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Author Topic: story - Der gebrochene Arm  (Read 1316 times)

Offline silver-moon-2000

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story - Der gebrochene Arm
« on: 19. May 2022, 16:59:04 PM »
Ich veröffentliche diese Geschichte gleichzeitig im englischen Teil.

Ich würde gerne sagen, dass ich hier im Forum in den letzten Monaten so viele wunderbare Geschichten gelesen habe, dass es mir so in den Fingern juckte, dass ich mich hinsetzen musste, um diese Geschichte zu schreiben. Leider wäre das eine Lüge.

Nicht über die Geschichten, die ich hier gelesen habe. Ihr - Ihr alle - habt Euch selbst übertroffen und ich habe jede einzelne Geschichte mit Vergnügen gelesen. Vielen Dank für Eure anhaltenden Bemühungen!

Nein, ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, diese Geschichte in den letzten Wochen geschrieben zu haben. In Wirklichkeit habe ich mit der ersten Version im März '21 begonnen. Und dann ab und ab über Monate hinweg immer wieder daran gearbeitet. Hier ein bisschen daran gefeilt, dort einen Absatz hinzugefügt, aber letztendlich nie den Mut gefunden, diese Geschichte endlich zu veröffentlichen.

Dieses Zögern und Zaudern ist nun endlich vorbei, also... schau'n wir mal


Kapitel 01/06

Der Kies knirscht unter den Reifen, als das Auto in die Einfahrt einbiegt. Langsam fädelt sich der alte Kombi den schmalen, mit hüfthohen Mauern einfassten Weg zum Haus hoch; Blumen überwuchern die Mauern links und rechts und neigen sich im sanften Fahrtwind. Der Motor wird abgestellt, doch ruhiger wird es deshalb nicht, denn der Nachbar nutzt die Gelegenheit, um seinen Rasen zu mähen.

Schließlich haben die letzten Tage schönes Wetter in diesen Landstrich gebracht; der Sommer ist endlich auch an der Küste angekommen! Bisher war das Wetter typisch "englisch" - kein Wunder, die Erfinder des Dauer-Nieselregens leben ja kaum mehr als einen Steinwurf entfernt auf der anderen Seite des Kanals. Doch inzwischen ist die Luft warm, der Himmel wolken-frei und die Sonne beinahe stechend. Die Vögel singen, auch wenn man sie über das Knattern des Rasenmähers derzeit nicht hören kann.

Die Fahrertüre öffnet sich, eine Frau Ende dreißig steigt aus und streckt sich. Ein paar Sekunden später beugt sie sich ins Auto zurück: "Warte, ich helfe Dir..."

"Brauchst Du nicht, ich schaff's schon." Trotz ihrer zuversichtlichen Erwiderung tut sich Lea schwer, die Beifahrertür zu öffnen. Und so muss letztendlich ein beherzter Fußtritt dafür sorgen, dass die Türe aufschwingt. Und mit Getöse in die Mülltonne kracht.

"Vorsichtig, Du sollst die Türe nicht rausreißen... es reicht, wenn Du sie normal aufmachst"

"Ging nicht anders... Ich hab's halt mit der linken Hand nicht geschafft..."

"Deswegen habe ich doch gesagt, dass ich Dir helfe...", Frau Martin schüttelt ihren Kopf, ein tolerantes Lächeln in ihrem Gesicht. "Geht's Schatz? Kommst Du zurecht?" Sie streckt ihrer Tochter die Hand entgegen, doch Lea winkt ab.

Ein Augenblick später steht sie neben der Mutter. "Siehst Du, geht auch so...", nickt sie; befriedigt, nicht die helfende Hand angenommen haben zu müssen.

Der Rasenmäher verstummt plötzlich. "Ach, jetzt hat er auch gemerkt, dass wir wieder da sind", ätzt sie leise. Lea braucht gar nicht über die Hecke zum Nachbargrundstück zu blicken, um zu wissen, dass das Gesicht mit dem gewaltigen Schnauzbart neugierig zu ihnen hinüberblickt.

"Kannst Du ihnen das verübeln?" lächelt die Mutter. "Vor drei Tagen haben sie gesehen, wie Du im Krankenwagen weggebracht worden bist. Ist doch ganz logisch, dass sie neugierig sind und... Nein, Lea, das ist schwer, lass MICH das tragen..."

Doch die Angesprochene verdreht die Augen. "Ich bin kein Kleinkind, Mama". Sie will nicht hören, sondern beharrt darauf, die Reisetasche selber zu tragen. Doch das geht nur langsam und - im wahrsten Sinne des Wortes - schleppend vor sich. Und dafür gibt es einen einleuchtenden Grund:

"Geht's Schatz, schaffst Du's?" fragt die Mutter ein paar Sekunden später erneut.

Lea schleppt mit ihrer guten Hand die - in der Tat - schwere Tasche; die Mutter seufzt schicksalsergeben... Lea ist störrisch, und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist es schwer, sie davon abzuhalten.

"Mama! Ich bin keine Deiner Porzellanfiguren, Du musst mich nicht in Watte packen..."

"Also dafür, dass Du nicht aus Porzellan bist, hatte Dein Arm aber erstaunlich laut 'KNACK' gemacht..."

"Haha, Mama, ha... ha..."

"Außerdem: Wenn Du in Watte gepackt gewesen wärst, als Du vom Apfelbaum geflogen bist, hättest Du Dir vielleicht NICHT den Arm gebrochen, oder was meinst Du?"

"OH... ... MEIN... ... GOTT... !!! ..." Lea verdreht ihre Augen, bis nur noch das Weiß zu sehen ist. "Mama, Deine Witze sind ECHT schlecht..."

Frau Martin eilt voraus, um die Haustüre aufzuschließen.



In dem Moment, als sich die Türe hinter ihnen schließt, hören sie, wie der Rasenmäher wieder gestartet wird. "Jetzt hat er seiner Frau etwas zu erzählen..." Lea lacht: "Sollen wir wetten, wann Frau Dubois einen Vorwand findet, um rüber zu kommen?"

"Lange wird's wohl nicht dauern; sie war ja schon an der Türe gestanden, kaum dass ich vor drei Tagen aus dem Krankenhaus zurückgekommen bin...", die Mutter schüttelt lachend den Kopf, "Aber ich darf nicht gemein sein, es sind ja nette Leute..."

"Ja, klar, sind sie nett", bestätigt Lea, "aber eben auch furchtbar neugierig..."

"Das schon", muss auch ihre Mutter zugeben. "Nix gibt's, Du wolltest die Tasche unbedingt selber tragen, dann kannst Du sie gleich in Dein Zimmer bringen..." Frau Martin ist gar nicht begeistert davon, dass Lea die große Tasche direkt neben der Eingangstüre fallen lässt, wo sowieso schon wenig Platz ist.

"Kann ich nicht, Mama", Lea schüttelt ihren Kopf. Mit verkniffenem Gesicht greift sie nach ihrem rechten Arm. Eine Mischung aus Seufzer und leichtem Stöhnen ist zu hören. "Wie kannst Du mir sowas nur zumuten?"

"Schatz?" Frau Martin klingt besorgt. "Ist alles OK? Hast Du Dir wehgetan?"

Das Stöhnen wird lauter und qualvoller. Der Gesichtsausdruck der Mutter verändert sich. Aus Überraschung wird Sorge. Aus Sorge Angst. Und aus Angst wird... ein genervtes und gleichzeitig erleichtertes Grinsen: "Ja, ich verstehe Dich: Du bist schwer verletzt und kannst unter keinen Umständen die Tasche einen einzigen Schritt weiter tragen..."

Das Stöhnen, das inzwischen zu einem wilden Geheule angeschwollen war, verstummt abrupt. "Ich bin so froh, dass Du das verstehst, Mama!" Lea grinst breit und enthüllt dabei ein silbern glitzerndes Lächeln.

"Ich bereue schon, mir jemals Sorgen um Dich gemacht zu haben..." schüttelt die Mutter den Kopf. "Ich hätte Dich damals auf dem Boden unter dem Apfelbaum liegen lassen sollen..."

"Boah, gemein!" echauffiert sich die Tochter.

"Aber ich verstehe Dich natürlich vollkommen!" fährt die Mutter unbeeindruckt fort "Ich hatte zwar vor, Dir jetzt einen großen Eiskaffee mit viel Eis zu machen, aber wenn es Dir so schlecht geht, solltest Du Dich besser hinlegen... meinst Du nicht auch?"

Die Augen Leas öffnen sich als sie merkt, mit welch "gemeinen" Tricks ihre Mutter arbeiten kann. "Kinderschänderin", lacht das Mädchen dann, greift freiwillig wieder nach den Henkeln der Tasche und schleppt sie durch den engen Gang zu ihrem Zimmer.

"Ahh, schön, endlich wieder zuhause zu sein", tönt es nach ein paar Sekunden aus dem Kinderzimmer.

Offline Aktitime

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #1 on: 19. May 2022, 19:43:30 PM »
Guter Anfang! Bin auf die Fortsetzungen hungrig  >:D

Offline silver-moon-2000

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #2 on: 20. May 2022, 16:34:24 PM »
Kapitel 02/06

Keine Zahnspangen in diesem Kapitel. Ihr dürft gerne überspringen ;-)


In den nächsten Minuten sind beide Damen beschäftigt: Frau Martin wurstelt in der Küche und Lea räumt die Tasche aus, in der alles war, was sie in den letzten Tagen im Krankenhaus gebraucht hatte.

Wie auf ein geheimes Zeichen hin lässt Lea nach ein paar Minuten ihre Schlafanzughose auf den Boden fallen - die muss sowieso in die Wäsche - grinst und macht sich auf den Weg in die Küche. Nur mit dem Unterschied, dass das Zeichen gar nicht so geheim, geheimnisvoll und unhörbar gewesen ist: Denn die Türe der Anrichte, hinter welcher die hohen Gläser stehen, macht ein so eigentümliches Knarzen, dass man es im ganzen Haus wahrnehmen kann.

Und wenn dieses Türchen geöffnet wird, kann das nur eines bedeuten: "Krieg ich zwei Kugeln Eis in meinen Eiskaffee?" ruft Lea voraus.

"Wenn Du magst..."

"Und eine Waffel dazu - oder zwei! - und Sahne obendrauf und Kakao und Streusel und Schokosauce und..." Sie verstummt, als sie in der Küche ankommt. Ihre Augen werden groß und die Mundwinkel verziehen sich zu einem breiten Grinsen als sie sieht, was auf dem kleinen Buffet angerichtet ist:

Ein großes Tablett steht da, dampfend heißer Kaffee in einer großen Tasse für die Mutter. Zuckerstreuer und ein Milchkaräffchen daneben. Zwei Teller, jeder mit einem großen Stück betörend duftenden Apfelkuchens und einem Berg Sahne. Für jeden eine Kugel Vanilleeis in einem Schälchen mit selbstgemachten Rhabarberkompott.

"Willst Du trotzdem immer noch zwei Kugeln in den Eiskaffee?" fragt die Mutter und deutet mit einem Löffel auf das Tablett.

"Also echt, wie kannst Du sowas fragen, Mama?" grinst Lea mit großen Augen. Ihr läuft das Wasser im Mund zusammen und sie ist sich sicher, dass jedermann in weitem Umkreis hören müsste, wie ihr Magen knurrt. "Manchmal glaub ich, Du kannst zaubern..."

"Es hat geholfen, dass ich wusste, um welche Uhrzeit Du entlassen werden solltest..." Frau Martin, offenbar erfreut über das Lob, streut gerade großzügig Schokoflocken über die Sahne des Eiskaffees, der "kindgerecht" deutlich mehr Kakao als Kaffee enthält: "Kannst Du vielleicht die Kuchengabeln holen? Und wenn Du willst, einen langen Löffel für Dich..."

"Wird gemacht!" Die Schublade mit dem Besteck gibt ebenfalls ein knarzendes Geräusch von sich. Ist aber auch kein Wunder, denn die Anrichte ist, wie der Rest der Küche, fast hundert Jahre alt. Und die Küchenmöbel sind bei weitem nicht so alt wie das Haus.



Alt und natürlich nicht vergleichbar mit einem "modernen Haus": Rechte Winkel sucht man vergeblich; die Fenster sind klein und schwer zu öffnen. Rollläden gibt es nicht und die Fensterläden dienen mehr der Dekoration. Die meisten Wände sind "nur" verputzte Lehmziegel und der Massivholzboden wellt sich vor allem im Gang so stark, dass sie ständig aufpassen müssen, sich nicht die Zehen zu stoßen.

Und doch vermittelt das Haus keineswegs den Anschein einer Bauruine. Ganz im Gegenteil. Auch Familie Dubois, die sich vor wenigen Jahren nebenan ein Niedrigenergiehaus mit allen Schikanen gebaut hat, muss zugeben, dass das alte Haus "charmant" ist.

Die Außenwände sind vor wenigen Jahren neu geweißelt worden; die Balken des Fachwerks sind dunkelbraun und gut in Schuss; die Fensterrahmen und Fensterläden sind, auch wenn sie nicht mehr richtig schließen, neu gestrichen und schön anzusehen. Die schwarzen Schiefer-Schindeln auf dem Dach bilden einen hübschen Kontrast zu dem Weiß der Wände und Blau der Fenster.

Natürlich wären Schönheitsreparaturen fällig, genauso wie es nicht schaden würde, wenn sich ein Schreiner mal den Möbeln annehmen würde. Im Haus knarzt so ziemlich jede Holzverbindung; ein paar Schindeln auf dem Dach sind gesprungen und "vielleicht" hat der eine oder andere Fensterladen ein paar Lacknasen... Frau Martin ist schließlich keine professionelle Malerin. Aber nichts davon ist wirklich wichtig, es sind - wie gesagt - Schönheitsreparaturen. Und die einfachen, aber schön verzierten Kommoden und Schränke halten auch ohne professionelle Hilfe noch weitere hundert Jahre, wenn die Bewohner denn wollen.



Das leise "Klink", als die Mutter den Eiskaffee auf das Tablett stellt, holt Lea wieder zurück in hier und jetzt. "Wo warst Du in Gedanken?"

"Ich hab' mir nur gedacht, wie seltsam es hier ist", seufzt Lea. "Weißt Du, Mama, aber... es gefällt mir hier..."

Die Mutter hebt die Augenbrauen: "Wie bitte soll ich DAS verstehen?"

Lea schaut ein wenig schuldbewusst drein: "Ich hab' nicht sagen wollen, dass ich hier weg will. Ganz und gar nicht, ich mag es hier. Aber Du musst auch zugeben, dass das kein 'normales' Haus ist und dass sich viele von meinen Klassenkameraden gar nicht vorstellen könnten, 'so' zu leben..."

Sie will es nicht zugeben, aber ein klein wenig ist Frau Martin doch verletzt. Immerhin ist das ihr "Traumhaus", und ihre Tochter so reden zu hören, versetzt ihr einen Stich ins Herz. Einen ganz kleinen nur, denn sie weiß ja, dass Lea im Grunde Recht hat. Es IST schließlich ein "seltsames" Haus.



Frau Martin kann sich jedoch nichts Schöneres vorstellen als hier zu leben. Nach der Trennung von ihrem Mann - als Lea gerade mal ein Jahr alt war - wollte sie weg aus Paris. Raus aus dem Moloch und aufs Land. Hier, praktisch direkt am englischen Kanal, nur wenige Minuten von Calais entfernt, steht dieses Haus, in das sie sich sofort verliebt hatte. Natürlich hatte das Haus hergerichtet werden müssen, aber das hat sich gelohnt... und Lea kennt nichts anderes, als dieses Haus ihr Zuhause zu nennen.

Vor vielen Jahren war es der Altersteil eines größeren Bauernhofs. Es gibt nicht viel, was von dem Hof die Zeit überdauert hat: Nur dieses Haus und der Garten dahinter. Im Lauf der Jahrzehnte hatte die Zivilisation nach und nach den ehemals ein-sam liegenden Hof eingeholt und nun ist das alte Haus nur eines von vielen in einer von vielen Straßen.

Aus irgendeinem Grund wurde es damals nicht dem Erdboden gleichgemacht, um Platz für ein paar Neubauten zu schaffen. Vielleicht - vielleicht(!) - weil es eines der wenigen Häuser in der Umgebung ist, dem man einen eigenen Charakter nicht absprechen kann? Keines von den Dutzenden beinahe gleich aussehender Fertighäuser der letzten Jahre, sondern ein Haus, dem man seine Geschichte ansehen kann. Ein Haus, das - so seltsam das klingt - stolz auf seine Geschichte zu sein scheint. Ein Haus, auf das seine Besitzerin besonders stolz ist.



Sie trägt das Tablett nach draußen auf die kleine Terrasse. Natürlich - wie könnte es anders sein - haben sich auch die Natursteine im Lauf der Zeit verworfen, sodass es immer ein kleines Glückspiel ist, den kleinen Tisch und die Stühle kippelfrei stellen zu können. Frau Martin nickt entschlossen: Die Terrasse wird definitiv ihr nächstes Projekt!

"Das hab' ich im Krankenhaus gemerkt..." fährt Lea fort, ohne von den Gedanken der Mutter etwas zu ahnen: "Natürlich ist es schön, nicht immer aufpassen zu müssen, dass das Klo nicht verstopft und so. Aber..." sie seufzt theatralisch, "das hier ist mein Zuhause. Und ich hab's irgendwie vermisst...", mit einem albernen Grinsen tätschelt sie einen der alten Holzbalken.

"Was haben sie bloß mit Dir im Krankenhaus angestellt?", die Mutter schüttelt lächelnd ihren Kopf.

"Es ist einfach schön, wieder im eigenen Bett schlafen zu können. Ganz besonders, wenn man SO begrüßt wird", Lea deutet auf das Tablett und greift nach ihrem Eiskaffee.



Natürlich ist nicht alles im Haus hundert Jahre alt oder sogar noch älter. Die Vorbesitzer - oder waren es die Vor-Vorbesitzer... Vor-Vor-Vorbesitzer? - hatten für elektrisches Licht gesorgt. Es gibt schon lange keine Waschschüsseln in den Schlafzimmern mehr, das kleine Holzhäuschen draußen ist seit Jahrzehnten nicht länger der Abort und für warmes Wasser im Bad sorgt neuerdings ein elektrischer Durchlauferhitzer. Im Wohnzimmer hängt ein moderner Flachbildfernseher an der Wand und in der Ecke steht der Computer. Und natürlich haben beide Bewohner ihre eigenen Mini-Computer in Form von Smartphones.

Doch damit hat sich der moderne Komfort praktisch schon erschöpft. Durch den Erdboden ist die Luftfeuchtigkeit im Keller so groß, dass das dort gelagerte Gemüse schneller austreibt als man "Sacré Bleu" sagen kann; im Winter ist dank des Holzofens das Wohnzimmer - abgesehen von der Küche - der einzige warme Ort und was sich nicht in der Mikrowelle zubereiten lässt, wird noch auf einem Holz-befeuerten Herd gekocht.

Und doch kann sich Frau Martin nichts anderes vorstellen, als in genau diesem Haus zu wohnen. Natürlich hatte auch der Garten einen großen Einfluss auf diese Entscheidung. Das Haus war längere Zeit leer gestanden und der Garten dementsprechend verwildert. Und doch hatte er die Frau, die mit großen Augen mit dem Makler über das Grundstück gelaufen war, angesprochen. Jetzt, nach viel Arbeit - sowohl drinnen als auch draußen - und einem Dutzend Jahre sind Haus und Garten hergerichtet und wieder schön anzusehen.

Ein Haus mit Geschichte und ein Garten, bei dem das Gras grüner und die Bäume höher zu sein scheinen als bei den Nachbarn. Ein Meer aus Blumen vor dem Haus, die sich jetzt in einer sanften Brise wiegen. Die lange, schmale mauereingefasste Schottereinfahrt, die wirkt, als ob sie Besucher in eine andere Zeit einladen wollte.

Hinter dem Haus ein großer Garten, deutlich größer als mehrere der Nachbarsgärten zusammengenommen. Mit großen Sträuchern und knorrigen Bäumen, die teilweise genauso alt sind wie das Haus. Oder vielleicht sogar noch älter... Die majestätische Eiche in der Mitte des Gartens steht sicherlich länger als der Bauernhof um sie herum. Holunder, Kirschen, Zwetschgen, Mirabellen, Birnen und Äpfel wachsen hier, genau wie Brombeeren, Himbeeren, Erdbeeren, Johannisbeeren und vieles mehr! Nur den Quittenbaum hat Frau Martin bei ihrem Einzug gepflanzt.

Sie hatte anfangs auch überlegt, einen Teich anzulegen, doch hatte sie Angst, dass ihre - damals noch sehr junge - Tochter "Unsinn" anstellen und sich in Gefahr bringen könnte. Wie sich vor drei Tagen herausgestellt hat, ist diese Gefahr auch über ein Jahrzehnt später noch nicht gebannt...



Es stimmt schon: Das Haus hat mit Sicherheit seine Eigenheiten; es wirkt beinahe aus der Zeit gefallen. Doch im Gegenzug wird man unter anderem mit einem wunderschönen Ausblick über den eigenen - in allen Farben leuchtenden - Garten belohnt. Und nicht weit entfernt glitzert der "Pas-de-Calais", also der Ärmelkanal bläulich im Licht der Sonne. An guten Tagen - wie heute - sind auch die Kreidefelsen von Dover in der Ferne erkennbar.

Und der Nachbar, der anscheinend der Meinung war, keine neuen Informationen gewinnen zu können, hat dankenswerter-weise das Rasenmähen auf die andere Seite des Nachbarhauses verlegt, sodass sich auch die Lärmbelästigung in Grenzen hält.

Oder in wenigen Worten: Es ist friedlich und schön hier.



Dass der Zahn der Zeit - trotz aller Arbeit von Frau Martin - nicht nur am Haus nagt, sondern auch an dem Garten nicht spurlos vorbeigegangen ist, lässt sich an dem abgebrochenen Ast ablesen, der immer noch unter einem der Apfelbäume liegt und der dafür verantwortlich ist, dass die jüngere Bewohnerin des Hauses nun einen farbenfrohen Gips am rechten Arm trägt.

"Ich glaube, ich habe Dich das noch gar nicht gefragt, aber hast Du Dir eigentlich die Farbe selber ausgesucht?"

Lea blickt auf ihren Gipsverband am rechten Unterarm herab und lächelt: "Überrascht?"

"Ein bisschen. Ich hätte Dich so eingeschätzt, dass Du eine... naja... 'zurückhaltendere' Farbe genommen hättest..." Schnell setzt die Mutter dann noch hinzu: "Nicht dass das eine schlechte Farbe ist..."

"Hätte ich auch, wenn ich denn gekonnt hätte..." Lea seufzt etwas. "Weißt Du, Mama, die Leute - also die Ärzte und Pfleger - waren wirklich nett und so... Aber manchmal hatte ich irgendwie das Gefühl, dass ich schon zu alt für die Kinderstation bin..." Sie nickt und hält ihren eingegipsten Arm hoch, "und DAS ist das beste Beispiel dafür!"

Sie fischt mit dem Löffel den Rest des Vanilleeises aus dem Schälchen und isst es genüsslich. Das Rhabarberkompott hat ebenfalls nicht lange überlebt. Ihre Lippen zeigen einen feinen "Milchbart" von der Sahne des Eiskaffees.

"Ich habe mich nur zwischen dieser Farbe - ich glaube, eine Krankenschwester hat es 'kaugummi-pink' genannt - quietsch-gelb, neon-blau und kotz-grün entscheiden dürfen. Das Gelb und das Blau hat in den Augen wehgetan und das Grün hat besonders scheußlich ausgesehen... Also ist mir nichts anderes übrig geblieben... Denn 'Weiß' ist ja anscheinend VIEL zu langweilig für Kinder und nur für Erwachsene oder so..."

"Höre ich da eine leichte Verbitterung heraus?"

"Nö, überhaupt nicht", grinst Lea.

Online Desjardin

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #3 on: 21. May 2022, 15:38:41 PM »
Hallo silver-moon,
schöne Geschichte, fängt an mit viel Raum für eigene Phanstasie. Ich freue mich auf die anderen 4 Teile!
Liebe Grüße, desjardin

Offline silver-moon-2000

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #4 on: 21. May 2022, 17:39:05 PM »
Kapitel 03/06

Dann schiebt sie sich ein großes Stück Kuchen in den Mund. Lea grinst seelig: "Alfo... weifft Bu, Mama, Bu maffshp eimpfaff bem befftem Kuhffem..."

"So gut kann er nicht sein, wenn Du ihn nicht schlucken kannst, sondern mit vollem Mund reden musst", entgegnet die Mutter trocken. Lea läuft rot an, schluckt schnell und spült mit dem letzten Rest Eiskaffee nach.

Spot, der Kater der Nachbarn, hält das für eine gute Gelegenheit, den Martins einen Besuch abzustatten. Er streicht Lea um die Beine, die ihm dafür hinter den Ohren krault. "Siehst Du, auch Spot hat Dich vermisst..."

"Ist aber wahr, Du machst trotzdem den besten Kuchen.", nickt das Mädchen.

"Na, ich weiß ja nicht... aber vermutlich ist es nicht schwer, besser als das Essen im Krankenhaus zu sein, nicht wahr?"

"Ach, Du hast ja keine Ahnung...", regt sich das Mädchen auf und schildert - vermutlich mit einem guten Maß an Übertreibung - was sie alles an "seltsamen" Dingen essen musste.

"Außerdem, Du glaubst es nicht... die Leute haben wohl noch niemanden mit Spangen gesehen... Wenn ich auf der Erwachsenen-Station gelegen wäre, da hätte ich es ja schon verstanden... aber... aber ich war ja nicht mal die Älteste. Ich KANN nicht die erste mit Zahnspangen gewesen sein... und trotzdem... wie die sich angestellt hatten..." Lea schüttelt den Kopf, "Nach jedem Essen haben sie mir gesagt, dass ich mir die Zähne putzen soll..."

"Das ist doch nicht schlecht, wenn sie Dich daran erinnern..."

"Ja schon, aber doch nicht nach jedem, also wirklich JEDEM Essen... und dann nochmal zum Schlafengehen!" Lea seufzt genervt bei der Erinnerung daran. Sie äfft eine Schwester nach: "Aber denk dran, Lea, Dir noch die Zähne zu putzen!" Sie verdreht wieder die Augen "Danke vielmals, aber ich kann schon selber dran denken... ich bin doch keine fünf mehr, wo man mir noch alles hätte sagen müssen..."

Ihr Gesicht verzieht sich zu einem breiten Grinsen "Aber... Mama, das war ja noch nicht mal das Beste... weil... das musst Du Dir geben... die haben..." Lea lacht, "...die haben mich doch ernsthaft gefragt, ob sie mir - wegen den Spangen - alles pürieren sollen..." Lea langt sich an die Stirn "Meine Güte... total weltfremd..."

"So, wie ich Dich kenne, hast Du was gesagt?!" Frau Martin lächelt.

"'Ich hab' mir den Arm gebrochen und nicht den Kiefer', hab ich gesagt" nickt das Mädchen und grinst.

"Ja, auf den Mund bist Du wirklich nicht gefallen", ihre Mutter schüttelt den Kopf und überlegt sich, was sich die armen Pflegekräfte wohl den lieben langen Tag alles von den "Quälgeistern" anhören müssen.



Dann wird wieder der Kuchen vehement attackiert: "HA! Das geschieht Dir Recht! Nach allem, was Du mir angetan hast, hast Du es verdient, von Mama zu einem Kuchen verarbeitet und von mir gegessen zu werden! Jawohl!"

"Manchmal weiß ich wirklich nicht, ob ich mir Sorgen um Dich machen muss", lächelt die Mutter wieder kopfschüttelnd. "Was Du manchmal für Ideen hast..."

Die Sonne scheint warm auf die Gesichter der Beiden herab. Lea lehnt sich zurück und schließt die Augen. "Ist das schön..." seufzt sie verzückt. Dass dann doch nicht alles eitel Sonnenschein ist, merkt sie, als sie sich im Stuhl ausstrecken will. Ihr Gesicht verzerrt sich. "Mmmm...AU! Verdammt... das war dumm!", schimpft sie mit sich selbst.

"Was ist passiert, Schatz?"

"Ach nichts, ich muss einfach in den nächsten Wochen vorsichtig sein, wie ich meinen Arm bewege..." Dabei massiert sie sich ihren rechten Arm im vergeblichen Versuch, das schmerzhafte Ziehen zu beenden. Doch natürlich kommt sie durch den steifen Gips nicht durch... Doch ein paar Sekunden später lässt der Schmerz dankenswerterweise nach.

"Ich darf meinen Arm einfach nicht so stark drehen, solange alles noch so empfindlich ist..."

"Kann ich Dir irgendwie helfen?"

Lea nickt... und hält das leere Glas hoch: "Noch ein Eiskaffee würde mir definitiv helfen..."

Unter dem Gelächter beider geht die Mutter zurück in die Küche.

Spot jagt inzwischen im vergeblichen Versuch, ihn zu fangen, hinter einem Schmetterling her. Dabei springt er auch über den Ast, der vor drei Tagen zusammen mit dem Mädchen zu Boden gefallen war.

Sowohl der Ast wie auch Leas Arm hatten dabei vernehmlich "Knack" gemacht. Der Ast bevor und der Arm nachdem Lea durch die Luft "geflogen" war.

Das tote Stück Holz liegt immer noch auf dem Rasen, während sich das Mädchen nun mit eingegipstem Arm auf der Terrasse sonnt.



"Was hatte Dich eigentlich bewogen, auf den Apfelbaum zu klettern?" Die Mutter stellt ihr einen neuen Eiskaffee hin; das Glas ist so kalt, dass sich Wassertropfen daran bilden.

"Na, Du hattest doch gesagt, dass Du einen Apfelkuchen backen wolltest," Lea deutet mit der Gabel auf den Kuchenrest auf ihrem Teller, "und dazu braucht man nun einmal Äpfel... oder nicht?"

"Und dann hast Du Dir gedacht: 'Kletter' ich einfach mal in den einzigen Apfelbaum, der morsche Äste hat', ja?"
   
Als Antwort streckt Lea ihrer Mutter die Zunge raus. "Die Äpfel direkt aus dem Baum zu pflücken, macht allemal mehr Spaß als den Apfelpflücker zu verwenden..."

"Dann hättest Du jetzt aber keinen gebrochenen Knochen und müsstest nicht die nächsten Wochen mit einem Gips klarkommen..."

"Hast ja Recht", wiegelt ihre Tochter ab.



"Apropos klarkommen: Ich bin ja so froh dass ich mir den rechten Arm gebrochen hab'. Ich mein': Ich bin NICHT froh, DASS ich mir den Arm gebrochen hab', sondern dass es der RECHTE war... Mit dem linken wär's viel schlimmer gewesen..."

Sie schüttelt sich bei einem peinlichen Gedanken: "Weißt Du... als ich im Krankenhaus das erste Mal auf's Klo musste, da hatte mich die eine Krankenschwester doch echt gefragt, ob... ob sie mir den Hintern abputzen soll..."

"Es ist eben eine Kinderstation", wendet ihre Mutter ein.

"Ja schon, aber ich bin keine drei Jahre mehr alt!" Wieder schüttelt sie sich. "Da kann ich ja froh sein, Linkshänderin zu sein... Das wäre mir sonst viel zu peinlich gewesen..."

"Aber nur Dir, die Schwestern sind das alles gewöhnt!" entgegnet ihre Mutter. "Du kannst aber froh sein, nicht zu der Zeit gelebt zu haben, als das Haus gebaut worden ist. Denn dann wärst Du keine Linkshänderin geblieben..."

"Was meinst Du?"

"Früher waren Rechtshänder die Norm und Linkshändigkeit galt zumindest als unfein: Und manche haben sogar ein Aberglauben daraus gemacht. Sowas ähnliches hast Du ja auch heutzutage noch in Indien, wo die linke Hand als 'unrein' gilt. Deswegen sind früher alle Kinder umerzogen worden, dass sie alles ausschließlich mit der rechten Hand haben machen müssen..."

"Boah, das hätte mich angekotzt...", Lea schaut auf ihren Gips und überlegt, wie sie wohl jetzt zurechtkommen würde, wenn sie sich ihre dominante Hand gebrochen hätte. "Und das haben sich die Kinder gefallen lassen?"

"Das war weniger eine Frage von 'gefallen lassen' und mehr eine Sache von 'strenger Erziehung'. Und zur Not... naja, die Eltern und auch die Lehrer waren damals deutlich weniger zimperlich als heute und haben auch schon mal kräftig ausgeteilt..."

"Und woher weißt Du das alles?"

"Von meiner Großmutter. Die war als Kind auch Linkshänderin, hatte dann aber noch lernen müssen, die rechte Hand zu benutzen... Meine Mutter - also Deine Oma - war die erste, die Linkshänderin bleiben 'durfte'."

"Und Du, Mama? Du machst ja alles mit rechts... aber warst Du auch 'ne Linkshänderin?"

"Ich?" Frau Martin hebt ihre rechte Hand und betrachtet sie einen Moment lang interessiert. "Nein, ich bin gebürtige Rechtshänderin... und damit beinahe das schwarze Schaf in unserer Familie, wo die meisten Linkshänder sind - oder waren... Die Linkshändigkeit hast Du von Deiner Oma."



Lea erzählt von den anderen Patienten auf der Kinderstation und dass sie mit einigen von denen ganz sicher nicht tauschen wolle. Dass sie froh sein könne, sich "nur" den Arm gebrochen zu haben. Da aber beinahe niemand aus ihrer Altersklasse in der Station war und die meisten Kinder jünger waren als sie, war sie einen Großteil der Zeit "unter sich" geblieben.

Die Unterhaltung driftet langsam von einem Thema zum anderen. Beiden ist anzusehen, dass sie die Zeit in der Sonne genießen.

"Magst Du noch einen Eiskaffee? Oder ein Stück Kuchen? Ich hätte auch noch Kompott da..."

"Ne, danke, beim besten Willen nicht. Sonst musst Du mich zurück ins Krankenhaus bringen wegen einem geplatzten Bauch..."

Wieder eine falsche Bewegung, als Lea sich aufsetzen will. "Verdammt", murmelt sie.

"Willst Du ein Kissen, um den Arm drauf zu legen?"

"Wäre vielleicht keine schlechte Idee". Und nachdem die Mutter kurze Zeit später mit zwei Sofakissen zurückkommt: "Danke Mama..."

"Magst Du mir vielleicht sagen, was Du in den kommenden Tagen alles beachten musst mit dem Gips?"

Grinsend schüttelt das Töchterchen ihren Kopf: "Nö."

Erstaunt hebt Frau Martin die Augen: "Warum nicht?"

"Weil ich nicht kann... Echt, Mama... Du erinnerst Dich, dass ich gesagt habe, dass ich zu alt für die Kinderstation bin?"

Die Mutter nickt mit einem Ausdruck, der klar besagt, dass sie anderer Meinung ist, das aus Gründen des "Friedens" jetzt aber nicht weiter ausführen will. Doch glücklicherweise sieht ihre Tochter das nicht. Auf der anderen Seite: Wenn das wahr ist, was Lea erzählt hat, dann scheint die Kinderstation wirklich auf DEUTLICH jüngere Kinder zugeschnitten zu sein. Dann ist es kein Wunder, dass sich Lea fehl am Platz fühlte.

"Aber anscheinend bin ich trotzdem nicht alt genug dafür, dass mir die Ärzte sagen, worauf ich achten muss..." Lea klingt ein wenig gereizt: "Anscheinend kann man mir nicht mehr zutrauen als: 'Wenn irgendeine Bewegung weh tut, dann mache sie einfach nicht nochmal und komme in einer Woche nochmal zum Check...' das war alles, was sie mir gesagt haben..."

Ein nachsichtiges Lächeln umspielt die Lippen der Mutter: "Das kann ich ehrlichgesagt nicht so ganz glauben..."

Lea wiegt ihren Kopf. "Ja...gut, Du hast ja Recht, ein paar Sachen haben sie schon gesagt: Ich soll aufpassen, dass der Gips trocken bleibt. Zum Duschen soll ich eine Mülltüte über den Gips machen und festkleben oder so. Und wenn es deutlich mehr weh tut, sollen wir sofort wieder ins Krankenhaus... aber mehr war es wirklich nicht und das hat er Dir ja auch vorhin gesagt..."

Jetzt ist es an Frau Martin, zu nicken: Als sie Lea abgeholt hatte, hatte ein Stationsarzt nochmal mit ihnen gesprochen. Sonderlich viel hatte er in der Tat nicht mitzuteilen. "Aber wir haben ja einen Haufen an Informationen und Zetteln mitbekommen, da wird vermutlich alles Wichtige nochmal drinstehen. Müssen wir nachher gleich durchlesen!"



Lea nickt nachdenklich. "Ich hab' ja irgendwie Glück im Unglück gehabt..."

"Warum meinst Du?"

"Naja, weil ja noch Ferien sind... Ich hätte wirklich keine Lust, mich mit dem Gips durch die Schule zu kämpfen... Vor allem, die Büchertasche auf den Rücken zu kriegen oder im Bus angerempelt zu werden... das würde garantiert wehtun!"

"Wenn ich die Ärzte richtig verstanden habe, wirst Du den Gips ja los, bevor die Schule anfängt..."

Lea nickt. "Das schon, aber sie haben ja auch gesagt, dass mein Arm noch empfindlich sein kann, wenn der Gips schon weg ist." Sie zuckt vorsichtig mit den Schultern.

"Wir werden abwarten müssen. Hoffen wir einfach, dass es wieder geht, wenn die Schule anfängt", orakelt die Mutter und ihre Tochter nickt zustimmend.

Offline silver-moon-2000

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #5 on: 21. May 2022, 18:08:46 PM »
Hallo zusammen,

ich dachte mir, ich sollte vielleicht eine Sache klar stellen, die ich im englischen Forum-Teil bereits angesprochen hatte.

Diese story ist nicht das, was ich als komplettierte Geschichte beschreiben würde. Vielmehr ist dies, was ich posten werden, der erfolglos Versuch, eine längere Geschichte zu schreiben.
Dann aber wurde mir irgendwann eine andere Geschichte wichtiger - oder anders formuliert: Ich verlor das Interesse, hier weiter zu schreiben. Ich hatte es immer wieder versucht, weiter zu machen, doch hatte mir das, was ich "verbrochen" hatte, nicht gefallen.
Und so bleibt es nun bei den sechs Kapiteln. Man könnte "der gebrochene Arm" daher auch als story-Fragement bezeichnen, den Beginn von etwas, was eigentlich deutlich länger hätte werden sollen.

Daher sind auch einige "Ideen" oder "Bilder" enthalten, die in diesen sechs Kapiteln dann keine weitere Rolle spielen werden.

Trotz all dem hoffe ich, dass die Geschichte lesenswert ist. Mir zumindest gefällt dieses Fragement gut genug, dass ich es Euch nicht vorenthalten will  ;D

Offline silver-moon-2000

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #6 on: 22. May 2022, 16:53:39 PM »
Kapitel 04/06

"Was hältst Du davon..." setzt die Mutter an: "Ich trage das Geschirr wieder rein und mache ein wenig sauber und Du putzt Dir unterdessen die Zähne." Dabei grinst sie ihre Tochter frech an, "Dann können wir uns ja noch ein bisschen hier raus setzen und Sonne tanken..."

"Klingt nach einem Plan", Lea setzt sich träge aufrecht.

"Und Schatz..." die Mutter versucht, möglichst beiläufig zu klingen, während sie das Geschirr auf dem Tablett stapelt: "Du könntest bei der Gelegenheit doch auch Deine Außenspange wieder reinmachen... meinst Du nicht auch?"

Lea, die bereits im Begriff war, aufzustehen, plumpst wieder auf ihren Stuhl zurück; ihre Miene hat sich schlagartig verfinstert. "Ne, das mein' ich NICHT!". Ungehalten funkelt sie ihre Mutter an. "Ach Mensch, Mama, gerade war es so gemütlich und jetzt kommst Du damit an... Kannst Du mir nicht EINMAL 'ne Pause gönnen?"

"Ach Lea...", die Mutter seufzt leise, "Du hattest jetzt doch über DREI TAGE Pause. Und so schlimm ist das doch nicht..."

"Doch, ist es SCHON", erwidert Lea kurz angebunden. "Bumms, die ganze schöne Stimmung ist im Eimer... Ach, Mama, manchmal bist Du echt ganz schön nervig..."

Eine gewisse Mischung aus Genervtheit und Schärfe ist aus der Stimme der Mutter herauszuhören: "ICH müsste nicht immer so 'nervig' sein, wenn DU Dich bei der Außenspange nicht immer so anstellen würdest..."

Lea will auffahren, hat bereits ihren Mund für eine gesalzene Antwort geöffnet... doch dann besinnt sie sich eines Besseren und lässt sich wieder auf den Stuhl sinken. Eine Sekunde vergeht, dann eine zweite, bis sich ihr Mund zu einem linkischen Grinsen verzieht: "Touché... hast ja Recht..."

Während die Mutter das Tablett aufhebt und sich auf den Weg in die Küche macht, probiert sie es auf eine andere Weise: "Aber... Mama, ich KANN mein Headgear nicht reinmachen, schau... schau her:" Sie deutet mit einer großen Geste - die die Mutter nicht mehr sehen kann - auf den in der Nachmittagssonne intensiv leuchtenden Gips: "Ich hab' mir den Arm gebrochen... ich KANN die Spange nicht reinmachen..."

Aus der Küche kommt zurück: "Du hast's doch selber gesagt: Du bist auf den ARM gefallen, nicht auf den KOPF..."

Draußen schnauft Lea: "Boah, Du hast auch auf alles eine Antwort..."

"Ich bin Deine Mutter; es wäre schlecht, wenn dem nicht so wäre..."

Das Mädchen seufzt schicksalsergeben: "Na, wenn's unbedingt sein muss..." Damit steht sie nun wirklich auf und trottet zum Bad. Unterwegs lässt sie es sich nicht nehmen, ihrer Mutter gutmütig die Zunge rauszustrecken. Die schlechte Laune ist zum Großteil nämlich schon wieder verflogen.

Halb im Gang verschwunden ruft sie dann über die Schulter zurück: "Ich lass mir doch die schöne Stimmung nicht von der blöden Spange kaputt machen..."

"Das ist die richtige Einstellung...", hört Lea noch, bevor die Badezimmertüre hinter ihr ins Schloss fällt. Nebenbei gesagt ist die Badezimmertüre so ziemlich die einzige Türe, die sich geräuschfrei öffnen lässt. Die beiden Bewohnerinnen waren es nämlich leid, nachts durch das Knarren der Türe geweckt zu werden, wenn die jeweils andere auf die Toilette muss.



Ein paar Minuten später tritt sie wieder aus der Küche auf die Terrasse und lässt sich zurück in ihren Stuhl plumpsen.

Die Mutter hat inzwischen den Tisch von den Rückständen des Kaffeetrinkens gereinigt und stattdessen einen Krug mit eisgekühlter, selbstgemachter Limonade und zwei Gläser auf den Tisch gestellt. OK, OK... die Orangen sind gekauft - die wachsen dann doch nicht in einem Garten in Nord-Frankreich - die Limonade daraus ist aber selbstgemacht, jawohl!

Herr Dubois ist nun endgültig mit dem Rasenmähen fertig; die sich einstellende "Stille" ist beinahe ungewohnt. Nur dass es nach wie vor nicht wirklich "still" ist, denn nachdem sie ihren überlauten, polternden Konkurrenten losgeworden sind, laufen die Vögel zu neuer Höchstform auf und lassen deutlich erkennen, dass Sommer herrscht. Doch zumindest ist das "infernalische Gebrüll" der Vögel deutlich angenehmer als das dröhnende Knattern des Benzin-Schafs.

Frau Martin lässt die Unterlagen aus dem Krankenhaus sinken, in denen sie gerade gelesen hatte und schaut ihre Tochter nachdenklich an. Dabei sagt sie nichts, doch Lea weiß genau, was ihrer Mutter gerade im Kopf herumgehen muss: Denn das Töchterchen trägt ihre Außenspange nicht.

Oder genauer gesagt, Lea trägt sie schon. Allerdings nicht um das Gesicht, sondern in der Hand. "Ich schaff's nicht..." ist ihre kurze Mitteilung.

"Was meinst Du, Schatz?"

"Ich meine, dass ich die blöde Außenspange nicht reinkriege..." Lea klingt genervt. "Und damit meine ich nicht 'Ich WILL nicht', sondern: 'Ich KANN nicht', OK?"

Der Metallbogen klimpert auf den Tisch, die Polster folgen mit einem weniger aufdringlichen Geräusch.

Frau Martin legt das Pamphlet zur Seite und betrachtet ihre Tochter mit einer Mischung aus Unglauben, Erstaunen und Sorge. "Und woran liegt es? Kannst Du mir das sagen, Lea? Passt die Spange nicht mehr? Hast Du sie zu lange nicht getragen und..."

Ein heftiges Kopfschütteln ihrer Tochter unterbricht die Mutter. "Ne, das ist es nicht... Aber echt, Mama, finde ich wirklich klasse, dass Du MIR wieder die Schuld in die Schuhe schiebst... von wegen: Du hast sie zu lange nicht getragen' und so. "

Jetzt ist es an Frau Martin, den Kopf zu schütteln: "War nicht so gemeint, Schatz. Aber es ist doch so, dass Du die Außenspange im Krankenhaus nicht getragen hast... Hat das so viel bewirkt, dass sie jetzt schon nicht mehr passt?"

Wieder schüttelt Lea den Kopf: "Ne, das hat nix mit 'nicht passen' zu tun." Sie langt nach dem Gesichtsbogen und drückt den Innenbogen leicht zusammen, um zu zeigen, wie flexibel er doch ist. "SO SCHNELL passiert da gar nichts. Das wäre ja schrecklich, wenn ich das Teil nach drei Tagen schon nicht mehr reinkriegen würde..."

Offline silver-moon-2000

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #7 on: 23. May 2022, 17:59:33 PM »
Kapitel 05/06

Nachdem Lea vom Baum geflogen war und mit schmerzerfüllter Stimme nach ihrer Mutter geschrien hatte, hatten die beiden größere Sorgen, als sich Gedanken darum zu machen, dass die Tochter an dem Tag theoretisch ihre Außenspange noch ein paar Stunden tragen müsste, um die Tragezeit einzuhalten.

Aber wenigstens war sie nicht mit dem Metallbogen vorm Gesicht in den Baum geklettert! DAS hätte gehörig schief gehen können!

Und als der Krankenwagen schließlich mit Blaulicht in Richtung Krankenhaus davongebraust war, war in den Gedanken der Mutter immer noch kein Platz für den Metallbogen. Vielmehr ging es nun darum, die Dinge zu richten, die ihre Tochter vermutlich brauchen wird, wenn sie tatsächlich über Nacht im Krankenhaus bleiben muss.

Das alles wurde mehr oder minder unzeremoniös in die Reisetasche gepackt. Einen kurzen Augenblick hatte Frau Martin tatsächlich überlegt, ob sie auch den flachen blauen Beutel - dessen Inhalt nun auf dem kleinen Tisch zwischen ihren beiden liegt - einpacken sollte. Doch dann hatte sie sich dagegen entschieden und stattdessen lieber einen zweiten Schlafanzug eingepackt.

Tatsächlich hatte sich Lea den Arm gebrochen und war noch am selben Tag operiert worden. Abends, zum Ende der Besuchszeit, war die Narkose gerade weit genug abgeklungen, um von der Mutter aus dem Operationskittel in den Schlafanzug "umgepackt" zu werden. Selbst wenn sie die Außenspange mitgebracht hätte, wäre das keine passende Gelegenheit gewesen. Weiß-der-Geier, was Lea in ihrem Tran damit angestellt hätte...

Am nächsten Tag war das Mädchen schon fast wieder komplett sie selbst. Vielleicht sogar noch aufgekratzter als normal, sicherlich bedingt durch die Schmerzmittel und anderen Medikamente... Sie hatte ihre Mutter gebeten, ein paar Kleinigkeiten zu holen, die in der Aufregung zuhause vergessen worden waren. An oberster Stelle natürlich das Ladegerät für Leas Smartphone... Schließlich ist der Akku auf 25% gefallen. Damit würde sie es nie durchhalten, bis sie endlich das Krankenhaus verlassen dürfe...

Nach ihrer Außenspange hatte Lea - oh Wunder! - natürlich NICHT gefragt.

Frau Martin hatte zwar vorsichtig anklingen lassen, ob sie Lea das Teil mitbringen solle. Da die Antwort jedoch "wie erwartet" ausgefallen war, hatte sie das Thema dann auf sich beruhen lassen. Zumal es ja wohl auch nicht schaden würde, ihrer Tochter ein paar "spangenfreie" Tage zu geben, oder nicht? Zumindest solange Lea sich mit "wichtigeren" Dingen befassen muss: Wie zum Beispiel zu lernen, was sie mit ihrem Gips in den nächsten Wochen beachten muss...

Und deshalb hatte sich die Mutter gerade eben ein wenig Sorgen gemacht, dass durch ihren "Fehler", den Metallbogen nicht ins Krankenhaus mitgenommen zu haben, die Spange nicht mehr passen könnte.

"So habe ich das gemeint", erklärt sie Lea.



Die nickt. "Ist ja lieb von Dir und so. Aber nein, das hat nix mit 'nicht passen' zu tun. Ich krieg's einarmig einfach nicht hin." Sie hebt den Metallbogen auf und hält ihn sich - mit der linken Hand - vor den Mund "Das Teil krieg ich ohne Probleme rein, auch nur mit einem Arm..." Sie lässt den Bogen wieder sinken, legt ihn an der Tischkante ab, und hebt das Nackenpolster auf:

"Das dumme Ding stellt sich aber quer... Ich kann es zwar auf der einen Seite an den Bogen einhaken; wenn ich das Polster dann aber auf der ANDEREN Seite einhaken will, rutscht der blöde Bogen aus den festen Spangen raus." Sie klopft mit der linken Hand leicht auf den Gips. "Ich komm' wegen dem blöden Gips mit der rechten Hand einfach nicht so zurecht, zumindest nicht, ohne, dass mir der Arm weh tut..."

"Das muss nicht sein", Die Mutter nickt verstehend. "Kann ich Dir irgendwie helfen?"

"Ich hab' mir gedacht", erwidert Lea hoffnungsvoll, "dass wir vielleicht solange warten könnten, bis ich den Gips losgeworden bin... Dann hätte ich wieder meine zweite Hand... das würde mir wirklich helfen..."

"Das kannst Du vergessen", lächelt die Mutter. "Das sind mehrere Wochen. SO lange warten wir nicht. Du weißt doch, dass Dr. Lenard darauf besteht, dass Du die Spange ausreichend trägst..." Es ist Lea deutlich anzusehen, was sie von der Mahnung ihres Kieferorthopäden hält. "Was hältst Du davon, wenn ICH Dir stattdessen helfe?"

"Nix", ist die kurze Antwort ihrer Tochter, die ihr dann auch noch die Zunge rausstreckt. "Das ist doch echt 'ne dumme Frage... kannst Du selber einsehen, ja...?" Noch bevor die Mutter antworten kann, winkt Lea ab: "Ist ja gut, ist ja gut, war nicht ernst gemeint." Dann seufzt sie erneut: "Ich hab' ja keine andere Wahl... Weil Du bestehst ja darauf, dass ich das Teil trage..."

"Kannst Du das nicht verstehen?"

"...doch, kann ich schon. Ich mag's trotzdem nicht..."

"Also gut, Schatz, nicht so viel Trübsal blasen! DU hast doch gesagt, dass Du Dich nicht unterkriegen lassen willst!", die Mutter klatscht mit Energie in die Hände, "Was soll ich tun?"



Ein letzter, ergebener - vielleicht etwas übertriebener - Seufzer, dann langt Lea nach dem Bogen, doch stupst sie währenddessen aus Versehen mit dem eingegipsten Arm den Tisch an. Das Dumme an der Sache ist, dass der Tisch tatsächlich nicht sonderlich sicher steht, nachdem die Mutter ihn abgewischt hatte. Der Tisch kippelt, der Metallbogen rutscht von der Tischfläche und klimpert auf den Boden.

"Klasse! Mist!", regt sich Lea auf, bückt sich und hebt den Bogen auf. Zumindest hat das ihrem kaputten Arm nicht wehgetan, wenigstens etwas... "Lach nicht so!", trägt sie ihrer Mutter auf, doch das ist ein erfolgloses Unterfangen.

"Bin gleich zurück", Lea trägt den Bogen ins Bad und spült ihn ab. Als sie zurückkommt, ist ihre schlechte Laune vollends verflogen. Es ist einfach zu schön, wieder zuhause in den vertrauten vier Wänden zu sein. Dass die Mutter inzwischen ihnen beiden Limonade eingegossen hat und auch daran dachte, das Glas ihrer Tochter mit einem langen Strohhalm auszustatten, hilft natürlich ebenfalls. Genauso wie der blaue Himmel und die warme Sonne, die es mehr als angenehm machen, draußen zu sitzen. In so einem Wetter KANN man nicht lange schlechte Laune behalten.

Ganz besonders dann, wenn die Außenspange gar nicht mal so sehr stört, wie Lea vorgibt. Das Mädchen hat sich erstaunlich gut daran gewöhnt...

Ja, NATÜRLICH könnte das Leben schon ein wenig schöner sein, wenn sie nicht mit so einem Zaumzeug umherrennen müsste, das ist ganz klar! Natürlich wäre es schöner, wenn sie nicht immer darauf achten müsste, das Ding ausreichend zu tragen, sodass ihr Kieferorthopäde zufrieden ist. Natürlich ist es ein klein bisschen peinlich, von Fremden damit gesehen zu werden...

Aber 'schlimm'? Nein! Schlimm ist das Teil, das sie jetzt seit ein paar Monaten tragen muss, schon lange nicht mehr. Doch DAS wird sie ihrer Mutter garantiert nicht auf die Nase binden... Lea übertreibt lieber ein bisschen mit ihrer Abneigung, bevor ihre Mutter auf allzu dumme Gedanken kommt.

Zum Beispiel darauf, dass das Töchterchen den Außenbogen auch im Krankenhaus tragen kann. DAS hätte nun wirklich nicht sein müssen! Einmal war das Thema angeschnitten worden, aber Lea hatte so ein finsteres Gesicht gezogen, dass sich das sehr schnell im Sand verlaufen hatte... Glücklicherweise ist ihre Mutter da nicht zu streng und hatte nicht darauf bestanden!

Die Außenspange zuhause in den eigenen vier Wänden tragen? Ja! Kein Problem!

Die Nachbarn haben sie damit gesehen? Das haben sie! Mehrfach!

Ihre Freunde wissen Bescheid? Nicht alle, aber die meisten!

Aber... mit dem Teil ins Krankenhaus oder... oder gar in die Schule? Nein danke, DAS muss nun auch wieder nicht sein, solange es sich vermeiden lässt!



Unter dem neugierigen Blick ihrer Mutter setzt sich Lea den Metallbogen ein. Das geht inzwischen so geübt, dass es nur ein paar Sekunden dauert. "Und wieder bin ich froh, dass ich mir den rechten Arm gebrochen hab'", Lea lacht gekünstelt. "Wobei ich nie gedacht hätte, dass ich das mal sagen würde: 'Ich bin froh, mir den RECHTEN Arm gebrochen zu haben, weil ich mir leichter tue, die Außenspange mit der LINKEN Hand reinzumachen... Boah!'"

"Und was soll ich jetzt machen?", die Mutter ignoriert die gespielte Empörung.

"ICH halte jetzt den Bogen fest, damit er nicht wieder raus rutschen kann und DU machst die Polster fest." Sie hebt ihren eingegipsten Arm hoch und langt damit an ihren Mund "Schau: ich komm zwar ohne Probleme hin; aber jetzt tut es weh, wenn ich die Hand bewege... und der Arzt hat ja gesagt, dass ich das lassen soll..."

Die Mutter greift unentschlossen nach dem "Gewirr" an blauen Bändern auf dem Tisch. "Ähmm, Mama... zuerst das kleinere Polster... Ja, genau das. Das geht hinten um den Hals rum... " Die Mutter steht auf und tritt neben ihre Tochter. Lea dreht sich so, dass sie ihrer Mutter den Rücken zuwendet.

Zu wissen, dass das Polster ein Teil der kieferorthopädischen Behandlungsgeräte der Tochter ist, ist eine Sache. Ihre Mutter hat sie natürlich dutzende, wenn nicht hunderte Male damit gesehen. Aber sagen zu können, wie das Teil genau angelegt werden muss, ist eine ganz andere! Da braucht sie die Hilfe ihrer Tochter:

"Auf jeder Seite sind schwarze Markierungen an einem von den Löchern...", erklärt Lea weiter; die Mutter inspiziert das Teil und nickt, als sie die schwarzen Punkte sieht. "Die hat eine der Helferinnen von Dr. Lenard gemacht... In diese Löcher muss der Bogen eingehakt werden..."

Die Mutter gehorcht und hakt den Lochstreifen vorsichtig auf der einen Seite in den Metallbogen ein. Sie geht dabei so betont behutsam, vorsichtig und langsam zu Werke, dass sich Lea zu einer amüsierten Antwort genötigt fühlt: "Mama, ich hab's Dir vorhin schon gesagt: Ich bin keine Porzellanpuppe. Du musst nicht so extrem vorsichtig sein... Du brauchst keine Angst zu haben, mir versehentlich einen Zahn raus zu reißen oder so."

"Ich will Dir halt nicht wehtun, Schatz. Ich kann es eben nicht gut einschätzen, ob ich zu grob bin... Soll ich Deine Haare zu einem Pferdeschwanz machen? Dann ginge das jetzt vielleicht einfacher..."

Die Mutter steht einen Schritt hinter ihrer Tochter, mit einer Hand hält sie Leas langes Haar aus dem Weg und legt mit der anderen Hand das Polster um Leas Hals.

"Ne, ein Pferdeschwanz geht nicht, wegen dem anderen Polster... Hab' ich schon probiert" Währenddessen hat Lea den Zeigefinger ihrer linken Hand zwischen den Lippen und drückt den Metallbogen leicht nach hinten.



"Genau jetzt ist mir immer der blöde Bogen rausgerutscht", nickt Lea, als sie einen leichten Druck auf den einen Backenzahn spürt. "Wenn Du jetzt am Polster ziehst, würde der blöde Bogen auf der anderen Seite rausrutschen, wenn ich ihn nicht festhalten würde..."

"Und das soll wirklich in das Loch mit der schwarzen Markierung?"

"Ja, warum?"

"Ach, es kommt mir nur so vor, dass... wie soll ich sagen, dass ich ganz schön kräftig ziehen muss..."

Lea grinst breit "Mama, ich bin so froh, ich bin SO FROH, dass Du das auch erkannt hast. Jetzt verstehst Du hoffentlich endlich, warum ich meine Außenspange 'so gerne' trage... Es tut nicht wirklich weh, aber es ist unangenehm genug, dass es einfach keinen Spaß macht, das Teil tragen zu müssen. Dass ich damit ausschaue wie ein absoluter Nerd, hilft auch nicht..."

Dann seufzt sie, als sie den vertrauten Zug an BEIDEN Backenzähnen spürt. "Für einen Moment hatte ich gehofft, dass Du mir das Teil doch nicht umschnallst... wo Du doch jetzt weißt, wie 'grausam' die Außenspange an den Zähnen zerrt... Pustekuchen..."

"Ich war ein bisschen überrascht", gesteht die Mutter, "aber nachdem Du gesagt hast, dass das immer schon so war... dann mache ich zumindest nichts verkehrt und es ist ja... 'gewohnt' für Dich." Die Mutter vermeidet absichtlich Worte wie "normal" oder "problemlos".

"Verdammt", lacht Lea, "hätte ich doch die Klappe gehalten! Oder... noch besser: Ich hätte sagen sollen, dass Du es in das Loch VOR der schwarzen Markierung einhängen sollst. "

Sie grinst breit: "Ähhh, Mama, ich seh' gerade, Du hast da einen Fehler gemacht, weil: Das ist das falsche Loch und..."

"Vorhin hätte ich Dir noch geglaubt, JETZT ist es zu spät dafür...", lächelt auch die Mutter. "Und... hey, raus da, Du freches Vieh..."

Als die beiden abgelenkt waren, hatte Spot die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und sich durch die offene Terrassentüre in die Küche geschlichen. Auch wenn der Kater jederzeit willkommen ist, soll er trotzdem draußen bleiben. Ganz besonders, wenn noch die Reste des Kaffeetrinkens - inklusive der Sahne - auf der Anrichte stehen.

Beinahe könnte man meinen, der Kater sei beleidigt - oder vielleicht schuldbewusst? - denn er verschwindet schnell um die Hausecke. War er an der Sahne oder hat er vielleicht einfach etwas gehört, das ihn mehr interessiert? Denn eine leichte Brise raschelt durch die Blätter und bringt die Vögel in den höheren Ästen zum Zwitschern.

"Der kommt wieder", lacht Lea.

Offline silver-moon-2000

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #8 on: 24. May 2022, 17:00:47 PM »
Kapitel 06/06

"Ach, Mama, das brauchst Du nicht, das kann ich wieder selber machen. Der Bogen kann ja jetzt nicht mehr rausrutschen", doch die Mutter hat das zweite Teil des Riemen-Sets bereits in der Hand.

"Wie kommt das hin? Auch wieder in die Löcher mit den Markierungen, richtig?"

Lea seufzt. Ihre Mutter sagt häufiger, dass ihr Töchterchen halsstarrig sei. Das Mädchen aber weiß in Momenten wie diesen genau, von WEM sie diese Dickköpfigkeit geerbt hat. "Ne, Mama, dieses Mal ist es ein bisschen anders..."

Hätte Frau Martin nicht ein hohes Durchsetzungsvermögen und einen starken Willen, wäre das Projekt, dieses Haus und Grundstück aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, unweigerlich zum Scheitern verurteilt gewesen. Denn es war ein Haufen Arbeit gewesen und wenn sie nicht an der Sache dran geblieben wäre, hätten die Beiden vermutlich trotzdem hier gewohnt. Nur eben nicht in einem "alten Haus mit heimeligem Charme", sondern vermutlich in einer halb baufälligen Ruine.

Oder in ihrem Fall jetzt: Ihre Mutter wird das Polster nicht mehr so einfach aus der Hand legen; wenn Lea sich unbedingt den zweiten Teil selber anlegen will, müsste sie ihrer Mutter schon das Teil aus der Hand nehmen. Und das... das lohnt nicht! Oder vielleicht sollte sie heute mal die Sache von der anderen Seite betrachten?

"Wenn Mama will, dass ich das Ding trage, soll sie gefälligst auch was dafür tun... Außerdem... ich hab' mir den Arm gebrochen, da darf ich mich doch auch ein wenig 'verwöhnen' lassen!" Sie verdreht ihre Augen, bis nur das Weiß zu sehen ist: "Wobei 'verwöhnen lassen' ein wirklich SAUBLÖDER Ausdruck dafür ist, dass ich mir von Mama die Außenspange umschnallen lasse..."

"Ähm, Schatz? Da ist eine Seite rot markiert und eine Seite schwarz..." die Mutter hatte das komplexere Teil inspiziert: "Der rote Strich ist ein paar Löcher weiter vorne als der schwarze... hat das was zu sagen?"

Lea nickt: "Die Polster sind nicht gleich. Doch schon: Das Ding ist an sich schon - ähh, wie heißt das... symmetrisch! - aber ich soll es auf der einen Seite anders einhaken, weil..." Sie zuckt mit den Schultern: "Ach, ich weiß auch nicht, warum... ist halt so..."

"Das mit dem roten Strich soll auf jeden Fall hierin", Lea tippt mit dem Zeigefinger auf die linke Wange.



Die nächsten Sekunden vergehen, in denen die Mutter - den Erklärungen folgend - ihrer Tochter das Teil aufsetzt und dann die Lochstreifen einhakt. Schließlich zieht die Mutter ihre Hände zurück: Die Aufgabe ist erledigt, Lea trägt ihr Behandlungsgerät nun "vollständig".

"Ich danke Dir, Mama..." seufzt Lea, "was würde ich nur ohne Dich machen..."

"Du brauchst gar nicht so zu grinsen, junge Frau", die Mutter droht mit erhobenem Zeigefinger: "Sonst könnte man meinen, dass Dir das Ganze gefallen hat..."

"Garantiert nicht", schüttelt Lea ihren Kopf, doch kann sie das Grinsen nicht komplett aus dem Gesicht vertreiben. Es hat keinen "Spaß gemacht", aber es war... nun ja... ein "sehr ungewöhnliches" Ereignis. Mit der linken Hand richtet sie die Polster noch etwas besser aus, vor allem der "Highpull"-Teil sitzt nicht ganz korrekt. Aber das hat sie allemal schneller selbst gerichtet, als ihrer Mutter zu erklären, in welche Richtung sie welches Polster verschieben müsste.

"Was ist, Schatz?", fragt die Mutter, die verfolgt hatte, wie ihre Tochter die Spange "zurechtgerückt" hatte. "Passt was nicht? Hab' ich was falsch gemacht?"

"Ne, ist schon recht. Passt schon alles..." Ein trockenes Grinsen stiehlt sich in Leas Gesicht: "Aber so passt's noch 'besser'!" Mit der linken Hand malt sie dabei große Gänsefüßchen in die Luft...



In den kommenden Minuten machen sich es die beiden wieder gemütlich auf der kleinen Terrasse. Spot ist - wie vermutet - zurückgekommen und liegt schnurrend auf dem Schoß von Frau Martin, die weiterhin die Krankenhausunterlagen studiert: Wirklich weltbewegend wichtige Weisheiten stehen nicht drin. Eigentlich ist ja alles mehr oder minder klar. Zumindest so lange man mit gesundem Menschenverstand an die Sache rangeht. Und daran sollte es bei Beiden nicht mangeln.

Lea hat inzwischen ihr Handy gezückt und spielt, so gut es einhändig geht, irgendein Spiel.

"Weißt Du, Mama, so gerne ich hier draußen in der Sonne sitze... mit diesem Teil nervt es tierisch", sie schnippst dabei gegen den Metallbogen vor ihrem Mund. "Denn wenn die Sonne scheint, glitzert das so stark, dass ich kaum was sehe. Das tut mir richtig in den Augen weh..." Aus der Art, wie sie das gesagt hat, wird klar, dass sie gar nicht mit einer Antwort rechnet, sondern einfach ihrem "Unmut" mal freien Lauf lassen wollte. Trotz ihrer Beschwerde scheint das Mädchen nicht sonderlich von dem glitzernden Bogen um ihr Gesicht gestört zu werden.

Die Vögel fliegen zwitschernd von Ast zu Ast und hüpfen sorgenfrei in der Suche nach Insekten auf dem Boden umher. Sie wissen, dass sie keine Angst haben müssen; der Kater ist momentan viel zu träge, als sich um die flinken Geschöpfe zu scheren.



"Weißt Du, was das allerdümmste an meiner Außenspange ist? Ganz besonders für DICH?", fragt Lea unvermittelt. Sie kann nicht verhindern, dass ihre Mundwinkel verräterisch nach oben deuten.

Die Mutter schaut erstaunt auf und schüttelt dann den Kopf.

"Dass ich das Ding auch heute Abend nicht allein einsetzen kann. Ganz zu schweigen von morgen... und ÜBERmorgen ... und überÜBERmorgen... und überüberÜBERmorgen..." Ihr Grinsen wird mit jedem "ÜBER" breiter.

"Solange ich den Gips dran habe, musst Du mir dabei helfen." Sie sieht ihre Mutter herausfordernd an "Meinst Du wirklich, dass Du das immer wieder machen willst? Glaubst Du nicht, dass Du die Geduld verlierst?" Ihr Grinsen geht von Ohr zu Ohr: "Sollen wir die Außenspange nicht vielleicht DOCH lieber aussetzen, bis ich es wieder alleine hinkriege?"

Auch die Mutter lächelt. "Ach so schlimm wird es schon nicht, Schatz, ich helfe Dir gerne..." Als sie die geknickte Miene ihrer Tochter sieht, hält sie einen Moment inne: "Aber vielleicht hast Du ja Recht, es ist WIRKLICH eine Menge Arbeit... und ich habe tatsächlich keine Lust, Dir alle Naselang die Spange rein- und rauszumachen..."

"Ach, weißt Du, Mama, RAUS kriege ich sie schon alleine..." wendet ihre Tochter ein. Dennoch nickt sie begeistert.

"Was hältst Du davon", fährt die Mutter fort, nur die kleinste Andeutung eines Lächelns auf dem sonst unbewegten Gesicht: "ICH helfe Dir gerne, die Spange jeden Tag jeweils nach dem Frühstück, Mittagessen und Abendessen reinzumachen - und wenn Du willst, davor auch raus."

Lea nickt.

"Dafür trägst DU die Außenspange dann - mit Ausnahme des Essens - einfach den Rest der Zeit, ja?"

Aus Leas Kopfnicken ist schnell ein Kopfschütteln geworden. Die Mutter grinst plötzlich genauso breit wie vorher ihre Tochter:

"Ich sehe das so: Das Problem ist nicht, dass ich Dir zu oft helfen muss, Deine Spange REINzumachen, sondern dass Du sie zu oft RAUSnehmen willst... Wenn Du sie aber seltener RAUSnimmst, musst Du sie auch seltener REINmachen... Und je mehr Du sie trägst, desto weniger muss ich Dir helfen und desto schneller geht auch Deine Behandlung. Und dann sind wir beide glücklich..."

"Von wegen 'glücklich'", Leas Augen sind weit geöffnet und in ihrer Stimme schwingt die Sorge mit, dass ihre Mutter das tatsächlich ernst meinen könnte. Sie schafft es zwar ohne große Probleme, ausreichend lange Balken in ihrer Stundenübersicht auszumalen, um den Kieferorthopäden zufriedenzustellen. Aber das, was ihre Mutter gerade vorgeschlagen hatte, das... das würde anstrengend werden!

Die Mutter muss ob des entgeisterten Gesichtsausdrucks ihrer Tochter so stark lachen, dass sie damit Spot verscheucht, der sich nun doch dazu entschließt, sich auf die - erfolglose - Jagd nach einem gefiederten Snack zu machen. "Ach Schatz, es ist so schön, dass Du wieder da bist".



Lea lässt ihr Handy sinken; der Tag war anstrengend und sie ist müde. Außerdem pocht ihr Arm unangenehm und die Schmerzmittel, die sie vorhin dagegen genommen hat, machen sie schläfrig. Sie lehnt sich zurück in die Polster des Stuhls und schließt die Augen.

Ein paar Minuten später bringt ein Windstoß die Blätter zum Rascheln, während die Sonne immer noch wärmend auf die beiden Gestalten herabscheint. Die eine liest inzwischen in ihrem Buch und wirft dann-und-wann einen liebevollen Blick zu der anderen, der schlafenden Gestalt. Das silberne Glitzern des Metallbogens stört das Mädchen nicht länger. Die eingegipste Hand ruht sanft auf den Sofakissen.

Die schmelzenden Eiswürfel klirren leise im Glas und ganz in der Ferne - natürlich auf der englischen Seite des Kanals - lässt sich ein leiser Donner vernehmen. Am Abend wird zweifellos ein Sommer-Unwetter über ihnen hereinbrechen und ihnen mehr Arbeit bescheren, als den Beiden lieb ist... Doch bis dahin wird noch einige Zeit vergehen. Und solange ist alles warm, hell und friedlich.

ENDE

Offline 8749

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #9 on: 25. May 2022, 01:10:43 AM »
Vielen Dank für die tolle Story!! Hat echt Spaß gemacht ☺️ Im EN Teil hast du ja über die nächsten Storys gesprochen… ich würde mir F means Headgear wünschen

Offline silver-moon-2000

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #10 on: 25. May 2022, 16:53:29 PM »
Vielen Dank für die tolle Story!! Hat echt Spaß gemacht ☺️ Im EN Teil hast du ja über die nächsten Storys gesprochen… ich würde mir F means Headgear wünschen

Schön, von Dir zu hören. Und danke für das Lob.

"F means Headgear" ist somit vorgemerkt  ;D

Offline Aktitime

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Re: story - Der gebrochene Arm
« Reply #11 on: 27. May 2022, 21:46:01 PM »
Tolle story! Weiter so, bin auf andere Geschichten von dir gespannt ;)