleitung aber keine Möglichkeit zu geben, dieselbe Frage NOCHMAL zu stellen, läuft sie schnellen Schrittes voran.

Der Vater wartet tatsächlich am Auto. Oder genauer gesagt: Ein paar Meter daneben, im Schatten, an einen Baum gelehnt. "Und? Alles wieder heil?"

"Sehr witzig, Papa, haha..."

Er sieht sie erstaunt an "Was ist Dir für 'ne Laus über die Leber gelaufen?"

Statt einer Antwort steigt sie in das kochend heiße Auto.

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Re: story - When in Rome...
« Reply #5 on: 29. March 2021, 16:22:14 PM »
Kapitel 05/15 - Das Gespräch

Kommentar: Dieses Kapitel ist der Hauptteil der ursprünglichen Idee; das heißt die Geschichte sollte anfangs kaum mehr als dieses eine Kapitel werden. Somit wurde alles, was Ihr bisher gelesen habt und alles, was nach diesem Kapitel noch existiert, nach und nach ergänzt!

Oder mit anderen Worten: Wenn Ihr nach diesem Kapitel aufhören würdet, meine Geschichte zu lesen, hättet Ihr immerhin den "wichtigsten Kern" gelesen. Auch wenn ich natürlich hoffe, dass Ihr bis zum Ende durchhaltet ;-)


Eine Minute vergeht, dann noch eine und noch eine. Langsam manövriert der Vater das Auto aus der Parklücke und durch ein Gewirr schmaler Gässchen zurück auf die Hauptstraße und in den dichten Stadtverkehr.

Die Klimaanlage pustet und prustet auf höchster Stufe in der vagen Hoffnung, die Temperatur im Auto von "Kernschmelze" auf etwas Erträglicheres zu senken.

Sie warten gerade an einer roten Ampel, als Tanja unvermittelt fragt: "Hab'... hab' ich ECHT so schiefe Zähne? Ich mein... ich hab' gewusst, dass sie nicht perfekt gerade sind... aber... sind sie wirklich SOOOOO schief?" Jeder Satzteil ist ein wenig lei-ser als der Vorherige. Am Schluss ist Tanja kaum mehr über das Fauchen der Lüftungsdüsen zu hören.

"Wie kommst Du jetzt gerade darauf?", will die Mutter wissen.

"Ach, nur so...", wiegelt die Tochter ab. Ihre Hände spielen mit dem Sicherheitsgurt, der Blick geht aus dem Seitenfenster.

"Erzähl mal"

"Ne, is' schon gut...", lehnt Tanja ab. Sie bereut bereits, das Thema überhaupt angeschnitten zu haben.

"So geht das mal nicht, junge Frau! Jetzt mal raus mit der Sprache...", fordert ihr Vater lächelnd. "Hat Dr. Moretti was ge-sagt?"

Sie schüttelt den Kopf. Dann, nach einer kurzen Pause, nickt sie.

"Und was? Komm jetzt, lass Dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen..."

Tanja zuckt einfach mit den Schultern, ohne eine Antwort zu geben.

Wieder vergeht eine Minute, dann eine zweite. Draußen ziehen die Häuser langsam vorbei, an einer Kreuzung ertönt ein wildes Hupkonzert, weil irgendwer irgendwie irgendwem im Weg steht. Glücklicherweise ist es nicht ihr Vater.

"Er... er hat mich geschimpft" beginnt sie dann doch zu erzählen, " - naja, nicht wirklich geschimpft, mehr gefragt, warum... - ich mein', er hat gesagt, dass ich..." Sie schüttelt genervt ihren Kopf und beginnt den Satz erneut:

"Er hat gemeint, dass ich..." sie leckt sich die trockenen Lippen: "dass... dass ich mein... mein... Headgear mehr tragen soll..."

"Dein was?"

"Mein HEADGEAR, Papa!", wiederholt sie, die Wangen wieder feuerrot. Der kleine Fehler am Nagellack ihres linken Zeigefingers ist plötzlich hochinteressant geworden und muss ausgiebig inspiziert werden. "Er wollte wissen, warum ich es nicht trage..."

"Aber, Schatz... ich versteh Dich nicht. Du hast doch gar kein Headgear...", schaltet sich die Mutter mit ins Gespräch ein.

"DAS WEISS ICH AUCH!" Der Satz rutscht ihr deutlich lauter als beabsichtigt raus. "Verdammt, Mama, das weiß ich doch auch", leiser.

"Jetzt erklär uns mal ein bisschen ausführlicher, was passiert ist. So wirklich verstehe ich es nämlich immer noch nicht. Du hast doch kein 'Headgear'..." Nach einem kurzen Moment setzt die Mutter hinzu: "Das ist doch so ein 'Außenbogen' oder?"

"Ja genau, so ein Ding", nickt Tanja kläglich. Sie sitzt so zusammengesunken in ihrem Sitz, dass man meinen könnte, sie sei von der Hitze geschmolzen. "Du hast recht, Mama, ich hab' so ein Ding nicht. Aber..." wieder leckt sie sich die Lippen... "aber Dr. Moretti hatte gemeint, dass ich so ein Ding brauchen würde..." Sie schaut erbärmlich drein. "Das ist zum Kotzen..."

"Mach doch mal halblang", meldet sich der Vater zu Wort. "Wie kommt er denn überhaupt zu dieser Erkenntnis?"

"Boah, woher soll ICH das wissen?", begehrt Tanja auf, "vielleicht weil er KIEFERORTHOPÄDE ist und sich damit auskennt?"

Der Blick geht wieder aus dem Fenster, doch die Blechlawine, in der sie mitschwimmen, nimmt sie kaum wahr. Schließlich seufzt sie laut und meint - an niemand spezielles gerichtet - mit einem resignierten und niedergeschlagenen Grinsen: "Ich will aber so ein Teil nicht... das kann mir gestohlen bleiben... die normalen Spangen reichen mir schon..."

"Ehrlich, Schatz, ich weiß jetzt nicht wirklich, warum Du Dich da so reinsteigerst...", erwidert die Mutter, "was Dr. Moretti sagt, ist für Dich doch jetzt nicht SO wichtig, schließlich ist er ja nicht Dein Kieferorthopäde... Ich meine, man sollte zwar nicht ignorieren, was er gesagt hat, aber Du..."

Der Vater unterbricht seine Frau: "Dr. Mahlmann ist doch auch Kieferorthopäde und 'kennt sich damit aus'. Und der hat nichts davon gesagt, dass Du so ein Teil tragen müsstest, oder nicht?"

Sie sieht ihre Eltern an. Erstaunt und ein wenig dankbar. An diese einfache Tatsache hatte sie bisher gar nicht gedacht. "Nein, da hast Du recht, das hat er nicht gesagt..." Ein leichtes, erleichtertes Grinsen umspielt ihre Lippen. "Davon hat er WIRKLICH nicht gesagt..."

"Siehst Du!"



Tanja starrt stumm und nachdenklich aus dem Autofenster. Von "Panik" zu reden, wäre übertrieben. Doch die Äußerungen von Dr. Moretti waren so plötzlich, so überfallsmäßig gekommen - und sie hatte sich dummerweise so stark davon beeindrucken lassen - dass sie für kurze Zeit lang nicht wirklich hatte klar denken können.

Es kostet etwas Zeit, bis sie ihre Gedanken wieder geordnet hat. So weit man halt von "Ordnung" reden kann, wenn die Gedanken um ein unliebsames Thema kreisen, das man am liebsten ignoriert WÜRDE, aber nicht ignorieren KANN.

Die Äußerung ihrer Eltern helfen ihr da ungemein: "Ihr habt recht, Ihr habt wirklich recht", erkennt Tanja schließlich: "Ist doch egal, was Dr. Moretti sagt. Schließlich bin ich nicht bei IHM in Behandlung... Nur weil ER was von... von 'dem Teil' SAGT, heißt das doch noch lange nicht, dass ich so ein Ding TRAGEN muss..."

Voller Missmut schüttelt sie ihren Kopf. Sie ärgert sich über sich selbst, dass sie so überreagiert hat. Der Vater deutet ihren Gesichtsausdruck richtig:

"Ist die Hitze", beruhigt er, "die setzt uns allen ein wenig zu..." Tanja nickt erleichtert: Die Hitze für ihren Meltdown verant-wortlich zu machen, ist ein einfacher Ausweg.  Dafür ist sie ihrem Vater dankbar.

Ob sie das auch wäre, wenn sie wüsste, was ihr Vater wirklich denkt, ist ungewiss: Er beobachtet seine Tochter über den Rückspiegel: "Hat wohl eher damit zu tun, dass Du bei allem, was Spangen angeht, ein bisschen arg empfindlich bist", doch das sagt er natürlich nicht laut.



Die Straßen werden nach und nach breiter, die Häuser und Autos weniger. Dafür mehr Bäume und vertrocknetes Gras. Das Navi führt sie aus dem Stadtzentrum durch die Vororte zurück zum Campingplatz, ein paar Kilometer außerhalb der Haupt-stadt.

"Eigentlich wäre ich schneller fertig gewesen", nimmt sie schließlich langsam die Erzählung wieder auf.

"Na, SO lange hat es ja gar nicht gedauert", wendet ihr Vater ein.

Jetzt, da der Schrecken sich gelegt hat, hat sie kein wirkliches Problem mehr, ihre "Geschichte" zu erzählen. Es ist zwar wei-terhin peinlich, aber irgendetwas drängt sie beinahe dazu, ihren Eltern zu erzählen, was in der Zeit passiert war, in der sie auf dem Behandlungsstuhl lag.

Vielleicht ist es die Hoffnung, dass sie dann mit dem Thema abschließen und sich schöneren Dingen zuwenden kann?

"Du hast recht, Papa: Dr. Moretti war wirklich verdammt schnell damit, das Bracket zu ersetzen." Sie lächelt. "Naja, die woll-ten vermutlich einfach Feierabend machen..."

Dann seufzt sie. "Wie gesagt, sie waren schnell fertig. Aber, gerade als ich aufstehen wollte, hat er mich zurückgehalten." Ihre Miene verfinstert sich wieder, als sie sich an die Ereignisse von vor einigen Minuten zurück erinnert:

"I am not your doctor, but... there is one other thing I want to say..." Es gebe da noch ein anderes Thema:

"'You really should wear your headgear, you know!' hatte er mir dann gesagt. Ich hab' am Anfang gar nicht gewusst, was er von mir will..." Tanja lacht ein kurzes, hartes Lachen. "Ich muss ziemlich dumm aus der Wäsche gekuckt haben..."

"Your headgear, you understand?" hatte er dann gefragt. Und dann zu allem Überfluss mit den Fingern den Außenbogen an ihren Wangen "nachgemalt" für den Fall, dass sie doch nicht versteht, was er von ihr will. Während Tanja ihren Eltern erzählt, was passiert war, folgen ihre Finger unwillkürlich denen des Kieferorthopäden: Von den Mundwinkeln, quer über die Wangen bis knapp unter die Ohren.

Vollkommen perplex hatte sie dann genickt, auch wenn sie NICHT verstanden hatte, was geschah.

Ja, sie weiß, was ein "Headgear" ist; sie weiß, dass das diese schreckliche "Zaumzeug" ist: Vor ein paar Monaten - kurz vor Beginn ihrer Behandlung - hatte sie sich im Internet über Zahnspangen informieren wollen, um zu wissen, was auf sie zu-kommen wird. Das hätte sie besser gelassen, denn er war eine dumme Idee: Sie war dabei nämlich auch über Bilder von Leuten mit solchen dämlichen Behandlungsinstrumenten gestolpert:

Furchtbar auffällig, mit Sicherheit schrecklich unbequem und auf jeden Fall wahnsinnig peinlich!

Und garantiert nichts, was sich irgendwie verstecken ließe... Über den festen Spangen kann man ja wenigstens noch die Lippen schließen, aber bei so einem Teil, das um den GESAMTEN Kopf läuft... KEINE Chance, das irgendwie geheim zu halten...

Sie hatte genickt, eben weil sie wusste, WAS ein "Headgear" ist. Das war aber auch alles. "Ich hab' keine Ahnung gehabt, WARUM er plötzlich davon redet. 'Was will der von mir?', hab' ich gedacht..."

"It is important that you wear it", hatte Dr. Moretti wiederholt. "It can only work, if you WEAR it, you understand?"

"Jetzt erst hat's bei mir geklickt: 'Der denkt wirklich, dass ich so ein Teil hab? Ist der total kirre?', hab' ich gedacht..."

"Ich glaube, ich hab' dann den Kopf geschüttelt", fährt Tanja fort, "so genau weiß ich nicht mehr. Ich hab' ihm gesagt, dass ich kein Headgear hab..."

"Und was hat er dann gesagt?", will der Vater wissen, als seine Tochter eine Pause einlegt.

"Ich glaube, er hat mich anfangs nicht verstanden", erzählt sie, mit den Schultern zuckend. "Vielleicht hab' ich mich auch zu blöd angestellt. Ich hab' ihm nämlich nur gesagt: 'I don't have it' oder so ähnlich..."

"Und dann?", diesmal von der Mutter.

"Dann? Dann hat er gesagt: 'Yes, I can SEE that you do not wear your headgear right now. But that is not good!'"

"Dann hat er gelächelt. So richtig gönnerisch, vollkommen von oben herab!", regt sich das Mädchen auf. "und hat gesagt, dass er ja verstehen könne, dass so ein Teil ein wenig peinlich sei. Und dass er verstehen könne, dass ich es nicht tragen wolle... Jedenfalls glaube ich, dass er das gesagt hat, so gut ist mein Englisch ja nicht..."

"But your teeth won't move, if you do not wear... ahh... ALL of your braces. You really should try and wear your headgear as much as possible! Even if you do not like it..." So oder so ähnlich hatte er dann erneut darauf bestanden, zu wissen, was das Mädchen vor ihm auf dem Behandlungsstuhl tun sollte.

Sie schüttelt ihren Kopf, halb aus Wut, halb aus Resignation.

"Und dann hatte er noch was gesagt von wegen 'Motivation' und 'Hitze', aber da hatte ich schon innerlich abgeschaltet und nicht wirklich verstanden, was er mir verklickern wollte..."

"Ich hab' ihm dann NOCHMAL gesagt, dass ich so ein Teil gar nicht habe. Und ich glaube, DANN hat er es endlich verstanden..."

"Oh... I'm sorry... I thought that you have headgear... You see, to me your teeth look like you... ahh... need headgear, you understand... and so I thought that... ahh... again, I'm sorry!"

"Und was ist dann passiert?"

"Nix", lacht Tanja trocken, "wir alle haben dumm drein geschaut. Ich glaube, es war ihm peinlich, aber - ehrlich gesagt - mir ist's egal. Mir war's nämlich noch viel peinlicher... Ich hab' dann gemacht, dass ich davon komm'... und den Rest kennt ihr..."



Tanja hatte sich bei ihrer Internetrecherche vor einem Vierteljahr nicht vorstellen können, dass eine Behandlung etwas Schlimmeres bereithalten könnte als so eine Außenspange. Die gleiche Meinung vertritt sie auch immer noch. Mehr denn je.

Warum?

"Echt jetzt?" Tanja weiß nicht, ob sie jemals eine so dumme Frage gehört hatte: Ein Blick reicht doch schon! Wenn man sieht, wie jemand ausschaut, der so ein Folterwerkzeug tragen muss... Dann erübrigen sich alle Fragen nach dem "Warum":

ES IST Sch***sE OBERPEINLICH!!!

Und jetzt hatte Dr. Moretti gesagt, dass sie so ein Teil tragen müsste... oder zumindest hatte er angedeutet, dass er ihr wahrscheinlich so ein Gerät verpasst hätte, wenn sie bei ihm in Behandlung gewesen wäre... Schrecklich! Absolut schreck-lich!

Allein der Gedanke daran erzeugt bei ihr eine massive Gänsehaut.

Das erklärt wohl auch ganz gut, warum sie vorhin so durch den Wind war: So plötzlich, "brutal und erbarmungslos" zu erfahren, dass sie vielleicht so ein Folterwerkzeug hätte tragen müssen ist schon hart. Ganz besonders, weil der gesamte The-menkomplex "Zahnspangen" für Tanja ja unangenehm ist, wie sie selbst zugeben muss...

Glücklicherweise hat sich für das Thema dann doch eine harmlose Lösung gefunden! Tanja beginnt, sich zu entspannen.



"Wir können ja mal Dr. Mahlmann fragen, was er dazu sagt, wenn wir wieder zuhause sind", schlägt die Mutter naiv vor.

"Bist Du blöd? Bloß nicht!", vor Schreck richtet sich Tanja hoch im Autositz auf, die Augen geweitet. "Das fehlt mir noch! Am Schluss kommt er noch auf den Gedanken, dass so ein Zaumzeug wirklich eine gute Idee wäre... Lass das bloß bleiben"

Für den Rest der Fahrt starrt sie nachdenklich aus dem Fenster. Dass die Klimaanlage inzwischen einen Teilerfolg errungen hat und Tanja zumindest nicht mehr das Gefühl hat, bei lebendigem Leib gegart zu werden, ist da nur ein kleiner Trost.

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Re: story - When in Rome...
« Reply #6 on: 29. March 2021, 16:22:43 PM »
Freitag Mittag

Kapitel 06/15 - Die Abkühlung

Kommentar: Ich mache mir die Sache absichtlich leicht, indem ich alle Fehlstellungen unter dem Begriff "schiefe Zähne" subsummiere. Ja, ein offener Biss oder ein massiver Überbiss ist theoretisch eine ganz andere Sache als nur "schiefe Zähne", aber für einen medizinischen Laien (wie Tanja) ist der Unterschied von untergeordnetem Interesse: Für beide Arten von Fehlstellungen werden Zahnspangen gebraucht, das ist alles, was für das Mädchen wichtig ist...

Tanja kommt vom Strand zurück. Die letzten Tage waren extrem heiß, selbst für italienische Sommer-Verhältnisse. Doch das hat nicht nur Nachteile. Denn das Meer hat gerade die richtige Temperatur, dort praktisch den ganzen Tag lang baden zu können. Nicht mehr Eiswürfel-kalt und noch nicht Dampfkessel-heiß. Gerade richtig eben.

Der Strand ist gerade mal hundertfünfzig Meter von ihrem Ferienhaus entfernt. Und da er zu ihrem Campingplatz gehört, ist dieser Abschnitt zwar voll, aber nicht total überlaufen... Besser kann es eigentlich nicht kommen.

Ihre Laune hat sich während des letzten Tages auch wieder deutlich aufgehellt. Denn sie hatte sich das zu Herzen genommen, was ihr Vater gestern auf der Rückfahrt gesagt hatte: Dr. Mahlmann hatte nie Anzeichen gemacht, dass sie eine Außenspange tragen müsste. Und DAS ist eine gewaltige Erleichterung!

Ja, OK, vielleicht - naja... vermutlich, seufzt sie - sind ihre Zähne schiefer als sie bisher wahrhaben wollte. Sonst hätte der italienische Kieferorthopäde doch wohl so ein "Zaumzeug" nie erwähnt... Von nichts kommt schließlich nichts...

Aber wenn der italienische Arzt ihre Zahnstellung so einschätzt, dann sicher auch sein deutscher Gegenpart. Und wenn Dr. Mahlmann trotzdem der Meinung ist, die Fehlstellung auch ohne nervigen Metallbogen hinzubekommen, dann wird SIE garantiert nicht so dumm sein, das in Zweifel zu ziehen. Und das muss SIE ja auch nicht. Schließlich hat ER ja seinen Job jahrelang studiert. Er wird schon wissen, was er tut.

Vielleicht löst der Italiener dasselbe Problem mit Außenspange, sein deutscher Kollege hat aber eine andere Strategie. Tanja ist fair genug, nicht zu sagen, dass Dr. Morettis Behandlung kategorisch "falsch" wäre.



Sie kann und will ja auch gar nicht bestreiten, dass bei besonders starken Fehlstellungen eben auch mal schwerere Geschütze aufgefahren werden müssen. Dieses Konzept hatte sie an anderer Stelle schon kennengelernt - und verinnerlicht:

Melissa, eine gute Freundin - sie kennen sich bereits seit dem Kindergarten - hatte vor ein paar Jahren mit Skoliose zu kämpfen und hatte deswegen eine Zeit lang so ein Korsett tragen müssen gegen ihren krummen Rücken. Oder um zu verhindern, dass ihr Rücken krumm wird. Oder noch krummer. So oder so ähnlich zumindest.

Wenn sie sich richtig an das zurück erinnert, was Melissa ihr erzählt hatte, dann hatte ihre Freundin damals drei Möglichkeiten gehabt: Sie trägt dieses schreckliche Außen-Skelett und hofft auf das Beste. Oder sie trägt es nicht - und muss sich dann aber hundertprozentig auf eine große Operation einstellen. Oder sie wählt keine der beiden Möglichkeiten und muss mit dauerhaften Rückenschmerzen leben...

Selbst wenn Tanja davon nicht betroffen war, war allein der Gedanke an eine aufwändige Operation mit mehreren Wochen Krankenhaus schon furchteinflößend. Ganz zu schweigen davon, was bei so einer Operation alles hätte schief gehen können... Chronische Rückenschmerzen klingen aber auch nicht verlockend; sie kann also sehr gut verstehen, dass sich Melissa dafür entschieden hatte, ihr Glück mit dem Korsett zu versuchen.

Doch als sie das Teil gesehen hatte, hatte sie sich plötzlich nicht mehr vorstellen können, dass Melissa das Teil freiwillig anziehen würde. Das... Ding war schrecklich. In ihrer Erinnerung  war schon der bloße Gedanken daran, das Teil anlegen zu müssen, unngenehm gewesen. Wenn sie an Melissa Stelle gewesen wäre, Tanja hätte nicht gewusst, was sie machen soll: Sie hätte nicht mit dem Korsett gesehen werden wollen; doch vor einer Operation oder dauernd schmerzendem Rücken hätte sie zu viel Angst gehabt...

Für ihre Freundin war jedoch die Sache klar: Sie hatte das Korsett getragen und sich durch diese Zeit durchgekämpft! Und anscheinend HATTE diese "Zwangsjacke" ganze Arbeit geleistet!

Ja, OK, vielleicht steht Melissa immer noch nicht hundertprozentig kerzengerade da, aber wenn sie eine schwere Operation verhindern konnte, seitdem deutlich weniger Probleme mit ihrem Kreuz hat und obendrein mit dem erreichten Ergebnis zufrieden ist, dann KANN Tanja den Nutzen eines solchen Korsetts doch nicht in Zweifel ziehen, oder?

Und DESWEGEN akzeptiert sie, dass es manchmal einfach keinen anderen Weg als diese grässlichen und komplexen Behandlungsgeräte gibt.



Oder in ihrem Fall: Wenn ihre Zähne wie Kraut und Rüben stehen, kann sich Tanja vorstellen, dass die "normalen" Zahnspangen irgendwann an ihre Grenzen stoßen und dass es eben eine stärkere Kraft - wie Headgear - braucht, um Ordnung ins Chaos zu bringen.

Soweit so gut. Beziehungsweise: Soweit, so verständlich... denn "gut" will sie das nicht nennen!

ABER... das große Aber: Auch wenn Tanja die Notwendigkeit solcher schrecklichen Behandlungsstrategien einsieht, will sie dennoch nichts damit zu tun haben. Sie will nicht zu den bemitleidenswerten Geschöpfen gehören, bei denen es keine Alternative zur Außenspange gibt. Es wäre ein schreckliches Los, zu wissen, dass irgendwann in der Behandlung so ein Folterwerkzeug auf sie warten würde.

Doch dem ist sie ja glücklicherweise entgangen und...

"Au, verdammt", Tanja bleibt stehen und reibt sich die Fußsohle. Mensch, warum müssen die verdammten Muscheln so spitz sein? Das hat weh getan! Ach, sie hätte einfach ihre Badeschlappen anziehen sollen, anstatt sie in der Hand zu tragen, ärgert sie sich. Dann wäre das nicht passiert... selbst schuld...

Zurück zum Thema: Dr. Morettis Behandlungsplan wäre schrecklich und absolut grauenhaft gewesen. Das auf jeden Fall. Aber vermutlich nicht "falsch". Seine Behandlung wäre einfach ANDERS als die von Dr. Mahlmann. Aber das ist ja nicht tragisch, denn...

Viele Wege führen nach Rom...

Ba-dum tttssss... Tanja muss über ihren eigenen Witz grinsen, so schlecht er auch ist.

Oder in ihrem Fall: Viele Behandlungsstrategien führen zu geraden Zähnen.

Wie auch immer: Eben WEIL sie zulässt, dass eine Außenspange ein valider Weg ist, starke Fehlstellungen zu behandeln, ist sie froh, NICHT bei Dr. Moretti in Behandlung zu sein.

OK, zugegeben, für diese kleine Reparatur gestern, ist sie ihm dann doch dankbar. Er hat gute Arbet gemacht, jetzt ist nämlich alles wieder heile, ihre Eltern haben keinen Grund mehr zur Klage.

Und sie selbst? Naja, eine gewisse Erleichterung ist es schon, wenn sie weiß, dass alles wieder so ist, wie es sein soll. Schließlich HATTE Dr. Mahlmann gesagt, dass das Bracket zu einer ungünstigen Zeit abgegangen war. Dass alles repariert ist und der eine Zahn also nicht mehr aus der Reihe tanzen kann, wirkt da schon beruhigend...

Wenn sie schon 'ne feste Spange tragen muss, dann soll doch bitte auch alles richtig funktionieren... sonst hätte sie immer noch Spangen, aber Spange ohne Funktion! Und das wäre doch dämlich, nicht wahr?

Wo war sie? Ach ja... Auch wenn sie ihm dankbar für gestern ist, ist sie froh, nicht reguläre Patientin bei Dr. Moretti zu sein. Er ist zwar anscheinend freundlich und hilfsbereit. Sonst hätte er ihnen nicht sogar nach Feierabend noch so spontan und unbürokratisch geholfen.

Aber vermutlich ist er auch ziemlich streng. Denn sonst hätte er doch ein "fremdes" Mädchen nie auf deren Tragegewohnheiten angesprochen.

Nur weil er der Meinung war, dass ihre Zahnstellung eine Außenspange notwendig machen würde, hatte er gedacht, dass sie auch wirklich so ein Behandlungsinstrument tragen würde.

Mit anderen Worten: Vermutlich verpasst er jedem seiner Patienten mit einer ähnlichen Fehlstellung eine Außenspange. Er hätte also auch ihr "ohne mit der Wimper zu zucken" so ein Metallgestell umgeschnallt, denkt Tanja schaudernd. Und anscheinend geht er davon aus, dass andere Kieferorthopäden genauso verfahren.

Dass sie bei ihm in der Praxis keine Außenspange getragen hatte, hatte ihm schon gereicht, sie dafür zu tadeln. So als ob es ganz selbstverständlich gewesen wäre, dass sie ein Headgear hätte tragen müssen... Grauenhaft!

Und schon allein die Tatsache, dass er sie darauf angesprochen hat, zeigt doch deutlich, dass es für ihn immens wichtig sein muss, dass seine Patienten ihre Spangen so viel wie möglich tragen. Und wenn er schon "fremde Patienten" anspricht, wird er sicher wie ein Fuchs dahinter her sein, dass seine eigenen Patienten spuren...

"Mit dem ist sicher nicht gut Kirschen essen, wenn ich mein 'Zaumzeug' nicht so viel tragen würde, wie er von mir will...", schaudert sie. Und nichts in der Welt könnte sie dazu bringen, so ein Teil freiwillig anzulegen...

Es würde also regelmäßig zu Spannungen zwischen ihr und dem Kieferorthopäden führen. Und als Folge, da ihre Eltern grundsätzlich auf der Seite des Arztes stehen, würde auch zuhause der Haussegen schief hängen. Kein schöner Gedanke!



Das Beste an der Sache? Das kann ihr am Allerwertesten vorbeigehen, denn sie ist nicht Patientin bei Dr. Moretti. Und bei Dr. Mahlmann muss sie so ein grauenhaftes Gerät EBEN NICHT tragen. Und darüber ist Tanja froh und erleichtert.

Sehr froh. So froh, dass sie so gute Laune hat wie schon lange nicht mehr.

Es war wirklich schön am Strand, doch jetzt ist es erst einmal gut. Lang genug war sie im Wasser, jetzt ist sie ausgepowert. Außerdem, auch wenn sie sich literweise mit Sonnencreme eingeschmiert hat, man muss nicht übertreiben... denn die Sonne knallt inzwischen erbarmungslos vom Himmel.

Ihre Mutter sollte inzwischen auch das Mittagessen gerichtet haben... einfach himmlisch: Leben wie Gott in Frankrei... ähh... Italien!



"Pass aber auf, dass Du Dir nicht wieder ein Bracket abbeißt...", mahnt ihr Vater grinsend.

"Boah, Papa, sagst Du das jetzt jedes Mal, wenn's was zu essen gibt?"

"Zumindest solange wir noch im Urlaub sind", lächelt er schelmisch. "Denn nochmal können wir es uns nicht leisten, zu Dr. Moretti zu gehen. SO VIEL Geld haben wir dann auch nicht dabei..."

"Hab' ich gestern schon gesagt: Ist Eure Schuld, wenn Ihr meint, mich dorthin schleppen zu müssen." Tanja grinst breit. "Dr. Mahlmann hatte ja gemeint, dass es reicht, wenn ich nach dem Urlaub zu ihm gehe..."

Sagt's und beißt ins luftig-weiche Weißbrot, dick belegt mit getrockneten Tomaten. Von den Oliven hält sie lieber Sicherheitsabstand.

"Apropos 'Dr. Mahlmann'...", beginnt die Mutter, doch das Mädchen winkt ab.

"Ne, Mama, ich hab' absolut keine Lust, mich jetzt DAMIT zu beschäftigen. Ich will mir den Appetit nicht verderben lassen..."

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Re: story - When in Rome...
« Reply #7 on: 29. March 2021, 16:24:01 PM »
Freitag Nachmittag

Kapitel 07/15 - Die Reaktion

OK, OK, es sind die Spanier, die "Siesta" machen. Aber die Italiener haben vermutlich etwas ähnliches, ist sich Tanja sicher, als sie träge auf der Couch liegt. Anders ist diese Hitze doch nicht auszuhalten... Dass sie morgen einen Stadtbummel in Rom machen wollen, das können die Eltern bei diesen Temperaturen absolut vergessen... Ein Bummel zum Strand runter ist das Maximum der Gefühle!

"Was hast Du eigentlich vorhin von wegen 'Dr. Mahlmann' gemeint?"

Die Angesprochene legt ihr Buch weg. Plötzlich hat Tanja das Gefühl von drohendem Unheil, denn die Miene ihrer Mutter ist definitiv schuldbewusst... Ihr kommt ein schrecklicher Verdacht:

"Du... du hast ihn doch jetzt nicht WIRKLICH gefragt, was er vom Headgear hält, oder?" Ein Blick ist Antwort genug; Tanjas Augen weiten sich.

"MAMA! Das ist doch blöd! Warum? Das... das ist doch jetzt wirklich sch***e... Ach Mensch." Sie starrt ihre Mutter bitterböse an. "Warum hast Du das gemacht, ich hab' doch gesagt, Du sollst das lassen..."

Doch als die Getadelte zu einer Antwort ansetzt, winkt Tanja ab: "Ich will's gar nicht wissen!" Wütend nimmt sie ihr Handy in die Hand und ignoriert die Versuche ihrer Mutter, das Gespräch fortzusetzen.

Typisch! Einfach nur typisch! Ihre Eltern müssen immer so einen Scheiß machen, immer einen Schritt zu weit gehen... Das ist echt zum Kotzen! Sie hat ihrer Mutter doch explizit verboten, DAS Thema anzusprechen! Aber hat sich die blöde Kuh dran gehalten? Natürlich nicht... Ein paar Sekunden angespannter Stille vergehen.

"Ich habe ihn heute Morgen angerufen, einfach nur, um ihm zu sagen, dass die Reparatur von Deinen Spangen erfolgreich war", meldet sich die Mutter schließlich zu Wort. "Ich finde, das gehört sich."

"Meinetwegen. Du hättest ihn deswegen aber noch lange nicht auf das... das 'Teil' ansprechen müssen...", faucht Tanja.

"Ach Schatz..." Die Mutter spricht in einem halb entschuldigenden und halb rechtfertigenden Tonfall. Sie weiß wohl, dass ihre Tochter das Thema "Zahnspangen" nicht leiden kann und es am liebsten totgeschwiegen hätte. Und dass sie sozusagen gegen den Wunsch ihrer Tochter gehandelt hatte.

Auf der anderen Seite aber kann sie nicht so wirklich verstehen, warum: Tanja hat nun mal schiefe Zähne, da beißt die Maus keinen Faden ab. Deswegen braucht sie Zahnspangen, so einfach ist die Sache! Das hatte ihr Töchterchen doch selbst eingesehen! Tanja ist zwar nicht begeistert von ihren festen Spangen, hat sich doch aber ohne große Probleme damit abgefunden...

Und wenn eine Sache für die Behandlung wichtig sein könnte, sollte man es doch zumindest mal ansprechen, oder etwa nicht? Auch wenn das bedeutet, dass sich die Tochter eventuell mit einem Thema beschäftigen muss, das ein klein wenig unangenehm ist! Schließlich ist es doch nur zu Tanjas Bestem.

Außerdem: Es ist doch noch lange nicht gesagt, dass ihre Tochter am Ende tatsächlich so ein Behandlungsgerät braucht... Sie hatte doch nur mal unverbindlich mit dem Arzt geredet, aber die junge Dame führt sich schon wieder auf wie die Axt im Walde...

Aber was stört sie eigentlich an der Sache? Schließlich... was ist an Zahnspangen schon so schlimm? Praktisch jedes Kind hat heutzutage Spangen... Gut, vielleicht hat nicht gerade JEDES Kind eine Außenspange, trotzdem... das ist doch nichts, über das man sich so aufregen muss, oder? Naja, das werte Töchterchen ist manchmal einfach ein wenig überempfindlich...



Tanja ist mehr als das: Sie ist stinksauer. Mit zusammengebissenen Zähnen sitzt sie auf der Couch und starrt geradeaus. Aber so langsam mischt sich ein neues Gefühl mit ein. Mit der Subtilität und Zurückhaltung eines Dampfhammers: Nervosität und Angst.

Bisher war das Thema einfach nur peinlich. Aber was ist, wenn mehr dahinter steckt?

Was ist, wenn Dr. Mahlmann die Idee mit der Außenspange jetzt "gar nicht mal so abwegig" findet? Wenn er meint "Ach, Frau Maier, das ist eigentlich gar nicht mal so dumm..." Was ist dann?

Dann hat sie verschissen... und zwar KOMPLETT! Denn ihre Eltern werden sich ohne Zweifel auf die Seite des Arztes stellen und verlangen, dass sie das Folterinstrument tragen soll...

Und das nur dank dieser blöden Idioten da drüben, die nicht EIN EINZIGES MAL eine Sache auf sich beruhen lassen können. Immer müssen die übertreiben. IMMER! Typisch! Ganz großes Kino! Verdammte sch***e!

Tanja weigert sich, ihre Eltern überhaupt wahrzunehmen. Krampfhaft starrt sie auf das Display ihres Smartphones. Doch das hält nicht lange an. Denn sie kann sich absolut nicht auf das Spiel konzentrieren, macht viele Leichtsinnsfehler und verliert ein Leben nach dem anderen. Mit jeder verstreichenden Sekunde wird sie nur nervöser:

Sie will wissen, was der Kieferorthopäde gesagt hat. Nein, das ist falsch: Sie WILL es garantiert nicht wissen. Aber sie MUSS es wissen. Sie muss wissen, was auf sie zukommen wird. Sie muss wissen, ob ihr Leben schon ruiniert ist oder ob sie sich da noch rauswinden kann.

Aus den Augenwinkeln schaut sie deshalb immer wieder zu ihrer Mutter hinüber, die jedoch ihr Buch wieder aufgenommen hat und keine Anstalten macht, weiter zu reden. Schließlich hält sie es nicht mehr aus.

Sie hat beinahe Angst vor der Antwort, aber die Frage drängt sich aus ihr heraus. Ihr Versuch, möglichst beiläufig zu klingen, scheitert katastrophal. "Und... was hat er gesagt?"

Der Gesichtsausdruck der Angesprochenen verheißt nichts Gutes. Denn ein "Dr. Mahlmann findet die Idee aberwitzig" ist darin nicht zu lesen. Im Gegenteil:

"Er war nicht erstaunt darüber", erklärt die Mutter vorsichtig und Tanja rutscht das Herz in die Hose. Das klingt gar nicht gut...

"Was... was meinst Du?"

"Naja, er war zwar erstaunt, dass Dr. Moretti Dir so direkt gesagt hatte, dass Du Deine Außenspange mehr tragen sollst..., schließlich bist Du ja nicht SEINE Patientin..."

"Aber... ", Tanja leckt sich die trockenen Lippen, "aber er war nicht erstaunt über die Idee mit dem... dem Ding an sich?"

"Nein, nicht wirklich", muss die Mutter zugeben: "Er hat gemeint, dass er auch schon darüber nachgedacht hatte, ob er das Thema ansprechen soll."

"Neee, oder?" Grauenhaft! Tanja schaut ihre Eltern mit großen Augen an. Genau das, GANZ GENAU DAS hatte sie nicht hören wollen.

"Aber Du wärst ein Grenzfall, hat er dann erklärt. Bei Dir wäre so ein... wie hat er es genannt... ähhh... 'extra...orales... Irgendwas'... wie auch immer... Bei Dir wäre so eine Außenspange noch nicht unbedingt nötig. Und weil er weiß, dass so ein Gestell bei seinen Patienten keine Freudentaumel auslöst, hatte er sich dagegen entschieden, das bei Dir vorzuschlagen. Eben weil's bei Dir noch nicht unbedingt nötig ist!"

"'Freudentaumel', so ein gequirlter Mist", Tanja verdreht die Augen. Sie weiß nicht, ob sie beunruhigt oder erleichtert sein soll. Vielleicht beides:

Ihre Zähne scheinen doch schiefer zu stehen, als sie sich das immer eingebildet hatte. DEUTLICH schiefer als sie sich selbst eingestehen wollte. Sie hatte immer gedacht, dass sie "normal krumme" Zähne hat. Eben gerade so, dass feste Spangen nötig sind. Aber nicht mehr. Dass die "Wahrheit" deutlich von ihren Vermutungen abweicht, kommt als Schock:

Wenn sie nur eine minimal schlechtere Zahnstellung gehabt hätte, wäre sie jetzt vermutlich wirklich mit so einem grässlichen Zaumzeug herumgelaufen. Bei Dr. Moretti sowieso und anscheinend auch beinahe bei Dr. Mahlmann. Schrecklicher Gedanke!

Aber offensichtlich kann ihr Kieferorthopäde es auch noch so lösen... Wie hatte er gesagt? "Grenzfall"? Sie scheint um Haaresbreite nochmal an diesem hochnotpeinlichen Instrument vorbeigeschrammt zu sein. Das ist definitiv ein Grund zur Erleichterung!

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Re: story - When in Rome...
« Reply #8 on: 29. March 2021, 16:24:28 PM »
Kapitel 08/15 - Der Streit

Oder... oder doch nicht?

"Er hat dann aber auch gesagt...", lässt die Mutter die Bombe platzen "...dass bei Dir so ein Außenbogen zwar nicht unbedingt NÖTIG, auf jeden Fall aber SINNVOLL wäre... und dass Du Dir vielleicht mal in aller Ruhe überlegen solltest, ob Du ihn nicht doch tragen willst..."

"Ist jetzt nicht Dein Ernst, oder?", Tanjas Augen weiten sich. Die Frage wird jedoch nur halbherzig gestellt, denn die Antwort ist eigentlich klar: Warum sollten sich ihre Eltern so etwas ausdenken... Das ist schrecklich! Absolut schrecklich!

"Das stammt nicht von MIR", beinahe sieht es so aus, als ob ihre Mutter Gedanken lesen kann. "Wie gesagt, unbedingt nötig wäre es nicht... Aber er hat mir erklärt, dass sich bei Dir mit Außenbogen mit großer Wahrscheinlichkeit ein besseres Ergebnis erreichen ließe und dass..."

"Ist mir egal! Will ich nicht, mach ich nicht! Er kann mich mal am Arsch lecken", Tanja verschränkt die Arme vor der Brust.

"Tanja! Nicht in dem Tonfall!", der Vater hebt mahnend einen Finger. Sie schaut ihn - für einen kurzen Moment - wütend an.

Sie will gar nicht erst hören, was ihre Mutter sonst noch zu sagen hat. Denn das Wichtigste hat sie bereits erfahren: Dr. Mahlmann besteht nicht darauf, dass sie so ein grässliches Ding UNBEDINGT tragen muss. Alles andere ist irrelevant!

Die Zahnstellung kann besser werden, wenn sie so ein Ding trägt? Uninteressant! Sie will keine Außenspange! Das ist das einzig Wichtige!

"Schatz", seufzt die Mutter. "Das müssen wir nicht übers Knie brechen. Nicht, solange wir im Urlaub sind." Dann lächelt sie: "Schon gleich gar nicht, solange die Stimmung so... aufgeheizt ist..."

Wenn Blicke töten könnten... "Ach Kind, das war doch nicht böse gemeint", entschuldigt sich die Mutter für den schlechten Witz. "Wenn wir wieder zuhause sind, haben wir immer noch genügend Zeit, uns damit zu beschäftigen. Einverstanden?"

Tanja schüttelt ihren Kopf. "Das können wir gleich hier entscheiden", widerspricht sie: "Ich werd' kein Headgear tragen! Nie und nimmer! Er hat gesagt, dass ich es nicht brauche, also mach' ich es auch nicht. Punktum. Basta."

Das Kinn vorgeschoben, die Zähne fest aufeinander gepresst, der Blick starr zwischen ihren Eltern durch. Die Arme vor der Brust verschränkt, die Hände zu Fäusten geballt. Sie ist voll im Trotzmodus.

"Und... und Ihr könnt mich nicht dazu zwingen! Da... da mach' ich nicht mit!"

Die Erwachsenen sehen erstaunt zu dem Teenager hinüber: "Wie kommst Du denn auf DIE Idee? Wirklich Schatz, Du hast manchmal abstruse Gedanken. NIEMAND zwingt Dich. Dr. Mahlmann nicht und WIR erst recht nicht. Das ist ganz allein DEINE Entscheidung, OK?"

Eine Sekunde vergeht, dann noch eine. Langsam nickt Tanja. "'Tschuldige", murmelt sie leise. Da hat sie wohl etwas überreagiert. Der Gedanke an so ein Folterwerkzeug war aber zu schlimm... sodass ihre Reaktion doch verständlich ist, oder etwa nicht? Sie lässt sich langsam wieder in die Couch zurücksinken.

Die Eltern überlassen ihr also die Entscheidung? Das ist gut, denn ihre Wahl ist bereits getroffen. Thema beendet. Zumindest für das Mädchen.

Doch dann macht die Mutter einen entscheidenden Fehler: "Denk in einer ruhigen Minute einfach mal drüber nach. Ich meine, wenn beide Kieferorthopäden sagen, dass es sinnvoll ist, dann wäre es doch klug, wenn Du..."

"Genau das mein ich, GANZ GENAU DAS!", unterbricht Tanja, ihre Stimme überschlägt sich fast. Ihr Körper schnellt in eine aufrechte Position, ihre Augen versprühen Funken. Der ausgetreckte Zeigefinger deutet anklagend auf ihre Mutter. Das ist SO typisch!

"Was meinst Du?"

"Gerade hast Du gesagt 'Niemand zwingt Dich' und jetzt, NUR EINE EINZIGE Sekunde später, heißt es: 'Es wäre klug...'"

"Ach Schatz, das heißt doch nicht, dass..."

"ICH! MACHS! NICHT!", schreit sie, trotzig und laut, SEHR LAUT!



"Jetzt beruhigt Euch mal ein wenig...", schaltet sich der Vater plötzlich ein, er klingt resolut. Der Tonfall allein reicht aus, "seine beiden Damen" schnell zur Ruhe zu bringen, er braucht die Stimme gar nicht anzuheben.

"Wenn Du das nächste Mal einen Termin bei Dr. Mahlmann hast, fragst Du ihn einfach selbst danach. Dann kann er Dir alles erklären. Das ist doch besser, als wenn jetzt und hier alles über drei Ecken geht..."

"Das... das ist doch sch***e...", mault Tanja. "Ich werd' ihn NICHT fragen; ich will so eine Spange nicht..." Ist doch so typisch, dass ihr Vater immer auf der Seite seiner Frau steht...

Ihr Einwand wird ignoriert. "Dann soll er Dir persönlich sagen, ob Du seiner Meinung nach so eine Außenspange tragen müsstest oder nicht. Es ist doch viel sinnvoller, wenn er Dir direkt erklären kann, was die Vor- und Nachteile von so einem Gerät sind. Wir wissen es nicht und Du weißt es auch nicht."

"Doch, weiß ich schon", murmelt Tanja leise. Sie weiß sehr wohl, was die NACHTEILE von so einem Foltergerät sind. Und sie "weiß" genau, dass alle Vorteile dieser Welt diese Nachteile nicht aufwiegen können.

"Es bringt uns jetzt gar nichts, aus dem kurzen Telefongespräch irgendwelche überstürzten Schlüsse ziehen zu wollen. Das führt uns nirgendwo hin! Dazu verstehen wir alle drei von der Sache viel zu wenig. Wir müssen darauf warten, dass Dr. Mahlmann alles erklärt. OK?"

Tanja zuckt als Antwort nur mit den Schultern.

"Wir wissen nur, dass Dr. Mahlmann die Außenspange als sinnvoll ansieht. Aber wir wissen nicht, ob sie wirklich NÖTIG ist, und... "

Er hält inne, als er sieht, dass seine Tochter auf Durchzug geschaltet hat. "Tanja, Du brauchst Dich jetzt gar nicht so reinzusteigern!"

"Außerdem: Du weißt ja selber gut genug, dass Du schiefe Zähne hast..." wechselt er ein wenig das Thema.

"Na und?" unterbricht sie ihn trotzig. Sie schaut weiterhin starr gerade aus. Sie hasst dieses Thema, denn sie weiß genau, worauf ihr Vater hinauswill: "Du weißt selber gut genug, dass Du schiefe Zähne hast und dass Du dafür Zahnspangen brauchst... Und jetzt trägst Du Spangen, also warum regst Du Dich dann immer so auf?" Ihre Eltern versuchen immer wieder, sie an diesem wunden Punkt zu fassen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie das Thema ausdiskutieren, auch wenn es normalerweise nicht zu so einem Streit kommt.

Er seufzt und schlägt einen etwas versöhnlicheren Tonfall an: "Wie schon gesagt: Wir überlassen Dir die Entscheidung, es ist schließlich DEINE Behandlung. Und Du bist alt und klug genug, eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Aber im Gegenzug erwarten wir auch, dass Du nicht von vorneherein alles ablehnst, OK?"

Ihre Erwiderung ist eine Mischung aus Nicken und trotzigem Kopfschütteln.

"So nicht, Tanja! Einfach bockig zu sagen 'Ich will nicht...', das gilt nicht! Dann könnte es passieren, dass ich laut werde!", warnt er.

Sie schafft es nicht, ihren Vater anzusehen. Ihre Wangen brennen, ihre Hände nesteln automatisch mit den Fransen an der Couch. Am liebsten würde sie davon rennen. Alles und jedes hat sich gegen sie verschworen, um ihr Leben zur Hölle zu machen! Ihre Eltern sind so gemein zu ihr!

Aber Tanja weiß genau, dass es die falsche Entscheidung wäre: Jetzt aufzustehen und in ihr Zimmer zu fliehen wäre der sicherste Weg, ihren Vater wütend zu machen.

"Hör Dir an, was er zu sagen hat. Und denk drüber nach. ERNSTHAFT!"

Eine unangenehme Pause entsteht. Ein kurzer Blick aus den Augenwinkeln zeigt ihr, dass ihr Vater sie direkt ansieht. Schnell sieht sie wieder weg.

"DANN kannst Du Dich immer noch entscheiden, ob Du Dich mit einer Außenspange abfinden kannst oder nicht. OK?"

"Weiß ich jetzt schon: Kann ich NICHT!" Aber ihr Protest ist nicht mehr als ein leises, beinahe unhörbares Murmeln.

Die Stimme ihres Vaters hat nämlich inzwischen einen gewissen Unterton der Schärfe angenommen, der zeigt, dass ihn das Thema - oder zumindest Tanjas ständige Maulerei - langsam aber sicher gewaltig nervt.

"Ich denke, wir alle können erst einmal damit leben, nicht wahr? Wir müssen das jetzt nicht übers Knie brechen, die Frage läuft Dir nicht davon. Zuhause ist immer noch genügend Zeit dafür. Einverstanden?"

Das war keine Frage. Für ihn hat sich die Diskussion erledigt; seine Tochter tut in diesem Moment gut daran, es nicht auf eine Konfrontation ankommen zu lassen.

Und Tanja weiß das ganz genau. Nach ein paar Sekunden nickt sie.

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Re: story - When in Rome...
« Reply #9 on: 30. March 2021, 16:01:28 PM »
Teil 3

Freitag Abend

Kapitel 09/15 - Die Gedanken

Eher mechanisch geht Tanja am Abend, nachdem sich die größte Hitze gelegt hat, nochmal runter zum Strand. Der ist immer noch gut besucht; kein Wunder bei diesem Wetter. Eigentlich hat sie keine Lust, heute NOCHMAL zu baden, aber sie muss jetzt allein sein. In dem kleinen Ferienhaus ist dafür nicht wirklich Platz. Sie hat zwar ihr eigenes Schlafzimmer, doch da ist es derzeit viel zu warm und stickig. Dort hatte sie es nicht lange ausgehalten. Und im Wohnzimmer, wo ihre Eltern sind... ne danke!

Zu viel geht ihr im Kopf umher und sie will in Ruhe nachdenken. Und dafür bietet sich der Strand geradezu an. Viele Leute, aber paradoxerweise ist sie dort dennoch allein mit sich und dem Chaos in ihrem Kopf.



Vorhin, nachdem sich der schlimmste Teil des Streits gelegt hatte, hatte Tanja ihre Mutter gebeten, haarklein zu erklären, was sie im Gespräch mit Dr. Mahlmann erfahren hatte. Es war sie hart angekommen, mit der Person zu reden, die das Ganze erst ins Rollen gebracht hatte, und auf die sie nach wie vor stinksauer war. Aber sie hatte einfach wissen MÜSSEN, woran sie war.

Viel war es nicht, was der Arzt über das Telefon gesagt hatte; ihre Mutter kann praktisch nichts berichten, was nicht schon während des Streits angesprochen worden war:

Seine junge Patientin habe eine Fehlstellung der Form, dass er sich überlegt habe, ob er eine Außenspange in den Behandlungsplan aufnehmen solle... Weil Tanja aber ein Grenzfall sei und er wisse, dass solche Behandlungsgeräte von seinen Patienten im Allgemeinen nicht sonderlich gut aufgenommen werden, habe er sich letztlich dagegen entschieden.

Das ist alles, was die Mutter erzählen konnte. Und das... das ist nicht viel an Information... quasi gar nichts! Nichts Halbes und nichts Ganzes. Weder hat er explizit gesagt, dass sie so ein Teil tragen muss, noch hatte er gesagt, dass sie es NICHT tragen muss... DAMIT kann Tanja gar nichts anfangen...

Vielleicht ist das gerade der Grund, warum sie in den letzten Stunden so unruhig war, warum sie ständig zwischen zwei Extremen geschwankt war:

Auf der einen Seite hatte ihr Kieferorthopäde eben NICHT darauf bestanden, dass sie mit so einem oberpeinlichen Zaumzeug herumlaufen muss. Und ihre Eltern hatten versprochen, ihr die Wahl zu überlassen. Sie muss sich also nur entscheiden, das Teil nicht zu tragen und die Sache ist gegessen... Es würde also keinen Grund zur Aufregung geben und Tanja war schon kurz davor gewesen, den Gedanken an die Außenspange erleichtert komplett beiseite zu legen. Aber...

Auf der anderen Seite hatte der Arzt aber EXPLIZIT gesagt, dass so ein Folterwerkzeug bei ihr sinnvoll wäre. Nicht unbedingt notwendig, aber sinnvoll. Und kann sie ihren Eltern wirklich vertrauen, dass die sich nicht in ihre Entscheidung einmischen? Natürlich kann sie das NICHT! Sie muss also damit rechnen, dass sie eventuell DOCH so einen Metallbogen umgeschnallt bekommt.

Aber... aber... Dr. Mahlmann hatte eben NICHT darauf bestanden, dass...

So ging es für mehrere Stunden im Minutentakt. Vom einen Extrem zum anderen und wieder zurück. Von der Gemütslage, dass alles nicht so schlimm sei bis hin zur Verzweiflung, dass ihr Leben "vorbei" sei. Hin und her, wieder und wieder... Solange, bis sie es nicht mehr aushalten konnte, sich ihre Badesachen angezogen und zum Strand marschiert war...

Zu viele verschiedene Gedanken? Das nicht. Es gibt seit Stunden nur EINE Sache, die ihr wichtig ist. Also nein: Nicht zu viele Gedanken, eher zu viel Gewirr bei dem EINEN Thema. Und dabei ist es nicht einmal übermäßig kompliziert. Eigentlich ist es sogar ganz einfach:

"Ich will kein scheiß Headgear! Um keinen Preis der Welt! Ich will nicht!"



Eine Sache hat sich inzwischen jedoch zum Glück herauskristallisiert: Sie glaubt nicht mehr daran, dass die Eltern sie wirklich dazu ZWINGEN würden, so ein Teil zu tragen. Nein, eigentlich hatte sie nie wirklich daran geglaubt. SO schlimm sind die Eltern dann auch nicht. Sie handeln überstürzt und schießen immer wieder über das Ziel hinaus. Aber ihre Tochter gegen deren Willen richtiggehend dazu zu drängen, eine Außenspange zu tragen... Nein, das geht dann doch etwas zu weit.

Da hatte sie vorhin wirklich etwas übertrieben... Sie hatte sich einfach von ihrer Abneigung gegen das auffällige Behandlungsinstrument zu sehr beeindrucken lassen... und war - so peinlich es auch ist, das zugeben zu müssen - selber über das Ziel rausgeschossen... da war sie dann doch das Kind ihrer Eltern...

Aber entschuldigen muss sie sich für ihren Ausbruch nicht, denn es ist den Erwachsenen - aus der Sichtweise des Teenagers - DURCHAUS zuzutrauen, dass sie zumindest die Moralkeule auspacken, wenn Tanja sich GEGEN eine Außenspange entscheiden sollte.

Und dann würde sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit Sätze wie diese anhören dürfen:

"Wenn beide Kieferorthopäden es als nötig erachten, dann solltest Du zumindest ernsthaft darüber nachdenken, ob..." Ach übrigens, ihre Mutter hatte diesen Satz ja schon angebracht, also bitte...

oder

"Denk doch nur dran, wie viel schöner Dein Lächeln sein könnte, wenn...",

oder

"Du hast doch sowieso schon Zahnspangen, dann macht es doch keinen großen Unterschied mehr, wenn...",

oder

"Bisher ging doch alles in Deiner Behandlung reibungslos. Du wirst Dich doch jetzt davon nicht unterkriegen lassen, wenn..."

oder ihr persönlicher "Favorit":

"So schlimm, wie Du Dir das jetzt ausmalst, wird es schon nicht. Meine Güte, sei doch nicht so empfindlich, wenn..."



Sie findet einen Platz für ihr Handtuch. Alle Wertsachen hat sie natürlich im Ferienhaus bei ihren Eltern gelassen. Der feine Sand knirscht unter ihren Füßen. Nach der Hitze des Tages ist er beinahe zu heiß, um barfuß darauf zu stehen.

Das Schlimmste an der Sache? Das absolut Schlimmste?

"Sie haben mit einem Teil ihrer blöden Argumente nicht einmal Unrecht!", muss Tanja schweren Herzens zugeben.

Nach dem Streit heute Mittag war sie - voll blinden Zorns und feuchten Augenwinkeln - wütend in ihr Zimmer davongestürmt. Und es hatte einige Zeit gedauert, bis sie sich soweit beruhigt hatte, die Erwachsenen nicht mehr ununterbrochen zu verfluchen. Schließlich waren die doch auf dem besten Weg, das Leben ihrer Tochter zu versauen, jawohl!

Wie gesagt, es hatte einige Zeit gedauert, bis ihre Wut soweit verraucht war, dass sie einsehen konnte, dass es ihr rein gar nichts bringt, wenn sie weiterhin in ihrer absoluten Verweigerungshaltung bleibt. Denn dieser Trotzmodus löst kein Problem, verhindert im Gegenteil sogar zuverlässig, dass sie eventuell irgendwie zu einer Lösung gelangen könnte.

Solange sie sich weigert, sich mit dem Thema zu beschäftigen, wird alles so bleiben, wie es jetzt ist. Solange das Headgear nicht mehr war, als ein gruseliges Bild aus dem Internet, war alles gut. Doch heute Mittag hat sich die Sache dramatisch geändert. JETZT muss eine Lösung her! Unbedingt!

Natürlich WILL sie sich nicht mit dem unangenehmen Thema beschäftigen. Sie würde viel lieber träge am Strand liegen und die Gedanken zu angenehmeren Dingen schweifen lassen. Doch - wie gesagt - das nützt überhaupt nichts, denn das drohende Unheil am Horizont - in Form eines silbernen Metallbogens - wird leider nicht dadurch verschwinden, dass sie es ignoriert...

Ihre Eltern WERDEN ganz sicher darauf bestehen, dass sie sich mit dem Thema auseinandersetzt. Wenn sie also nicht in ein paar Wochen von Zahnspangen unsanft heimgesucht werden will, muss sie sich wohl oder übel vorher schon damit beschäftigt haben.

Sobald sie das eingesehen hatte, hatte sie wirklich angefangen, nachzudenken. Wie ihr Vater gefordert hatte... "Pah, Papa kann mich mal gern haben. Bildet sich ein, besser zu wissen als ich selbst, was ich brauch' oder will. Pah! Keine Ahnung hat der..."

Wie gesagt, bis sich Tanja zu der Erkenntnis, dass Aufschieben nichts bringt, durchgerungen hatte, hatte es gedauert. Und sie hatte diese Erkenntnis gehasst.

Aber sie hatte auch eine Sache verstanden: Es war ihrem Vater ernst damit, als er sagte, dass sie besser daran täte, über die Möglichkeit einer Außenspange nachzudenken. Denn ER wird das Thema garantiert nicht vergessen.

Wenn sie nicht aus eigenem Antrieb mit Dr. Mahlmann reden will, würde ihr Vater es für sie tun. Da ist sich Tanja sicher. Und wenn sie bis dahin geweigert hatte, sich mit dem Thema zu beschäftigen... Wenn sie sich keinen Schlachtplan zurechtgelegt hätte, würde sie aus allen Wolken fallen! Und dann...

Naja, dann gäbe es nur EINE Leidtragende: Sie selbst. Und das... Tanja lacht hart: Das muss nicht sein.

Also HATTE sie nachgedacht. Ernsthaft. Mit jeder Menge Widerwillen, aber trotzdem ernsthaft! Natürlich war die Richtung, die ihre Gedanken einschlugen, fest vorgegeben: Wie und wo kann sie einen Weg aus der Misere finden? Wie kann sie um das Headgear herumkommen? Was muss sie tun, um nicht zum totalen Gespött zu werden?

Wenn sie sich einfach rundheraus weigert, diesen beschissenen Metallbogen auch nur anzusehen? Ihre Eltern würden sie nicht zwingen... Aber der Hausfrieden würde vermutlich für eine Zeit schief hängen. Kein schöner Gedanke!

Aber wenn sie keinen anderen Ausweg findet, ist Tanja versucht, es darauf ankommen zu lassen. Ihre Eltern werden sich hoffentlich schon irgendwann beruhigen... Dennoch, wenn sich ein anderer, ein "sanfterer" Weg präsentieren würde, wäre ihr das durchaus lieber!

Welche Argumente haben ihre Eltern überhaupt? Warum glauben die, es besser zu wissen, welche Spangen ihre Tochter tragen soll. Wie kommen die darauf, sich so blind hinter den Kieferorthopäden zu stellen?

DAS ist eine wichtige Frage, wurde ihr heute Mittag klar. Darüber MUSSTE sie nachdenken... Vielleicht ist es nicht die wichtigste aller Fragen, aber dennoch wichtig genug: Denn wie kann sie sich einen Plan ausdenken, um ihren Kopf aus der imaginären Schlinge zu ziehen, wenn sie nicht weiß, was die "Gegenseite" in Petto für sie hat?

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Re: story - When in Rome...
« Reply #10 on: 30. March 2021, 16:01:45 PM »
Kapitel 10/15 - Die Trotzburg

In dieser Situation gibt es eine Sache, die für Tanja von Vorteil ist: Ihr Vater sagt immer wieder, dass sie "verdammt stur" sein könne. Meistens meint er das nicht gerade positiv, wie zum Beispiel heute Mittag: Bei dem Streit mit ihren Eltern und danach auch noch, da war sie total bockig, hatte total auf Durchzug geschaltet. Wollte absolut nichts hören von dem, was die Eltern zu sagen hatten. Trotzig eben.

Oder, um ein Bild zu gebrauchen: Sie hatte sich in ihrer Trotzburg verschanzt, die Zugbrücke hochgezogen und Krokodile im Burggraben ausgesetzt.

Aber... irgendwann kam dann doch die Erkenntnis, dass ihre Trotzburg keinen dauerhaften Schutz bietet, wenn die Belagerer vor dem Tor die besseren Waffen haben. Die Gegner müssen sie mit diesen Waffen ja nicht einmal angreifen. Einfach "nichts zu machen", reicht auch aus, dass Tanja früher oder später in ihrer Burg verhungern müsste.

Ihre Eltern müssen sie nicht dazu zwingen, sich mit dem Thema "Zahnspangen" zu beschäftigen. Sie könnten das Thema komplett ignorieren und Tanja würde trotzdem die Leidtragende sein, wenn sie beim nächsten Termin mit ihrem Kieferortho-päden immer noch nicht weiß, was sie will.

In anderen Worten: Es bleibt alles an ihr hängen. SIE SELBST muss eine Lösung finden. Sie selbst muss die imaginäre Zug-brücke runterlassen und sich an den Belagerungsmaschinen ihrer Gegner vorbei schleichen.

Doch sobald sie das realisiert hatte, ist es ungemein hilfreich, "verdammt stur" zu sein. Nachdem sie nun weiß, dass es so nicht weitergehen kann, kann - nein! MUSS - sie alle Energie hineinstecken, einen möglichst guten Ausweg zu finden.

Sie muss sich darüber klar werden, in welcher Situation sie derzeit steckt und wie ihr Problem genau aussieht. Erst dann kann sie sich daran machen, Auswege zu suchen. Um bei dem Bild von der Burg zu bleiben: Es bringt nichts, sich gegen Belagerungstürme zu wappnen, wenn die Gegenseite Katapulte hat.

Sie MUSS analysieren, in welchem Schlamassel sie steckt und welche Optionen ihr offenbleiben. "Ignorieren" funktioniert nicht, das weiß Tanja inzwischen.

So wie es derzeit ausschaut, gibt es keinen "guten" Ausweg; jeder Weg, den sie vor sich sieht, ist schwer. Es gibt, soweit sie das sehen kann, keinen Ausweg, der sich ihr unmittelbar aufdrängt, kein schlängelnder Pfad, der sie unbeschadet aus der Misere führt. Auf irgendeine Weise wird sie sich blutige Knie holen.

Aber vielleicht, gerade weil sie so "verdammt stur" ist, kann sie akzeptieren, dass es manchmal einfach so ist. Dass es in manchen Situationen keinen einfachen Ausweg gibt. Dass man in manchen Situationen einfach versuchen muss, das Beste aus einer schlechten Sache zu machen.

Melissa ging es damals ja auch nicht anders: Sie hatte sich ja nur zwischen Pest und Cholera entscheiden können, zwischen Skoliose-Korsett und Operation. Tanja ist fair genug, anzuerkennen, dass Melissas Probleme wahrscheinlich deutlich schlimmer waren als das, mit dem sie sich nun selber herumärgern muss. Sie schaudert, wenn sie sich vorstellt, was Melissa durchmachen musste, bis sie sich endlich zu einer Entscheidung durchringen konnte... War sicherlich nicht leicht...

"Aber... Aber wenn Melissa das kann, kann ich das auch, jawohl", nickt Tanja entschlossen. Es kann sehr gut sein, dass sie die Schlüsse, die sie aus ihrer eigenen Situation ziehen muss, nicht leiden kann. Aber sie ist zumindest in der Lage, zu er-kennen, was die logische Konsequenz ist. Und das kann sie dann auch so akzeptieren.

Wohlgemerkt: Sie ist in der Lage, zu AKZEPTIEREN, dass diese-oder-jene Sache die "richtige" Entscheidung wäre. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie sich auch mit dieser Sache ABFINDEN kann. Ganz zu schweigen davon, sich dann auch noch mit dieser Lösung ANFREUNDEN zu können...

Aber um so weit zu kommen, muss sie erst einmal wissen, welche Ausweg ihr offenbleiben. Und dazu muss sie nachdenken. Ernsthaft! Also tut sie das.

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Re: story - When in Rome...
« Reply #11 on: 30. March 2021, 16:02:03 PM »
Kapitel 11/15 - Die Argumente

Und sie war mit den Ergebnissen nicht wirklich zufrieden. Konnte nicht damit zufrieden sein. Musste sie doch erkennen, dass ihre Eltern TATSÄCHLICH die besseren - WESENTLICH besseren - Argumente haben würden, sollte es später zu einer Diskussion kommen:

Denn - wenn sie vollkommen ehrlich zu sich selbst ist - wäre alles, was sie vorbringen könnte:

"Ich will kein Headgear, weil es mir zu peinlich ist".

Und DAS ist nicht viel wert. Es ist vollkommen verständlich und nachvollziehbar, das hatte ja selbst Dr. Moretti zugegeben. Absolut einleuchtend, aber leider doch von untergeordneter Wichtigkeit. Das muss - und kann - sie selber einsehen.

Tanja mag diesen Gedanken nicht. Vor allem dann, wenn man das mit den Argumenten vergleicht, die die "Gegenseite" parat hat:

Für Melissa war das Korsett sicherlich auch oberpeinlich, und trotzdem hatte sie es beinahe sklavisch getragen... Und schaut Euch an, was nun aus ihr geworden ist: fast gerade Rücken, kaum Probleme, zufrieden mit der Welt...

Für BEIDE Kieferorthopäden wäre ein Außenbogen ein Teil der Behandlungs-Strategie. Bei Dr. Moretti wäre er selbstverständlich und bei Dr. Mahlmann läge es zumindest im Bereich des Möglichen. Wenn es dumm kommt, inzwischen vielleicht sogar schon im Bereich des Wahrscheinlichen... Sie muss also - so sch***e es auch ist - der Wahrheit in die Augen schauen:

Mit ihrer Zahnstellung MUSS zwangsläufig etwas ganz und gar im Argen liegen. Aus dem hohlen Hut wird so ein Folterwerkzeug dann nämlich nicht gezaubert; aus purem Jux und Tollerei wird kein Kieferorthopäde seinen Patienten so ein Gerät zumuten.

Ihre Zähne SIND also deutlich schiefer als angenommen! Und wenn nicht "schief", dann ist es eben irgendeine andere Fehlstellung... Was genau der Grund ist, ist doch egal, denn die Folge ist dieselbe:

Ihre festen Spangen alleine sind vielleicht überfordert und ein Headgear wäre in der Behandlung zumindest sinnvoll... Daran kann es wohl leider keinen Zweifel mehr geben...



Sie watet langsam in das erfrischend kühle Wasser. Objektiv gesehen hat das Meer jetzt Badewannen-Temperatur, doch im Vergleich zu der Luft und dem heißen Sand ist es immer noch angenehm.

Tanja hat auch keine andere Wahl, als sich mit der unangenehmen "Realität" zu beschäftigen. Denn die Katze ist aus dem Sack:

"Weil Mama ihre Klappe nicht halten konnte, weiß Dr. Mahlmann, dass ich über Dr. Moretti vom Headgear erfahren habe. Jetzt wird er mich ganz sicher beim nächsten Mal drauf ansprechen..."

Und selbst wenn nicht: Ihre Eltern verlangen, dass sie mit dem Arzt über das verhasste Thema redet... Und wenn sie trotzdem das Gespräch nicht selbst suchen würde, würde ihr Vater es tun... An dem Gespräch führt also so oder so kein Weg vorbei.

Die einzige Frage, die sich noch stellt: "Wird Dr. Mahlmann darauf bestehen, dass ich so ein Teil brauche, oder wird er sagen: 'Es geht auch ohne'?"

Am Telefon hatte er ihrer Mutter zwar erklärt, dass seine Patientin ein Grenzfall wäre und gerade nochmal dran vorbeigeschlittert sei.

Aber gilt das auch jetzt noch? Oder wird er vielleicht sagen: "Ich habe das Thema nur deshalb nicht angesprochen, weil ich keine Lust auf schlecht gelaunte Teenager hatte... Nachdem IHR das Thema aber von Euch aus angesprochen habt, können wir doch gleich Nägel mit Köpfen machen... Jetzt hattest Du, Tanja, ja genügend Zeit, Dich seelisch-moralisch darauf vorzubereiten..."

Die Frage, auf die sich alles runterkochen lässt, heißt wohl: Wie grenzwertig ist ihr "Grenzfall?" Oder anders formuliert:

Was genau heißt "SINNVOLL"? Und wie viel "NOTWENDIG" steckt in dem "sinnvoll"?

Wenn sie in ein paar Wochen - bei ihrem nächsten Termin - mit Dr. Mahlmann redet, was wird er dann sagen?

"Ich schaffe es auch so, Deine Zähne in Reih' und Glied zu bringen. Es wird ohne Außenspange einfach nur ein klein wenig länger dauern..."

Oder ist es mehr ein Fall von:

"Ohne Außenspange kann bei Dir absolut nichts Sinnvolles rauskommen und ich weiß selber nicht mehr, warum ich Dir nicht gleich von Anfang an ein Headgear verpasst habe..."



Sie lässt sich einfach treiben. Ernsthafte Schwimmversuche unternimmt sie nicht, DAFÜR ist es dann doch zu warm. Aber zum Baden, zum Planschen, ist es gerade recht. Ab und zu geht der Blick zurück zu ihrem Handtuch. Ist alles noch da? Wertsachen hat sie - wie gesagt - zuhause gelassen. Aber es wäre dann doch blöd, wenn ihr Handtuch und ihre Klamotten plötzlich Beine bekommen sollten...

Hoffentlich, HOFFENTLICH bleibt's beim "Sinnvoll, aber nicht unabdingbar".

Alles andere wäre so was von obersch***e... Denn wenn Dr. Mahlmann darauf bestehen sollte, dass es keine brauchbare Alternative zur Außenspange gebe, würde sie eine verdammt schwere Zeit haben, ihre Eltern zu überzeugen, dass sie das Teil TROTZDEM nicht tragen will.

Oh sicher, sie würde nicht dazu GEZWUNGEN werden. Da hatte sie wirklich etwas übertrieben... Aber sie müsste sich zumindest auf zermürbende Diskussionen einstellen, warum sie sich weigere, das "Richtige für ihre Gesundheit" zu tun.

JA, so sind ihre Eltern. Haben keine Ahnung davon, wann sie wieder einmal über das Ziel hinausschießen und kein Verständnis dafür, dass manche Leute einfach bestimmte Themen nicht leiden können... und absolut kein Gespür dafür, wann sie besser die Klappe halten sollten...

Wieder einmal kann und will Tanja nicht einsehen, dass sie selber ungerecht ist und ihre Eltern zu richtiggehenden Monstern hochstilisiert. Denn so schlimm sind sie dann auch wieder nicht... bei weitem nicht! Doch das will sie in diesem Moment nicht erkennen.

Wenn der Kieferorthopäde auf dem Außenbogen bestehen würde, dann... dann hätte sie verschissen. Sie hätte nicht nur den Arzt, sondern auch ihre Eltern gegen sich... Ihr Leben, so wie sie es kennen würde, wäre vorbei. OK, das war vielleicht ein wenig ZU melodramatisch, aber:

Schon beim bloßen Gedanken daran, wie sie mit Zaumzeug aussehen würde, wollte sie am liebsten vor Scham im Boden versinken. NIE IM LEBEN würde sie ihren Freunden davon erzählen. Noch viel weniger würde sie sich denen damit präsentieren wollen. Das ist etwas, das sie um alles in der Welt verhindern will, verhindern MUSS. Sie würde sich ja zum totalen Gespött machen...

"Normale Zahnspangen: Meinetwegen, wenn's sein muss. Haben meine Freunde ja auch - oder: Zu diesem Zeitpunkt HATTEN die meisten Spangen GEHABT - aber trotzdem: feste Spangen: OK. Aber Headgear? Niemals! Um keinen Preis der Welt!"

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Re: story - When in Rome...
« Reply #12 on: 31. March 2021, 04:14:41 AM »
tolle story! freue mich schon auf den nächsten teil!

Offline silver-moon-2000

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Re: story - When in Rome...
« Reply #13 on: 31. March 2021, 16:25:12 PM »
Kapitel 12/15 - Die Lockerung

"Hey, pass doch auf, wo Du hinrennst...", sie stupst einen kleinen Jungen an, der mit Freunden im flachen Wasser Ball spielt und nicht darauf geachtet hatte, wohin es ihn verschlägt. Beinahe hätte er sie über den Haufen gerannt. Sie kann sehen, dass er sie nicht verstanden hat, aber ihr Tonfall war dann doch universal genug. Er murmelt irgendwas, was Tanja wiederum nicht versteht.

Sie winkt ihm als Zeichen, dass sie nicht böse ist und er grinst zurück. Na also, geht doch, Völkerverständigung leicht gemacht... Warum kann nicht alles so einfach sein...

Wo war sie? Ach ja: "Headgear? Niemals! Um keinen Preis der Welt!"

Seitdem sie bei ihrer Internet-Suche vor einigen Monaten zum ersten Mal Leute mit Headgear gesehen hatte, war ihr klar, dass sie so ein Teil um keinen Preis der Welt tragen wollte. Nie und Nimmer! Bevor sie so ein Teil tragen würde, würde sie lieber sterben! Nein! Halt! Stopp! DAS ist dann doch übertrieben. So stark übertrieben, dass es nicht mal lustig ist... 'Tschuldigung, nein, sie will NICHT sterben, um einem Headgear zu entgehen.

Was aber KEINESWEGS übertrieben gewesen war, wäre zu sagen: Bevor sie so ein Teil tragen würde, würde sie lieber auf die gesamte Behandlung verzichten und stattdessen ihre schiefen Zähne behalten! Jawohl!

Zumindest war das für die längste Zeit ihre feste Überzeugung. Doch diese Überzeugung zu behalten war ja auch eine leichte Sache, schließlich war ja nie die Rede davon, dass sie so ein Teil tragen müsste.

Nein, eigentlich ist das sogar falsch formuliert: Denn da Dr. Mahlmann eine Außenspange nie auch nur erwähnt wurde, verblasste der Schrecken, den die Internetbilder in ihr ausgelöst hatten, schnell und bald war das Thema total vergessen. Und man kann doch eigentlich gar nicht von einer "festen Überzeugung" sprechen, wenn man gar nicht daran denkt, oder?

Maximal könnte man es eine "hypothetische Überlegung" nennen, wenn Tanja mal darüber sinniert hatte, dass sie sich total verweigern würde, wenn der Kieferorthopäde mit so einem Metallgestell ankommen würde...

Doch da er das nie tat, verblasste diese "Angst" schnell... bis sie gestern mit voller Wucht zurückkam.

Erst seit weniger als einem Tag ist die Aussicht auf ein Headgear mehr als eine schaurige Erinnerung und erst seit wenigen Stunden eine "ernsthafte Gefahr".

Doch jetzt, da der silberne Bogen als dunkler Schatten am Horizont ihres Lebens aufgetaucht ist (ja, das war wieder mal etwas zu melodramatisch...), hat sie keine Wahl mehr, als sich wirklich mit der Möglichkeit, so ein Teil eventuell tragen zu müssen, auseinander zu setzen...



Seit heute Mittag, nach dem Streitgespräch hatte sie zum ersten Mal ernsthaft überlegt, was passieren würde, wenn tatsächlich eine Außenspange Teil ihrer Behandlung werden würde. Wenn Dr. Mahlmann wirklich die Behandlung danach ausrichten würde... Was wäre dann?

Dann kann, dann DARF sie sich nicht mehr rundheraus weigern, sich auch nur mit dem GEDANKEN daran zu beschäftigen. Sie kann sich meinetwegen am Ende weigern, das Ding zu TRAGEN, aber wenn eine ernsthafte Chance besteht, dass man ihr so ein Zaumzeug umschnallen könnte, muss sie sich zumindest eine Strategie zurechtlegen, wie sie damit umgehen will.

Sonst gebe es nämlich nur eine Leidtragende: Sie selbst. Ihrem Kieferorthopäden wäre ihre Abneigung herzlich egal, denn Zahnspangen, auch außergewöhnliche, sind nun einmal sein Leben... Es ist nun einmal sein Job, die "richtige" Behandlungs-Strategie zu verfolgen.  Und ihre Eltern? Die würden zwar unter der schlechten Laune ihrer Tochter leiden, aber sonst sind sie auch nicht davon betroffen... Ihre Eltern müssten ja keine Zahnspangen tragen, sondern sie SELBST.

Nein, am Ende fällt alles auf sie selbst zurück. Es ist IHR Leben, IHRE Behandlung. SIE muss zu einer Lösung kommen!

Wenn sie sich jetzt wirklich, also so wirklich WIRKLICH, damit beschäftigen müsste, ob sie sich irgendwie damit abfinden könnte, so ein Metallbogen umgeschnallt zu bekommen... Zu welchem Ergebnis würde sie dann kommen?



Von gelegentlichen Ruderbewegungen abgesehen, um nicht mit anderen Badenden zu kollidieren, treibt Tanja gedankenversunken. Ja... zu welchem Ergebnis würde sie kommen? Das ist eine gute Frage...

Je mehr sich ihre gegenwärtige Haltung zu dem Thema herausbildet, desto erstaunter wird Tanja:

Seit heute Mittag hat sich ihre Haltung zu dem Thema radikal verändert! Wirklich jetzt! Ungelogen! Wenn man direkt nach dem Streit zu ihr gesagt hätte, dass sich ihre Meinung innerhalb weniger Stunden so stark ändern würde, sie hätte diese Person lauthals ausgelacht.

Nie und nimmer hätte sie erwartet, dass sich ihre absolute Verweigerungshaltung in der sie die ganze Zeit war, aufweichen könnte. Dass diese Haltung nicht die intelligenteste Lösung des Problems wäre, das hatte sie heute Mittag schon erkannt. Doch dass sie sich deswegen von ihrem Standpunkt wegbewegen könnte, die Außenspange bedingungslos abzulehnen, DAS hatte sie nicht erwartet!

Und doch... und doch... GENAU DAS ist passiert. Auf Außenstehende wirken die Änderungen vielleicht nicht dramatisch, doch für Tanja kommt das einer Revolution gleich. Einer friedlichen Revolution wohlgemerkt!

Denn aus dem "NIE IM LEBEN, lieber würde ich schiefe Zähne haben" wurde kein "Ihr könnt mich alle kreuzweise", sondern inzwischen ein "HOFFENTLICH NICHT! Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt..."

Und angesichts der Art und Weise, wie Tanja bisher mit dem Thema Zahnspangen umging, ist das nun in der Tat eine gigantische Änderung. Ein so gewaltiger Schritt nach vorne, dass das Mädchen beinahe selber nicht glauben kann, dass sie inzwischen so denkt.

In den wenigen Stunden seit dem Streit hat sich ihre Meinung viel mehr verändert als in den ganzen Monaten zuvor.

Mit einem trockenen Lächeln schüttelt Tanja ihren Kopf. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele "mentale Blockaden" sich doch beseitigen lassen, wenn man nicht ungesehen und blind alles ablehnt, sondern sich wirklich mal mit einer Sache auseinander setzt...

Eigentlich wusste sie das schon vorher: "Nur wenn man nachdenkt, dann man etwas ändern; wenn man's ignoriert, bleibt alles, wie es ist" Aber sie ist dennoch ein-ums-andere Mal erstaunt, wie sehr sich ihre Haltung doch ändern kann...

So sch***e das auch ist, ihren Eltern zustimmen zu müssen: Ihr Vater hatte tatsächlich Recht damit gehabt, dass sie ernsthaft nachdenken sollte... Natürlich wird sie ihrem Vater nie die Befriedigung verschaffen, das zuzugeben... ist klar, oder?

Wobei das natürlich NICHT bedeutet, dass sie keine Probleme mehr mit dem Gedanken hat, eventuell eine Außenspange tragen zu müssen. Sie lacht. Oh, ganz im Gegenteil. JEDE MENGE Probleme hat sie damit. Sie hasst den Gedanken, so ein Teil tragen zu müssen, nach wie vor mit Inbrunst.



Und natürlich ist es auch nicht so, dass sie jeden Grund als "sinnvoll" akzeptiert. Nein, im Gegenteil: Es gibt nur einen einzigen Grund, den Tanja wirklich akzeptiert. All das moralinsaure Gelaber können sich ihre Eltern sonst wohin schieben. Das ist nur dummes Geschwätz und gerade gut genug für die Mülltonne.

Nein, es gibt nur EINE EINZIGE Sache, die verhindert, dass Tanja rundheraus auf die Barrikaden geht und sich weigert, das Wort "Headgear" auch nur auszusprechen:

OK, OK, na gut, ZWEI Gründe: Erstens kann sie einfach ihre Freundin Melissa, die ja auch in einer ähnlichen Situation war, nicht ignorieren. Das hatte doch deutlich gezeigt, dass manchmal unangenehme Behandlungsmethoden einfach notwendig sind. Und dass sie dann aber auch helfen! Schließlich war Melissas Urteil zu ihrem Korsett doch gewesen: "Am Ende war es das wert". Und DAS kann Tanja nicht einfach ignorieren.

Und zweitens: Mehr auf ihre eigene Behandlung bezogen: "Dr. Mahlmann hat doch am Telefon explizit gesagt, dass sich meine Zahnstellung MIT Außenspangen-Behandlung deutlich verbessern lässt. Hat Mama doch vorhin erzählt..."

Bäm, hier hat sie doch eine Definition von "Was bedeutet 'sinnvoll'?". Und zwar sogar eine verflixt gute Definition:

Wenn sie den Arzt richtig verstanden hat - oder zumindest das, was ihre Mutter erzählt hatte... wenn sie also die Erklärung richtig verstanden hat, dann werden ihre Zähne auch ohne Metallbogen gerade.

Oder zumindest "irgendwie gerader" als sie jetzt sind. ABER - das große Aber - anscheinend NICHT so gleichmäßig, wie sie sein KÖNNTEN.

Und wenn Ihr Lächeln jetzt so viel unregelmäßiger ist, als sie bislang angenommen hatte, muss sie sich doch die Frage stellen, wie "gerade" ihr Zähne denn ÜBERHAUPT werden können, wenn sie auf ein Behandlungsinstrument verzichtet... Vor allem, wenn dieses Instrument gerade für solche Situationen geschaffen wurde.

Anders formuliert: Wenn sie Zahnspangen ablehnt, die "ideal" für ihre Situation sind, was kann sie dann eigentlich noch erwarten? Anscheinend nicht mehr, dass sie später mit einem "Model-Lächeln" umherlaufen wird...

"Oder nochmal anders formuliert: Wenn ich ein 'wirklich schönes' Lächeln haben will, dann reichen feste Spangen allein wohl nicht aus und ich muss mich mit dem Gedanken anfreunden, 'ne Zeit lang Zaumzeug zu tragen. So ein Scheiß, so ein dämlicher!"

Offline silver-moon-2000

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Re: story - When in Rome...
« Reply #14 on: 31. March 2021, 16:25:30 PM »
Kapitel 13/15 - Die Vorentscheidung

Es gibt doch da das Sprichwort "When in Rome, do as the Romans do...": Haben sie erst vor kurzem in der Schule in Englisch gelernt: Man soll sich den lokalen Gepflogenheiten anpassen. Schön und gut, das ist ja harmlos genug. Und oft auch sinnvoll. Hätte ihnen auch gestern beim Kieferorthopäden weitergeholfen...

Aber ist es nicht absolut ironisch, dass das Sprichwort in ihrem speziellen Fall eine zweite, deutlich folgenreichere Bedeutung für Tanja hat?

Soll sie künftig der Behandlungsstrategie folgen, die sie zum ersten Mal von Dr. Moretti - dem Kieferorthopäden aus ROM - gehört hatte?

Soll sie also eine Außenspange tragen oder soll sie lieber bei ihrer jetzigen Behandlung bleiben, bei der sie um ein solches Gerät herumkommen würde?

Sie würde vielleicht Dr. Mahlmann überzeugen können, auf die Außenspange zu verzichten. Selbst wenn nicht: Ihre Eltern hatten ihr doch versprochen, dass sie selbst entscheiden dürfe...

Eine Behandlung MIT Außenspange auf der einen Seite, eine Behandlung OHNE auf der anderen... Verdammt, was soll sie jetzt machen?

Ganz genau das ist das Chaos, das gerade in ihrem Kopf herumgeistert: Eigentlich lässt sich das PROBLEM ziemlich einfach zusammenfassen, auch wenn die LÖSUNG dafür umso schwerer ist.



Das muss für heute endgültig reichen! Beinahe wehmütig verlässt Tanja das Wasser. Fast ist ihr, als ob die Wellen sie festhalten wollen und der weiche Sand sie zurück zieht. Lockend umspülen die Wellen ihre Beine. Doch es ist genug für heute. Sie ist ausgepowert, müde und groggy. Der Sunblocker hat sicherlich auch schon einen Großteil seiner Wirkung verloren. Und das Abendessen sollte auch bald fertig sein...

Es ist also wirklich an der Zeit, zurück zum Ferienhaus zu gehen. Auch wenn die Stimmung - aus verständlichem Grund - dort noch etwas angespannt ist.

Der massive Hass auf ihre Eltern hat sich gelegt, hat stattdessen einer unterschwelligen Wut Platz gemacht. Warum müssen ihre Eltern - speziell die Mutter - immer übertreiben? Warum müssen die immer ihren Dickschädel durchsetzen und damit häufig mehr Schaden verursachen?

Hätte ihre Mutter im Gespräch mit dem Kieferorthopäden einfach die Klappe gehalten, das ganze Thema wäre an ihr vorbei gegangen. Es wäre nicht zu dem Streit heute Mittag gekommen, die Stimmung wäre fröhlich geblieben.

Und sie hätte sich nicht mit den Auswirkungen des Telefonats auseinandersetzen müssen. Sie hätte sich nicht überlegen müssen, ob sie eine Außenspange in ihrer Behandlung akzeptieren könne... Es wäre alles so schön einfach geblieben...

Sie bahnt sich langsam einen Weg an den Handtüchern der anderen Touristen vorbei zurück zu ihrem eigenen Handtuch.

Aber vielleicht... vielleicht ein wenig ZU einfach?

Sie hatte doch gesagt, dass es nur EINEN Grund gibt, den sie akzeptiert: Dass sich ihre Zahnstellung mit Außenspange verbessern lässt. ABER: Seit wann weiß sie das? Seit wann weiß sie, dass ihre Zähne deutlich schiefer stehen als gedacht und dass die "normale" feste Spange, die sie jetzt trägt, vermutlich nicht reichen wird?

Seit heute Mittag!

OK, das mit den schiefen Zähnen weiß sie seit Dr. Moretti. Also gestern. Aber das macht keinen großen Unterschied. Denn worauf sie hinauswill:

Sie weiß erst seit ein paar STUNDEN, dass die Probleme mit ihrer Zahnstellung größer sind als gedacht. Und das, obwohl ihre Behandlung vor mehr als drei MONATEN begonnen hatte... seit dem ersten Beratungsgespräch sogar ein halbes Jahr! Ein paar Stunden weiß sie erst Bescheid!

In dieser ganzen Zeit hat niemand es für nötig gehalten, ihr den Sachverhalt darzulegen... Sie ist sauer auf ihre Eltern und besonders auf Dr. Mahlmann, dass man ihr zu Beginn der Behandlung nicht alles deutlich genug erklärt hat.

Sie hätte darüber Bescheid wissen wollen, dass das, was ihre festen Spangen erreichen können, nicht das Optimum darstellt. Sie hätte wissen wollen - wissen MÜSSEN - dass es Alternativen zu ihrer derzeitigen Behandlung gibt. Alternativen, die ein besseres Ergebnis erreichen können.

JA, zugegeben, die Alternativen hätten ihr nicht gefallen. Sie hätte vor drei Monaten ein Headgear sicherlich genauso intensiv abgelehnt wie sie es noch vor wenigen Stunden getan hatte.

Vermutlich hatte Dr. Mahlmann es aus DIESEM Grund auch gar nicht erst angesprochen... "Vielleicht hat er geahnt, dass ich mir mit dem Thema 'Zahnspangen' schwertue und hat deshalb gedacht, dass er mir einen Gefallen tut, wenn er solche unschönen Dinge gleich ganz weglässt..."

Dann lacht sie bitter: "Oder vielleicht hat er gewusst, dass ich ihm die Hölle heiß gemacht hätte, wenn er auch nur erwähnt hätte, eine Außenspange in den Behandlungsplan aufzunehmen..."

Trotzdem! Sie hätte es wissen wollen! Sie hatte das Recht, es zu wissen! Denn jetzt hatte sie die ganze Zeit falsche Vorstellungen von dem, was in ihrem Mund passiert. Sie hatte keine Ahnung, dass ihre Zahnstellung so schlecht ist, dass so aufwändige Behandlungsgeräte notwendig sein könnten... Sie hatte gedacht, dass sie am Ende der Behandlung das schönste und geradeste Lächeln der Welt haben würde... Und niemand hatte ihr die Wahrheit gesagt...

Und das ist einfach nicht... richtig. Es ist unfair ihr gegenüber, so etwas zu verschweigen! Jawohl!



Denn im Gegensatz zu dem, was sie ihrer Mutter vorhin entgegengeschleudert hatte, ist es ihr nämlich NICHT egal, wie ihre Zahnstellung am Ende der Behandlung aussieht.

"Ich hab' mich doch nicht mit diesem nervigen Silberlächeln abgefunden, um am Schluss gerade mal ein 'halbwegs passables' Gebiss zu haben. Wenn ich schon Spangen tragen muss, dann will ich auch das 'Optimum'. Oder zumindest so nahe dran wie möglich."

Sie war doch immer auf die geraden Zähne ihre Freunde neidisch, als die schließlich nach und nach ihre Spangen losgeworden waren. Das war doch DER Grund, warum sie schließlich zugestimmt hatte, selber eine Behandlung zu beginnen: Weil sie genauso gerade und schöne Zähne wie ihre Freunde haben wollte. Jawohl!

Und wenn es einen Weg gibt, dieses Ziel zu erreichen, dann hätte sie das gerne früher gewusst. Denn dann hätte sie sich in aller Ruhe damit auseinandersetzen können. Dann wäre sie sicherlich auch zu einem Ergebnis gekommen, mit dem sie hätte leben können.

Vielleicht mit Headgear, vielleicht ohne. Natürlich kann sie JETZT nicht sagen, wie sie sich DAMALS entschieden hätte. Vor allem, wenn man ihr die Sache damals geduldig und ausführlich erklärt hätte, anstatt sie jetzt einfach so ins Verderben laufen zu lassen.

Das Gespräch wäre mit Sicherheit nicht einfach gewesen - für alle Parteien - aber hätte man die Außenspange damals zum Gesprächsthema gemacht, hätte sie zumindest Zeit gehabt, sich etwas zu überlegen und sich zu einer Lösung durchzuringen.

Aber nein, sie hatte ja erst jetzt - mitten im Urlaub - damit überfallsmäßig konfrontiert werden müssen. Jetzt, wo sie eigentlich viele andere - schönere - Dinge hatte tun wollen, als sich mit dem Thema "Spangen und Headgear" zu beschäftigen, kreisen ihre Gedanken um nichts Anderes...

Offline silver-moon-2000

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Re: story - When in Rome...
« Reply #15 on: 31. March 2021, 16:25:54 PM »
Kapitel 14/15 - Abschweifende Gedanken

Kommentar: Dieses Kapitel ist ein Paradebeispiel für eine Erweiterung, die erst nachträglich eingefügt worden ist. Die ursprüngliche Idee hatte absolut keine Verweise auf eine Freundin und deren Krankheitsgeschichte enthalten.

Naja, doch: Ihre Gedanken kehren auch zu dem anderen Mädchen zurück, an das sie vorhin schonmal gedacht hatte: Melissa. Obwohl sie schon seit langem beste Freundinnen sind, fühlt sie sich seit ein paar Stunden noch mehr mit dem Mädchen verbunden: Verbindet beide doch die Eigenschaft, mit aufwändigen medizinischen Behandlungsgeräten gestraft zu sein...

Bei Melissa war es damals aber ein wenig anders gewesen: Sie hatte seit Jahren gewusst, dass irgendwas mit ihrem Rücken nicht stimmt. Schon im Kindergarten hatte sie - kann sich Tanja erinnern - unter Rückenschmerzen gelitten. Doch der Spezialist, der Melissa schließlich untersucht und die Diagnose "Skoliose" gestellt hatte, hatte alles richtig gemacht. Er hatte sich Zeit genommen, dem Mädchen und den Eltern alles Nötige zu erklären.

Jedenfalls ist Tanja davon überzeugt, dass es so gelaufen sein muss. Denn anders kann sie sich nicht erklären, dass ihre Freundin eigentlich nie einen Aufstand darum gemacht hatte, so ein ätzendes Konstrukt tragen zu müssen.

Tanja ist fair genug, zuzugeben, dass so ein Skoliose-Korsett dann nochmal 'ne ganze Nummer schlimmer ist als so eine dämliche Außenspange. Und trotzdem hatte Melissa die Situation besser hingenommen als sie selbst die Sache mit dem Headgear.

Und DAS kann nur davon kommen, dass Melissa langsam und ausführlich vorbereitet wurde und dass sie genau gewusst hatte, was alles nächstes passiert. Wenn sie stattdessen von einem Tag auf den anderen in das Außen-Skelett gepfercht worden wäre, hätte sie sicher nicht anders reagiert als Tanja in den letzten 24 Stunden...

Dass Melissa ihr Korsett ohne großes Murren akzeptiert hatte, ist für Tanja die Folge davon, dass das Umfeld passend reagiert hatte. Denn wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte sie sich selbst eingestehen müssen, dass sie bei allem, was eventuell peinlich sein könnte, einfach deutlich empfindlicher ist, als ein Großteil ihrer Freunde. Und das will sie sich nicht eingestehen.

Sie schüttelt den Kopf. Wenn sie an Melissas Stelle gewesen wäre... wenn sie auf der Liege des Arztes gesessen wäre, neben ihr dieses schreckliche Außen-Skelett, sie hätte nicht gewusst, wie sie reagiert hätte... Sie kann ihre Freundin eigentlich nur bewundern.

Ein neuer Gedanke: Vielleicht... vielleicht denkt sie aber auch nur JETZT so? Aus der Entfernung lässt sich immer leicht spekulieren... Vielleicht hatte sie selbst nur deswegen die Gedanken, die Behandlung mit dem Korsett abzulehnen, weil sie nicht in Melissas Situation war?

Denn über eine unangenehme Situation nachzudenken ist etwas ganz anders, als tatsächlich in dieser Situation zu stecken. Vielleicht ist das genauso wie bei einem Horrorfilm? In die Decke gekuschelt auf der Couch vor dem Fernseher zu sitzen ist eine ganz andere Sache, als wirklich von einem verrückten Mörder verfolgt zu werden...

Tatsächlich tagein-tagaus Rückenschmerzen zu haben ist eine GANZ ANDERE Sache, als darüber nachzudenken, dass so ein Korsett eine ziemlich peinliche Angelegenheit wäre...

Vielleicht hat sich für Melissa die Frage, ob sie das Korsett tragen soll oder nicht, nie gestellt? Vielleicht war sie ja sogar froh gewesen, etwas gegen ihre krumme Wirbelsäule unternehmen zu können? Tanja weiß es nicht, so direkt hatte sie Melissa nie danach gefragt.

Ihr selbst wäre es zu peinlich gewesen, über das Korsett ausgefragt zu werden - wenn sie eines hätte tragen müssen - und sie hatte stillschweigend angenommen, dass es ihrer Freundin genauso gehen muss. Aber vielleicht war das ein Trugschluss?

Denn - wie gesagt - Melissa hatte nie wirklich offensichtliche Probleme gehabt, ihre "Zwangsjacke" zu tragen. Klar hatte sie von Zeit zu Zeit gesagt, dass das Teil unbequem ist, weil es ihren Körper in eine unnatürliche Position zwängt.

Halt, falsch: Genau anders herum! Das Korsett soll ihren Körper ja gerade in eine natürliche Position bringen, heraus aus der verkrümmten Position, in der das Rückgrat die ganze Zeit war...

Hmmm, manchmal ist es gar nicht so leicht, "richtig" und "falsch" auseinander zu halten. Die "richtige" Lösung ist manchmal eben nicht nicht die leichte und einfache Alternative! Am einfachsten wäre es gewesen, auf das unbequeme und peinliche Korsett zu verzichten und einfach so weiterzumachen wie bisher. Es wäre vermutlich nicht die "richtige" Lösung gewesen, aber die einfache...

Nur hatte sich Melissa eben nicht dafür entschieden, sondern für den unbequemeren Weg. Bedeutet das nicht, dass ihre Freundin mit ernsthaften Problemen zu kämpfen hatte? Probleme ernst genug, dass eine unangenehme Behandlung nötig wird?

Ohne sich jedoch davon unterkriegen zu lassen, denn - wie gesagt - hatte Tanja nie das Gefühl, dass Melissa riesige Probleme damit hatte, dieses Skelett tragen zu müssen.

OK; zugegeben, dazu hatte mit Sicherheit auch beigetragen, dass Melissa das Teil nie in der Schule hatte tragen müssen. Tanja ist sich sicher, dass Melissa darüber dann doch deutlich erleichtert war, denn Schule kann ein brutaler Ort sein für jemanden mit einer "Schwäche".

Andererseits hatte das Mädchen nie wirklich Probleme, sich mit ihrem Exoskelett zu präsentieren, wenn der Rahmen privater war. Wenn sie selbst Freunde eingeladen hatte oder zu Besuch bei Freunden war, immer hatte sie ihr Korsett getragen...

Tanja presst die Lippen aufeinander: "Sowas würde ich mich mit einer Außenspange NIE trauen. NIE IM LEBEN würde ich jemandem erzählen, dass ich so ein Teil tragen muss... Naja, Melissa... Melissa ist VIELLEICHT die einzige Ausnahme davon, trotzdem... nicht mal der würde ich es ZEIGEN" Sie beneidet ihre Freundin in diesem Moment um deren Charakterfestigkeit.

Sie wusste, dass sie ihr Korsett ausreichend tragen muss, sie wusste, dass sie in dem Korsett eingeschränkt sein wird. Für mehrere Jahre! Und doch hatte sie das so akzeptiert und sich durch die Zeit durchgekämpft. Und das anscheinend, ohne in tiefe Depressionen zu versinken.

Tanja wünscht sich, sich einer Scheibe davon abschneiden zu können. Sie würde in der Hinsicht gerne wie Melissa sein. Nein, stopp, komplett falsch: Sie würde garantiert nicht die gleichen Probleme wie Melissa haben wollen, Tanja ist froh, dass dieser Kelch an ihr vorbei gegangen ist. Auch wenn sie sich für diese Gedanken ein wenig schuldig fühlt.



Trotzdem: Tanja hat ihre eigenen Probleme: Sie will gerade Zähne, sie will ein schönes und gleichmäßiges Lächeln und nicht etwas, das nur marginal besser ist als der jetzige Zustand.

Das ist doch - wie gesagt - DER Grund, warum sie überhaupt damals der Behandlung zugestimmt hatte. Nicht, weil ihre Eltern sie dazu gedrängt hätten. Nicht, weil es "normal" ist, dass Kinder in ihrem Alter Spangen haben. Nein, alles Bullshit. Der EINZIGE Grund, warum sie jetzt feste Spangen hat, ist, weil sie gerade Zähne haben will...

Dass dazu natürlich Zahnspangen eingesetzt werden, ist ein notwendiges Übel. Das versteht Tanja natürlich. Zahnspangen sind der einzige Weg, Zähne zu bewegen... Klar!

Seltsam: Wenn sie vor ein paar Wochen - ach was, vor ein paar Stunden - vor die Wahl gestellt worden wäre: Behandlung beenden oder Headgear tragen - wäre ihr noch "klar" gewesen, dass sie lieber auf Zahnspangen komplett verzichtet und ihre schiefen Zähne behalten hätte, anstatt sich eine Außenspange einsetzen zu lassen...

Jetzt, da sie tatsächlich vor dieser Entscheidung steht, sieht die Sache komplett anders aus:

Sie will NICHT die einzige sein, die am Schluss mit schiefem Gebiss leben muss, während alle anderen schöne gerade Zähne haben. Und wenn sie dazu Spangen tragen muss, dann muss das eben so sein. Dann will sie im Gegenzug aber auch ein wirklich SCHÖNES Lächeln.

Ganz besonders jetzt, da sie weiß, dass ihre Zähne schiefer stehen als bisher gedacht... Vor allem jetzt, da sie weiß, dass sie MIT festen Spangen (aber ohne Außenspange) vielleicht kein schöneres Lächeln bekommen könnte als ihre Freunde OHNE Spangen...

Die Frage ist nicht länger, ob sie feste Spangen tragen will oder nicht. Immerhin HAT sie diese Spangen jetzt seit mehreren Monaten. Und sich mehr oder minder damit arrangiert. DAS Thema ist gegessen!

Nein, die Frage, die sie jetzt umtreibt, lässt sich mit einem kompliziert klingenden Begriff umschreiben, den sie von ihrer Mutter aufgeschnappt hatte, und der hier wie die Faust aufs Auge passt: "Kosten-Nutzen-Analyse"

Wie viel ist ihr der Wunsch wert, das "Optimum" aus ihrer Behandlung herauszuholen? Muss sie wirklich das "schönste Lächeln im Land" haben? Vor allem, wenn sich dieses "Optimum" nur MIT Außenspange erreichen lässt? Oder kann sie auch mit einem "nur" guten Ergebnis leben, wenn sie dafür um das Headgear herumkommen würde?

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Re: story - When in Rome...
« Reply #16 on: 31. March 2021, 16:26:20 PM »
Kapitel 15/15 - Die Entscheidung

"Aber... aber - Halt! Stopp! STOPP!" Tanja bleibt so abrupt stehen, dass ein Junge - nicht der gleiche wie vorhin - beinahe in sie hineingerannt wäre. In diesem Augenblick ist ihr etwas aufgefallen, an das sie bisher noch gar nicht gedacht hatte:

Sie hat keine Ahnung, wie lange sie ihr Headgear überhaupt tragen müsste. Sie hat keine Ahnung, wie schlimm es wirklich werden würde. Sie hat keine Ahnung, was genau auf sie zukommen würde. Das kann ihr nur Dr. Mahlmann sagen...

Bisher hatte sie keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, wie ihre Behandlung weiterlaufen würde. Allein die Drohung, dass eine Außenspange eventuell auf sie warten KÖNNTE, sie in einen "Panikmodus" verfallen zu lassen. Alles andere war unwichtig, nur die drohende Gefahr, sich zum Gespött zu machen, hatte gezählt.

Doch ganz genau das darf nicht passieren! Wie gesagt: Sie WILL ja gerade Zähne. Deswegen trägt sie ja feste Spangen und deswegen muss sie sich ernsthaft überlegen, wie viel ihr dieses "schöne Lächeln" wert ist. In eine Blockadehaltung zu verfallen ist gerade der falsche Weg...

"Dr. Mahlmann soll mir GANZ GENAU erklären, was auf mich zukommen würde, wenn ich mich FÜR ein Headgear entscheiden sollte! Wie lange ist das dumme Teil tragen muss... Also wie lange jeden Tag und so! Und wie viele Wochen... Soll er mir haargenau erklären! Wenn er will, dass ich so ein Gerät bekomme, dann ist das das mindeste, was er tun muss!"

Und vielleicht, wenn sie Glück hat, muss sie das Ding dann nicht einmal SO LANGE tragen? Schließlich sei sie ein Grenzfall, hatte der Arzt gesagt. Hoffentlich bedeutet das, dass sie es nicht so viel tragen muss wie Leute, die so ein Teil WIRKLICH brauchen?

Vielleicht wird es ja also gar nicht so schlimm wie befürchtet? Sie hat ja keine Ahnung, wie sich so eine Außenspange anfühlt. Sie war bisher immer vom Schlimmsten ausgegangen, ohne zu wissen, was das sein soll. Vielleicht waren ihre Befürchtungen einfach übertrieben?

Dann wäre die Aussicht auf ein Metallbogen um ihr Gesicht zwar immer noch sch***e, aber nicht mehr der schlimmste Albtraum ihres Lebens... - ja OK, das war wieder etwas übertrieben...

Trotzdem: Sie will auf keinen Fall, dass ihre Freunde davon wissen. Das ist weiterhin ein absolutes No-Go. "Niemand, nicht mal meine beste Freundin darf erfahren, dass ich vielleicht so ein Teil tragen muss. Ich würde mich ja zum totalen Gespött machen... Nein, niemals!"

Aber... aber wenn es sich so einrichten ließe, dass es ein Geheimnis bliebe und nur sie selbst - OK, OK: sie selbst UND ihre Eltern UND Dr. Mahlmann - davon wüssten... wenn sie das Gestell nur in den eigenen vier Wänden tragen müsste... dann... naja dann würde zumindest EINE der zahlreichen Hürden wegfallen...

Und... und vielleicht... vielleicht ist es WIRKLICH gar nicht mal so schlimm, so ein Zaumzeug zu tragen? Schließlich... schließlich hatte sie sich ja auch mehr oder minder an die festen Spangen gewöhnt, obwohl sie die Dinger in der ersten Woche auf den Tod nicht leiden konnte. Vielleicht ist es bei der Außenspange ja ähnlich... Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm? Vielleicht KANN sie sich ja dran gewöhnen, das dumme Teil zuhause zu tragen?

Tanja ist plötzlich voller Elan, beinahe schon euphorisch, als ihr die Konsequenz klar wird: Denn wenn sie sich damit arrangieren KÖNNTE, würde das nicht automatisch bedeuten, dass sie schöne gerade Zähen bekommen würde? Dieses Mal wirklich schöne gerade Zähne? Das hatte doch Dr. Mahlmann am Telefon so gesagt, nicht wahr? Hatte ihr Kieferorthopäde damit nicht praktisch versprochen, dass sie ein wunderschönes Lächeln bekommen werde, wenn sie eine begrenzte Zeit mit so einem Zaumzeug leben könne?

Der Gedanke an gerade Zähne und ein schönes Lächeln ist für Tanja plötzlich ein ungeahnter Motivationsschub...



"Aber... aber was ist... wenn ich es DOCH länger tragen muss?" meldet sich sofort ein Teil ihres Gehirns panisch. "Und was ist, wenn ich es NICHT geheim halten kann? Wenn jeder in der Schule erfährt, dass..."

Sie seufzt tief und lang. Jetzt bloß nicht in Panik verfallen. Jetzt, da sie der Lösung ihres Problems näher ist als je zu vor. JETZT muss sie auf jeden Fall die Ruhe bewahren!

"Soweit wird es nie kommen", beruhigt sie sich dann selbst mit Nachdruck. "Niemand wird je davon erfahren, dass ich so ein Teil tragen muss. Das müssen mir meine Eltern und Dr. Mahlmann absolut versprechen. Sonst können die es sich abschminken, dass ich das Ding auch nur ein einziges Mal einsetze..."

"Sie MÜSSEN mir versprechen, dass ich das Headgear nur zuhause tragen muss. Wenn nicht, oder wenn ich es zu lange tragen muss, dann werde ich mich einfach weigern. So einfach ist das. Und dann können sich meine Eltern auf den Kopf stellen, so viel sie wollen. Jawohl!"

Sie hebt langsam ihre Kleidung auf. Soll sie sich die Kleidung überziehen? Nein, sie entscheidet sich dagegen. Das Handtuch ist voller Sand, Tanja schüttelt es aus. Sie will nicht zur Sandstatue werden, wenn sie es sich um die Hüfte bindet. Das alles geschieht langsam und bedächtig, denn sie ist gerade dabei, einen entscheidenden Gedanken zu formulieren:

Sie spürt geradezu, dass sie ganz kurz vor einem entscheidenden Durchbruch steht. Jetzt nichts überstürzen und nicht ablenken lassen, dann... dann könnte sie wirklich zu einer Lösung kommen:

Vorhin... da hatte sie sich doch überlegt, was sie noch erwarten KANN, wenn sie auf Headgear verzichtet. Ist die wichtigere Frage nicht eigentlich inzwischen, was sie noch erwarten DARF?

Tanja verdreht ihre Augen, als ihr eine Sache klar wird: "Oh mein Gott, ich klinge schon wie meine Eltern... Schrecklich!" Und tatsächlich ist das eine Frage, die sie sich in einem Streitgespräch mit ihren Eltern anhören müsste:

"Wenn Du kein Headgear tragen willst, dann ist das Deine Entscheidung, die wir respektieren", könnten die Eltern beispielsweise vorbringen. "Aber dann darfst Du Dich nicht beschweren, wenn das Resultat Dir am Ende nicht gefällt! Du WEISST jetzt, dass Du ein Headgear brauchst. Wenn Du das dann nicht trägst... dann musst DU damit leben können, dass Deine Zähne eventuell nicht so gerade werden, wie Du Dir das erhoffst..." Tanja kann ihre Eltern geradezu vor sich sehen mit erhobenem Zeigefinger: "Kannst Du damit leben, schiefe Zähne zu behalten?"

Tanja faucht genervt auf, was ein älteres, sonnenbadendes Ehepaar veranlasst, erstaunt zu ihr herüber zu blicken. Oh man, das ist neu: Jetzt bringen ihre Eltern sie schon auf die Palme, obwohl sie an dieser Sache sogar unschuldig sind... aber... aber GENAU SO würde ihre Eltern argumentieren, also darf sie doch böse auf die Eltern sein, oder nicht?

Ach, ist doch alles sch***e, ganz besonders weil das Argument ja auch noch wahr ist. Sie hat sich inzwischen lange genug mit dem Thema befasst, zum erkannt zu haben, dass... dass... verdammt, wie soll sie es formulieren...

"Ich... ich will schon gerade Zähne, wirklich." Tanja spricht jeden Satz langsam und bedächtig aus, betont jede Silbe. "Wenn wirklich kein Weg am Headgear vorbei führt, dann... dann sollte ich zumindest mal schauen, ob ich mich nicht doch irgendwie damit arrangieren kann. Oder nicht? Doch... Ja, doch, DOCH! Ja genau! Und wenn nicht, dann... naja... dann muss ich eben mit dem Resultat leben, das die festen Spangen allein hinbekommen."

"Denn... Denn Dr. Mahlmann hatte doch gesagt, dass meine Zähne auch ohne Headgear gerade werden. Vielleicht nicht ganz so gerade wie sie könnten, aber sie werden trotzdem gerade." Wenn sie sich wirklich nicht an das Zaumzeug gewöhnen kann, naja, dann muss sie eben nehmen, was sie bekommen kann. Soll heißen: Dann muss sie sich eben mit einem "guten" und nicht dem "besten" Ergebnis zufriedengeben. Das wäre auch nicht so schlimm. Alles ist besser als die Situation jetzt mit dem komplett schiefen Gebiss...

"Und dann weiß ich wenigstens, dass ich es versucht habe..." Tanja nickt, erstaunt und beeindruckt von sich selbst. Dass sie sich zu diesem Gedanken hatte durchringen können, hätte sie nie im Leben gedacht. Der Gedanke an so ein Zaumzeug ist immer noch schrecklich genug, dass sie gegen eine Gänsehaut ankämpfen muss. Aber die Tatsache, dass sie jetzt anscheinend sogar bereit ist, es mal 'ne Zeit lang mit Außenspange zu versuchen... das kommt einer Revolution gleich.



Und wenn... Tanja hält plötzlich inne, die Badelatschen in den Händen. Sie legt ihren Kopf schief. Ihr Gesicht versieht sich zu einer Grimasse, sie grinst breit.

"Mein Gott, ich glaub's ja nicht. Was ist denn mit mir los...?", schüttelt sie ihren Kopf, breit grinsend.

In diesem Moment ist ihr nämlich eine Sache klar geworden: Sie hat absolut ernsthaft über die Situation nachgedacht, in der sie seit heute Mittag ist. Und doch haben sich ihre Gedanken in den letzten Minuten radikal geändert.

Heute Mittag hatte sie zwar auch schon mal "ernsthaft" nachgedacht. Aber darüber, wie sie möglichst sicher am Headgear vorbei manövrieren könnte. Denn sie hatte ja "gewusst", dass die Vorteile niemals die Nachteile hätten aufwiegen können.

Und jetzt überlegt sie ernsthaft, ob sie es nicht vielleicht doch mal mit diesem Teil versuchen sollte? WOW! Denn die Vorteile daraus sind nicht zu verleugnen und wenn sie es schaffen könnte, die Nachteile im Griff zu behalten... dann wäre es doch einen Versuch wert, nicht wahr?

Wenn das mal kein Fortschritt ist...

Das Grinsen wird noch breiter, denn gerade hat sie noch etwas erkannt: Noch vor wenigen Minuten, als sie vorhin zum Strand runter gelaufen war, waren ihre Gedanken nur um die Angst gekreist, dass Dr. Mahlmann ankündigen könnte, dass eine Außenspange alternativlos nötig sei. Dann - so war ihre Überzeugung gewesen - hätte sie nichts mehr zu lachen gehabt.

Aber in den letzten Minuten, da hatte es für sie keine Rolle mehr gespielt, ob ihr Kieferorthopäde auch wirklich darauf BESTEHEN würde. Sie hatte vollkommen akzeptiert, dass so ein Metallbogen in Kürze in ihrem Behandlungskonzept auftauchen würde. Daran kann es keinen sinnvollen Zweifel mehr geben.

Oh, nach dem Telefonat mit ihrer Mutter wird Dr. Mahlmann das Headgear mit ABSOLUTER SICHERHEIT in den Behandlungsplan aufnehmen. Es stellt sich nur die Frage, ob als "Option" oder als "Muss". Und selbst diese Frage ist inzwischen eigentlich nur noch von akademischem Interesse...

Waren ihre Gedanken anfangs nur darum gekreist, wie sie die Konsequenzen am besten VERHINDERN könnte, hatte sie jetzt die letzten Minuten damit zugebracht, zu überlegen, wie sie die Konsequenzen am bestem IN DEN GRIFF bekommen könnte:

Ob Dr. Mahlmann im Endeffekt auf dem Headgear besteht, ist irrelevant geworden. Sie hat beschlossen, sich weder vom Arzt noch den Eltern in ihre Behandlung reinreden zu lassen. Sie wird ihren eigenen Weg gehen, wohin der sie auch führen wird. Wenn sie sich gegen Headgear entscheidet, wird sie's nicht tragen, so einfach ist das. Und falls sie sich dafür entscheidet, naja...

Ein - zugegebenermaßen sehr schmaler und schlängelnder - Pfad führt sie momentan in die folgende Richtung: Sie hat beschlossen, die Außenspange nicht kategorisch abzulehnen, solange er der Meinung ist, dass das Headgear in ihrer Behandlung zumindest SINNVOLL sei!

Und weil er ihr sicherlich eine Außenspange ans Herz legen wird... Sie seufzt...

"Aber..." sie leckt sie die Lippen, "aber läuft das nicht darauf hinaus, dass ich... dass ich praktisch bereit ist, zumindest versuchsweise mir so ein schreckliches Zaumzeug umschnallen zu lassen? Ich will aber nicht..."

Nur dass dieses "Ich will aber nicht" bei weitem nicht mehr mit derselben Vehemenz ausgesprochen wird wie noch vor ein paar Stunden. Es klingt nicht mehr nach "Nie im Leben", hat vielmehr deutliche Anklänge von "Worauf habe ich mich jetzt wieder eingelassen?"

Tanja hat sich damit halbwegs abgefunden, zumindest versuchsweise ein Headgear zu tragen. Jetzt kann sie nur noch hoffen, dass die Auswirkungen nicht zu schlimm werden... Und dass ihre Entscheidung bestehen bleibt. Dass sie - wie Melissa - das Durchhaltevermögen hat, zu ihrer Entscheidung zu stehen und nicht alles wieder umzuwerfen.

So seltsam das klingt, ist ihre größte Sorge derzeit nicht die Angst, sich mit dem Headgear zu blamieren, sondern die Frage, dass sie ihren Entschluss nicht aufrecht erhalten kann.

Nein, das ist wieder mal falsch: Ihre größte Angst ist nach wie vor, sich zum Narren zu machen. Wird's auch IMMER sein! DAS ist doch genau der Dreh- und Angelpunkt, um den alle ihre Probleme mit Zahnspangen kreisen...

Es geht doch nicht darum, dass ihre Zähne für ein paar Tage empfindlich werden, wenn der Kieferorthopäde "nachspannt". Meinetwegen, dann tut es eben ein paar Tage weh, aber das "Problem" hatte sie bei der festen Spange bald im Griff und sie hat auch keine Zweifel, dass sie sich auch mit den "Schmerzen", die von der Außenspange verursacht werden, abfinden kann.

Nein, bei Tanja dreht sich alles ausschließlich darum, ob sie den peinlichen Situationen ausweichen kann. Und das peinlichste an der Außenspange ist nun mal eben, damit gesehen zu werden. Meh! Wenn sie DAS verhindern könnte... ein großes Problem wäre gelöst.

Weil sie sich aber selber schon geschworen hat, alles daran zu legen, um sicherzustellen, dass niemand etwas von ihrer Außenspange erfahren wird... Ist das Problem nicht schon so gut wie gelöst?

Na gut... vielleicht ist Melissa eine Ausnahme von dieser Regel. Denn die hatte so viele Geheimnisse ihrer Skoliose-Behandlung mit Tanja geteilt, dass es geradezu gemein gewesen wäre, ihr jetzt im Gegenzug nicht von den bevorstehenden Änderungen in ihrer kieferorthopädischen Behandlung zu erzählen... "Naja, vielleicht machen wir es so: Solange Melissa nicht fragt, werd' ich's ihr nicht erzählen. Ich weiß zwar, dass sie Geheimnisse nicht ausplaudert, aber irgendwie will ich es ihr trotzdem nicht sagen... noch nicht..."



Tanjas Angst ist praktisch, dass ihre Angst, sich zum Gespött zu machen, im Lauf der kommenden Tage dann doch wieder die Oberhand gewinnt. Es ist quasi die Angst vor der Angst, die ihr Probleme bereitet.

Derzeit ist Tanja sich sicher, dass sie die Konsequenzen beherrschen kann, WENN ihre Eltern und ihr Kieferorthopäde mitspielen und sie die nervige Spange nur zuhause tragen muss, sodass niemand davon erfahren kann.

Sollte das nicht möglich sein oder durch irgendeinen dummen Zufall doch jemand von ihrer Außenspange erfahren...  Tanja kennt sich gut genug, um zu wissen, dass sie IN DIESEM FALL mit größter Wahrscheinlichkeit tatsächlich einen Rückzieher machen würde. Und ganz ehrlich gefragt: Könnte ihr das jemand verübeln?

Aber selbst, wenn sie aufhören würde, Headgear zu tragen, wäre das nicht das Ende der Welt, denn ihre Behandlung würde dann einfach mit ihren "normalen" festen Spangen weiterlaufen. Es ist ja nicht so, dass ihre Behandlung endet, nur weil sie sich ihr Zaumzeug nicht mehr umschnallen will. Nein... Es ist somit gerade garantiert, dass ihre Zähne gerader werden. Es stellt sich nur die Frage, ob sie den Mut für die "bessere" Behandlung aufbringen kann..



Sie macht sich auf den Rückweg, der Sand knirscht unter den Badelatschen. Das Mädchen ist froh, doch nochmal zum Strand gegangen zu sein, denn sie hatte die Zeit wider Erwarten DOCH gut nutzen können, um nachzudenken:

Sie HATTE Ordnung in das Chaos bringen können, zumindest teilweise. Sie hatte das Problem genauer definieren können und fühlt, dass sie auf dem richtigen Weg ist, auch eine Lösung zu finden:

"Wenn es nicht wirklich nötig ist, will ich kein verflixtes Headgear! Aber ich will gerade Zähne! Denn sonst hätte ich mir die dämlichen Spangen auch gleich ganz sparen können!"

Dann lächelt sie gezwungen. "Nur werde ich das Mama und Papa garantiert NIE auf die Nase binden..."

Denn wenn ihre Eltern erfahren sollten, dass sie inzwischen nicht mehr alle Gedanken an ein Headgear kategorisch abblockt, wird Tanjas Lage "hoffnungslos". Dann wird es nämlich unmöglich, sich später doch noch irgendwie aus der Sache herauswuseln zu können, wenn sie sich am Ende doch GEGEN eine Außenspange entscheiden sollte.



Zu sagen, dass Tanja gute Laune hat, wäre übertrieben gewesen. Aber die Tatsache, dass sie ein paar der größten Sorgen ablegen konnte, hatte einen ganz ähnlichen Effekt. Oder anders formuliert: Tanja ist voller Hoffnung, dass sich ihr Problem lösen ließe.

Die Entscheidung FÜR Headgear war vermutlich - hoffentlich - die richtige Entscheidung? Nicht die leichte, aber vermutlich die richtige... Tanja nickt... das klingt... das klingt gut! Sie lächelt.

Während das große Badehandtuch im Takt ihrer Schritte schwingt, kristallisiert sich ENDLICH der EINE relevante Gedanke heraus, der Tanja in den nächsten Tagen und Wochen verfolgen wird:

"Wie schlimm ist so 'ne Außenspange eigentlich? Und... und schaff' ich es wirklich, mich damit zu arrangieren?"

ENDE - Es gibt keine weitere Fortsetzung

Während das aus meiner Sicht das Ende dieser Gesichte ist und ich - zumindest derzeit - KEINE Pläne habe, eine Fortsetzung zu schreiben, wäre ich sehr daran interessiert, wie IHR EUCH eine mögliche Fortsetzung vorstellen könntet.

Deswegen meine Bitte an Euch: Schreibt doch, egal ob in ein paar knappen Stichpunkten oder einem längeren Text, wie die Geschichte um Tanja aus EURER Sicht weitergehen könnte.


Offline katrinp_99

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Re: story - When in Rome...
« Reply #17 on: 31. March 2021, 21:08:58 PM »
Beeindruckend und mal eine total andere Perspektive - auch wenn es fraglich bleibt, ob Teenager  derart rationalisieren.

Offline silver-moon-2000

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Re: story - When in Rome...
« Reply #18 on: 01. April 2021, 16:58:52 PM »
[...] auch wenn es fraglich bleibt, ob Teenager  derart rationalisieren.
Erstens, danke für's Feedback.

Zweitens: Du hast in 9 Wörtern beschrieben, warum ich meinte, dass die Geschichte hätte besser sein können...  ;D
Ja, ich bin durchaus der Meinung, dass Kinder und Jugendliche derart rational sein können. Aber... das große Aber  ;D vermutlich nicht an einem Nachmittag nach einem großen Streit.

Die Geschichte sollte ursprünglich keinen so definierten Abschluss haben, sondern deutlich offener enden: Der letzte Satz hätte nicht sein sollen:

"Wie schlimm ist so 'ne Außenspange eigentlich? Und... und schaff' ich es wirklich, mich damit zu arrangieren?"

sondern:

"Meine Eltern wollen, dass ich so 'ne verdammte Außenspange trage. Das ist zum Kotzen, ich hoffe wirklich, dass ich mich da noch irgendwie rauswursteln kann... und wenn das wirklich nicht geht... vielleicht hab' ich ja Glück und es wird nicht so schlimm..."

Das klingt realistischer, nicht wahr? Ich denke, dass Du dann mit dem Ergebnis auch zufriedener gewesen wärst?  >:D (Nein, ich meine das NICHT böse, bin nicht beleidigt oder so: Schau genauer hin, der Teufel-Smiley lächelt...  ;D)

Es ist nur so: Wenn ich mal anfange zu schreiben, tue ich mir schwer, einen guten Schluss zu finden. Und ich schrieb anfangs ja auch, dass ich die Geschichte über Wochen und Monate hinweg immer weiter erweitert und überarbeitet hatte. Mit anderen Worten: Ich hatte hier einen guten Einfall für ein halbes Kapitel, dort für einen kurzen Einschub. 
Das Schöne ist, dass mir der Einschub wirklich gefällt, das Dumme ist, dass er die Richtung, in die die Geschichte geht, leicht - ganz leicht - ändert. Und wenn das immer und immer wieder passiert, wenn die Richtung immer wieder etwas geändert wird, wenn immer neuer Inhalt dazu kommt, dann tut das nicht wirklich gut.

Ich betriebe hier kein story-bashing, ich ziehe nicht über meine eigene Geschichte her. Ich mag meine Geschichte, ich bin mir aber auch der "Fehler" durchaus bewusst.

Dennoch hatte ich gedacht, dass ich die Geschichte, so wie sie ist, veröffentlichen will. Ich habe so viele gute stories gelesen, da konnte ich nicht mehr still sitzen, sondern musste meinen Senf auch dazu geben. Ich hoffe, dass die Geschichte trotz ihrer Schwächen gefallen hat.

Offline Braceface2015

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Re: story - When in Rome...
« Reply #19 on: 01. April 2021, 18:02:58 PM »
Each person has their own way of writing. Your stories move at a slow pace, which is fine.

I have enjoyed the stories you have written. Being able to write the same story in two languages is amazing, especially when you can say the same thing in both of them.

I very seldom have a firm storyline when I write, so the story can change direction a few times before I finish it.

What we write is fictional or fantasy, even though it is usually based on real-life situations and treatments, so it doesn't always have to be accurate.

I am looking forward to reading more of your stories in the future.