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Author Topic: story - When in Rome...  (Read 1034 times)

Offline silver-moon-2000

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Re: story - When in Rome...
« Reply #15 on: 31. March 2021, 16:25:54 PM »
Kapitel 14/15 - Abschweifende Gedanken

Kommentar: Dieses Kapitel ist ein Paradebeispiel für eine Erweiterung, die erst nachträglich eingefügt worden ist. Die ursprüngliche Idee hatte absolut keine Verweise auf eine Freundin und deren Krankheitsgeschichte enthalten.

Naja, doch: Ihre Gedanken kehren auch zu dem anderen Mädchen zurück, an das sie vorhin schonmal gedacht hatte: Melissa. Obwohl sie schon seit langem beste Freundinnen sind, fühlt sie sich seit ein paar Stunden noch mehr mit dem Mädchen verbunden: Verbindet beide doch die Eigenschaft, mit aufwändigen medizinischen Behandlungsgeräten gestraft zu sein...

Bei Melissa war es damals aber ein wenig anders gewesen: Sie hatte seit Jahren gewusst, dass irgendwas mit ihrem Rücken nicht stimmt. Schon im Kindergarten hatte sie - kann sich Tanja erinnern - unter Rückenschmerzen gelitten. Doch der Spezialist, der Melissa schließlich untersucht und die Diagnose "Skoliose" gestellt hatte, hatte alles richtig gemacht. Er hatte sich Zeit genommen, dem Mädchen und den Eltern alles Nötige zu erklären.

Jedenfalls ist Tanja davon überzeugt, dass es so gelaufen sein muss. Denn anders kann sie sich nicht erklären, dass ihre Freundin eigentlich nie einen Aufstand darum gemacht hatte, so ein ätzendes Konstrukt tragen zu müssen.

Tanja ist fair genug, zuzugeben, dass so ein Skoliose-Korsett dann nochmal 'ne ganze Nummer schlimmer ist als so eine dämliche Außenspange. Und trotzdem hatte Melissa die Situation besser hingenommen als sie selbst die Sache mit dem Headgear.

Und DAS kann nur davon kommen, dass Melissa langsam und ausführlich vorbereitet wurde und dass sie genau gewusst hatte, was alles nächstes passiert. Wenn sie stattdessen von einem Tag auf den anderen in das Außen-Skelett gepfercht worden wäre, hätte sie sicher nicht anders reagiert als Tanja in den letzten 24 Stunden...

Dass Melissa ihr Korsett ohne großes Murren akzeptiert hatte, ist für Tanja die Folge davon, dass das Umfeld passend reagiert hatte. Denn wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte sie sich selbst eingestehen müssen, dass sie bei allem, was eventuell peinlich sein könnte, einfach deutlich empfindlicher ist, als ein Großteil ihrer Freunde. Und das will sie sich nicht eingestehen.

Sie schüttelt den Kopf. Wenn sie an Melissas Stelle gewesen wäre... wenn sie auf der Liege des Arztes gesessen wäre, neben ihr dieses schreckliche Außen-Skelett, sie hätte nicht gewusst, wie sie reagiert hätte... Sie kann ihre Freundin eigentlich nur bewundern.

Ein neuer Gedanke: Vielleicht... vielleicht denkt sie aber auch nur JETZT so? Aus der Entfernung lässt sich immer leicht spekulieren... Vielleicht hatte sie selbst nur deswegen die Gedanken, die Behandlung mit dem Korsett abzulehnen, weil sie nicht in Melissas Situation war?

Denn über eine unangenehme Situation nachzudenken ist etwas ganz anders, als tatsächlich in dieser Situation zu stecken. Vielleicht ist das genauso wie bei einem Horrorfilm? In die Decke gekuschelt auf der Couch vor dem Fernseher zu sitzen ist eine ganz andere Sache, als wirklich von einem verrückten Mörder verfolgt zu werden...

Tatsächlich tagein-tagaus Rückenschmerzen zu haben ist eine GANZ ANDERE Sache, als darüber nachzudenken, dass so ein Korsett eine ziemlich peinliche Angelegenheit wäre...

Vielleicht hat sich für Melissa die Frage, ob sie das Korsett tragen soll oder nicht, nie gestellt? Vielleicht war sie ja sogar froh gewesen, etwas gegen ihre krumme Wirbelsäule unternehmen zu können? Tanja weiß es nicht, so direkt hatte sie Melissa nie danach gefragt.

Ihr selbst wäre es zu peinlich gewesen, über das Korsett ausgefragt zu werden - wenn sie eines hätte tragen müssen - und sie hatte stillschweigend angenommen, dass es ihrer Freundin genauso gehen muss. Aber vielleicht war das ein Trugschluss?

Denn - wie gesagt - Melissa hatte nie wirklich offensichtliche Probleme gehabt, ihre "Zwangsjacke" zu tragen. Klar hatte sie von Zeit zu Zeit gesagt, dass das Teil unbequem ist, weil es ihren Körper in eine unnatürliche Position zwängt.

Halt, falsch: Genau anders herum! Das Korsett soll ihren Körper ja gerade in eine natürliche Position bringen, heraus aus der verkrümmten Position, in der das Rückgrat die ganze Zeit war...

Hmmm, manchmal ist es gar nicht so leicht, "richtig" und "falsch" auseinander zu halten. Die "richtige" Lösung ist manchmal eben nicht nicht die leichte und einfache Alternative! Am einfachsten wäre es gewesen, auf das unbequeme und peinliche Korsett zu verzichten und einfach so weiterzumachen wie bisher. Es wäre vermutlich nicht die "richtige" Lösung gewesen, aber die einfache...

Nur hatte sich Melissa eben nicht dafür entschieden, sondern für den unbequemeren Weg. Bedeutet das nicht, dass ihre Freundin mit ernsthaften Problemen zu kämpfen hatte? Probleme ernst genug, dass eine unangenehme Behandlung nötig wird?

Ohne sich jedoch davon unterkriegen zu lassen, denn - wie gesagt - hatte Tanja nie das Gefühl, dass Melissa riesige Probleme damit hatte, dieses Skelett tragen zu müssen.

OK; zugegeben, dazu hatte mit Sicherheit auch beigetragen, dass Melissa das Teil nie in der Schule hatte tragen müssen. Tanja ist sich sicher, dass Melissa darüber dann doch deutlich erleichtert war, denn Schule kann ein brutaler Ort sein für jemanden mit einer "Schwäche".

Andererseits hatte das Mädchen nie wirklich Probleme, sich mit ihrem Exoskelett zu präsentieren, wenn der Rahmen privater war. Wenn sie selbst Freunde eingeladen hatte oder zu Besuch bei Freunden war, immer hatte sie ihr Korsett getragen...

Tanja presst die Lippen aufeinander: "Sowas würde ich mich mit einer Außenspange NIE trauen. NIE IM LEBEN würde ich jemandem erzählen, dass ich so ein Teil tragen muss... Naja, Melissa... Melissa ist VIELLEICHT die einzige Ausnahme davon, trotzdem... nicht mal der würde ich es ZEIGEN" Sie beneidet ihre Freundin in diesem Moment um deren Charakterfestigkeit.

Sie wusste, dass sie ihr Korsett ausreichend tragen muss, sie wusste, dass sie in dem Korsett eingeschränkt sein wird. Für mehrere Jahre! Und doch hatte sie das so akzeptiert und sich durch die Zeit durchgekämpft. Und das anscheinend, ohne in tiefe Depressionen zu versinken.

Tanja wünscht sich, sich einer Scheibe davon abschneiden zu können. Sie würde in der Hinsicht gerne wie Melissa sein. Nein, stopp, komplett falsch: Sie würde garantiert nicht die gleichen Probleme wie Melissa haben wollen, Tanja ist froh, dass dieser Kelch an ihr vorbei gegangen ist. Auch wenn sie sich für diese Gedanken ein wenig schuldig fühlt.



Trotzdem: Tanja hat ihre eigenen Probleme: Sie will gerade Zähne, sie will ein schönes und gleichmäßiges Lächeln und nicht etwas, das nur marginal besser ist als der jetzige Zustand.

Das ist doch - wie gesagt - DER Grund, warum sie überhaupt damals der Behandlung zugestimmt hatte. Nicht, weil ihre Eltern sie dazu gedrängt hätten. Nicht, weil es "normal" ist, dass Kinder in ihrem Alter Spangen haben. Nein, alles Bullshit. Der EINZIGE Grund, warum sie jetzt feste Spangen hat, ist, weil sie gerade Zähne haben will...

Dass dazu natürlich Zahnspangen eingesetzt werden, ist ein notwendiges Übel. Das versteht Tanja natürlich. Zahnspangen sind der einzige Weg, Zähne zu bewegen... Klar!

Seltsam: Wenn sie vor ein paar Wochen - ach was, vor ein paar Stunden - vor die Wahl gestellt worden wäre: Behandlung beenden oder Headgear tragen - wäre ihr noch "klar" gewesen, dass sie lieber auf Zahnspangen komplett verzichtet und ihre schiefen Zähne behalten hätte, anstatt sich eine Außenspange einsetzen zu lassen...

Jetzt, da sie tatsächlich vor dieser Entscheidung steht, sieht die Sache komplett anders aus:

Sie will NICHT die einzige sein, die am Schluss mit schiefem Gebiss leben muss, während alle anderen schöne gerade Zähne haben. Und wenn sie dazu Spangen tragen muss, dann muss das eben so sein. Dann will sie im Gegenzug aber auch ein wirklich SCHÖNES Lächeln.

Ganz besonders jetzt, da sie weiß, dass ihre Zähne schiefer stehen als bisher gedacht... Vor allem jetzt, da sie weiß, dass sie MIT festen Spangen (aber ohne Außenspange) vielleicht kein schöneres Lächeln bekommen könnte als ihre Freunde OHNE Spangen...

Die Frage ist nicht länger, ob sie feste Spangen tragen will oder nicht. Immerhin HAT sie diese Spangen jetzt seit mehreren Monaten. Und sich mehr oder minder damit arrangiert. DAS Thema ist gegessen!

Nein, die Frage, die sie jetzt umtreibt, lässt sich mit einem kompliziert klingenden Begriff umschreiben, den sie von ihrer Mutter aufgeschnappt hatte, und der hier wie die Faust aufs Auge passt: "Kosten-Nutzen-Analyse"

Wie viel ist ihr der Wunsch wert, das "Optimum" aus ihrer Behandlung herauszuholen? Muss sie wirklich das "schönste Lächeln im Land" haben? Vor allem, wenn sich dieses "Optimum" nur MIT Außenspange erreichen lässt? Oder kann sie auch mit einem "nur" guten Ergebnis leben, wenn sie dafür um das Headgear herumkommen würde?

Offline silver-moon-2000

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Re: story - When in Rome...
« Reply #16 on: 31. March 2021, 16:26:20 PM »
Kapitel 15/15 - Die Entscheidung

"Aber... aber - Halt! Stopp! STOPP!" Tanja bleibt so abrupt stehen, dass ein Junge - nicht der gleiche wie vorhin - beinahe in sie hineingerannt wäre. In diesem Augenblick ist ihr etwas aufgefallen, an das sie bisher noch gar nicht gedacht hatte:

Sie hat keine Ahnung, wie lange sie ihr Headgear überhaupt tragen müsste. Sie hat keine Ahnung, wie schlimm es wirklich werden würde. Sie hat keine Ahnung, was genau auf sie zukommen würde. Das kann ihr nur Dr. Mahlmann sagen...

Bisher hatte sie keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, wie ihre Behandlung weiterlaufen würde. Allein die Drohung, dass eine Außenspange eventuell auf sie warten KÖNNTE, sie in einen "Panikmodus" verfallen zu lassen. Alles andere war unwichtig, nur die drohende Gefahr, sich zum Gespött zu machen, hatte gezählt.

Doch ganz genau das darf nicht passieren! Wie gesagt: Sie WILL ja gerade Zähne. Deswegen trägt sie ja feste Spangen und deswegen muss sie sich ernsthaft überlegen, wie viel ihr dieses "schöne Lächeln" wert ist. In eine Blockadehaltung zu verfallen ist gerade der falsche Weg...

"Dr. Mahlmann soll mir GANZ GENAU erklären, was auf mich zukommen würde, wenn ich mich FÜR ein Headgear entscheiden sollte! Wie lange ist das dumme Teil tragen muss... Also wie lange jeden Tag und so! Und wie viele Wochen... Soll er mir haargenau erklären! Wenn er will, dass ich so ein Gerät bekomme, dann ist das das mindeste, was er tun muss!"

Und vielleicht, wenn sie Glück hat, muss sie das Ding dann nicht einmal SO LANGE tragen? Schließlich sei sie ein Grenzfall, hatte der Arzt gesagt. Hoffentlich bedeutet das, dass sie es nicht so viel tragen muss wie Leute, die so ein Teil WIRKLICH brauchen?

Vielleicht wird es ja also gar nicht so schlimm wie befürchtet? Sie hat ja keine Ahnung, wie sich so eine Außenspange anfühlt. Sie war bisher immer vom Schlimmsten ausgegangen, ohne zu wissen, was das sein soll. Vielleicht waren ihre Befürchtungen einfach übertrieben?

Dann wäre die Aussicht auf ein Metallbogen um ihr Gesicht zwar immer noch sch***e, aber nicht mehr der schlimmste Albtraum ihres Lebens... - ja OK, das war wieder etwas übertrieben...

Trotzdem: Sie will auf keinen Fall, dass ihre Freunde davon wissen. Das ist weiterhin ein absolutes No-Go. "Niemand, nicht mal meine beste Freundin darf erfahren, dass ich vielleicht so ein Teil tragen muss. Ich würde mich ja zum totalen Gespött machen... Nein, niemals!"

Aber... aber wenn es sich so einrichten ließe, dass es ein Geheimnis bliebe und nur sie selbst - OK, OK: sie selbst UND ihre Eltern UND Dr. Mahlmann - davon wüssten... wenn sie das Gestell nur in den eigenen vier Wänden tragen müsste... dann... naja dann würde zumindest EINE der zahlreichen Hürden wegfallen...

Und... und vielleicht... vielleicht ist es WIRKLICH gar nicht mal so schlimm, so ein Zaumzeug zu tragen? Schließlich... schließlich hatte sie sich ja auch mehr oder minder an die festen Spangen gewöhnt, obwohl sie die Dinger in der ersten Woche auf den Tod nicht leiden konnte. Vielleicht ist es bei der Außenspange ja ähnlich... Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm? Vielleicht KANN sie sich ja dran gewöhnen, das dumme Teil zuhause zu tragen?

Tanja ist plötzlich voller Elan, beinahe schon euphorisch, als ihr die Konsequenz klar wird: Denn wenn sie sich damit arrangieren KÖNNTE, würde das nicht automatisch bedeuten, dass sie schöne gerade Zähen bekommen würde? Dieses Mal wirklich schöne gerade Zähne? Das hatte doch Dr. Mahlmann am Telefon so gesagt, nicht wahr? Hatte ihr Kieferorthopäde damit nicht praktisch versprochen, dass sie ein wunderschönes Lächeln bekommen werde, wenn sie eine begrenzte Zeit mit so einem Zaumzeug leben könne?

Der Gedanke an gerade Zähne und ein schönes Lächeln ist für Tanja plötzlich ein ungeahnter Motivationsschub...



"Aber... aber was ist... wenn ich es DOCH länger tragen muss?" meldet sich sofort ein Teil ihres Gehirns panisch. "Und was ist, wenn ich es NICHT geheim halten kann? Wenn jeder in der Schule erfährt, dass..."

Sie seufzt tief und lang. Jetzt bloß nicht in Panik verfallen. Jetzt, da sie der Lösung ihres Problems näher ist als je zu vor. JETZT muss sie auf jeden Fall die Ruhe bewahren!

"Soweit wird es nie kommen", beruhigt sie sich dann selbst mit Nachdruck. "Niemand wird je davon erfahren, dass ich so ein Teil tragen muss. Das müssen mir meine Eltern und Dr. Mahlmann absolut versprechen. Sonst können die es sich abschminken, dass ich das Ding auch nur ein einziges Mal einsetze..."

"Sie MÜSSEN mir versprechen, dass ich das Headgear nur zuhause tragen muss. Wenn nicht, oder wenn ich es zu lange tragen muss, dann werde ich mich einfach weigern. So einfach ist das. Und dann können sich meine Eltern auf den Kopf stellen, so viel sie wollen. Jawohl!"

Sie hebt langsam ihre Kleidung auf. Soll sie sich die Kleidung überziehen? Nein, sie entscheidet sich dagegen. Das Handtuch ist voller Sand, Tanja schüttelt es aus. Sie will nicht zur Sandstatue werden, wenn sie es sich um die Hüfte bindet. Das alles geschieht langsam und bedächtig, denn sie ist gerade dabei, einen entscheidenden Gedanken zu formulieren:

Sie spürt geradezu, dass sie ganz kurz vor einem entscheidenden Durchbruch steht. Jetzt nichts überstürzen und nicht ablenken lassen, dann... dann könnte sie wirklich zu einer Lösung kommen:

Vorhin... da hatte sie sich doch überlegt, was sie noch erwarten KANN, wenn sie auf Headgear verzichtet. Ist die wichtigere Frage nicht eigentlich inzwischen, was sie noch erwarten DARF?

Tanja verdreht ihre Augen, als ihr eine Sache klar wird: "Oh mein Gott, ich klinge schon wie meine Eltern... Schrecklich!" Und tatsächlich ist das eine Frage, die sie sich in einem Streitgespräch mit ihren Eltern anhören müsste:

"Wenn Du kein Headgear tragen willst, dann ist das Deine Entscheidung, die wir respektieren", könnten die Eltern beispielsweise vorbringen. "Aber dann darfst Du Dich nicht beschweren, wenn das Resultat Dir am Ende nicht gefällt! Du WEISST jetzt, dass Du ein Headgear brauchst. Wenn Du das dann nicht trägst... dann musst DU damit leben können, dass Deine Zähne eventuell nicht so gerade werden, wie Du Dir das erhoffst..." Tanja kann ihre Eltern geradezu vor sich sehen mit erhobenem Zeigefinger: "Kannst Du damit leben, schiefe Zähne zu behalten?"

Tanja faucht genervt auf, was ein älteres, sonnenbadendes Ehepaar veranlasst, erstaunt zu ihr herüber zu blicken. Oh man, das ist neu: Jetzt bringen ihre Eltern sie schon auf die Palme, obwohl sie an dieser Sache sogar unschuldig sind... aber... aber GENAU SO würde ihre Eltern argumentieren, also darf sie doch böse auf die Eltern sein, oder nicht?

Ach, ist doch alles sch***e, ganz besonders weil das Argument ja auch noch wahr ist. Sie hat sich inzwischen lange genug mit dem Thema befasst, zum erkannt zu haben, dass... dass... verdammt, wie soll sie es formulieren...

"Ich... ich will schon gerade Zähne, wirklich." Tanja spricht jeden Satz langsam und bedächtig aus, betont jede Silbe. "Wenn wirklich kein Weg am Headgear vorbei führt, dann... dann sollte ich zumindest mal schauen, ob ich mich nicht doch irgendwie damit arrangieren kann. Oder nicht? Doch... Ja, doch, DOCH! Ja genau! Und wenn nicht, dann... naja... dann muss ich eben mit dem Resultat leben, das die festen Spangen allein hinbekommen."

"Denn... Denn Dr. Mahlmann hatte doch gesagt, dass meine Zähne auch ohne Headgear gerade werden. Vielleicht nicht ganz so gerade wie sie könnten, aber sie werden trotzdem gerade." Wenn sie sich wirklich nicht an das Zaumzeug gewöhnen kann, naja, dann muss sie eben nehmen, was sie bekommen kann. Soll heißen: Dann muss sie sich eben mit einem "guten" und nicht dem "besten" Ergebnis zufriedengeben. Das wäre auch nicht so schlimm. Alles ist besser als die Situation jetzt mit dem komplett schiefen Gebiss...

"Und dann weiß ich wenigstens, dass ich es versucht habe..." Tanja nickt, erstaunt und beeindruckt von sich selbst. Dass sie sich zu diesem Gedanken hatte durchringen können, hätte sie nie im Leben gedacht. Der Gedanke an so ein Zaumzeug ist immer noch schrecklich genug, dass sie gegen eine Gänsehaut ankämpfen muss. Aber die Tatsache, dass sie jetzt anscheinend sogar bereit ist, es mal 'ne Zeit lang mit Außenspange zu versuchen... das kommt einer Revolution gleich.



Und wenn... Tanja hält plötzlich inne, die Badelatschen in den Händen. Sie legt ihren Kopf schief. Ihr Gesicht versieht sich zu einer Grimasse, sie grinst breit.

"Mein Gott, ich glaub's ja nicht. Was ist denn mit mir los...?", schüttelt sie ihren Kopf, breit grinsend.

In diesem Moment ist ihr nämlich eine Sache klar geworden: Sie hat absolut ernsthaft über die Situation nachgedacht, in der sie seit heute Mittag ist. Und doch haben sich ihre Gedanken in den letzten Minuten radikal geändert.

Heute Mittag hatte sie zwar auch schon mal "ernsthaft" nachgedacht. Aber darüber, wie sie möglichst sicher am Headgear vorbei manövrieren könnte. Denn sie hatte ja "gewusst", dass die Vorteile niemals die Nachteile hätten aufwiegen können.

Und jetzt überlegt sie ernsthaft, ob sie es nicht vielleicht doch mal mit diesem Teil versuchen sollte? WOW! Denn die Vorteile daraus sind nicht zu verleugnen und wenn sie es schaffen könnte, die Nachteile im Griff zu behalten... dann wäre es doch einen Versuch wert, nicht wahr?

Wenn das mal kein Fortschritt ist...

Das Grinsen wird noch breiter, denn gerade hat sie noch etwas erkannt: Noch vor wenigen Minuten, als sie vorhin zum Strand runter gelaufen war, waren ihre Gedanken nur um die Angst gekreist, dass Dr. Mahlmann ankündigen könnte, dass eine Außenspange alternativlos nötig sei. Dann - so war ihre Überzeugung gewesen - hätte sie nichts mehr zu lachen gehabt.

Aber in den letzten Minuten, da hatte es für sie keine Rolle mehr gespielt, ob ihr Kieferorthopäde auch wirklich darauf BESTEHEN würde. Sie hatte vollkommen akzeptiert, dass so ein Metallbogen in Kürze in ihrem Behandlungskonzept auftauchen würde. Daran kann es keinen sinnvollen Zweifel mehr geben.

Oh, nach dem Telefonat mit ihrer Mutter wird Dr. Mahlmann das Headgear mit ABSOLUTER SICHERHEIT in den Behandlungsplan aufnehmen. Es stellt sich nur die Frage, ob als "Option" oder als "Muss". Und selbst diese Frage ist inzwischen eigentlich nur noch von akademischem Interesse...

Waren ihre Gedanken anfangs nur darum gekreist, wie sie die Konsequenzen am besten VERHINDERN könnte, hatte sie jetzt die letzten Minuten damit zugebracht, zu überlegen, wie sie die Konsequenzen am bestem IN DEN GRIFF bekommen könnte:

Ob Dr. Mahlmann im Endeffekt auf dem Headgear besteht, ist irrelevant geworden. Sie hat beschlossen, sich weder vom Arzt noch den Eltern in ihre Behandlung reinreden zu lassen. Sie wird ihren eigenen Weg gehen, wohin der sie auch führen wird. Wenn sie sich gegen Headgear entscheidet, wird sie's nicht tragen, so einfach ist das. Und falls sie sich dafür entscheidet, naja...

Ein - zugegebenermaßen sehr schmaler und schlängelnder - Pfad führt sie momentan in die folgende Richtung: Sie hat beschlossen, die Außenspange nicht kategorisch abzulehnen, solange er der Meinung ist, dass das Headgear in ihrer Behandlung zumindest SINNVOLL sei!

Und weil er ihr sicherlich eine Außenspange ans Herz legen wird... Sie seufzt...

"Aber..." sie leckt sie die Lippen, "aber läuft das nicht darauf hinaus, dass ich... dass ich praktisch bereit ist, zumindest versuchsweise mir so ein schreckliches Zaumzeug umschnallen zu lassen? Ich will aber nicht..."

Nur dass dieses "Ich will aber nicht" bei weitem nicht mehr mit derselben Vehemenz ausgesprochen wird wie noch vor ein paar Stunden. Es klingt nicht mehr nach "Nie im Leben", hat vielmehr deutliche Anklänge von "Worauf habe ich mich jetzt wieder eingelassen?"

Tanja hat sich damit halbwegs abgefunden, zumindest versuchsweise ein Headgear zu tragen. Jetzt kann sie nur noch hoffen, dass die Auswirkungen nicht zu schlimm werden... Und dass ihre Entscheidung bestehen bleibt. Dass sie - wie Melissa - das Durchhaltevermögen hat, zu ihrer Entscheidung zu stehen und nicht alles wieder umzuwerfen.

So seltsam das klingt, ist ihre größte Sorge derzeit nicht die Angst, sich mit dem Headgear zu blamieren, sondern die Frage, dass sie ihren Entschluss nicht aufrecht erhalten kann.

Nein, das ist wieder mal falsch: Ihre größte Angst ist nach wie vor, sich zum Narren zu machen. Wird's auch IMMER sein! DAS ist doch genau der Dreh- und Angelpunkt, um den alle ihre Probleme mit Zahnspangen kreisen...

Es geht doch nicht darum, dass ihre Zähne für ein paar Tage empfindlich werden, wenn der Kieferorthopäde "nachspannt". Meinetwegen, dann tut es eben ein paar Tage weh, aber das "Problem" hatte sie bei der festen Spange bald im Griff und sie hat auch keine Zweifel, dass sie sich auch mit den "Schmerzen", die von der Außenspange verursacht werden, abfinden kann.

Nein, bei Tanja dreht sich alles ausschließlich darum, ob sie den peinlichen Situationen ausweichen kann. Und das peinlichste an der Außenspange ist nun mal eben, damit gesehen zu werden. Meh! Wenn sie DAS verhindern könnte... ein großes Problem wäre gelöst.

Weil sie sich aber selber schon geschworen hat, alles daran zu legen, um sicherzustellen, dass niemand etwas von ihrer Außenspange erfahren wird... Ist das Problem nicht schon so gut wie gelöst?

Na gut... vielleicht ist Melissa eine Ausnahme von dieser Regel. Denn die hatte so viele Geheimnisse ihrer Skoliose-Behandlung mit Tanja geteilt, dass es geradezu gemein gewesen wäre, ihr jetzt im Gegenzug nicht von den bevorstehenden Änderungen in ihrer kieferorthopädischen Behandlung zu erzählen... "Naja, vielleicht machen wir es so: Solange Melissa nicht fragt, werd' ich's ihr nicht erzählen. Ich weiß zwar, dass sie Geheimnisse nicht ausplaudert, aber irgendwie will ich es ihr trotzdem nicht sagen... noch nicht..."



Tanjas Angst ist praktisch, dass ihre Angst, sich zum Gespött zu machen, im Lauf der kommenden Tage dann doch wieder die Oberhand gewinnt. Es ist quasi die Angst vor der Angst, die ihr Probleme bereitet.

Derzeit ist Tanja sich sicher, dass sie die Konsequenzen beherrschen kann, WENN ihre Eltern und ihr Kieferorthopäde mitspielen und sie die nervige Spange nur zuhause tragen muss, sodass niemand davon erfahren kann.

Sollte das nicht möglich sein oder durch irgendeinen dummen Zufall doch jemand von ihrer Außenspange erfahren...  Tanja kennt sich gut genug, um zu wissen, dass sie IN DIESEM FALL mit größter Wahrscheinlichkeit tatsächlich einen Rückzieher machen würde. Und ganz ehrlich gefragt: Könnte ihr das jemand verübeln?

Aber selbst, wenn sie aufhören würde, Headgear zu tragen, wäre das nicht das Ende der Welt, denn ihre Behandlung würde dann einfach mit ihren "normalen" festen Spangen weiterlaufen. Es ist ja nicht so, dass ihre Behandlung endet, nur weil sie sich ihr Zaumzeug nicht mehr umschnallen will. Nein... Es ist somit gerade garantiert, dass ihre Zähne gerader werden. Es stellt sich nur die Frage, ob sie den Mut für die "bessere" Behandlung aufbringen kann..



Sie macht sich auf den Rückweg, der Sand knirscht unter den Badelatschen. Das Mädchen ist froh, doch nochmal zum Strand gegangen zu sein, denn sie hatte die Zeit wider Erwarten DOCH gut nutzen können, um nachzudenken:

Sie HATTE Ordnung in das Chaos bringen können, zumindest teilweise. Sie hatte das Problem genauer definieren können und fühlt, dass sie auf dem richtigen Weg ist, auch eine Lösung zu finden:

"Wenn es nicht wirklich nötig ist, will ich kein verflixtes Headgear! Aber ich will gerade Zähne! Denn sonst hätte ich mir die dämlichen Spangen auch gleich ganz sparen können!"

Dann lächelt sie gezwungen. "Nur werde ich das Mama und Papa garantiert NIE auf die Nase binden..."

Denn wenn ihre Eltern erfahren sollten, dass sie inzwischen nicht mehr alle Gedanken an ein Headgear kategorisch abblockt, wird Tanjas Lage "hoffnungslos". Dann wird es nämlich unmöglich, sich später doch noch irgendwie aus der Sache herauswuseln zu können, wenn sie sich am Ende doch GEGEN eine Außenspange entscheiden sollte.



Zu sagen, dass Tanja gute Laune hat, wäre übertrieben gewesen. Aber die Tatsache, dass sie ein paar der größten Sorgen ablegen konnte, hatte einen ganz ähnlichen Effekt. Oder anders formuliert: Tanja ist voller Hoffnung, dass sich ihr Problem lösen ließe.

Die Entscheidung FÜR Headgear war vermutlich - hoffentlich - die richtige Entscheidung? Nicht die leichte, aber vermutlich die richtige... Tanja nickt... das klingt... das klingt gut! Sie lächelt.

Während das große Badehandtuch im Takt ihrer Schritte schwingt, kristallisiert sich ENDLICH der EINE relevante Gedanke heraus, der Tanja in den nächsten Tagen und Wochen verfolgen wird:

"Wie schlimm ist so 'ne Außenspange eigentlich? Und... und schaff' ich es wirklich, mich damit zu arrangieren?"

ENDE - Es gibt keine weitere Fortsetzung

Während das aus meiner Sicht das Ende dieser Gesichte ist und ich - zumindest derzeit - KEINE Pläne habe, eine Fortsetzung zu schreiben, wäre ich sehr daran interessiert, wie IHR EUCH eine mögliche Fortsetzung vorstellen könntet.

Deswegen meine Bitte an Euch: Schreibt doch, egal ob in ein paar knappen Stichpunkten oder einem längeren Text, wie die Geschichte um Tanja aus EURER Sicht weitergehen könnte.


Offline katrinp_99

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Re: story - When in Rome...
« Reply #17 on: 31. March 2021, 21:08:58 PM »
Beeindruckend und mal eine total andere Perspektive - auch wenn es fraglich bleibt, ob Teenager  derart rationalisieren.

Offline silver-moon-2000

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Re: story - When in Rome...
« Reply #18 on: 01. April 2021, 16:58:52 PM »
[...] auch wenn es fraglich bleibt, ob Teenager  derart rationalisieren.
Erstens, danke für's Feedback.

Zweitens: Du hast in 9 Wörtern beschrieben, warum ich meinte, dass die Geschichte hätte besser sein können...  ;D
Ja, ich bin durchaus der Meinung, dass Kinder und Jugendliche derart rational sein können. Aber... das große Aber  ;D vermutlich nicht an einem Nachmittag nach einem großen Streit.

Die Geschichte sollte ursprünglich keinen so definierten Abschluss haben, sondern deutlich offener enden: Der letzte Satz hätte nicht sein sollen:

"Wie schlimm ist so 'ne Außenspange eigentlich? Und... und schaff' ich es wirklich, mich damit zu arrangieren?"

sondern:

"Meine Eltern wollen, dass ich so 'ne verdammte Außenspange trage. Das ist zum Kotzen, ich hoffe wirklich, dass ich mich da noch irgendwie rauswursteln kann... und wenn das wirklich nicht geht... vielleicht hab' ich ja Glück und es wird nicht so schlimm..."

Das klingt realistischer, nicht wahr? Ich denke, dass Du dann mit dem Ergebnis auch zufriedener gewesen wärst?  >:D (Nein, ich meine das NICHT böse, bin nicht beleidigt oder so: Schau genauer hin, der Teufel-Smiley lächelt...  ;D)

Es ist nur so: Wenn ich mal anfange zu schreiben, tue ich mir schwer, einen guten Schluss zu finden. Und ich schrieb anfangs ja auch, dass ich die Geschichte über Wochen und Monate hinweg immer weiter erweitert und überarbeitet hatte. Mit anderen Worten: Ich hatte hier einen guten Einfall für ein halbes Kapitel, dort für einen kurzen Einschub. 
Das Schöne ist, dass mir der Einschub wirklich gefällt, das Dumme ist, dass er die Richtung, in die die Geschichte geht, leicht - ganz leicht - ändert. Und wenn das immer und immer wieder passiert, wenn die Richtung immer wieder etwas geändert wird, wenn immer neuer Inhalt dazu kommt, dann tut das nicht wirklich gut.

Ich betriebe hier kein story-bashing, ich ziehe nicht über meine eigene Geschichte her. Ich mag meine Geschichte, ich bin mir aber auch der "Fehler" durchaus bewusst.

Dennoch hatte ich gedacht, dass ich die Geschichte, so wie sie ist, veröffentlichen will. Ich habe so viele gute stories gelesen, da konnte ich nicht mehr still sitzen, sondern musste meinen Senf auch dazu geben. Ich hoffe, dass die Geschichte trotz ihrer Schwächen gefallen hat.

Offline Braceface2015

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Re: story - When in Rome...
« Reply #19 on: 01. April 2021, 18:02:58 PM »
Each person has their own way of writing. Your stories move at a slow pace, which is fine.

I have enjoyed the stories you have written. Being able to write the same story in two languages is amazing, especially when you can say the same thing in both of them.

I very seldom have a firm storyline when I write, so the story can change direction a few times before I finish it.

What we write is fictional or fantasy, even though it is usually based on real-life situations and treatments, so it doesn't always have to be accurate.

I am looking forward to reading more of your stories in the future.