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Author Topic: Auf zu neuen Ufern!  (Read 2380 times)

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Auf zu neuen Ufern!
« on: 03. August 2022, 23:11:51 PM »
Ich brauchte Abwechslung, etwas Neues, neue Herausforderungen, neue Abenteuer und einen neuen Horizont. Dies alles konnte mir nur Auswandern bieten, an einen Ort weit weg vom gewohnten zentaleuropäischen Trott. Darum machte ich mich auf der Suche nach einer neuen Stelle, irgendwo auf diesem Planeten, aber mit der Einschränkung, dass man dort eine der beiden Sprachen spricht, die ich auch beherrsche. Diese Sprachen sind einerseits Deutsch und andererseits Englisch, was die Sache wiederum merklich einschränkte. Australien, USA, Kanada und Neuseeland waren die Länder, auf die ich mich auf der Suche nach neuen Horizonten konzentrierte.

Manchmal sind gute Freunde einfach unersetzlich. Oskar, den ich schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen habe, sandte mir ein What-Up, ob wir uns wieder einmal treffen möchten? Klar wollte ich, und bald darauf trafen wir uns nach Feierabend in einer Bar und erzählten uns, was in unseren Leben alles gelaufen ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Oskar ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder, einen Hund, eine Katze, ein familientaugliches Auto und bezahlt jeden Monat einen Teil der Hypothek seines Reihenhauses im Speckgürtel der Grossstadt zurück.
Er scheint mit seinen Lebensumständen ganz zufrieden zu sein, jedenfalls machte er einen entsprechenden Eindruck auf mich.
Wir kannten uns seit Jahren und ich glaube ihn fasziniert mein Leben als Dauersingle mit gelegentlichen sexuellen Abenteuern, genau so, wie ich sein organisiertes Leben interessant finde.

Ich erzählte Oskar natürlich auch von meinen Plänen, und das es nicht einfach sei, einen Job im Ausland zu finden. Sowohl in Nordamerika, als auch in den beiden ozeanischen Ländern gab es strenge Einreisebestimmungen, die meine Planungen erschweren.

„Was ist mit Saint Hiram?“ fragte mich Oskar. Ich verstand immer noch nicht, warum Eltern ihren Sohn in den Siebzigern Oskar tauften. Nur Otto wäre noch schlimmer gewesen. Oder Balduin.
Jedenfalls antwortete ich: „Saint Hiram, ist das nicht so eine Insel irgendwo vor Südamerika, oder?“
„Ja genau. Es liegt vor Chile und war einmal eine englische Kolonie. Heute ist‘s unabhängig, im Commonwealth, aber immer noch britischer als der Trafalgar Sqaure in London.“
„... und wahrscheinlich nicht viel grösser, oder? Meinst Du, dass es dort Arbeit für mich hätte? Ich habe es nicht so mit Pferde beschlagen und Fischernetze knüpfen. Du weisst, ich bin schon eher ein Büromensch.“
„Ich habe einen Kunden dort, der meine Firma in Südamerika vertritt, was anscheinend wegen irgendwelchen Zollbestimmungen gut funktioniert. Ich habe ihn vor einigen Wochen getroffen und er kommt nicht mehr nach, so viel Arbeit hat er. Er hat mich gefragt, ob ich nicht bei ihm einsteigen möchte. Ich hab‘ es mir überlegt. Es ist sehr schön dort. Aber weisst Du, Anna, die Kinder, die Tiere und das Haus. Ich bin hier festgebunden.“

Ein halbes Jahr später setzte mein Flug aus Santiago de Chile auf der Landebahn des Flughafens von Saint Hiram Town auf. Es war meine dritte Ankunft dort, und im Gegensatz zu den beiden zuvor, werde ich nicht in den nächsten Tagen wieder abfliegen. Saint Hiram ist ab jetzt meine neue Heimat.

Oskar hat mir den Kontakt zu seinem Kunden vermittelt. Ich habe ihn getroffen, und wir haben rasch herausgefunden, dass wir wahrscheinlich gut zusammen arbeiten können. Ausserdem: diese Insel im südlichen Pazifik gefiel mir auf Anhieb.
Das zweite Mal war ich dort, um Organisatorisches zu erledigen und mich nach einem neuen Zuhause umzusehen. Carl, mein neuer Chef hat sich in meiner Abwesenheit um all die Dinge gekümmert, die ich von aus Europa nicht erledigen konnte. Inklusive die Annahme all der Dinge, die ich mitnehmen wollte und vorausschickte. Auch wenn ich vor hatte, mich von Vielem zu trennen, das sich über die Jahre angesammelt hat, es waren am Schluss doch noch einige Kisten, die um den halben Globus spediert wurden. Wir haben abgemacht, dass sie bei Carl ins Lagerhaus kommen, und ich sie dann selber in mein neues Haus transportieren werde. Carl hat mir allerdings versprochen, dass er dafür sorgen wird, dass ich mindestens eine Matratze im Haus hätte.

Die Einreise verlief rasch und problemlos, mit dem Visum im Pass und nach dem Vorzeigen einer Kopie des Arbeitsvertrages, war ich schon auf. Saint Hiram. Und wie abgemacht wartete Carl jenseits der Glastür auf mich. Ich wollte eigentlich ein Taxi nehmen, aber er bestand darauf, mich abzuholen, weil er ja auch die Hausschlüssel hätte.
Carl war rund sechzig Jahre alt, und man sah ihm an, dass er einerseits britische Gene, aber auch solche aus Südamerika und einen gut ernährenden Job hat. Die stehst gut gekleidete Gemütlichkeit in Person, mit einem ausgeprägten Bauchansatz.
Ich erkannte seinen runden Kopf mit dem Doppelkinn sofort unter all den Wartenden. Das war auch nicht schwer, schwenkte doch beide Arme so sehr, dass man fast den Eindruck hätte bekommen können, er wollte gleich wegfliegen.

Nach den üblichen Begrüssungsfloskeln stellte er mich einerFrau vor, die die ganze Zeit neben ihm stand und seine Partnerin sei. Sie war schlank, rund einen Meter sechzig gross, einige Jahre jünger und schöner als Carl. Sie sah für mich sehr südamerikanisch aus. Sie wurde mir als Gisela vorgestellt, und als sie mich beim Händeschütteln anlächelte, wusste ich, warum sie zuvor immer so ernsthaft-verklemmt geschaut hat: soweit ich es sehen konnte, hatte sie auf allen Zähnen riesige Brackets und schämte sich offenbar diese zu zeigen.

Auf dem Weg zu seinem schon etwas in die Jahre gekommenen Jaguar XJ-S im Flughafen-Parkhaus wurde ich gefragt, ob ich denn nicht lieber die erste Nacht bei ihm und Gisela verbringen möchte? Ich habe schon auf dem Hinflug überlegt, ob ich mir nicht ein Hotelzimmer nehmen möchte, darum nahm ich diesen Vorschlag gerne an. Die Fahrt durch die schon dunklen Vororte und unter den Strassenlampen dem erloschenen Vulkankegel entlang, der die Basis Saint Hirams bildet, war absolut ruhig und stressfrei. Der Motor des Jaguar brummte leise vor sich in, und hin und wieder sah man in der Dunkelheit im Wageninnern die Glut vom Carls Tabakpfeife aufleuchten.
Giselas Zahnspange ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Habe ich in dieser knappen Sekunde bei der Begrüssung, in der sie mich anlächelte, tatsächlich Bänder auf ihren Frontzähnen erspäht? Die klassischen Stahlbänder, welche in meiner Heimat sicher seit den Neunziger durch Klebebrackets ersetzt wurden?
Auf dem Weg ins Parkhaus habe ich sie noch zwei-drei Mal angelächelt, in der Hoffnung ein Lächeln, verbunden mit einem Blick auf ihre Zahnspange zurück zu bekommen, aber sie lächelte nur mit verkrampft-verschlossenen Lippen zurück.

Es war schon stockdunkel, als wir durch ein Gusseisentor in den Garten vor Carls Haus fuhren, aber ich konnte trotzdem durch die Autoscheiben einen gepflegten Garten mit akkurat getrimmten Büschen und Gipsstatuen erkennen. Bisher traf ich Carl nur in seinem Büro, das mit viel dunklem Eichenholz einen sehr englischen Spirit verströmt. Überhaupt ganz Saint Hiram Town könnte gerade so gut irgendwo in der Provinz Grossbritanniens liegen; Backsteinhaus schliesst an Backsteinhaus, man fährt auf der linken Strassenseite und die Anzahl Pubs auf den Quadratkilometer ist vergleichbar mit jener im Mutterland.
Ich war darum überhaupt nicht verwundert, dass der Jaguar vor einem stattlichen Haus im Tudor-Stil halt machte. Als wir ausstiegen, konnte man einen Hund im Innern des Hauses bellen hören. „Sicher ein Labrador“ dachte ich mir. Ich lag falsch, es waren drei Beagle, die herausstürmten, sobald Carl die Haustür aufgeschossen hatte.

Wir betraten das Haus, und als die drei Hunde nach einem Pfiff ebenfalls wieder ins Haus zurückgekommen waren, schloss Carl die grosse, schwere Holztüre hinter uns wieder zu.Ich werde es in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten noch einige Male denken: warum war es den Engländer so wichtig, in ihren Kolonien an allen Enden dieser Erde, ihre gewohnte Welt von zuhause nachzubauen?

In nicht ganz akzentfreiem Englisch wurde ich von Gisela gefragt, ob sie mir meine Jacke abnehmen dürfe? Sie hatte nicht nur einen Akzent, ich hörte deutlich, dass etwas sie etwas beim Sprechen behindert. Ihre Zahnspange? Jedenfalls konnte ich nochmals einen Blick auf ihre Zähne werfen, was sie genau im Mund hatte, konnte ich nicht genau erkennen, jedenfalls sicher Brackets im Ober- wie im Unterkiefer und wahrscheinlich noch etwas mehr...



Später sassen wir noch an einem grossen Holztisch in einem noch grösseren Raum und assen. Ich hatte zwar, auch wenn aus lauter Langeweile auf dem Flug von Europa über Südamerika nach Saint Hiram wahrscheinlich ununterbrochen irgendetwas genascht und war eigentlich nicht hungrig, eher müde, aber dies wegen der Zeitumstellung auch nicht richtig. So war es mir recht, vor dem Zubettgehen mit meinen neuen Freunden in der Ferne noch etwas Zeit verbringen zu können. Es gab sehr feines Roastbeef, dünn geschnitten und begleitet von einer exzellenten Sauce.
Ich durfte mich schon zu Tisch setzen, und Carl und Gisela brachten das Essen. Wobei eigentlich dass Essen von Gisela serviert wurde, während sich Carl mit dem Korken einer Flasche Rotwein beschäftigt war. Jetzt konnte ich es tatsächlich sehen: Gisela hatte bebänderte Zähne und noch Gummis, die beidseitig von den oberen Eckzähnen zu den Molaren, oder Prämolaren gespannt waren. Whow!
Kurz vor bevor sie sich mir gegenüber an den Tisch setzte, entfernte sie diskret die beiden Gummibänder.
Während des Essens hatten wir ein angenehmes Gespräch und ich erfuhr, dass Gisela aus Venezuela stammt und seit rund einem Jahr mit Carl zusammenlebt. Aus dem Augenwinkel konnte ich sie während des Essens beobachten, wie sie immer wieder mir der Zunge versuchte, das wirklich feine Roastbeef aus ihren Zahnspangen zu fummeln. Der exzellente Rotwein aus Argentinien benutzte sie ebenfalls zur diktieren Reinigung ihrer Apparaturen im Mund. Beim Gespräch mit ihr kam ich zum definitiven Schluss, es muss noch einen Fremdkörper auf der Innenseite ihrer Zähne geben.

Mit genügend Rotwein im Blut und fasziniert von Giselas Zahnspange schlief ich bald und fest im Gästebett von Carls Villa über der Stadt Saint Hiram ein.



Die Zeitumstellung liess mich allerdings früh wieder aufwachen, und ich war so wach, dass keine Chance bestand, mich nochmals auf die andere Seite drehen und wieder eindösen zu können. Ich stand daher auf, duschte mich, rasierte mich, zog mich an und wollte mich leise aus dem Haus schleichen, um draussen den Morgen zu geniessen. Ich hoffte, die Hunde und somit die Anderen im Hause nicht zu wecken. Es misslang, denn als ich die Treppe hinunter kam, kamen mir drei freudig mit dem Schwanz wedelnde Beagle entgegen. Sie kannten mich seit gestern Abend und nahmen mich glücklicherweise als Freund und nicht als Feind war, bellten aber trotzdem. „Pssst!“ scheinen Saint Hiram‘sche Hunde nicht zu verstehen, oder anders zu interpretieren. Sie bellten weiter. Ich versuchte sie zu beruhigen und hörte, wie im oberen Stock eine Tür geöffnet wurde. Mit einem „It‘s only me!“ gab ich mich zu erkennen. In diesem Augenblick erschien Gisela oben an der Treppe. Sie trug einen Bademantel am Körper, und einen Headgear um den Kopf. Sie kam die Treppe herunter und ich entschuldigte mich, sie geweckt zu haben.
„Das ist kein Problem, Carl schläft immer sehr tief, und ich nicht besonders, seit ich nachts dies hier tragen muss.“ dabei zeigte sie auf ihren Facebow.
„Du weisst, was das ist?“ Natürlich wusste ich es. „Damit sollen deine Zähne und Kiefer korrigiert werden.“ gab ich zur Antwort.
„Genau. Das ist bei mir wirklich notwendig, aber ich hasse diese Dinger trotzdem.“
Das Eis war gebrochen! „Musst Du sie schon lange tragen?“
„Ich habe sie jetzt seit einigen Monaten, und jedesmal wenn ich deswegen zum Zahnarzt gehe, habe ich nachher schmerzen, oder noch etwas zusätzlich im Mund. Und essen damit ist äusserst mühsam.“
Ja, ich kann mich ans Nachtessen vom Vortag erinnern, aber ich sagte nichts. Stattdessen: „das Ding um Deinen Kopf, das brauchst du nur nachts zu tragen?“
„Zur Zeit achtzehn Stunden am Tag, nach dem Termin beim Zahnarzt für eine Woche den ganzen Tag, ausser zum Essen und Zähneputzen. Aber er hat mir versprochen, dass ich es weniger lang tragen müsse, wenn ich diszipliniert sei. Und das finde ich schwierig.“
Sie spreizte ihre Lippen, wie zum Kuss und zog diese über den vorderen Teil des Facebows.
Die Hunde hatten aufgehört zu bellen, waren aber immer noch unruhig.
„Ich glaube, ich lasse sie raus, sonst pinkeln sie ins Haus.“ Sie stand von der Treppenstufe auf, auf der sie sass, zupfte den Morgenmantel zurecht und ging zur Haustüre, gefolgt von drei freudig wedelnden Beagles.

Ich ging ihr nach, ich hatte ja schon anfänglich vor, hinauszugehen. Allerdings nicht, weil ich sonst in die Eingangshalle pinkeln würde...
Gisela konnte die Türe nicht einmal richtig öffnen, das stürmte das Hundtrio schon in die kühle Morgenluft hinaus. Sie musste lachen, und dabei sah ich etwas aus ihrem Gaumen blitzen. Also hatte ich recht.

Draussen auf der Treppe holte sie tief Luft und meinte: „Nur schon diese kühlen Morgen sind es Wert aus Caracas hierher gekommen zu sein. Dort ist die Luft viel dreckiger und oft morgens schon heiss. Kennst Du Venezuela?“
Ich musste verneinen, wusste, dass es dort politisch nicht zum Besten steht, wollte dieses Thema aber nicht ansprechen.

Wie sassen wortlos nebeneinander auf einer Bank, und mir ging Giselas Zahnspange nicht mehr aus dem Kopf. Was ihr in diesem Moment durch den Kopf ging, weiss ich nicht.
„Du arbeitest jetzt also für Carl?“ fragte sie ohne mich anzublicken.
„Ja, das ist so. Ich hoffe er kann mich brauchen.“
„Er ist ein guter Mensch, manchmal wahrscheinlich fast etwas zu nett. Aber ein wirklich guter Mensch.“
Sie drehte den Kopf in meine Richtung, tippte sich mit beiden Zeigefingern auf den Facebow und ergänzte: „er bezahlt beispielsweise für all dies hier. Ich bin sicher, dass dies sehr viel Geld kostet.“

Sie erzählt mir, dass sie als Hausangestellte nach Saint Hiram gekommen ist, wie das viele Frauen aus Venezuela machen, weil sie zuhause keine Arbeit finden würden, oder wenn, dann zu schlechten Löhnen.
Mein Beweggrund hierher zu kommen, war ein anderer. Bei mir ist es zum Teil Abenteuer, aber nicht um genug zum Essen zu haben.

Sie erzählte mir, dass sie mit Carl schon in meinem Haus gewesen sei, und dass es ihr gefallen würde. Ich musste ihr ehrlich antworten, dass ich es eigentlich nur von Bildern aus dem Internet und einem Blitzbesuch auf dem Weg zum Flughafen kennen würde.
„Hast vor alleine dort zu wohnen? Und den ganzen Haushalt, neben der Arbeit bei Carl, auch noch zu erledigen? Pfuuhh!“ und strich sich mit dem Handrücken über die Stirn.
Die Hunde sind die ganze Zeit über im grossen, schönen Garten über das kurzgeschnittene Gras gerannt und kamen hechelnd zurück. Offenbar hatten sie Durst.
Wir standen auf und gingen zurück zur Haustür. Dabei erzählte ich ihr, dass ich eigentlich schon vor hätte, jemand zu suchen, der mir helfen könnte, aber dass ich dies erst von hier aus angehen wollte.
Sie sagte mir direkt heraus, dass sie eine Kusine hätte, die eine solche Stelle suchen würde. Dabei lachte sie zum ersten Mal seit wir uns begegnet sind, und ich konnte einen grossen Teil ihrer Spange sehen, von den Molarbands, in die der Gesichtsbogen eingesetzt ist, über die beiden Gummizüge bis zu allen Drahtligaturen, mit denen der obere Bogen in den Brackets gehalten wird. Dieser wies an einigen Stellen Knicke und Bögen auf.

Offline anton08

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Re: Auf zu neuen Ufern!
« Reply #1 on: 04. August 2022, 08:14:53 AM »
Eine interessante Geschichte mit viel Potential. Jedem passieren Fehler, die "aufgeschossene" Haustür ist allerliebst..

Weiter so!

Offline Uniphase

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Auf zu neuen Ufern! Zweites Kapitel
« Reply #2 on: 04. August 2022, 10:56:09 AM »
Es ist möglich, dass sich ab und zu ein Helvetismus einschleicht. Aber ich vermute mal, man versteht es trotzdem. :-)

zweites Kapitel

Die Hunde waren gefüttert und für uns stand das Frühstück  schon auf dem Tisch. Carl war inzwischen auch aufgestanden, und er traf Gisela und mich in der Küche. Wir sprachen über dieses und jenes, hauptsächlich über die kulturellen Unterschiede zwischen ihrer Heimat und Saint Hiram. Sie war schön, sehr schön sogar, sie hatte dunkle, kräftige Haare, die mit dem Headgear an ihren Kopf gedrückt wurden. Ihr Gesicht war wohl proportioniert mit reiner Haut und zwei dunklen Augen, die sie sehr zurückhaltend, aber effektvoll geschminkt hatte. Der Facebow, welcher horizontal über ihren Mund verlief, war zwar ein Fremdkörper in ihrem Gesicht, aber so schön wie eine Dissonanz an der richtigen Stelle in der Musik.
Sie hatte sich inzwischen umgezogen. Sie trug ein blau-weiss gestreiftes Hemd, dessen oberste beiden Knöpfe nicht verschlossen waren, und einen Blick auf ihr Decoltee und eine Perlenkette erlaubte. Ihre Brüste scheinen eher klein zu sein, aber in gutem Verhältnis zu ihrem eher zarten, leicht gebräunten Körper. Eigentlich ein Gesamtkunstwerk und viel zu schön um uns Rührei mit Speck zuzubereiten.
Ich musste dagegen kämpfen, dass ich mich nicht in sie verliebte. Sie war immerhin die Partnerin meines Chefs. Ich habe noch einmal meine Stelle richtig angetreten, und ein Scheitern wäre mit sehr viel Aufwand und Unsicherheit verbunden. Ich versuchte mich zusammen zu nehmen.
Carl stand mit einer Tasse Kaffee in der Hand hinter ihr und strich ihr zärtlich über den Nacken. Ich weiss nicht, ob er bemerkt hat, dass ich auf seine Freundin stand. Ich fasste es jedenfalls so auf, dass er mir mit dieser Geste unmissverständlich klar stellen wollte: Gisela gehört mir. Das stand ja auch gar nicht zur Diskussion. Sie war einfach nur schön, und ihre Zahnspangen trugen das ihrige dazu bei. Wann habe ich das letzte Mal eine erwachsene Person mit einer solchen Zahnspange gesehen? Wahrscheinlich noch nie ausserhalb meiner Träume.
„Ich sehe, du hast Gisela inzwischen mit ihrem Kopfschmuck gesehen. Normalerweise schämt sie sich dafür. Ich finde es schön, dass sie dir gegenüber diese Scham offenbar nicht hat. Nicht war, Schatz?“ sie bekam von ihm einen Kuss auf die Stirn.

Es war Samstag, somit konnte das Geschäft bis am Montag warten. Während des Frühstücks, für das sich Gisela den Headgear, den Facebow und die Gummis entfernt hat, planten wir den Tag. Carl und ich wollten im Geschäft vorbeigehen, damit ich mir einen Firmenwagen ausleihen kann. Ich hatte ja noch kein eigener Auto. Danach werde ich in mein neues Haus gehen, um Kartons zu entleeren und deren Inhalt gezielt im ganzen Haus verteilen. Die vorerst letzten Momente in Giselas Gegenwart. Eigentlich schade, andererseits war ich froh, die Sache etwas abkühlen lassen zu können, bevor es kompliziert wird.
Als wir das Haus verliessen, hatte Gisela den Headgear noch nicht wieder angezogen. Dafür gab sie mir zum Abschied ein breites, silbernen glitzerndes Lächeln.

Mein neues Zuhause war schön. Das Haus hatte logischerweise auch einen sehr englischen Touch, mit sehr viel Landhaus. In einigen Zimmer waren die Wände mit geblümten Tapeten bezogen und das Haus enthielt viel, sehr viel polierten Messing. Für mich teilweise schon fast zu sehr feminin-kitschig. Es liess sich aushalten, und meine modernen Möbel, die ich aus Europa mitgebracht habe, sorgten für Ausgleich. Vom Wohnzimmer aus hatte ich einen wunderbaren Ausblick über die Stadt und den Garten vor dem Haus. Dieser war zwar nicht so gross, wie der von Carls Haus. Die Leute, die  das Haus zuvor bewohnten, gaben sich beim Unterhalt sehr viel Mühe. Ich hoffte, ich werde mich als würdigen Nachfahre erweisen.
Entweder ist das Haus gross, oder ich bin tatsächlich mit vorbildlich wenig Gegenständen ausgewandert. Jedenfalls war ich nach wenigen Stunden mit dem Einräumen fertig. Ich war froh, dass Carl meine Dinge schon ins Haus bringen liess, dies ersparte mir viel Arbeit.

Ich musste die ganze Zeit an Gisela denken, und stellte mir vor, was sie jetzt gerade machen würde. Die schönste Vorstellung war, sie liege leicht bekleidet in einem Liegestuhl im Garten. Sie hat die Lippen leicht geöffnet und ihre Zahnspange glitzert in der Sonne.
Wie bringe ich diese Gedanken nirgends wieder aus meinem Hirn. Ich will mich, verdammt nochmal, nicht in sie verlieben. Oder habe ich mich vielleicht schon verliebt?
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, einfach mit dem Auto in der Stadt herumzufahren, einige Dinge einzukaufen und mir dabei die Stadt und deren Strassen einzuprägen. Ich hoffte, dass damit Hirnregionen, die derzeit Gedanken an Gisela besetzt sind, anderweitig genutzt werden.

Was ich allerdings rasch feststellte: mein eigens Auto wird ganz bestimmt eine automatische Schaltung haben. Links fahren, anders abbiegen als ich es mich gewohnt bin und gleichzeitig schalten, das überlastet mein Gehirn, auch ohne Gisela.

Sie kam mir trotzdem immer wieder in den Sinn. Im Morgenmantel im Park, und dann in der Küche, im blau-weiss gestreiften Hemd, den engen Jeans und den hellbraunen Schuhen. Eins stand fest: Gisela hat Stil. Und sie war ausser Reichweite für mich. Sie muss ausser Reichweite sein.

Wie war das mit ihrer Kusine? Ob die auch so hübsch ist? Und ob sie auch eine Zahnspange hat? Was sollen diese Gedanken? Ich suche jemanden der mir gegen ehrliche Bezahlung im Haushalt hilft. Nicht mehr und nicht weniger. Punkt.



Es war Montagmorgen, und weil ich mich immer noch nicht an die Zeitumstellung gewöhnt habe, war ich früh auf den Beinen und zeitig im Geschäft. Seit Samstag wusste ich, wo sich mein Büro befinden wird, und ich war nicht unglücklich einer der Ersten zu sein. Ich hasse es, bei allen vorbeigehen und die Hand schütteln zu müssen. Mein Büro befand sich unmittelbar beim Haupteingang, ich liess die Türe offen und so sah jeder, der kam, dass ich anwesend bin und musste zwangsläufig bei mir hineinschauen.
Die meisten meiner neuen Kollegen waren mir auf Anhieb sympathisch. Eine gute Durchmischung der Geschlechter und Altersgruppen. Bei einigen der weiblichen Kolleginnen sind mir die schon fast künstlich schönen Zähne aufgefallen, und eine Kollegin schien ebenfalls eine Zahnspange zu tragen. Sie konnte mich ebenfalls nicht offen anzugrinsen.

Als Carl ins Geschäft kam, hatte ich mich mit den allermeisten meiner neuen Arbeitskollegen bereits bekannt gemacht, und wir konnten diesen Punkt auf der Liste schon als erledigt abstreichen. Der Tag war trotzdem streng und ich war froh, als Feierabend war. Beim Heimgehen schaute ich noch bei Carl ins Büro.
„Wie geht es eigentlich in deinem neuen Zuhause? Funktioniert alles? Ich nehme an, du brauchst noch das eine oder andere?“
„Soweit ganz gut. Es gibt schon noch einiges, was gemacht und eingekauft werden muss. Beispielsweise die Vorhänge. Ich hab‘ noch keine Vorhänge und hoffe keine Spanner in der Nachbarschaft zu haben...“
Sobald ich dies gesagt habe, schoss es mir durch den Kopf: bin ich nicht eventuell hier der Spanner, so wie ich mich für Giselas Zahnspange interessiere? Ich nahm mir ernsthaft vor, dass ich darüber einmal ernsthaft nachdenken sollte.
„Ich habe allerdings noch etwas...“
„frisch von der Leber weg!“
„Gisela hat mir gesagt, dass sie eine Kusine hätte, die mir gegen Bezahlung im Haushalt helfen könnte...“ Gegen Bezahlung, was sollte diese saudumme Äusserungen? Natürlich gegen Bezahlung in britischem Pfund, wie alles hier auf der Insel, dass man bezahlen muss.
„Ich weiss nicht wen sie gemeint hat. Ich werde sie heute Abend fragen. Sie hat übrigens deinen Aufenthalt bei uns sehr genossen. Sie spricht oft von dir. Du bist jederzeit willkommen, du weisst ja wo wir wohnen.“

Soll ich jetzt noch die Masse für die Vorhänge aufnehmen, oder einfach etwas im Internet surfen? Der Tag war streng, und zu sehr viel war ich nicht mehr zu gebrauchen. Ausserdem litt ich immer noch unter dem Jetlag.
Als ich gerade mit Massband und Notizbuch auf einer Bockleiter stand um bei den Fenstern für die Vorhänge Mass zu nehmen, läutete mein Mobiltelefon. Wer das wohl sein könnte? Bis jetzt habe ich meine Nummer nur an Arbeitskollegen gegeben. Von denen wird wohl niemand schon am ersten Arbeitstag nach Feierabend etwas von mir wollen.
Ich sah auf das Display. Es zeigte eine Nummer an, die Arbeitskollegen habe ich alle mit Namen hinterlegt.
„Yes, hello?““
Es meldete sich eine Frauenstimme mit leichtem Akzent.
„Hello I am Cristina, Gisela gave me your number...“
Wie, wer, was? Da sie „Gisela“ anders ausgesprochen hat, als ich es mich gewohnt bin, brauchte ich einen Moment bis ich verstand, dass Cristina eventuell Giselas Kusine sein könnte.
„Ah! Is it about the job?“
„Yes. Can we meet?“
„Sure. When ever you like.“
Mit der folgenden Antwort hatte ich nicht gerechnet: „Now?“
„Do you mean right now?“
„Yes.“
Was soll ich sagen? Eigentlich war ich müde, wollte die Vorhänge noch fertig ausmessen, dann duschen und ab ins Bett.
„What about tomorrow?“
Ich hörte ein enttäuschtes „OK. But when tomorrow?“
„At seven?“
„Seven a.m.?“
Ich musste fast lachen. Um sieben Uhr morgens? Wer hat mir Gisela hier angedreht? Ich hatte schon ein ungutes Gefühl, und überlegte schon, wie ich Gisela beim nächsten Treffen beibringen werde, dass Cristina nicht meinen Vorstellungen entsprach. Aber ich wollte Cristina eine Chance geben, vielleicht lag es ja am telefonieren in einer fremden Sprache. Ehrlich gesagt, ich schreibe auch lieber E-Mails, als dass ich anrufe, wenn die Konversation in Englisch stattfindet.
„No, no, at seven p.m. Do you have my adress?“
„Yes, Gisela gave it to me.“
Wir verabschiedeten uns, ich mass die restlichen Fensterflächen aus und war schon bald im Bett. Ich frage mich beim Einschlafen allerdings, was mich morgen um 19:00 erwarten würde.

Am nächsten Tag wollte ich nach der Arbeit zuerst die Vorhänge bestellen, im Dekorationsgeschäft schlug man mir allerdings vor, dass es besser sei, wenn jemand von ihnen bei mir zuhause die Masse erfassen würde. Das war mir recht, und wir vereinbarten einen Termin für den nächsten Tag. Anschliessend habe ich bei einem Autohaus vorbeigeschaut und noch einige Einkäufe getätigt. Um zwanzig vor sieben fuhr ich nach Hause und sah schon von weitem eine Person vor dem Eingangstor warten. Sie hatte etwa die Grösse und die Figur von Gisela. Als ich beim Tor war, liess ich das Fenster hinunter und fragte: „You are Cristina, aren‘t you?“
„Yes, I am!“ sie lachte mich so an, so wie ich es von Gisela am Flughafen vor einigen Tagen erwartet hätte. Und ich sah auch sogleich, dass sie mit ihr verwandt sein musste, und definitiv von einer Kieferorthopädischen Behandlung profitieren könnte.
„I‘ll open the door. Just follow me.“
Ein Druck auf die Fernbedienung, das Tor ging auf, ich fuhr hinein, und Gisela ging hinterher. Sobald wir im Garten waren, schloss sich das Tor hinter uns wieder.

Ich zeigte Cristina das Haus und sie erzählte derweilen von sich. Sie war dreissig Jahre alt und seit einem Jahr auf der Insel. Sie war bis vor einer Woche bei einer alten, englischen Lady angestellt, die aber jetzt in einem Altenheim lebt. Sie ist noch bis freitags mit Aufräumen im Haus der alten Dame beschäftigt und ab dann ohne Arbeit. Das trifft sich eigentlich gut. Der erste Eindruck, den ich nach unserem Telefonat gestern hatte, war rasch verflogen; sie war aufgeweckt, aber trotzdem etwas zurückhaltend und sehr nett. Und sie war so bestimmt so schön wie Gisela. Im Gegensatz zu Giselas fast schwarzen Augen, waren sie bei Cristina grün. Wunderschön grün. Und es musste definitiv etwas mit ihren Zähnen gemacht werden. Sie schien nicht nur Engstände in beiden Kiefern zu haben, sie hatte auch noch einen Über- und einen offenen Biss. Was wohl die Kieferorthopäden auf Saint Hiram verlangen? Das Geld spielte in meinem Fall allerdings eine untergeordnete Rolle; ich hatte ein sehr gutes Salär, ein Haus, dass mir von der Firma zur Verfügung gestellt wird, und auch sonst noch einige finanziellen Annehmlichkeiten. Beispielsweise würde Carl auch die Lohnkosten von Cristina übernehmen.
Ich sagte Cristina, dass ich keine Ahnung hätte, bezüglich der Anstellung einer Haushälterin. Das war auch so; in meinem bisherigen Leben lebte ich in Mietwohnungen, und wenn ich nicht selber für Ordnung sorgte, sah es in diesen rasch unordentlichen aus. Cristina erklärte mir, was sie an ihrer jetzigen Stelle verdienen würde, auf wieviel Freitage sie Anspruch hätte und alles, was ich sonst noch wissen musste. Ich machte fleissig Notizen und wollte morgen die Sache mit Carl besprechen.
Mein Haus hatte eine kleine Wohnung für eine Haushälterin, ich habe sie mir erst einmal kurz angesehen und sagte Cristina, dass sie sich die Wohnung aber trotzdem ansehen könne. Mit einem verschmitzten Lachen erzählte sie mir, dass sie sie Wohnung schon vor meiner Ankunft mit Gisela besichtigt hätte, und dass diese ihr gefallen würde...

Am folgenden Tag habe ich die Dinge rund um Cristinas Anstellung mit Carl besprochen. Sie wird ebenfalls von der Firma beschäftigt, mit allem Benefiz, die wir alle auch erhalten. Ich habe ihr am Abend zuvor versprochen, sie so rasch als möglich zu Informieren. Sie war sichtlich erfreut über meinen Anruf.
Tja, dann stand der Anstellung meiner Haushälterin nicht eigentlich nichts mehr im Weg: Arbeitsbeginn am Montag und sie wird schon am Wochenende bei mir einziehen.

Abends nach der Arbeit ging ich rasch heimwärts, ich hatte ja noch eine Verabredung mit der Mitarbeiterin des Innendekorationsgeschäfts. Nachdem ich zuerst geduscht und mir dann etwas bequemeres angezogen hatte, läutete es schon am Tor. Übers Intercom erkannte ich eine Frau mit verzogenem Gesicht, aber das war dem Weitwinkelobjektiv der Kamera geschuldet. Deren Auflösung war auch nicht besonders gut, aber hatte die Dame nicht eine Zahnspange auf ihren Zähnen? Spinne ich jetzt? Ich öffnete ihr das Tor und warte an der Haustüre auf sie.
Sie war rund einssiebzig gross, trug einen zweiteiligen, dunklen Hosenanzug und hatte ganz businesslike die blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Unter der Jacke trug sie eine eng anliegende, weisse Bluse, auf denen sich ihr BH abzeichnete. Offenbar hatte sie Schwierigkeiten mit ihren Schuhen auf dem Rollkies meiner Zufahrt. Unter dem Arm trug sie Musterbücher und an der Hand eine Ledermappe. Und sie hatte tatsächlich eine Zahnspange, die Kamera am Intercom log nicht. Nicht eine praktisch unsichtbare, wie ich es bei einer so betonten Businesswomen wie ihr erwartet hätte. Nein, klassische Metallbrackets, nicht zu klein. Sie schien schon länger in Behandlung zu sein, denn die Zähne standen schon vorbildlich in Reih und Glied. Sie schien auch keine Probleme damit zu haben, denn sie zeigt mir bei jeder Gelegenheit die ganze Pracht auf ihren Kiefern, und weil sie einen wirklich breiten Mund hatte, konnte ich fast sämtliche Brackets bis nach ganz hinten zu dem bebänderten Molaren erkennen. Sowohl im Oberkiefer, als auch im Unterkiefer. In was für einem Paradies bin ich hier gelandet?

Wir gingen zügig ans Werk und bestimmten in jedem Raum, was für Vorhänge aufgehängt werden sollen. Sie verstand ihr Geschäft und begriff rasch, was mir vorschwebte. Gezielt öffnete sie die jeweiligen Seiten in ihrem Musterkatalog, mit dem Stoff, von dem sie dachte, dass er mir gefallen könnte. Sie lag meistens richtig.
Es war ein Vergnügen mit ihr zusammen zu arbeiten. Ihre offene Art faszinierte mich und ihr breites, glitzerndes Lachen war atemberaubend.
Wenn sie sich konzentrierte, fuhr sie mit ihrer Zunge jeweils über die Zahnspange. Und wenn sie den Kopf nach hinten geneigt Richtung Zimmerdecke schaute, konnte ich manchmal einen Palatinalbogen erkennen. Verliebte ich mich schon wieder? Ein schlichter Goldring am linken Ringfinger verriet mir allerdings: auch hier sind die Chancen klein.

Nachdem wir alles ausgemessen hatten, und ich mich entschieden habe, welche Stoffmuster ich wollte, setzen wir uns an den Tisch in der Küche und erledigten das notwendige Paperwork. Ich bot ihr etwas zu trinken an, allerdings mit der Einschränkung, dass ich bezüglich der Auswahl noch etwas limitiert sei. Sie gab sich mit einem Mineralwasser zufrieden. Sie erzählte mir, dass sie auf der Insel geboren und aufgewachsen sei. Ihre Familie sei seit Generationen hier zuhause, dass ihre Vorfahren allerdings aus Wales stammen. Sie lebte einige Jahre in der Nähe von Brighton, um ihr Handwerk zu lernen. Jetzt arbeitet sie im Geschäft ihrer Mutter und es sei geplant, dass sie dieses nächsten übernehmen werde.
Sie gab mir auch noch einige Tipps für den Ausgang, und bei der Verabschiedung sagte sie mit breitem Grinsen, bei dem jedes einzelne Bracket in der Abendsonne blinkte, dass sie sich freuen würde, mich einmal im Ausgang zu treffen. Ich auch! Und geschäftlich hatten wir ja in nächster Zeit noch miteinander zu tun.

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Auf zu neuen Ufern! Drittes Kapitel
« Reply #3 on: 04. August 2022, 13:34:59 PM »
drittes Kapitel

Ich lebe jetzt schon einen Monat auf der Insel Saint Hiram, irgendwo im südlichen Pazifik vor der Küste Chiles. Saint Hiram war lange Jahre eine britische Kolonie, und das sieht man ihr auch an. Heute ist ein unabhängiger Kleinstaat, Teil des Commonwealth, und die britische Kultur wird nach wie vor bis ins Detail zelebriert. Manchmal habe ich das Gefühl, die Menschen hier sind britischer, als die Briten in Grossbritannien. Sie fahren auch auf der linken Strassenseite, und die Architektur ist sehr an die im Mutterland angeglichen. Es gibt sehr viele Pubs, in denen viel Bier getrunken und Dart gespielt wird. Die älteren Insulaner vergnügten sich tagsüber bei Cricket und Tea. Einzig beim Essen liess man einen gewissen Einfluss aus dem benachbarten Südamerika zu; was ich als gute Entwicklung erachte. Diese Entwicklung könnte wahrscheinlich daher kommen, weil sich viele Leute hier Hauspersonal leisten können, das grossmehrheitlich aus Südamerika stammt.

Wie beispielsweise in meinem Fall. Cristina arbeitete jetzt seit rund zwei Monate bei mir. Und wir haben uns beide sehr gut an einander gewöhnt. Nach einigen Tagen ist sie richtiggehend aufgeblüht, sie versteht meine Witze und macht auch selber solche. Bei ihrer vorherigen Stelle, bei einer alten Lady englischen Ursprungs, scheinen gewisse Dinge etwas anders und klarer geregelt gewesen zu sein. So kochte sie beispielsweise für die Lady und servierte ihr. Ihr eigenes Essen bereitete sie allerdings in ihrer eigenen Wohnung zu und ass dort alleine.
Wir essen zusammen, und wenn ich Zeit habe, helfe ich ihr in der Küche. Sie hat mir schon einige wirklich feine Dinge beigebracht. Da wir ein anständig grosses Haus bewohnen, ist sie tagsüber mit ihren Aufgaben gut beschäftigt. Die Gartenarbeit beispielsweise wird jedoch von einem externen Gärtner erledigt, der einmal wöchentlich nach dem Rechten schaut. Auch andere Arbeiten haben wir extern vergeben.

In der Zwischenzeit war ich einige Male im Ausgang, entweder alleine, oder mit Leuten aus dem Geschäft. Einmal habe ich dort auch die Innendekorateurin getroffen, die sich zuerst um meine Vorhänge und dann noch um einiges Anderes gekümmert hat. Die Leute, mit denen sie verkehrt, sind mir allerdings nicht besonders sympathisch, darum bleibt es wohl bei einem rein geschäftlichen Verhältnis.
Am Sonntag hat Cristina jeweils frei, und ich werde oft am Wochenende zu Carl und Gisela eingeladen. Ich treffe dort nicht nur interessante Menschen (Carl scheint jeden auf der Insel persönlich zu kennen), die Zeit mit Gisela ist jeweils auch schön. Ihre Zahnspangen faszinieren mich nach wie vor, und ich glaube, ich habe inzwischen auch den Grund für ihren Sprachfehler entdeckt: sie trägt im Oberkiefer einen Expander, den sie allerdings nicht mehr aktivieren muss. Sie trägt ihn nur noch zur Stabilisierung und hofft, ihn nächstens loszuwerden. Die Stunden im Headgear legt sie offenbar auf die Zeit, wenn keine Gäste im Haus sind. Ich habe sie daher nur noch einmal mit Headgear gesehen, das war, als ich abends noch bei Carl zuhause etwas zu besprechen hatte.


Die Sache mit Cristinas Zähnen habe ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht angesprochen, das ist eine sehr persönliche Angelegenheit und unsere Beziehung ist (noch) rein geschäftlich. Eines Tages war Cristina alles andere als glücklich. Sie war grummelig und einsilbig. Ob ich etwas gesagt habe, dass ihr in den falschen Hals gekommen sein könnte? Ich sprach sie an, und nach einigem Nachbohren sagte sie mir, dass sie Zahnschmerzen hätte. Dann nichts wie ab zum Zahnarzt! Ich wusste, dass sie monatlich einen grossen Teil ihres Lohnes an ihre Familie überweist, und war darum nicht erstaunt, als sie mir zu verstehen gab, dass sie nicht wisse, ob sie genug Geld dafür hätte.
„Dein Arbeitsvertrag enthält aber auch eine Krankenkasse, und diese deckt bestimmt einen Teil davon, wenn nicht sogar alles.“
„Wirklich?!“ Cristinas Gesichtszüge erhellten merklich, als sie dies hörte.

Einige Tage später sagte sie mir, dass sie nachmittags abwesend sein würde, sie hätte einen Zahnarzttermin.
Ob das jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, die Zahnspangen-Geschichte anzusprechen? Nein, ich liess es.
Als ich abends Tag heimkam, war sie wieder aufgestellt, so wie früher. Sie hatte ein Problem mit dem Zahnfleisch, dass sich einfach erledigen liesse.
„Und weisst du was? Die Krankenkasse bezahlt alles.“
Das Thema Kieferorthopädie ansprechen? Nein, ich liess es bleiben.
Wir kamen uns näher und machmal gingen wir auch abends gemeinsam ans Meer. Nichts besonderes, einfach etwas spazieren und vielleicht noch ein Eis essen. Wir hatten einfach eine gute Freundschaft, rein geschäftlicher Natur. Ich wusste nicht, ob Cristina auch an mehr interessiert war, wollte aber meine Position nicht ausnutzen und ganz bestimmt nichts kaputt machen.

Eines Abends, als Cristina am Morgen wieder einen Zahnarzttermin hatte, sprach sie das Thema beim Abendessen von sich aus an.
„Der Zahnarzt hat mir gesagt, dass mein Zahnfleisch-Problem seinen Ursprung bei meinem schiefen Zähnen hätte. Wenn man nichts machen würde, könnte es schlimmer werden, und ich könnte mit fünfzig alle Zähne verlieren...“
„Was müsste man den machen?“ fragte ich scheinheilig und versuchte etwas desinteressiert dreinzuschauen. Ich kannte die Antwort ja schon.
„Ich brauche eine Zahnspange.“
Halleluja! Endlich ist‘s auf dem Tisch! Wir können darüber reden, und ich war nicht der Initiator.
„So eine, wie sie Gisela trägt?“ Bitte, bitte, sag ja!
„Ja... Mein Fall sei recht kompliziert und die Behandlung würde mehrere Jahre dauern. Ich weiss nicht recht. Will ich das? Und Gisela erzählte mir, dass ihre Behandlung teilweise recht schmerzhaft sei.“
„Den Entscheid kann ich dir nicht abnehmen, aber was ich dir Versprechen werde: ich würde dich unterstützen. Auch finanziell, falls die Krankenkasse nicht alles bezahlen sollte.“ Und ob ich sie unterstützen würde! Nicht nur finanziell.
„Die Krankenkasse würde tatsächlich nicht alles übernehmen.“ Und sie nannte mir einen Betrag, der für sie gross gewesen wäre, für mich aber kein Problem. Die Sache war offenbar schon weit fortgeschrittenen, wenn sie schon konkrete Zahlen nennen konnte.
„Ich übernehme die Restsumme!“ Platze es aus mir heraus.
Anschliessend hatten wir dann noch eine angeregte Diskussion, warum ich ihr das Geld dafür geben möchte. Die eigentliche Wahrheit verschwieg ich allerdings.
Whow! Cristina wird eine Zahnspange bekommen. Ich war auf Wolke sieben und versuchte mir vorzustellen, was sie wohl alles brauchen würde, damit sie schlussendlich mit einem perfekten Lächeln aufwarten kann. Diesen Zeitpunkt scheute ich allerdings, der Weg dorthin war das Ziel. Mein Ziel.

Das Thema wurde in den nächsten Tagen nicht mehr thematisiert. Ich wollte Cristina nicht drängen, und keinesfalls unter Druck setzen. Dieser Schuss könnte hinter raus gehen.
Einige Tage später sagte sie beim gemeinsamen Nachtessen: „ich tue es. Ich habe mich angemeldet.“
Zu was? Schoss es mir durch den Kopf. Bitte antworte mit „kieferorthopädische Behandlung!“
„Für was hast du dich angemeldet?“ Bitte, sag es.
„Ich werde eine Zahnspange bekommen. Morgen gehe ich nochmals vorbei, und am Freitag wird sie eingesetzt.“
Hurra! Soll ich fragen, was sie denn freitags eingesetzt bekommt? Nein, ich liebe Überraschungen.

Ob Cristina an diesem Freitag aufgeregter war als ich? Sie zeigte es, und sprach unentwegt davon. Ich zeigte es nicht. Seit dem letzten Termin hatte sie zwischen einigen Zähnen kleine, blaue Gummiringe, ein klares Anzeichen, dass dort Bänder eingesetzt werden. Leider waren nicht zwischen allen Zähnen solche Gummiringe, einige von Cristinas Zähnen standen allerdings wiederum so weit auseinander, dass Bänder eingesetzt werden können, ohne zuerst Platz schaffen zu müssen.
Sie sagte mir am Morgen, dass sie spätestens um achtzehn Uhr wieder zuhause sein werde. Es gab somit keinen Grund früher Feierabend zu machen, um mir zuhause meine „neue“ Cristina anzuschauen.
Sie war vor mir im Haus, allerdings in ihrer Wohnung. Ich ging schnurstracks hin und klopfe an die Wohnungstür. Sie öffnete, grinste mich an, allerdings mit zusammengepressten Lippen.
„Los. Zeig sie mir, deine neuen Zahnspangen.“
Sie schüttelte nur den Kopf.
„So schlimm wir es wohl nicht sein.“
Sie hielt sich eine Handfläche vor den Mund und antwortete: „Doch. Ich kenne mich selbst nicht mehr.“
Sie zog die Handfläche zur Seite und zog die Lippen auseinander.
Stimmt. Sie war ein anderer Mensch. Dieser hier sah anders aus, als die Cristina von heute Morgen. Sie hatte jetzt wirklich einen Mund voll. Soweit ich sehen kann, war jeder einzelne Zahn bebändert. Oben wie unten. Und es sah tatsächlich schlimm aus.
„So schlimm ist‘s nun auch wieder nicht.“ log ich, und ergänze vollkommen ehrlich: „also mir gefällt es!“
Sie erzählte mir, wie schmerzhaft das ganze Prozedere gewesen sei, dass jedes Band einzeln auf jeden Zahn gehämmert worden sei, und dass es über drei Stunden gedauert hätte.
„Ich glaube ich bereue diesen Entscheid bereits.“
Sie hatte etwas Mühe beim Sprechen und aufgrund ihrer Mimik musste ich annehmen, dass die Spangen unangenehm sind.
Nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, gefiel mir, was ich sah: diese kleine, zierliche Person mit diesem mädchenhaften Körper im farbigen Sommerkleid barfuss vor mir im Türrahmen ihrer Wohnung. Ihre Haare trug sie offen, nur die langen Stirnfransen oben auf dem Scheitel zusammengebunden. Ihre grünen Augen strahlten und aus ihrem Mund glitzerte es, je nach dem, wie sie den Kopf bewegte. Alle paar Sekunden diese Mimik, die sagt: die Zahnspangen sind Fremdkörper.
„Darf ich es mir genauer ansehen?“
Sie liess mich ihre Apparaturen genau inspizieren und ergänzte laufend.
So erfuhr ich, dass heute erst einmal die Bänder eingesetzt wurden. Nächste Woche, wenn sie sich daran gewöhnt hätte, würde noch mehr eingesetzt und dann bekomme sie auch die richtigen Drähte.
Und sie hatte Schmerzen. Ich sagte ihr, dass wir heute Abend nichts kochen werden, da sie ja kaum in der Lage wäre etwas zu essen. Und dass ich sie jetzt alleine lassen würde, falls sie dies wünsche. Wenn sie aber ins Haus kommen wolle, sei sie jederzeit willkommen.

Ich ging ins Haus, setze mich auf‘s Sofa und schaute fern. Keine zehn Minuten später stand auch Cristina im Wohnzimmer. Ein richtiges Häufchen Elend. Sie hatte feuchte Augen.
„Komm, setz Dich neben mich.“
Sie setze sich neben mich und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Sie fummelte mit den Fingern in ihrem Mund herum, eine Träne lief über ihre Wange und sie meinte: „Ich glaube, das war eine dumme Idee. All dieses Zeug in meinem Mund. Nächste Woche soll es noch mehr werden, und ich kann es nicht entfernen. Für mehrere Jahre...“

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Auf zu neuen Ufern! Viertes Kapitel
« Reply #4 on: 04. August 2022, 17:17:28 PM »
Viertes Kapitel

Seit letztem Freitag vor einer Woche wohne ich mit der schönsten Frau zusammen. Eigentlich teilen wir uns schon seit einigen Monaten den Wohnraum, und sie war auch vor besagtem Freitag wunderschön. An besagtem Freitag wurden ihr allerdings oben und unten Zahnspangen eingesetzt. Und ich liebe Frauen mit diesem metallischen Lächeln.

Am Samstag hatte Cristina ihre anfänglichen Bedenken zeitweise überwunden. Sie wollte sich nicht, wie am Abend davor, montags bei erster Gelegenheit die Zahnspangen wieder entfernen lassen. Sie hatte allerdings immer noch Probleme beim Sprechen und der Fremdkörper in ihrem Mund machte ihr zu schaffen; ständig waren Wangen, Lippen und die Zunge in Aktion, um zu erkunden, was da freitags eingesetzt wurde.
An Essen war nicht zu denken, dafür waren die Schmerzen noch zu gross und inzwischen hatte sie auch die ersten wunden Stellen an den Wangen.

Trotzdem wollte sie mich zum Einkaufen begleiten. Zuerst stand der Gang zu Tesco auf dem Programm, um die Vorräte an Lebensnotwendigem zu ergänzen, dann wollte ich noch im Autohaus vorbeischauen und schlussendlich stand ein Bummel durch die Altstadt mit ihren kleinen, aber feinen Läden auf der Liste. Das Wetter hat sich an diesem Samstag Cristinas Gemütszustand angepasst: kühl, regnerisch und bewölkt. Offenbar die ersten Anzeichen von Herbst.

Cristina und ich trafen uns beim Auto vor der Garage. Sie hatte ihre Haare zusammengeflochten, war für ihre Verhältnisse eher stark geschminkt, trug ein Daumengillet über ein weisses Button-Down-Hemd, Jeans und weisse Sneakers. Wegen den zusammengebundenen Haaren kamen ihre wohlproportionierten Ohren mit den grauen Perlohrstecker besonders zur Geltung. Und sie roch fein. Keine Ahnung was es für ein Parfüm war, aber es roch wirklich gut.
Sie hat keinen riesigen Lohn, und viel davon wird pünktlich am Ende jedes Monats nach Hause überweisen, trotzdem ist sie immer sehr gepflegt und geschmacklich abgestimmt gekleidet. Ihr ganzes Äusseres war immer wie direkt aus dem Modejournal; im Preppy-Style, wie sich für einen Ort, wie Saint Hiram fast gehört.
Sie lachte mich an, und wegen ihres roten Lippenstifts kam die silberne Zahnspange in ihrem Mund noch viel mehr zur Geltung.

„Du siehst schön aus heute.“
„Danke. Ich wollte mich heute etwas herausputzen, vielleicht geht es mir dann besser...“ und nach einer Kunstpause: „sehe ich den sonst nicht schön aus? Du hast das heute so betont“
Cristina is back. Genau für solche Äusserungen liebe ich sie. Diese leicht diabolischen Schalk, mit dem sie mich einerseits um den Finger wickeln kann, auf der anderen Seite immer etwas auf Distanz hält. Sie ist eine Frau. Eine Latino-Frau.

Der Einkauf bei Tesco ging rasch über die Bühne und bestand, in Rücksicht auf Cristinas derzeitiger Situation, hauptsächlich aus Lebensmitteln, bei deren Verzehr man wenig kauen, geschweige den zubeissen muss. Also hauptsächlich Yoghurts in allen Geschmacksrichtungen, Bananen und Trauben. Und Beutelsuppen.
Cristina schob den Einkaufswagen vornübergebeugt durch die Gestelle, und immer wenn sie sich konzentrierte spielte ihre Zunge mit der Zahnspange.

Der Besuch im Autohaus war von kurzer Dauer. Ich habe mir ein Auto bestellt, und da die Händler auf Saint Hiram von Australien aus beliefert werden, sind Wartezeiten an der Tagesordnung. Auch in meinem Fall.

Die Temperaturen waren an diesem Samstag eher kühl, so dass wir es wagen konnten, unseren Wochenvorrat an Yoghurt - der dem Monatsverbauch einer durchschnittlichen Familie entsprach - für einige Stunden im Auto zu lassen, ohne befürchten zu müssen, dass diese schaden nehmen könnten. Das Auto wurde ausserhalb des Stadtzentrums abgestellt und als als erstes eine Eisdiele aufgesucht. Cristina klagte über Schmerzen und ich stellte mir vor, dass Eis Abhilfe leisten könnte. Es gab eine wirklich gute Eisdiele, die von einem waschechten Italiener und seiner Familglia betrieben wurde. Und die steuerten wir an.
Kaum hatten wir uns an einen Tisch gesetzt, wurde ich von hinten angesprochen. Ich drehe mich um und nach oben und alles was ich sah, waren achtundzwanzig Brackets, verbunden mit Drähten und Gummiringen. Die Innenarchitektin stand hinter mir. Ich habe sie bis jetzt noch nie mit Gummis an ihren Spangen gesehen. Ich stellte die Damen einander vor, und ein Gesprächsthema war natürlich sogleich gefunden.
„Oh, du hast auch...“ von der Innenarchitektin an Cristina gerichtet. Wobei sie gleichzeitig mit dem Zeigefinger vor ihrem Mund hin und her fuhr.
„Ja, seit gestern gehöre ich auch zum Club. Ich nehme an, du bist auch eine Patientin von Dr. MacGee?“
„Ja. Du kannst fast sicher sein, wenn Du hier auf Saint Hiram jemand mit geraden Zähnen, oder mit Zahnspange siehst, ist oder war die Person Opfer von MacGees laaaangen und schmerzhaften Zauberkünsten.
Seit gestern sagst Du? Dann viel Vergnügen und Durchhaltewillen. Bei mir waren maximal zwei Jahre angesetzt. Nächsten Monat werden es vier Jahre sein, und ein Ende ist nicht anzusehen...“ sie öffnete ihren Mund leicht und präsentierte - so weit ich innerhalb der kurzen Zeit zählen konnte - mindestens fünf Gummis, von denen einer besonders prominenten vom oberen linken Eckzahn zum unteren rechten Eckzahn gespannt war.
„Nein, ich will ihn nicht schlecht reden. Seine Endresultate sind wirklich sehr schön. Da er aber offensichtlich ein etwas detailverliebter Nerd zu sein scheint, gehen alle Behandlungen, denen ich gehört habe, eeeetwas länger, als ursprünglich geplant.“
„Das sind ja schöne Aussichten! Mir wurde nicht einmal eine wahrscheinliche Behandungszeit genannt...“
Sie lachte ihr breites Lachen und meinte: „Tja Cristina, dann mach‘ dich auf einen laaaaangen, steinigen Weg gefasst. Aber denke immer daran, am Schluss wirst Du ein männermordendes Lachen haben...“ und an mich gerichtet: „Sorry about that.“
„Ah und noch was: wenn er Dir etwas verordnete, dass nicht fest verschraubt oder verklebt ist, trage es so und mindestens solange wie er dir aufträgt. Er hat einen siebten Sinn und erkennt, wenn du beSch***st. Ich will euch nicht länger stören, euer Eis schmilzt sonst. Man sieht sich!“
Sie drehte sich zur Tür und eines der schönsten Spangenlächeln, dass ich je sah, war entschwunden.
Sie liess allerdings eine etwas ratlose Cristina zurück die in sich versunken ein „auf was habe ich mich da nur eingelassen?“ von sich gab.

Einige Geschäfte später und um einige Einkaufstaschen reicher, ging es Cristina besser, und wir waren auf dem Weg zum Parkplatz. In diesem Moment läutet Cristinas Mobiltelefon. Es war Gisela, die fragte, ob wir heute Abend zu ihr und Carl kommen möchten. Einerseits fand ich es amüsant, dass Cristina und ich bei Gisela und Carl mittlerweile als Paar gehandelt werden. Andererseits war ich froh, dass Gisela Cristina anrief. So lag die Entscheidung bei Cristina.
Ich bin sicher, die beiden Frauen unterhielten sich in einem venezolanischen Dialekt, oder einer Geheimsprache. Oder beidem. Ich verstand gar nichts, bis Cristina auflegte und verkündete: „wir sind heute Abend um acht bei Gisela und Carl eingeladen.“
Mein Leben nahm gerade eine unerwartete Wendung. Die Frau meines Chefs ruft meine Haushälterin an, und diese vereinbaren, was ich heute Abend machen werde. Gefällt mir diese Entwicklung? Ja, ich glaube schon. Wir standen mittlerweile neben dem Auto und die Zentralverriegelung machte: „piip-piip.“

Es war kurz vor acht, als wir im Taxi,bei Gisela und Carl vorfuhren. Die Abende bei Carl enden nicht selten so, dass der Gast besser nicht selber fährt. Kaum hatten wir die Autotüren geöffnet wurden wir auch schon von einer Meute Beagles empfangen. Oben in der Tür stand Gisela, sie trug ein blaues, langes Abendkleid, dessen aufgenähte Pailletten im Licht der Lampe funkelten. Sie trug ihr Haar aufgesteckt. Ich konnte zwar ihren Facebow erkennen, allerdings keinen Headgear. Den Grund erkannte ich erst, als wir näher bei ihr waren, sie trug statt des gewohnten Headgears einen Nackenzug und auch der Facebow schien breiter und voluminöser, als der, den ich an ihr kannte.
„Sieht du, ich jetzt auch.“ sagte Cristina und zog ihre Lippen auseinander.
„Ja, ich weiss. Ich hatte gestern Morgen einen Termin und las deinen Namen im Terminbuch. Willkommen im MacGee-Club.“
Sie hatte definitiv einen neuen Gesichtsbogen, und ihr Sprachfehler, eher ein Nuscheln, war ausgeprägter als früher. Weil ich überzeugt war, dass Zahnspangen das heutige Hauptthema unserer Gespräche sein wird, freute ich mich schon darauf, Details zum Giselas aktuellem Behandungsverlauf zu erfahren.

Kurz darauf, im Salon, wurde das Thema auch schon angeschnitten. Wider Erwarten allerdings von Carl. Er legte mir freundschaftlich seinen einen Arm um die Schulter, mit der Hand am anderen Arm nahm er die Tabakpfeife aus dem Mund und meinte zwinkernd: „Jetzt hast Du auch deinen silberlächelnden Engel, nicht war?“
Ich war etwas überrumpelt und verlegen. Ich dachte, ich hätte Gisela immer sehr diskret angehimmelt. Hat Carl, mein Boss, tatsächlich etwas gerochen?
Und an Cristina gewandt: „Wie ich gehört, und jetzt gerade auch gesehen habe, gehörst du jetzt auch zu MacGees Kundschaft. Ich beneide diesen alten Hund, wie er an euch jungen Schönheiten Hand anlegen darf.“
Es war das zweite Mal heute, dass ich das Gefühl hatte, mein Leben entwickelt sich gerade in eine andere Richtung als geplant, und in beiden Fällen war ich Minuten zuvor noch der felsenfesten Überzeugung, das Steuer selber im Griff zu haben.
Zu Gisela meinte er: „erzähl uns doch von deinen MacGee‘ischen Erlebnissen gestern. Sie sind ja auch der Grund, weshalb wir uns heute Abend hauptsächlich flüssig ernähren.“
Darauf war ich natürlich auch gespannt.
„Also, das war so: ich war zeitlich etwas knapp dran. Ich hatte am Morgen noch einen Yoga-Kurs, und wollte mich vor dem Termin bei MacGee noch frisch machen, Zähne richtig Putzen und etwas anständiges anziehen. Im Stress habe ich vergessen, den Headgear einzupacken... Und der Doc steht darauf, dass man voll ausgerüstet im Wartezimmer auf seinen Termin wartet. Cristina, du wirst es auch noch erfahren... und Diesem Verlangen konnte ich natürlich entsprechen, lag mein Headgear doch zuhause im Badezimmer, und ich hatte es erst bemerkt, als ich ihn bei ihm im Treppenhaus einsetzen wollte.
Er hielt mir eine Standpauke, dass er nur Resultate erzielen könne, wenn der Patient kooperiert. Blablabla, undsoweiter... Ausserdem sei er mit dem Behandlungsverlauf nicht ganz zufrieden, er vermute, dass ich die Tragezeiten nicht einhalten würde... Das Resultat: er hat mich mit diesen neuen, breiteren und dickeren Facebow ausgerüstet, der wiederum mit diesem neuen Headgear verbunden ist, welcher seinerseits diese Dinger hier aufweist...“ sie deutete auf zwei jeweils rund sechs Zentimeter lange, drei Zentimeter hohe und zwei Zentimeter breite Kunststoffboxen mit Digitalanzeige die sich unterhalb der Ohren am Headgear befanden. „... die meine Tragezeiten auf die Sekunde genau erfassen. Das einzig Gute, ich habe keine Bänder mehr um den Kopf; das weniger Gute: ich muss den Headgear während den nächsten zwei Monaten vierundzwanzig Stunden tragen. Ausser jeweils einer halben Stunde morgens mittags und abends, die ausdrücklich zum Zähne putzen reserviert sind... Ach ja, und statt den Gummis, hat er mir diese Metallfedern eingesetzt. Die kann ich nicht entfernen. Sehr angenehm beim Essen, speziell jetzt wo auch der beim Essen drin ist.“ sie fuhr mit dem Zeigefinger über den Facebow. Ich sah, dass sie sich selbstbewusst und stark gab, aber am liebsten hätte sie geheult.
„Und was passiert, wenn du nicht auf die verlangten Zeiten kommst?“
„Dann verbindet er den Facebow mit der restlichen Spange...“
„C‘mon, das macht er sicher nicht?!“
„Sue im Geschäft?“ warf Carl ein.
„Ja, die hat wirklich schöne Zähne...“ ergänzte ich.
„... die konnte solch‘ ein Ding achtzehn Monate nicht entfernen! Wenn ich nicht interveniert hätte, wir kennen uns von der Schule hier und dann aus dem Internat in Schottland, hätte sie so ihre Hochzeit verbringen müssen.
„Aber man geht doch freiwillig hin...“
„Du verstehst Saint Hiram noch nicht ganz: er ist der Einzige hier und seine Resultate sind nahezu perfekt. Das sagst Du ja selbst. Ausserdem wir sind eine einigermassen abgeschlossene Gesellschaft, wenn man jemand mit so einem Gestell um den Kopf sieht, beziehungsweise jemanden trifft, der vor lauter Hardware-Store im Mund, kaum ein Wort richtig artikulieren kann, hat man kurzzeitig Mitleid und denkt sich: ah einer von MacGees Patienten. Wirklich geschadet hat eine solche Tortur noch niemandem...“
Cristina wurde ganz nachdenklich und sagte auch für den Rest des Abend nicht mehr viel.“

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Auf zu neuen Ufern! Fünftes Kapitel
« Reply #5 on: 04. August 2022, 22:46:35 PM »
fünftes Kapitel

Verständlicherweise wurde Cristina immer nervöser, je näher der Dienstag kam, der Tag, an dem ihre Zahnspangen einige grössere Ergänzungen erfahren sollten. Ausserdem war es auch der Beginn der eigentlichen Behandlung. Die letzten Tage dienten mehr dem Angewöhnen.

Für mich war das Ganze bis jetzt ein Spiel. Aber seit wir letzten Samstag von zwei unabhängigen Quellen erfahren haben, dass Dr. MacGees Behandlungsmethoden eher speziell sind, wurde die Sache erst, und hatte ich ein ungutes Gefühl, was den Dienstag angeht. Cristina ist mir immer mehr ans Herz gewachsen, und unsere Beziehung entwickelte sich von einer anfänglich durch und durch rein geschäftlichen Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerin zu etwas Intimen und Vertrauten. Ich fühlte mich verantwortlich für meine liebe, schöne und witzige Prinzessin.

Der Dienstag kam. Und Cristinas Termin stand an. Ich offerierte ihr schon in den Tagen davor, dass ich sie begleiten würde, was sie aber stets ablehnte. Als ich sie am Morgen nochmals darauf ansprach, sagte sie, dass sie doch froh wäre, wenn ich mitkomme würde. Wir verabredeten uns eine Viertelstunde vor dem Termin vor Dr. MacGees Praxis. Sie war nervös. Im Wartezimmer umklammerte sie meine Hand. Die Rezeptionistin, mit einem perfekten „MacGee-Lächeln“, sagte uns, dass ich nicht in den Behandlungsraum mitgehen dürfe. Ich versprach Cristina aber im Wartezimmer draussen auf sie zu warten.
Fast auf die Sekunde genau erscheinen eine andere Assistentin, um Cristina abzuholen. Diese Assistentin war ganz offensichtlich auch gleichzeitig Patientin, trug sie doch ebenfalls einen Headgear mit dem selben Zeiterfassungssystem, wie das bei Gisela. Allerdings war er mit einem Kunststoffgebilde im Mund der Assistentin verbunden. Dieses Gebilde war derart voluminös, dass sie damit kaum sprechen konnte.

Mit hängenden Schutern trottete Cristina ihr nach. Sie winkte mir nochmals zuwinkte, ohne sich dabei umzudrehen.

Die Zeit im Wartezimmer wollte und wollte nicht vergehen. Hin und wieder kam ein Patient, besser eine Patientin, denn es waren mit wenigen Ausnahmen junge Frauen. Fast allen gemeinsam war, dass sie entweder schon Apparaturen trugen, wenn sie hineinkamen, oder solche aus ihren Taschen nahmen und in ihre Münder einsetzen, sobald sie sich bei der Rezeptionistin angemeldet hatten. Ich begriff relativ schnell, dass sich diese Patientin zur Zahnreinigung einfanden. Es waren zwei Dentalhygienikerinnen beschäftigt, eine wiederum mit einem „MacGee-Lächeln“, die andere trug einen riesigen, schwarzen Kunststoff-Körper im Mund, der so massiv war, dass er sie einerseits daran hinderte die Lippen zu schliessen, andererseits es praktisch verunmöglicht, sich zu artikulieren. Einmal hatte sie etwas mit der Rezeptionistin zu bereden, das sich nicht mit Zeichensprache erledigen liess. Sie entfernte umständlich dieses Monstrum aus ihrem Mund, löste das Problem und setze es anschliessend wieder umständlich ein. Diese Apparatur schien ihren gesamten Mundraum ausfüllen. Wozu sowas wohl eingesetzt wird?

Kurz bevor die Warterei langweilig wurde, gab mir die Assistentin mit dem Headgear, die Cristina in Empfang genommen hatte, per Handzeichen zu verstehen, ich möchte ihr folgen.
Cristina sass auf einem typischen Zahnarztstuhl in der Mitte eines lichtdurchfluteten Raums mit grosser Glasfläche durch die man das Meer sehen konnte. Ausser der Assistentin, Cristina und mir befand sich niemand im Raum. An den hellen, hygienischen Wänden waren Tablare montiert, an denen einige von Dr. MacGees Marterinstrumente präsentiert wurden.

Die Assistentin gab mir zu verstehen, dass ich auf der linken Seite von Cristina auf einem dieser typischen Praxishockern Platz nehmen soll. Sie selber setze sich recht von Cristina auf einen solchen. Cristina öffnete ihren Mund und ich konnte im grellen Licht der Operationslampe sehen, dass man einerseits im Ober- als auch im Unterkiefer Expander eingesetzt hat, ausserdem waren ihre beiden Kiefer beidseitig durch zwei Herbstscharniere verbunden. Mit Handzeichen versuchte mir die Assistentin nun begreiflich zu machen, dass ich alle vierundzwanzig Stunden beide Schrauben im Ober- und Unterkiefer eine Vierteldrehung zu öffnen hätte. Die Drehrichtung war mit einem roten Pfeil auf der Apparatur angezeichnet. Die Assistentin war wirklich ausserstande mit ihren Apparatur im Mund zu sprechen. Diese Apparatur bestand aus transparenten Kunststoff und umschloss beide Kiefer, diese wurden aber zirka zwei Zentimeter auseinander gehalten. Durch den transparenten Kunststoff konnte ich unscharf erkennen, dass ihre Zähne darunter mit Brackets versehen waren. Die Kunststoff-Apparatur war über einen Facebow mit einem Headgear verbunden, gleich diesem, den Gisela tragen muss, ebenfalls mit zwei Zeiterfassungs-Modulen. Diese Apparatur schien ihren Speichelfluss anzuregen, denn sie war ständig bemüht, ihren einen Speichel mit der entsprechenden Geräuschkulisse abzusaugen.
Dann wurde Cristina in eine aufrechte Position erfahren und die Assistentin zeigte ihr, mithilfe eines Spiegels, wie die Expander und die Herbstscharniere zu reinigen sind. Wiederum einzig in Gebärdensprache.

Zehn Minuten später, nachdem wir noch einen neuen Termin vereinbart haben, standen wir wieder auf der Strasse. Cristina hatte sichtlich Mühe mit den neuen Apparaturen in ihrem Mund, und weil diese ihre Aussprache behinderten, war sie auch nicht besonders auf Konversationen aus.

Die nächsten Wochen verbrachte Cristina hauptsächlich damit, wieder einigermassen richtig sprechen zu lernen. Es war nicht leicht für, denn die beiden Expander störten sie bei der Bildung gewisser Laute. Ihren Job als Hausangestellte mit wenig sozialen Kontakten während des Tages, waren auch nicht besonders förderlich. Aber sie gewöhnte sich recht rasch an die neue Situation in ihrem Mund. Manchmal, vor allem wenn sie gähnen musst, lösten sich die beiden Teile eines Herbstscharniers. Aber auch diese wieder zusammen zu bauen gelang ihr immer besser und schneller. Inzwischen sogar ohne Spiegel. Ich genoss es, ihr dabei zuzusehen. Und jeden Abend durfte ich ihre beiden Expander eine Vierteldrehung öffnen. Dies wurde schon nach kurzer Zeit zu unserem täglichen Ritual.

Wir waren auch noch zwei-drei Mal bei Gisela und Carl zu Besuch. Gisela hatte grössere Probleme, sich mit dem Umstand abzufinden, ständig einen Headgear tragen zu müssen. Sie schien sich auch nicht an den neuen, voluminöseren Facebow gewöhnen zu können; ständig war sie damit beschäftigt mit den Lippen damit herumzuspielen. Essen viel ihr auch schwer, besonders, auch weil sie zusätzlich diese Federn zwischen den beiden Kiefern hatte.

Der erste Monat ging rasch vorbei, und ein neuer Termin in der Praxis von Dr. MacGee stand an. Wir waren beide überzeugt, gute Arbeit geleistet zu haben, und es waren ausserdem schon Veränderungen sichtbar. Ich konnte Cristina davon überzeugen, dass sie keine Angst vor dem Zahnarztbesuch zu haben braucht.
Wir trafen uns wieder vor dem Gebäude und fuhren mit dem Lift in die dritte Etage, in der Dr. MacGee seine Praxis hatte.
Wir wurden wieder von der Rezeptionistin mit dem perfekten MacGee-Gebiss in Empfang genommen. Pünktlich wurde Cristina von der
Assistentin mit dem Monster-Gebilde im Mund in Empfang genommen und ins Behandlungszimmer geführt.
Nach ungefähr einer Viertelstunde kam Cristina wieder und berichtete, dass MacGee mit dem bisher Erreichten soweit zufrieden sei. Sie hätte allerdings im Anschluss noch einen Termin bei einer Dentalhygienikerinnen. Der Doc schlage ausserdem vor, sich vierzehntäglich die Zahnspangen gründlich reinigen lasse.
„Alle zwei Wochen?“ fragte ich erstaunt.
„Ja, weil die Zahnreinigung bei mir jetzt erschwert ist, und ich ja schon Probleme mit dem Zahnfleisch hatte.“
Kaum hatte sich Cristina neben mich auf den Stuhl gesetzt, erschien auch schon eine Dentalhygienikerin. Es war diese mit dem schwarzen Monstrum im Mund. Cristina folgte ihr, und mir blieb nichts übrig, als weiter zu warten. Allerdings war ich froh, dass dieser Termin bis jetzt so positiv für Cristina verlief.
Die Praxistür ging auf, und ich erblickte ein mir bekanntes Gesicht. Er was dasjenige von Sue aus dem Geschäft. Sie war einigermassen erstaunt, als sie mich erblickte: „Du hier?“
„Aber nicht als Patient, ich begleite nur meine Partnerin.“ Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich Cristina als meine Partnerin vorgestellt habe. Wir waren inzwischen auch ein Paar, aber im letzten Monat haben wir uns nur mit Leuten getroffen, denen ich Cristina nicht mehr vorzustellen brauchte. Cristina war in den vergangenen Wochen verständlicherweise auch nicht in Ausgehstimmung.
„Aber du bist Patientin hier?“ Natürlich ist sie das, ich sah ja an meinem ersten Tag, dass sie Zahnspangen trug.
„Yes! Aber lass‘ mich kurz die Apparatur einsetzen, bevor ich Dir meine Geschichte erzähle...“ sie öffnete ihre Handtasche, und entnahm eine Dose, einen Fachbow und einen Headgear. Der Dose entnahm sie ein Kunststoff-Teil, etwa dem entsprechenden, das die Assistentin trug, daran befestigte sie den Facebow, schob sich das Ganze in den Mund, zog sich den Headgear über den Kopf und hängte die beiden seitlichen Module am Facebow ein. Mit diesem Gerät im Mund will sie mir jetzt ihre Geschichte erzählen?
Es ging recht gut, nicht ganz deutlich aber verständlich.
Sie hatte schon vor Jahren eine Behandlung von Dr. MacGee über sich ergehen lassen. Während acht Jahren, wenn ich das richtig verstanden habe. Sechs Jahre nach dem Ende der Behandlung, mit dessen Resultat sie zufrieden gewesen sei, hat Dr. MacGee bei einer Nachkontrolle festgestellt, dass sich die Position der beiden Kiefer zueinander, zum negativen verändere. Mit dem Resultat, dass sie wieder auf allen Zähnen seit zwei Jahren Brackets hat, tagsüber mit Gummizügen die Kiefer in der richtigen Position halten muss, und nachts zur eigentlichen Korrektur diese dritte Apparatur trägt.
„Und weisst du, wie lange deine Behandlung noch dauern wird?“
„Das weiss man bei ihm nie genau. Die Assistentin, die auch so ein Teil hat, hast Du sicher schon gesehen?“
„Ja, ich weiss welche, die kann aber fast gar nicht sprechen, im Gegensatz zu Dir...“
„Genau diese. Die ist jetzt seit... lass mich rechnen... ja auch seit über acht Jahren hier in Behandlung. Sie hat in gerade angefangen hier zu arbeiten, als sich meine erste Behandlung dem Ende näherte. Kaum hatte sie angefangen zu arbeiten, hat er ihr alle Zähne bebändert und ein sogenanntes Zungengitter eingesetzt. Das ist so ein Drahtgeflecht hinter den Zähnen, das sie daran hindern sollte mit ihrer Zunge gegen die Frontzähne zu drücken. Sie hatte einen offenen Biss. Mit dem Ding konnte sie aber fast nicht mehr sprechen...“
„Jetzt kann sie gar nicht mehr sprechen...“ warf ich ein.
„Genau! Dieses andere Monstrum hat er ihr vor ungefähr drei Jahren eingesetzt, um die Kiefer - wie bei mir - in die richtige Position zu bewegen. Weil er mit dem Erfolg nicht zufrieden war, ging er davon aus, dass sie die Apparatur nicht wie vorgeschrieben tragen würde. Und daher hat sie vor zwei Jahren dieses Ding um dem Hals bekommen, welches sicherstellt, dass sie die Apparatur zweiundzwanzig Stunden trägt. Kannst dir vorstellen, was diese ganze Behandlung für einen Einfluss auf ihr Sozialleben hat? Seit acht Jahren kann sie nicht mehr richtig sprechen und seit drei Jahren eigentlich gar nicht mehr... da bin ich ja gerade noch gut bedient. Ah, ich weiss das übrigens, weil sie die Schwester meines Mannes ist. Zweiundzwanzig Stunden ohne zu reden, ich wäre schon lange durchgedreht. Und in den zwei Stunden muss sie auch noch essen...“
In diesem Moment erschien sie, um Sue ins Behandlungszimmer zu führen.
„Über dich haben wir gerade gesprochen. Ich kann es immer noch nicht verstehen, dass er dir das antut, beziehungsweise, was du dir antun lässt.“ die Assistentin schüttelte nur wortlos die Schultern und die beiden verschwanden im Behandlungszimmer. Sue, wie sie leibt, lebt und erzählt. Genau so, wie im Geschäft, und sie lässt sich nicht einmal durch einen Mund voll Acryl davon abhalten. Sue gehörte zu meinen liebsten Mitarbeiterinnen.

Cristina war inzwischen auch fertig, und nach dem wir die folgenden Termine für sie festgelegt hatten, verliessen wir die Praxis, um im Treppenhaus Gisela über den Weg zu laufen.
„Wünscht mir Glück, ich habe heute Halbzeit. Ich hoffe er ist mit meinen Tragezeiten zufrieden, vielleicht bekomme ich dafür Straferlass.“

Die nächsten Wochen flossen weitgehend ereignislos dahin. Cristina lebte jetzt ausschliesslich bei mir im Haus. In ihrer eigenen Wohnung hielt sie sich praktisch nie mehr auf. Unser tägliches Ritual dauert noch an, und Gisela erhielt natürlich keinen Straferlass. MacGee meinte im Gegenteil, er sehe einen Fortschritt und überlege sich darum, ob er das System mit der Zeitaufzeichnung nicht weiterführen sollte.
Inzwischen waren schon richtige Veränderungen bei Cristinas Zähnen sichtbar. Sie hatte riesig Freude daran, und ich war mächtig stolz auf meine wunderbare Prinzessin.

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Re: Auf zu neuen Ufern!
« Reply #6 on: 05. August 2022, 16:31:48 PM »
Super Story!

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Auf zu neuen Ufern! sechstes Kapitel
« Reply #7 on: 05. August 2022, 17:45:56 PM »
sechstes Kapitel

Saint Hiram ist eine Vulkaninsel rund dreihundert Kilometer vor der Küste Chiles. Der Vulkan war das letzte Mal 1345 aktiv, aber kleinere Erdbeben gibt es alle paar Wochen. Man hat gelernt, damit umzugehen; die Häuser sind entsprechend gebaut - beispielsweise maximal drei Etagen hoch -  der Bau von Brücken wird möglich gemieden, und die Stromversorgung wurde so angelegt, damit man diese mit möglichst wenig Aufwand, rasch wieder in Betrieb nehmen kann.
Solche Inseln ragen meist steil aus den Wasser, mit wenig flachem Land in Küstennähe, dafür mit um so steileren Hängen bis zum Vulkankrater hinauf. Auf Saint Hiram sind diese Hänge mit dichtem, grünen Bewuchs bedeckt, der für Menschen praktisch undurchdringbar ist. Dafür wird er von um so mehr Tieren bewohnt; in allen Grössen, Arten, Formen und Farben. Und diese machen manchmal einen riesigen Lärm, speziell bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

Cristina und ich haben uns für ein verlängertes Wochenende in ein Ressort abgesetzt, einige duzend Kilometer nördlich der Stadt, aber in einer Höhe von siebenhundert Metern über Meer.
Man bewohnt dort eins von rund fünfzehn gut ausgebautes Hüttchen, die über das grosse Areal verteilt sind, wodurch man keinen Kontakt zu den Nachbarn hat, sofort man diesen nicht bewusst sucht.
Unser Cabin bestand aus einem grossen Wohnraum mit Kochecke, falls man selber kochen möchte, sonst stünde ein Restaurant zur Verfügung, und einem Schlafraum mit angefügtem Badezimmer. Es hatte zudem eine grosse Veranda, von der man, durch die dichte Vegetation hindurch, bis ans Meer hinunter blicken konnte. Nachts, wenn es dunkel und wolkenfrei ist, kann man die Schiffe sehen, die den Hafen von Saint Hiram Town anlaufen. Wie wenn kleine, leuchtende Raupen langsam über eine Glasplatte kriechen würden.

Es war ein Donnerstagabend, Cristina und ich sassen auf der Veranda, hatten je ein Glas Rotwein vor uns und genossen die kühle Ruhe. Die Sonne war vor kurzem untergegangen und allerlei Getrier machte sich in den Bäumen und Büschen rund ums Gebäude akustisch bemerkbar.
Zwischen uns stand nur ein flackerndes Windlicht, dass noch nicht sicher war, ob es wirklich die Szenerie erhellen möchte. Sein gelbliches Licht warf Schatten auf Cristinas Geschichte und zeichnete deutlich die beiden Rundungen ab, die die Herbstscharniere unterhalb der Unterlippen erzeugten. Wir wechselten nur ab und zu einige Worte, viel zu sagen gab es nicht, wir waren in jeder Hinsicht mit uns im Klaren. Wenn mich Cristina anlächelte, oder vor einem weiteren Schluck Rotwein, mir ein „Chears!“ zusandte, funkelte mir das massive, polierte Metall aus ihrem Mund im Schein des Windlichts entgegen. Ich glaube, in diesem Moment war ich der glücklichste Mann im ganzen Universum. Ich hoffte Cristina dachte zeitgleich, sie sei die glücklichste Frau im Universum.

Cristina trug ein dezentes Make-up, dass ihre grünen Augen betonte und einen rosa Lippenstift. Die kräftigen Haare trug sie offen, mit einem Scheitel auf der rechten Seite des Kopfs, mit einer ins Haar gesteckten Sonnenbrille hielt sie sich die Haare aus dem Gesicht. Ihren Oberkörper, den ich zwischenzeitlich nur all zu gut kannte, war von einem weissen, ärmellosen Hemd bedeckt.

Laut brummend kam ein grosser Käfer angeflogen, wahrscheinlich angezogen vom Licht. Er suchte sich Cristinas Gesicht als Landeplatz aus, diese erschrak und versuchte, wild um sich schlagend, den Käfer vom seinem Vorhaben abzuhalten. Sie gab ein lautes „iiiiiiihhhh!“ von sich und spreizte den Mund weit auf. Da passierte es: bei beiden Herbstscharnieren sprangen die Stäbe, die mit den Unterkiefer verbunden sind, aus den Röhrchen die am Oberkiefer angeschraubt sind. Nachdem sie den Käfer vertrieben hatte, welcher sich brummend in der Nacht verschwand, setzte sie sich wieder an den Tisch. Die beiden Stäbe ragten zwischen den Lippen hinaus, sie nahm ihr Weinglas, postete mir lachend zu und wollte einen Schluck nehmen. Nein, mit ihrer Herbstscharniere in diesem Zustand ging das nicht. Cristina stellte das Weinglas wieder ab, und begann, im gelben Licht der Lampe, ihre beiden Herbstscharniere wieder zusammenbauen. Dabei musste sie den Kopf nach hinten biegen und den Mund ganz weit öffnen. Hierbei fiel das Licht auf den Expander im Oberkiefer. Ich hätte in diesem Moment gerne die Zeit angehalten und mir die Situation unauslöschlich in mein Hirn eingebrannt.
Cristina war aber im Umgang mit ihren Apparaturen so gewandt, dass diese Szene nur wenige Sekunden dauerte.
„Nochmals Chears!“ wir führten beide unsere Gläser zum Mund und nahmen einen kräftigen Schluck Rotwein. Sie setze ihr Glas wieder ab, beugte ihren Körper über den Tisch in meine Richtung, streckte ihren rechten Arm aus, legte ihre zarte Hand mit den langen Fingern auf meine, und sagte leise: „Danke.“ Dabei glitzerte es verführerisch zwischen ihren Lippen.

Auf dieser Höhe wird es nachts kühl. Die Flasche Rotwein war fast ausgetrunken, und Cristina wurde es kalt. Wir nahmen die Flasche und die Gläser und begaben uns ins Gebäude. Wir hatten beide wahrscheinlich etwas viel Rotwein, was sich zuerst mit einer kurzzeitigen Störung des Gleichgewichtsorgans beim Aufstehen bemerkbar machte, und dann die wenigen Schritte ins Haus etwas unkoordiniert erscheinen liess.

Es war Zeit für unser tägliches Ritual: Cristina holte ihren Beutel aus dem Badezimmer, legte sich aufs Sofa im Wohnzimmer und sperrte ihren Mund soweit auf, dass beide Herbstscharniere auseinander sprangen. Gleichzeitig nahm ich dieses kleine Werkzeug aus dem Beutel, steckte seinen Stahldraht zuerst in die kleine Bohrung in der Schraube im Oberkiefer und zog ganz langsam und vorsichtig nach vorne. Cristina war konzentriert und ganz ruhig. Anschliessend wiederholte ich das Prozedere mit der Schraube im Unterkiefer. Seit Cristina die beiden Expander eingesetzt bekommen hat, haben diese ganze Arbeit geleistet. Die Schrauben waren inzwischen fast vollständig auseinandergedreht. Sie hatte am folgenden Dienstag wieder einen Termin bei Dr. MacGee, womit dies wahrscheinlich einer der letzten Abende sein wird, an dem wir unser tägliches Ritual durchführen konnten.

Cristina nahm sich für Reinigung ihrer Zahnspangen viel Zeit. Nach jedem Essen verschwindet sie sich ins Bad, um alle Essensreste aus allen Ecken und unter den Drähten zu entfernen. Abends stand jeweils die Hauptreinigung an, diese dauert jeweils rund zwanzig Minuten.
Ich lag auf dem Bett, als sie frisch geduscht und mit geputzten Zahnspangen aus dem Badezimmer kam. Jetzt war ich an der Reihe. Aber nicht ohne ihr vorher noch einen Kuss zu geben; das Mundwasser, das sie verwendete, roch so gut, aber dessen Duft war meistens schon wieder aus ihrem Mund verzogen, wenn ich aus dem Badezimmer kam.

Die Fahrt aus der Stadt über gefühlte hunderttausend Kurven hinauf ins Resort war anstrengend, und der Rotwein tat sein übriges. Wir beide schliefen rasch ein; Cristina wenig vor mir, denn ich kann mich daran erinnern, ihren gleichmässigen Atem neben mir gehört zu haben.

Die Sonne stand schon weit am Himmel, als ich wieder aufwachte. Ich hätte mich gerne nochmals zur Seite gedreht, aber Miss Sunshine zog mir die Decke weg und meinte: „Los, du Faultier. Aufstehen! Wir haben ein grosses Programm vor uns!“ Wirklich? Ich stellte mir vor, das ich das Wochenende faulenzend auf der Veranda, oder im Restaurant verbringen kann. Oder im Pool, oben neben dem Hauptgebäude. Jemand hatte andere Pläne. So setze ich mich einmal an die Bettkante, gähnte, streckte mich, gab Geräusche von mir, und kratze mich grummelnd an diversen Körperteilen.
Sie stand vor mir. Schon herausgeputzt und bereit für Abenteuer. Warum müssen Frauen nur so schön sein? Als Mann hat man keine Chance mitzuhalten, auch wenn man sich noch so Mühe gibt.
Vor mir befanden sich zwei Beine. Zarte Haut, ohne ein einziges Härchen. Darunter zwei Füsse. Grösse 35, schätze ich; wobei ich nicht einmal meine Schuhgrösse genau kenne. Bestimmt nicht, wenn ich vor zehn Minuten noch im Tiefschlaf lag. Bei Cristina ist das anders.
Jeder einzelne der zehn Zehennägel war lackiert. In Rot.
Auf meiner Augenhöhe befanden sich weisse Shorts, die ihren unteren Anfang im oberen Viertel zweier wohlproportionierter Oberschenkel hatten, sich über die Hüfte nach oben ausdehnten, um unterhalb eines Bauchnabels zu enden. Ein aus geflochtenen Lederstreifen gewobener Gürtel verhinderte, dass die Schorts nicht über die Beckenkonchen nach unten rutschten.
Einen Teil des Oberkörpers wurde von einem weissen Hemd bedeckt, welches ebenso zwei Arme bedeckte, von denen ich weiss, dass sie wiederum von ganz vielen kleinen Härchen übersäht sind, die sich aufstellen, wenn ich mit einem Finger über eine Stelle in ihrem Nacken fahre. Eine der beiden Hände habe ich am vorherigen Abend schon beschrieben, inzwischen waren seine Nägel im gleichen Rotton, wie die ganz unten an den Zehen. Die Andere ist identisch, soweit zwei Hände an der gleichen Person identisch sein können.
Das weisse Hemd wiederum bedeckte einen BH, der seinerseits zwei wohlgeformte Brüste in Position hielt. Dann folgt ein Hals, um den ein Goldkettchen mit einem Kreuz hing, ein Kinn, zwei Hügelchen unterhalb der Lippen, und ein Paar Lippen - im Rotton der Fingernägel - die sich in diesem Moment öffnen, einen Blick auf ganz viel glänzendes Metall, Drähte und Federn erlaubte und ein „Los jetzt!“ in die morgendliche Stille sandten.
Weiter oben wären noch zwei grüne Augen gewesen, aber das „Los jetzt!“ beendete meine Entdeckungstour. Nochmals gähnen, nochmals. strecken, nochmals ein undefinierter Laut ausstossen, und ich war unterwegs ins Badezimmer.

Als ich dieses wieder verlassen habe, einiges wacher als beim Betreten, stand sie wieder vor mir. Diesmal ergänzt mit Sneackers an den Füssen, einer Tasche an der rechten Schulter, einer Sonnenbrille vor den grünen Augen und einem Baseball-Cap auf dem Kopf, durch dessen Schlaufe am Hinterkopf tausend, kräftige, dunkle Haare zu einem Pferdeschwanz geformt, gezogen waren.

Wenig später waren wir auf dem Weg zum Frühstück im Haupgebäude. Cristina hatte bei mir eingehängt und hüpfte neben mir her. Sie strahlte mich mit ihren Metallzähnen und dem roten Lippenstift an. Diesem Glück musste ich mich beugen. Ohne wenn und aber.
Während ich der britischen Frühstückstradition frönte, begnügte sich Cristina mit Müsli und allerlei frischen Früchten, deren Schnitze sie mit Daumen und Zeigefinger dem Mund zuführte, gelegentlich versuchte sie mit der Zunge Essensteile aus der Zahnspange zu entfernen. Während ich meine Tasse Tee zum Mund führte, fragte ich beiläufig: „was hast Du für Pläne heute?“
Ihre Hand rutschte unmittelbar in ihre Handtasche und zog eine Liste heraus! Eine Liste! An einem solchen Wochenende!
„Ich habe mir, während das Faultier noch schlief, einige Gedanken gemacht...“
„... und notiert.“ unterbrach ich sie.
„Genau. Sonst vergesse ich sie.“
Es folgte eine Auflistung von Wasserfällen, einem See im Vulkankrater, einer Papageienstation, einem Pfad durch den Wald und noch einigen Dingen mehr.
„Und dies willst du heute alles besuchen?“
„Nein, natürlich nicht. Wir haben ja drei Tage Zeit.“
Ich war froh um diese Antwort und etwas zuversichtlicher nochmals friedlich eine Tasse Tee trinken zu können. Den der war hier wirklich gut, so wie er mir von Carl empfohlen wurde.
In diesem Moment kam ein Paar in den Raum, die offensichtlich auch Kunden bei Dr. MacGee waren: die Frau trug einen Headgear wie Gisela mit dem Zeiterfassungssystem, zusätzlich aber noch einen Highpull-Headgear. Diesen Mann, den kenn‘ ich doch! Er war einer meiner Ansprechpartner bei einem Speditionsunternehmen; ich habe mehrmals wöchentlich mit ihm zu tun. Ich ging ich Hallo sagen.
Die Begrüssung war herzlich, und er stellte mir seine Frau vor: Janett. Wie ich sehen konnte, hatte sie auf beiden Seiten am Headgear eben dieses Zeiterfassungssystem das mit einem riesigen Kunststoffgebilde in ihrem Mund verbunden schien. Ihr „Hello“ war mehr ein: „eh-ho“.

Wir wechselten einige Worte und John erzählte mir, dass sie erst gerade im Ressort angekommen seien. Sie sind erst heute Morgen losgefahren, weil sie am Vorabend noch Dinge zu erledigen hatten.
Ich erzählte, dass Cristina und ich schon seit gestern hier sind und wie schön dieser Ort doch sei, etc.
John schlug vor, dass wir uns doch einmal in ihrem Cabin zu einer Tasse Tee treffen sollten. Diese Einladung nahm ich gerne an, sagte aber im Scherz, dass ich übers Wochenende fremdbestimmt sei. Wir vereinbarten, dass ich mich per WhatsApp melden werde.

Wieder zurück am Tisch sagte ich zu Cristina: „ich bin gerade dem grössten kieferorthopädischen Albtraum begegnet. Da drüben.“ und ich zeigte in ihre Richtung in Cristinas Rücken.
„Ein Frau im Headgear? Da ist mehr los in MacGees Praxis. Ich kann mich jetzt doch nicht umdrehen und glotzen...“
„Nicht nötig. Wir werden sie heute Nachmittag treffen, falls wir noch einen  Termin frei hätten. Ich kenn‘ den Mann aus dem Geschäft.“
Cristina streckte mir zwischen den Herbstscharnieren hindurch die Zunge heraus und meinte, dass sich dies einrichten liesse.
Dann machte sie sich zwecks Zahnspangenreinigung auf den Weg zur Toilette.

Draussen im Auto erzählte mir Cristina was sie gerade auf der Toilette erleben hat.
„Ich habe übrigens gerade eine Leidenskollegin kennengelernt. Sie ist auch Patientin beim Doc. Sie hat, wie ich alle Zähne bebändert, und einen riesigen Kunststoffklotz im Mund. Ausserdem einen Headgear den sie seit zwei Jahren nicht entfernen darf. Dabei sehen ihre Zähne recht schön aus.“
„Braune halblange Dauerwellen, etwa fünfundvierzig und etwas pummelig? Heisst sie Janett?“
„Ja, kennst Du sie?“
„Janett und John haben uns heute Nachmittag zum Tee eingeladen.“
„Da müssen wir hin! Ich muss mich mit ihr unterhalten. Ich möchte wissen, was mich hoffentlich NICHT erwartet.“

Zuerst fuhren wir zum Papageienpark. Dort verweilten wir um Stunden länger, als Cristina geplant hatte. Papageien sind faszinierende Vögel. Im Park hatte es duzende verschiedener Arten; grosse, kleine, mehrfarbige, aber auch solche in einem ganz einfachen Federkleid. Cristina wollte eigentlich alle heimnehmen. Wir überlegten uns schon länger ein Haustier anzuschaffen; Cristina wollte eine Katze, ich einen Hund, und bis jetzt hatte keiner von uns beide das schlagende Argumente um den Anderen restlos zu überzeugen.
„Was meinst Du, sollen wir uns einen Papagei anschaffen?“
Mein Einwand, dass Papageien sehr viel Platz zum Fliegen brauchen, verfing nicht. Dass sie mit ihren kräftigen Schnäbeln alles im Haushalt kaputt machen würden und überall hinSch***sen, waren Argumente, die Cristina, die Haushälterin, überzeugten, dass an 24 Nelson Terrace kein Papagei einziehen wird.
Sie hatte eine riesige, zum Teil schon kindliche Freude an diesen Vögeln. Sie konnte gefühlt stundenlang vor den Käfigen stehen und den Tieren zuschauen. Dass sie an diesem Vormittag nicht den ganzen Speicher mit Fotos gefüllt hat, war erstaunlich! Und ihre Freundinnen, von denen sie meiner Meinung nach, in Saint Hiram viel zu wenige hatte, wurden im Minutentakt mit Bildnachrichten versorgt.
Ich musste natürlich auch Fotos mit ihr und Papageien erstellen. Ganz viele. An einem Ort im Park konnte man sich einen Papagei auf die Schulter setzen lassen, um dies natürlich ebenfalls fotografisch festhalten. Ein ganz freches Exemplar interessierte sich für Cristinas Zahnspange und fing an, sich mit seinem Schnabel am Herbstscharnier zu schaffen zu machen.
Und dann gab es Eis! Wir sassen auf einer Parkbank und leckten an der gefrorenen Masse. Cristina entkuppelte jeweils ihre Herbstscharniere, wenn sie an einem Eis leckte.
„Wir müssen wieder einmal bei diesem Italiener Eis essen.“ meinte sie und führte ihre rosarote Zunge dem Erdbeereis entlang von unten nach oben. Nachher war die Zunge rot.
„Stimmt. Du musst es wieder einmal vorschlagen, wenn wir nicht wissen, was wir machen sollen.“
„Am Anfang, als ich die Spangen neu hatte, war Eis essen eine richtige Erleichterung wegen den Schmerzen. Inzwischen habe ich mich recht gut daran gewöhnt und habe nur noch selten Schmerzen. Meine Zähne sehen übrigens auch schon viel schöner aus...“
„Sie zog ihre Lippen auseinander und präsentierte mir ihre metallüberzogenen Zähne. Sie hatte recht, die Kiefer waren schon breiter, und der Überbiss war auch nicht mehr so prominent.
„Stimmt. Und du hast auch keine so grossen Hemmungen mehr, die Spange zu zeigen...“
„Ich bin ja hier in Saint Hiram definitiv nicht die einzige Frau mit Zahnspangen im Mund.“
„Ich finde es gut, wie du die Sache angehst. Cristina, ich bin richtig, richtig stolz auf dich!“
Sie beugte ihren Kopf leicht zur Seite, kniff die Augen zusammen und schenkte mir dieses süsse Lächeln: „Danke!“

„What‘s next?“ Wir sassen wieder im Auto und ich wartete auf Regieanweisungen aus dem Beifahrersitz.
„Auf was hast Du Lust?“
„Du bist fürs Programm zuständig, ich fahre.“
„Aber der Papageienpark war doch schön, das muss Herr Griesgram zugeben?“
„Absolut. Danke, dass du mich dahin geschleppt hast.“
Ich neigte mich in ihre Richtung und gab der Prinzessin einen Kuss.
„Eigentlich hätte ich jetzt Lust auf ein Mittagsschläfchen. So ein Wochenende soll ja auch der Erholung dienen.“
Da war ich absolut ihrer Meinung!
„Ausserdem habe ich nicht besonders gut geschlafen, neben mir war Walross im Bett.“
Auf der Rückfahrt zum Ressort konnten wir uns erstens nicht einigen, ob Walrosse schnarchen, und zweitens ob ich sie damit nicht vor all den gefrässig Tieren rund ums Cabin bewahrt habe.
Auf dem Weg vom Parkplatz zum Cabin liefen wir Janett und John über den Weg. Unser nächster Termin: 3p.m. in ihrem Cabin...

Es war ungefähr vierzehn Uhr, als wir die Siesta beendeten.
Wir kamen zur Überzeugung, dass wir ja eigentlich schlecht mit leeren Händen bei Janett und John und aufkreuzten können. Aber mit was? Das nächste Geschäft war kilometerweit entfernt, aber im Hauptgebäude hatte es einen Shop. Während ich dort nachschauen ging, machte sich Cristina bereit. Bei Frauen dauert dies meistens etwas länger, aber bei Cristina war es am Schluss jede Minute wert.

Die Auswahl im Geschäft war nicht with überwältigend, ich konnte dem Restaurant eine gute Flasche Rotwein abkaufen. Rotwein geht immer.

Cristina sah wieder überwältigend aus: das Make-up war etwas dezenter, als am Vormittag, die Haare trug sie offen wie gestern Abend, das Hemd war ebenfalls das gleiche, wie am Vorabend, dazu trug sie aber Blue Jeans und schwarze Lederstiefel mit flachen Sohlen.
„Du bist die schönste Frau!“
„Hast Du etwas gefunden? Lass‘ mal raten: eine Fläche Wein?“
Sie fand die Weinflaschen-Schenkerei langweilig, konnte mir aber noch keine wirkliche Alternative aufzeigen.

Der Weg zum Cabin vom Janett und John war nur wenige hundert Schritte. Ihr Haus entsprach dem unsrigen.
Die beiden Frauen begrüssten sich mit dem Hinweis, dass sie sich ja heute schon einmal begegnet sind. Wobei, Cristina das sagte, Janett hatte ihre Apparatur im Mund.

„The Elephant in the room“ ist so eine englische Redewendung, und John brauchte diesen Elefanten geradewegs in den Mittelpunkt des Raumes. Zu Cristina gewandt sagte er: „Ich nehme an, auch in Crazy MacBees Patientenkartei?“
Sie erzählte ihre bisherigen Erlebnisse und schloss mit:
„Aber ihr habt ja wohl auch schon einiges erlebt, nehme ich an? Was hast Du mir heute Morgen im Restaurant erzählt? Seit zwei Jahren mit Headgear?“
Janett hatte inzwischen umständlich das Kunststoffgebilde aus ihrem Mund entfernt und vor sich auf den Tisch gelegt.
„Das ist noch lange nicht alles.“ warf John ein, „sie hatte schon in ihren Teenagerjahren die Bekanntschaft von MacGee gemacht, aber erzähl doch selbst.“
„Also das war so: ich bekam meinen ersten Satz Bänder, oben und unten, jeden einzelnen Zahn, da war ich zwölf Jahre alt.
Mit siebzehn kam alles wieder raus, und das Ergebnis war wirklich gut. Ich habe die ganze Behandlung ohne Headgear und solchen Dinge hinter mich bringen können. Dann, mit neunzehn bekam ich Schmerzen in beiden Kiefergelenken. Dr. MacGee machte einige Röntgenaufnahmen und stellte fest: meine Weisheitszähne brauchten Platz, der in meinem Mund nicht vorhanden ist. Entfernen konnte er sie erst, wenn sie praktisch schon durchgebrochen waren. Um alles trotzdem so zu erhalten, wie es war, bekam ich wiederum Bänder auf alle Zähne und einen Headgear, der dafür sorgen sollte, dass die Weisheitszähne die anderen Zähne nicht nach vorne schieben können.
Den Headgear musste ich anfangs nur nachts tragen, dann später als ich zweiundzwanzig war, und die Weisheitszähne wirklich zu schieben begannen: Vierundzwanzig Stunden Headgear für zweieinhalb Jahre und sechs Gummis, die den Unterkiefer in Position hielten.
Mit rund fünfundzwanzig war ich frei und hatte ein klassisches MacGee-Lächeln.
Die Jahre vergingen, die Zähne verschoben sich wieder, und ich landete wieder bei MacGee in der Praxis.
Tja, und so endete ich vor drei Jahren wieder mit einem Mund voller Bänder und Gummizügen. Vor zwei Jahren setze er mir den Headgear ein,   vierundzwanzig Stunden, sieben Tage: fest eingebaut vom ersten Tag an. Ich wusste nicht einmal, dass ich in dieser Sitzung einen bekommen würde...“
„Warum fest eingebaut?!“
„Da habe ich keine Ahnung. Es war ein Riesen Schock. Brackets, Bänder, Gummis und so, ok, damit lässt es sich leben. Mehr oder weniger jedenfalls. Aber ein Headgear ist definitiv eine Stufe höher. Und wenn man das Ding nicht einmal herausnehmen kann... Und zwei Wochen später heiratetete meine beste Freundin. Ich war Brautführerin. Jetzt bin ich für alle Zeit so auf ihren Hochzeitsbildern dokumentiert...
Und dann vor etwa sechs Monaten bekam ich noch dies hier...“
Sie zeigte auf das riesige Kunststoffteil vor ihr auf dem Tisch.
Und fügte sarkastisch hinzu: „... eine weitere Geheimwaffe im Arsenal des Doktor MacGee... Der ,MacGee-Modifyer‘, eine Erfindung vom Meister selbst. Die Kiefer werden zueinander in einer festen Position gehalten, und weil das das Teil elastisch ist, und die Endposition repräsentiert, werden meine Kiefer ganz langsam aber stetig dorthin bewegt, wo sie hingehören. Das setzt allerdings voraus, dass die Zähne in ihrer Position bleiben, darum die Bänder und der Headgear, und dass man es immer im Mund hat. In meinem Fall mindestens zweiundzwanzig Stunden täglich. Damit dem so ist, hat der MacGee-Modifyer zwei Sensoren eingebaut, die mit diesen Empfängern am Headgear kommunizieren. Der Headgear um meinen Nacken hat keine mechanische Funktion, er dient nur als Träger für die Empfänger. So, jetzt aber wieder hinein damit, sonst komme ich nicht auf die Stunden und Doc wird sauer... That‘s it, so far.“
Umständlich schob Janett den Modifyer in ihren Mund über achtundzwanzig Bänder und vorbei an einem Facebow.

Ups. Mehr viel mir nicht ein, ausser: hoffentlich bleibt so etwas Cristina erspart. Wir sahen uns an, ich war sicher ich konnte ihre Gedanken lesen. Sie waren deckungsgleich mit den meinigen.
Janett war absolut ausserstande eine Konversation zu führen; man verstand sie schlichtweg nicht. Als sie den Modifyer wieder eingesetzt hatte, versuchte ich in Erfahrung zu bringen, wie lange ihre Behandlung noch dauern soll. Ihre Gesten sagten: keine Ahnung, wahrscheinlich zwei bis drei. Ich hoffe, sie meinte Monate, nicht Jahre.
John ergänzte: „wir haben keine Ahnung.“

Cristina und ich sassen abends wieder auf der Veranda und schauten in den klaren, wolkenlosen Nachthimmel. Wir suchten nach Sternschnuppen, damit wir uns etwas wünschen konnten. Cristina fragte mich, nachdem eine vorbeischoss, was ich mir gewünscht hätte. Ich sagte ihr, dass man das nicht weitersagen dürfe, weil sich sonst der Wunsch nicht erfülle. Sie bohrte nach, und als ich es ihr immer noch nicht sagen wollte, wurde sie sauer und ging ins Haus.
Ich wünschte mir noch ganz viele solche Nächte mit Cristina, und dass sie so bleibt, wie sie ist.

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Auf zu neuen Ufern! siebtes Kapitel
« Reply #8 on: 05. August 2022, 23:30:26 PM »
siebtes Kapitel

Wieder strichen einige Wochen ins Land, respektive über die Insel. Ich ging meiner Arbeit nach, die durchaus spannend und erfüllend war. Aber was mir am meisten Erfüllung verschaffte, und weswegen ich es keine Sekunde bereute, nach Saint Hiram ausgewandert zu sein, war Cristina. Wenn es sowas gibt, wie Seelenverwandschaft, das war es. Ich musste abertausende Kilometer um die Welt fliegen, um auf jemanden wie sie zu treffen. Auf diesem kleinen Flecken Erde in der Mitte des Pazifischen Ozeans. Und sie hat es auch per Zufall dorthin verschlagen.

Die Phase mit den Expandern wurde abgeschlossen. Cristina hat sie allerdings noch im Mund, um die beiden Kiefer zu stabilisieren, bis die Kiefer- und Gaumenknochen wieder richtig verwachsen sind. Die Herbstscharniere erfüllen noch aktiv ihre Funktion.
Zur Behebung ihres offenen Bisses, trägt sie jetzt zwei Gummis von den oberen zu den unteren Eckzähnen. Sie hat auch oben und unten neue Archwires bekommen, mit ganz vielen Schleifen und Bögen. Diese Archwires werden ihr bei den Terminen entfernt, dann aktiviert Dr. MacGee die Schleifen, setzt die Archwires wieder ein und verbindet sie mit dünnen Drähten mit den Brackets. Das scheint recht schmerzhaft zu sein, die ersten Tage nach den Terminen bei MacGee kann Cristina kaum essen. Ich staune, mit welcher stoischen Ruhe sie es erträgt.

Wir treffen uns regelmässig mit Carl und Gisela. Bei ihr hat sich auch einiges geändert. Sie hat sich aus trotz geweigert, den Headgear mit dem Zeiterfassungssystem länger als die zwei Monate zu tragen. Jetzt hat sie ihren Facebow fest eingebaut. Was natürlich essen und trinken nicht einfacher macht. Ich habe Carl darauf angesprochen, ob das nicht etwas unmenschlich sei. Seine Antwort: „sie hatte die Wahl und ihr Schicksal selbst gewählt. Auf Saint Hiram muss man vorausschauend denken, der Ozean ist weit und tief...“ Auch wenn man sich hier sehr kultiviert gibt, es scheint noch Einige mit Seeräuber-Genen zu geben.

Um diese Jahreszeit stand ein grosses gesellschaftliches Ereignis an, und wenn man dazu eingeladen wird, ist das eine grosse Ehre, die man keinesfalls ausschlagen darf.
Es war eine wirklich grosse Ehre, dass ich in meinem ersten Jahr auf der Insel schon teilnehmen durfte. Ich hatte dies Carl zu verdanken, eine Art graue Eminenz auf der grünen Insel.
Cristina war natürlich auch eingeladen und freute sich noch viel mehr als ich. Persönlich hätte ich darauf verzichten können, zumal ich mir noch einen Anzug herstellen lassen musste, und die Aussicht auf einen Abend in unbequemen Schuhen, war auch nicht motivierend.
Cristina organisierte einen Schneider für mich, und bei jeder Anprobe schaute sie ebenfalls, dass der Anzug schlussendlich perfekt sitzt.
Sie war natürlich auch schon auf der Suche nach dem perfekten Kleid. Nachmittage lang schlich sie mit Gisela durch die einschlägigen Geschäfte und surfte durch Internetseiten. Beide kamen einhellig zum Schluss: in Saint Hiram gibt’s nichts passendes. Wobei ich überzeugt bin, im ganzen Universum hätte es nichts gegeben, was die beiden Damen restlos zufrieden gestellt hätte. Frauen. Wir lieben sie dafür.

Cristina hätte zwei Tage vor dieser Veranstaltung bei MacGee einen Termin gehabt. Dass sie dort ohne Zahnschmerzen hingehen wollte, kann ich durchaus nachvollziehen. Aber ob das MacGee auch kann? Er scheint ein sturer Bock zu sein, und Patienten die Termine verschieben, sind für ihn so undiszipliniert, wie Patienten, die sich nicht ganz und gar an seine Behandlungspläne halten. Ich war erstaunt, als mir Cristina einmal abends erzählte, sie hätte den Termin auf später verschieben können.

Mein Anzug war fertig und hing bereit, während sich Cristina und Gisela immer noch in der Evaluierung befanden. Einmal als ich nach Hause kam, durfte ich nicht ins Wohnzimmer. Sie hätte das Kleid noch an, und es sei mir absolut verboten, sie darin zu sehen.
„Habe ich etwas verpasst? Wir heiraten doch nicht an diesem Abend, oder?“
„Das ist was anderes. Ich will dich überraschen, und ich will, dass du mit der schönsten Frau dorthin gehst.“
„Wenn du mich begleitest, mach‘ ich das eh. Du könntest auch in deinen Gartenkeidern mitkommen und du wärst die Schönste. Eine prima Idee. Lass‘ uns in Gummistiefeln dorthin gehen.“
„Du-hast-keine-Ahnung! Du bist ein Banause und machst mir alles kaputt.“ sie bekam fast Tränen in den Augen. Das wollte ich nicht. Ich nahm sie in den Arm und drückte sie fest an mich.
„Ja, es gibt Dinge, da sind wir verschieden.“
Sie löste sich aus meinen Armen, trat einen Schritt zurück, schenkte mir ihr schönstes Silberlächeln, das jetzt durch zwei Gummis ergänzt wurde, welche ihr ein bisschen einen Vampirlook gaben, und sagte:
„Wir Mädchen stehen eben auf so Prinzessinen-Dinge...“
Dann befeuchtete sie mit ihrer Zunge zwischen den Gummis hindurch ihre Lippen. Sie ist wunderschön, meine Prinzessin und sie hat recht. Wie so oft.

Am Tag der Tage wurde ich schon morgens, zusammen mit meinem Anzug und einem Paar unbequemer, schwarzer Schuhe aus dem Schlafzimmer gejagt. Ich hatte den ganzen Tag Zimmerverbot. Wir hatten noch andere Zimmer im Haus, auch Badezimmer, wodurch ich ganz gut damit leben konnte. Ab dem frühen Nachmittag sah ich Cristina nur noch sehr sporadisch, und je weiter der Nachmittag fortschritt, je seltener wurden unsere häuslichen Zusammentreffen. Ich bekam es langsam mit der Angst zu tun, was dort drin ablief.
Um siebzehn Uhr schickte sie mir ein SMS:
„Wann werden wir abgeholt?“
„Um 18:30. Du bist aber schon noch hier? Auf einem anderen Planeten? Entführt?“
„Lass mich in Ruhe. Stress!!!“

Ich ging ins andere Badezimmer, und machte ich parat. Ich zog den Anzug an, band mir die Fliege (Cristina hat es mir beigebracht.) Und stellte mich vor den Spiegel. Whow.
Ich bekam umgehend Lust auf einen Martini. Geschüttet, nicht gerührt.
Als ich um 18:15 nichts mehr hörte, schicke ich ein SMS:
„Alles klar? Noch am Leben?“
Um 18:20 bekam ich zur Anwort:
„Geh ins Wohnzimmer.“
„Da bin ich schon.“
„Dreh Dich zur Wand und schliess die Augen.“
„Jetzt bekomme ich WIRKLICH Angst!“
„Mach!“
Ich tat es. Und ich hörte wie oben die Türe geöffnet wurde, und wie jemand die Treppe herunterkam. Dann hörte ich, wie jemand fast die Treppe herunter fiel.
„Alles klar bei dir!“
„%&@§()!!!“ das war bestimmt etwas in einem venezolanischen Dialekt, dass bei der nächsten Beichte erwähnt werden sollte, falls sie nicht im Fegefeuer enden möchte. Sie wäre allerdings die Person mit den schönsten Zähnen in der Hölle.
„Du! Bleib, wo du bist. Und die Augen bleiben geschlossen! Verstanden?“ das war an mich gerichtet.
Wenige Augenblicke später durfte ich mich umdrehen und die Augen wieder öffnen. „
„Whow!“ das war ich. Mehr konnte ich nicht sagen.
Vor mir stand die schönste Frau. Ein blaues Abendkleid, ihre Haare perfekt hochgesteckt, jedes einzelne Härchen schien einen zugewiesenen Platz zu haben. Das Make-up liess ihre grünen Augen noch schöner erscheinen und ihre Spangen im Mund blitzen um die Wette. Die Gummis gaben dem ganzen einen Vampirlook. Mir ging kurzzeitig etwas mit „schönster Vampirin“ durch den Kopf. Ich liess es, sie strahlte so selig, das wollte ich definitiv nicht kaputt machen.
„du bist wun-der-schön. Sorry, mehr kann ich nicht sagen. Ah, doch: ich freue mich mit Dir heute Abend dorthin zu gehen.“ und das war mein Ernst. Ich hatte das Gefühl, ihre Zähne glitzerten noch mehr als sonst.
„Dan-ke! Du siehst übrigens auch gut aus, und wenn du jetzt im Begriff sein solltest, etwas mit ,my name is...‘ sagen zu wollen. Lass es. Bitte.“
Ich wollte tatsächlich. Liess es aber.

Die Townhall von Saint Hiram Town ist so britisch, wie alles, was hier älter als fünfzig Jahre ist. Und das schliesst die Menschen mit ein. Wir wurden gleich vor dem Haupteingang abgesetzt, und schritten über einen roten Teppich in die Halle. An meinem Arm die schönste Frau. Und sie genoss es sichtlich. „Lass uns einen Moment stehenbleiben.“ sie drehte sich zu mir. Während ihre Zähne glitzerten, strahlte der Rest. Ich glaube ich habe inzwischen auch herausgefunden, warum ihre Zähne so blitzten: Lippgloss! Lippgloss unterstützt es!

Arm in Arm zogen wir in die Townhall ein. In dieser standen rund zwanzig runde Tisch, an denen wiederum rund zwanzig Personen Platz nehmen können. Mit so vielen Menschen auf so engem Raum, das könnte stickig werden.
Ein Platzanweiser führte uns an unseren Tisch. Er war ganz vorne bei der Bühne. Ausser dem von Carl und Gisela, kannte ich keine Namen, die auf den Schildchen standen. Zu meiner Rechten war der Platz von Gisela und links der meiner wunderschönen Prinzessin.
Diese zog mich zu sich und fragte: „was macht man jetzt.“
„Keine Ahnung. Wahrscheinlich warten, etwas wird sicher etwas passieren.“
„Warst du auch noch nie an einem solchen Ort?“
„Nein.“
„Mist. Wenn ich das gewusst hätte, ich hätte Gisela ausfragen können. Jetzt ist‘s zu spät...“
Ja, das war es, denn es kam ein Mann durch die Menge auf uns zu, dessen rundes Gesicht mir wohl bekannt war. Er winkte wieder, wie damals auf dem Flughafen, weil er aber eine um Jahre jüngere Frau mit Zahnspange am anderen Arm hatte, hätte er definitiv nicht abheben können.
„Ah, ihr seid schon hier? Pünktlich wie immer, das liebe ich. Nehmt Platz, nehmt Platz und fühlt euch wie zuhause, die Schuhe bleiben allerdings vorerst noch an den Füssen. Hahahahaaa!“
Carls Witze waren meistens gut und treffend, und er selber lachte am lautesten darüber.
„Darf ich euch Gisela hier lassen? Ich hab da hinten jemand gesehen. Ah und wenn jemand wegen den Getränken kommt: mir ein ganz grosses Bier, das grösste von der ganzen Insel!“
Er drehte sich um und sein eher massiger Körper verschwand hinter einem Vorhang von Körpern.
Gisela sah auch umwerfend aus, aber mir viel erst jetzt auf, dass sie zum Headgear um den Kopf auch wieder einen mit Zeiterfassungssystem trug. 
Cristina ergriff zuerst das Wort:
„Du konntest den Termin offenbar nicht mehr verschieben?“
„Nein, seht nur, was ich heute - HEUTE! - bekommen habe.“ Sprechen viel ihr schwer. Sie öffnete den Mund und dort stecke ein Kunststoffteil drin. Nicht so massiv, wie die Apparaturen von der Assistentin und Janett, aber immer noch so gross, dass sie beim Sprechen massiv behindert wurde.
„Und den anderen Headgear hast du auch wieder?“
Sie nickte um nicht sprechen zu müssen. „zweiundzwanzig Stunden täglich! Überwacht!“ sie zeigte auf die eine Box mit dem Überwachungssystem.
Ich hatte gehofft, die beiden Damen hätten heute Abend viel Zeit miteinander zu reden. Das wird wohl nichts.
Inzwischen kam ein weiteres Paar an den Tisch, er in Carls Alter, sie mindestens ein Jahrzehnt jünger und - logisch - mit einem MacGee-Lächeln. Ich verstand ihre Namen im Lärm nicht, aber sie hatten ihre Plätze auf der gegenübersteht Seite des Tisches.
Langsam füllte sich unser Tisch. Diesmal zwei Frauen mit eher männlichem Auftreten. Ich nehme an, sie lebten in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Hatten beide zwar sehr schöne Zähne, aber definitiv kein MacGee-Lächeln. Es waren zwei äusserst sympathische Frauen und wir kamen gleich ins Gespräch. Sie stellten sich als Mel und Doo vor. Zu meiner Überraschung kamen auch Janett und John an unserer Tisch. Nett, noch zwei Personen zu treffen, mit denen man sich unterhalten kann. Was allerdings mehr auf John als auf Janett zutraf, sie hatte ihren MacGee-Modifyer im Mund. Sie konnte trotzdem Gisela zu verstehen geben, dass sie Gemeinsamkeit hätten.
Dann kamen noch Robin und Sarah. Beide in meinem Alter und ebenfalls sympathisch. Sarah trug ebenfalls oben und unten Brackets, allerdings ausser zwei Archwires konnte ich bei ihr nichts erkennen. Ein MacGee-Lächeln vor der Vollendung, nahm ich an.
Inzwischen ist auch ein Kellner aufgetaucht, und wir bestellten. Als ich im Carls Wunsch übermittelte, antwortete er: „für Carl, right?“ „Du kennst den Spruch schon?“ er grinste, „die Stadt ist klein, da kennt man mit der Zeit jeden Spruch. Du bist wohl neu hier, right?“ „Genau. Und du aus Australien?“ „Damn, hört man das immer noch? Ich bin Andy und arbeite sonst im Arch and Whale. Komm mal vorbei wenn du Lust hast, könnte dir einiges wissenswertes über deine neue Heimat erzählen, das dir noch keiner erzählt hat. Aber ich sehe, Du bist schon gut assimiliert, Mate.“ und er nickte Richtung Cristina.
Ausserdem zwinkerte er Mel und Doo zu. Diese beiden gehörten aber definitiv nicht ins Beuteschema eines australischen Barman. Komisch. Ich verstand nicht, was er meinte.
Cristina offenbar auch nicht: „was hat er da gemeint?“
„Keine Ahnung, Australier, dort gibt es viele lustige Vögel.“
„Ja, solche die nicht fliegen können. Gehst du mal im Arch and Whale vorbei? Ich komme mit!“
Ja, ich hatte vor, dort vorbeizugehen, aber ich spürte, da konnte ich Cristina nicht mitnehmen. Nein, Andy war harmlos, es hätte keine Gefahr für sie bestanden. Es ging um etwas, dass er mir persönlich sagen musste.

Cristina war definitiv die Schönste an diesem Abend, aber ausser ihr waren waren noch sehr viele andere schöne Frauen anwesend. Die Altersklassen der Männer bewegte sich zwischen dreissig und achtzig, die ältesten Frauen waren aber bestenfalls fünfzig. Und dann war da das mit ihren Zähnen: die meisten hatten ein perfektes MacGee-Lächeln, oder dann Apparaturen im Mund. Ich war hier auf einer Veranstaltung der Upper Class der Insel, vielleicht war das der Grund. Auf Saint Hiram gab es nicht viel Möglichkeiten Geld auszugeben, und das Rollenbild war oft noch sehr „traditionell“. Ob sich die Frauen deshalb öfters die Zähne machen lassen?

Carl kam wieder an den Tisch und machte sich über das grösste Bier der Insel her. Er war aufgedreht wie immer, goss das Bier in einem Zug herunter, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und meinte: „bist Du sicher, hab‘ ich nur eins geordert? Ich muss dir übrigens noch einige Leute vorstellen heute Abend. Darum habe ich dich auch mitgeschleppt.“

Aber zuerst folgte Rede auf Rede, und mit der Zeit verstand ich, dass diese humoristisch waren, und Dinge aus dem vergangenen Jahr behandelten, die man nur als Eingeborener verstehen konnte. Ich tat so, wie wenn ich es verstanden hätte. Cristina lehnte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr:
„Verstehst du das alles, oder tust du nur so?“
„Ich tu‘ nur so...“
Sie strahlte mich glitzernd an und erwiderte: „ich auch.“

Dann wurde das Essen serviert. Es war erstaunlich, wie viele Frauen vorher an ihren Mündern herumhantierten; es wurden Apparaturen und Gummis entfernt, andere setzen lustigerweise Gummis und Apparaturen ein. Auch solche mit dem perfekten MacGee-Lächeln.
Dann war das Essen fertig und die Damen stürmten zu den Waschräumen. Mittendrin Cristina und Gisela. Letztere ass fast nichts. Ich tauschte mit Cristina den Platz, damit sich die Beiden unterhalten konnten.

Irgendwann lief ein älterer Herr vorbei, der alle Damen an den Tischen sehr genau und kritisch musterte. Er erinnerte mich an Doc Brown aus Back to the Future.
Carl rief ihn zu uns.
„den MUSS ich dir vorstellen. Eine Berühmtheit auf unserer bescheidenen Insel!“
„Hat er den Fluxkompensator erfunden?“
Carl verstand meine Anspielung nicht. Robin, der bei uns stand, sehr wohl.
Als Doc Braun neben uns stand, wurde ich ihn vorgestellt. Und Carl meinte an mich gerichtet:
„Weisst Du wer das ist? Du hast ganz bestimmt schon von ihm gehört. Das ist DOC-MACGEE! Er ist verantwortlich für jedes verdammte Lächeln auf diesem verdammten Vulkan. Wenn wir in ein paar tausend Jahren aus der Lava gekratzt werden, werden sich die verfluchten Archäologen...“ (er war nicht mehr ganz nüchtern, und musste beim Wort „Archäologen“ mehrer Anläufe nehmen.) „... sich fragen: warum hatten die Frauen so schöne Zähne? Warum? Wegen ihm hier: meinem alten Kumpel Doc Ronald MacGee!“
„Ja, ihren Namen habe ich schon gehört. Meine Freundin ist bei ihnen in Behandlung.“
„Wie heisst sie?“
„Cristina Gomez.“
„Ja, ja, der kleine kolumbianische Käfer. Ein spannender Fall.“
„Sie kommt ursprünglich auch Venezuela. Und ich hoffe ihr Fall ist nicht zu spaaaaaanend...“
Doc MacGee sah mich fragend an aber ich glaube, er wusste schon, was ich im mitteilen wollte.
Carl war wieder unterwegs und ich unterhielt mich mit Robin. Chefredakteur der Lokalzeitung und des lokalen TV-Senders, und etwas enttäuscht, als ich im sagte, dass ich seine Erzeugnisse nicht richtig kenne. Ich war dann entschuldigt, als ich im sagte, dass ich erst wenige Monate hier lebe.
Sarah kam auch dazu und Robin erzählte ihr belustigt vom Zusammentreffen von MacGee, Carl und mir.
„Ich nehme an, du gehörst auch zu seinen Patienten?“ fragte ich Sarah.
„Oh ja, seit einer Ewigkeit. Acht Jahre? Neun Jahre?“
„Zehn Jahre und drei Monate.“ ergänzte Robin.
„Am Stück? Das wäre neuer Rekord, was ich bisher gehört habe.“
„Ja, knapp...“
„Aber bald vorüber, nehme ich an?“
„Eigentlich seit einigen Jahren. Aber Doc MacGee liess die Spangen drin, damit sich alles stabilisieren kann. Am Tag, als sie definitiv hätten rauskommen sollen, fand er etwas, dass er verbessern wollte. Also wieder ein halbes Jahr Gummis und so. Und dann wieder Retentionsphase... In drei Monaten soll aber definitiv Schluss sein!“
„Glaubst du wirklich daran?“ sagte Robin.
„Nein, ehrlich gesagt nicht wirklich.“ Sie lachte und ich konnte dabei all ihre Zähne mit den Brackets sehen, oben, unten von den Front- bis ganz zu den Backenzähnen.
„Aber Zahnspangen sind hier dank unserem Doc etwas so alltägliches, ich habe mich daran gewöhnt. Auch bei mir...“
„Ich habe gesehen, die Innenarchitektin, ähm, wie heisst sie? Hat jetzt auch wieder Gummis drin.“ ergänzte Robin.
Sara meinte dazu: „so cool, dann besteht ja eine reelle Chance, dass ich meine früher loswerde. Gummis bedeutet: im Anschluss mindestens acht Monate Retentionsphase...
Nein, man darf nicht schadenfroh sein. Sie hat wirklich ein hartes Los gezogen: die ganzen Teenager-Jahre mit irgendwelchem Zeug im Mund. Dann ging sie für ein paar Jahre nach Grossbritannien, und wollte die Spangen vorher los haben. MacGee überredete sie, die Dinger - eben zur Retention - länger drin zu lassen. Als sie zurückkam und definitiv genug davon hatte, fand MacGee wieder etwas, dass man unbedingt korrigieren sollte: zehn Felder zurück und einmal aussetzen... Und jetzt hat er wieder etwas gefunden. Den Meisten geht es so, wenn man sich erst einmal in die Fänge von Doc begeben haben.“

Carl stellte mich an diesem Abend noch duzenden von Leuten vor, meistens in Gegenwart von Cristina. Ich konnte mir all die Namen nicht merken, aber ich sah sehr viele MacGee-Lächeln, oder Münder die sich auf den Weg dorthin, beziehungsweise in „Revision“ befanden.

Es war schon fast wieder Morgen, als uns das Taxi vor dem Tor zu 24 Nelson Terrace auslud. Und wir wollten nur noch ins Bett. Ich allerdings zuerst die Schuhe loswerden. Ich zog sie aus und kickte sie in den dunklen Garten. Irgend ein Tier gab ein Laut vor sich, der sich so anhörte, wie wenn ich es getroffen hätte. Ich fand das lustig, Cristina nannte mich etwas das ich nicht verstand.

Offline ballermannb

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Re: Auf zu neuen Ufern!
« Reply #9 on: 06. August 2022, 13:18:26 PM »
Sehr schön Geschrieben macht Hoffnung auf mehr !

Offline Uniphase

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Auf zu neuen Ufern! achtes Kapitel
« Reply #10 on: 06. August 2022, 13:24:45 PM »
Bitteschön :)

achtes Kapitel

Ich stand bei Carl im Büro, er sah mich streng an und begann:
„Ich müsste da etwas mit dir besprechen...“
Dieser Blick, diese Formulierung. Habe ich am Ende etwas ausgefressen? Mein Hirn rotierte, aber mir kam beim besten Willen nichts in den Sinn. Also cool bleiben und zuhören.
„... das ist so: du weisst ja, ich muss zuerst eine Woche nach Japan und dann nach Australien, wobei ich nicht weiss, ob es dort länger als eine Woche dauert, zumal in Australien noch etwas persönliches zu erledigen ist. Was es ist, das erzähle ich dir mal bei einer Flasche Rotwein. Dazu muss ich mir erst Mut antrinken...“
„Carl, du weisst, ich mach‘ alles für dich, ausser morden, entführen und Überfälle mit Einsatz von Schusswaffen...“
„Hahaahaahaaa!! Gut zu wissen, vielleicht in Zukunft. Man weiss ja nie! Nein, es ist ganz simpel: könntest du in Zeit meiner Abwesenheit nach Gisela schauen? Sie kommt ja gut mit deiner - wie nennst du sie? - Prinzessin aus, und du bist ein ehrlicher, anständiger Kerl.“
„Ja klar, selbstverständlich. Platz haben wir genug.“
Seine Formulierung fand ich hingegen eher ungewöhnlich. Will er mir sein Meerschweinchen in Obhut geben, oder spricht er tatsächlich von Gisela, seiner Partnerin?
„Und was ist mit den drei Hunden?“
„Um diese kümmert sich der Gärtner. Gisela möchte ich ihm allerdings nicht anvertrauen.“
„Ich frage heute Abend noch Cristina, sie ist ja fürs Haus zuständig. Ich bin mir aber sicher, sie ist einverstanden. Sie freut sich wahrscheinlich sogar, wenn Gisela bei uns wohnt. Morgen gebe ich dir Bescheid, ist das für dich in Ordnung?“
„Mein lieber, junger Freund, schau‘ dass du nicht zu viel Macht an Cristina abgibst. Das kommt nicht gut! Denk an die Vertreibung aus dem Paradies. Und ist Saint Hiram etwa nicht das Paradies? Hahahahaaaaa!“
Carl ist ein wirklich guter, lustiger Typ und guter Chef, aber dann gibt es solche Momente. Jemand sagte mir, er stamme von Piraten ab.

Abends beim Nachtessen.
„Carl hat mich gefragt, ob Gisela mindestens zwei Wochen hier wohnen darf? Er muss ins Ausland.“
„Carl fragt dich, ob du mich fragen kannst, ob meine beste Freundin zwei Wochen hier wohnen kann?!“ Das Grün in ihren Augen nahm einen giftig-grünen Farbton an und ihre Stirne wurde heiss und rot. Was hat die Legierung für einen Schmelzpunkt, aus der Zahnspangen gefertigt werden? Ich hoffte ihre schmilzt nicht gleich.
„Nicht ganz. Er hat mich gefragt. Und ich habe ihm gesagt, dass ich es heute Abend mit dir besprechen werde...“
„Besprechen, besprechen... nennt man das jetzt so?!“
Sie stand auf, das nächste was ich hörte, war eine Tür die kraftvoll ins Schloss fiel. Was ist hier los? Was habe ich falsch gemacht?
Cristina und ich haben vereinbart, dass wir jedes Problem möglichst vor dem Zubettgehen ausdiskutieren. Wir gehen normalerweise um elf in die Haya, als bleiben noch drei bis vier Stunden um die Sache zu klären. Aber zuerst muss meine Prinzessin runterkommen.

Ich ass fertig und räumte das Geschirr in den Spüler. Dann ging ich ins Wohnzimmer und begab mich ins World Wide Web, um Newsportale aus Europa zu lesen.
Plötzlich stand eine kleine, geknickte Person mit grünen Augen und Zahnspange im Türrahmen.
„Es tut mir leid. Können wir reden?“
Ich setze mich aufs Sofa, fuhr mit der Hand über den Platz neben mir und sagte:
„Komm‘ her, setz‘ dich zu mir.“
Sie setzte sich und Tränen liefen ihr über die Wangen und spülten Farbpigment ihres Make-up mit. Sie schluchzte.
„Es hat nichts mit dir zu tun...“ da war ich schon mal froh, denn ich liebte meine Prinzessin, und wollte ihr bestimmt nicht schlechtes antun.
„es ist so: ich habe heute Morgen schon mit Gisela per WhatsApp die Sache besprochen. Ich wollte dich auch noch fragen, ob es für dich in Ordnung wäre, wenn Gisela zwei Wochen hier wohnen würde? Platz haben wir ja genug. Ich hab ihr gesagt, die Hunde könnten auch mitkommen, du liebst ja Hunde.“
„Genau das habe ich mit Carl auch so besprochen. Aber ich sehe den Grund deiner Reaktion noch immer nicht.“
Sie zog sich die letzten Tränen durch die Nase hoch und fuhr sich mit der Zunge durch ihre Vampirgummis über die Lippen.
„Es geht nicht um dich. Du bist der beste Kerl, der mir je begegnet ist, ich liebe dich, und ich weiss, dass ich mit dir alles besprechen kann, und wir immer eine Lösung finden. Allermeistens...“ sie lächelte mich glitzernd an.
„Sorry, Prinzessin, ich verstehe immer noch nicht?“
„es geht um Carl. Er behandelt Gisela, wie wenn sie sein Kind wäre. Er kümmert sich um alles, sie darf nichts alleine entscheiden. Sie ist meine beste Freundin hier auf Saint Hiram. Wir sind bestimmt in der Lage, diese Sache mit den drei Wochen zu regeln!“
Ich sah, das Problem lag tiefer und war ernster. Ich wusste nicht, wie ich es Cristina hätte erklären sollen. Denn da waren noch Carls Äusserungen im Büro heute.
„Mein Vorschlag: du schickst Gisela ein WhatsApp, dass sie kommen kann. Sie sagt es Carl und die Sache ist auf direktestem Weg erledigt.“
Cristina sah mich mit einem Blick an, der sagte: ok, mach‘ ich, aber ganz begriffen hast du‘s nicht. Ich hätte gerne per Blick geantwortet: doch, hab‘ ich. Ich weiss aber nicht was ich tun soll. Sie stand auf, ging hinaus und ich hörte wie ihre Fingernägel auf ihrem Smartphone herumklopften.
Dann kam sie wieder ins Zimmer - sie sah wieder bessere aus - setze sich aufs Sofa, strich mit der Hand auf den Sitzplatz neben sich und sagte zu mir:
„Komm‘ setz‘ dich hin!“
Wir mussten beide herzlich lachen, und einer ihrer Vampirgummis flog durchs Wohnzimmer.
„Moment, Gummialarm, aber du kannst es dir ruhig schon einmal bequem machen.“ wir lachten wieder und sie stürmte aus den Zimmer.
Ich setze mich auf‘s Sofa, sie kam wieder zurück, zeigte mir ihre Spange und meinte: „wenigstens diesbezüglich ist wieder alles in Ordnung.“
Kunstpause. Sie überlegte, wie sie anfangen sollte.
„Also...“ der erste Bauer stand auf den Schachbrett.
„Ich habe eine Zahnspange...“
„Ja, das seh‘ ich!“
„Jetzt unterbrich mich nicht! Was ich sagen will: ich habe freiwillig eine Zahnspange. Du kennst die ganze Geschichte so gut wie ich. Gisela hat ihre nicht freiwillig, Carl hat entschieden dass sie eine haben müsste. Er hat sie dazu gedrängt. Und dann kam das mit dem Headgear, den sie wirklich hasst. Dann das mit dem Zeiterfassungssystem. Und als sie sich dagegen auflehnte, wurde der Headgear fest montiert. Und jetzt dieses Kunststoffteil, mit dem sie fast nicht sprechen kann: Zweiundzwanzig Stunden täglich.“
„Und ihr habt jetzt das Gefühl, dass Carl böse Absichten hat? C‘mom! Ja, Carl ist ein Dinosaurier was den Umgang speziell mit Frauen angeht. Aber auch andere Leute hier auf Saint Hiram werden komisch behandelt...“
„Leute?! Es sind NUR Frauen. Achte dich einmal...“
„Aber der Behandler ist MacGee, und ja, das scheint ein Nerd zu sein. Aber ob Carl damit etwas zu tun hat, bezweifle ich. Carl bei allen Frauen?“
„Nein, nicht Carl alleine. Die Männer von Saint Hiram!“
„Sorry Cristina, überleg‘ dir, wie du dich anhörst. Das tönt wie ein Verschwörungstheorie...“
„Was denkst du, was dir Andy aus dem Arch and Whale erzählen will? Morgen Abend gehen wir bei ihm vorbei!“
„Nein, tun WIR nicht.“
„Überleg doch, er wollte dich warnen, und dann hat er gesehen, dass du schon mit einer mit Zahnspange liiert bist. Also schon assimiliert.“
„Andy ist ein Barman. In vielen Bars gibt es auch Prostitution, ich kenn‘ das Arch and Whale nicht, aber einsame Männer suchen manchmal sowas. Das wollte er mir offerieren - vielleicht sogar zu „Sonderpreis“ - und dann sah er, dass ich schon das hübscheste Girl auf der Insel geangelt habe. Womit ich für ihn „assimiliert“ bin. Die einfachste Lösung ist meistens, die richtige...“
Cristina dachte nach und ihre Zunge fuhr fortwährend zwischen den Gummis hindurch auf den Lippen hin und her.
„aber... nein, warte... wenn wir davon ausgehen... ach, lass‘ mich darüber schlafen...“
Sie ging ins obere Badezimmer, ich benutze das vom Gästezimmer im Erdgeschoss.

Als ich auch nach oben kam hatte sie schon ihr Nachthemd mit den dünnen Träger an und bürstete sich sie Haare. „hundertundeinmal, hundertundzweimal...“
Wir konnten Streit haben, wir konnten intensiv diskutieren, aber mit ihr konnte man sich wieder rasch versöhnen und Spass haben. Meine Prinzessin!

Was, wenn Cristinas Theorie nicht falsch ist?
Es gehen spezielle Dinge vor, hier auf Saint Hiram...

„Carl, hast du fünf Minuten für mich?“
„Come in, take a seat. Mit was kann ich dir helfen, my good friend?“
„es geht um unsere Mädels. Sie sind beides Goldschätze, das kannst du nicht verleugnen.“
„of course, of course!“
„denkst du nicht auch, dass sie einmal etwas spezielles verdient hätten?“
„was meinst du? Ring, Handtasche, Schuhe? Von denen haben sie doch schon ganz viele. Meine jedenfalls.“
„Cristina auch, natürlich. Nein, es geht um etwas anderes. Diese beiden Prinzessinnen brauchen Zeit für einander, damit sie Dinge tun können, die die beiden sehr gerne machen.“
„Was meinst du? Zum Beispiel...“ er bildete auch Hand und Daumen einen Entenschnabel und schlug mit dem Daumen und den restlichen Fingern zusammen.
„Exakt!“
„Wenn Gisela in deinem Haus wohnt, werden sie vierundzwanzig Stunden täglich Zeit dafür haben.“ mir viel auf, er sprach von deinem Haus, nicht von eurem Haus. Solche Dingen fielen mir in letzter Zeit vermehrt auf. Nicht, weil Carl mehr solche Dinge sagen würde, eher weil ich dafür empfindlicher wurde.
„Nicht ganz. Giselas neue Zahnspange behindert sie beim...“ ich machte auch den Entenschnabel. „Wie wäre es, wenn sie dieses Ding in den Tagen, in denen sie bei mir wohnt, nicht tragen müsste?“ die Wahl des Wortes „mir“ statt „uns“ war ganz bewusst.
„das ist Crazy Doc MacGees Business. Da kann ich ihm doch nicht hineinreden. Er redet bei mir auch nicht rein. Gottseidank, dieser alte Spinner.“
„red‘ doch bitte mit ihm. Was kann schon passieren? Dann trägt Gisela ihre Spange eben nachher zwei-drei Wochen länger. So what?“
„Das scheint dir ja wirklich wichtig zu sein. Ich werd‘ mich mal mit ihm unterhalten. Er kommt heute Abend zu mir. Eine Partie Billard. Du kannst auch kommen, wenn du Lust und Zeit hast. Und wenn dich Cristina lässt. Hahahaaaha...“
„tönt gut, aber leider ist heute mein persönlicher Bar-Abend, ohne Anhang.“

Es war tatsächlich ein Bar-Abend ohne Anhang.
Nach der Arbeit ging ich auf direktem Weg ins Arch and Whale. Es war wirklich gut besucht, und ich musste mich zur Bar vorkämpfen, hinter der neben Dave auch noch eine grossbusige, leichtbekleidete Blondine arbeitete. Ich vermute, in ihrem Pass steht bei „Haarfarbe“ nicht „blond“. Dave sah mich und gab mir ein Zeichen, auf seine Seite der Bar zu kommen. Ich kämpfte mich der Bar entlang in seiner Richtung, dabei bin ich fast über eine Handtasche und einen Hund am Boden gefallen. Der Hund meldete sich, die Handtasche blieb stumm.
Die blonde Bardame kam auf mich zu, um sich nach meinem Wunsch zu erkundigen. Dave grätsche dazwischen.
„Sorry Darling, my client. Special client.“
„Hey, so kenn‘ ich dich gar nicht.“ gab ihm die Kollegen zur Antwort, und schlug ihm lachend in seinen wirklich knackigen Hintern, und dabei entblösste sie ihren Mund: MacGee-Lächeln in Entstehung, oder in Revision.
„Du siehst, ist grad viel los hier. Hast du eine halbe Stunde, dann ist‘s wieder besser. Was darf es sein?“
„hmmm, einen Martini Bianco, bitte“
„C‘mon Mate, wir sind hier eine richtige Bar, mit einem richtig guten Barman. Ich mix dir was, das wird dich umhauen.“
Ich hoffte, das war bildlich gesprochen.
Er hantierte kunstvoll mit verschiedenen Flaschen herum und ich hatte Zeit mich umzusehen. Es war niemand da, den ich kannte. Nicht weiter schlimm.
„Hier für dich Mate. Geht aufs Haus. Meine Eigenentwicklung, lass mich nachher wissen, ob er dir schmeckt.“
Ich nahm das Glas von der Theke und kämpfte mich zur Wand an der anderen Seite des Raums. Dort hatte ich ein einigermassen ruhiges Plätzchen entdeckt.
Ich sass auf einem Barhocker und schlürfte an Daves Eigenkreation. Diese war wirklich gut.
„Ganz alleine auf der Piste?“ Ich drehte mich der Stimme entgegen und sah direkt in einen Mund voller Brackets und einer bekannten Konfiguration von Gummizügen. Der Gummi vom oberen Eckzahn auf der einen zum unteren Eckzahn auf der anderen Seite, machte sie so einmalig. Sie gehörte zur Innenarchitektin.
„bist du oft hier? Habe dich noch nie hier gesehen.“
„wurde mir von einem Kollegen empfohlen,“ log ich, „sie sollen gute Drinks hier mixen. Und der hier IST gut.“
„Ja, Dave ist ein wahrer Künstler in seinem Fach. Chears!“ sie streckte mir ihr Glas entgegen. Mit einem Schirmchen und einem Strohhalm.
„Was führt dich hierher?“
„pfffuh, was für ein Tag! Ich brauchte driiiingend einen von Daves Drinks!“
„Alles in Ordnung.“
„Naja, ich hatte einen Termin bei MacGee. Der sollte dir ein Begriff sein?“
Ich nickte.
„Laut seinem Behandlungsplan hätte ich dieses Zeug schon längst aus meinem Mund wieder loshaben sollen. Aber die Sache will und will kein Ende nehmen. Als ich dachte, dass die Spangen definitiv los bin, hat er mich mit diesem Satz Gummis versorgt...“
Sie öffnete ihren Mund genug lang, damit ich mir die Situation genau ansehen konnte: da war dieser Gummi der von oben rechts nach unten links über ihre Frontzähne gespannt war. Dann hatte sie auf beiden Seiten Gummis in einer Dreieckformation: auf der rechten Seiten vom unteren Prämolar zum oberen Eckzahn und dem Prämolar dahinter. Auf der linken Seite war der Gummi vom oberen Eckzahn zum unteren Eckzahn und dem Prämolar dahinter.
Dann war auf der rechten Seite ein Gummi vom Prämolar unten links zum hintersten Molar oben links gespannt, und auf der linken Seite von oben oben rechts nach unten rechts. Ich zählte fünf Gummizüge, alle in Weiss deren Konfiguration für mich keinen Sinn ergab. Hoben sich ihre Zugkräfte nicht gegenseitig auf?
„Das sieht allerdings kompliziert aus...“
„Nicht einmal anständig einen Drink kann man damit geniessen. Siehst du? Strohhalm!“
Sie führte sie den Strohhalm in den Mund, dabei stiess dieser gegen den Gummi, der diagonal über die Front gespannt war.“
„wie lange soll das noch dauern? Du hast ja sehr schöne Zähne...“
„das wissen wahrscheinlich nicht einmal die Götter. Nur MacGee, und auch da bin ich mir nicht mehr sicher.“ sie klang gleichzeitig mutlos, frustriert und traurig.
„Eigentlich war vorgesehen, ‚nur‘ noch rasch ‚etwas kleines‘ zu korrigieren, und jetzt habe ich heute noch diese verdammten Dinger bekommen...“
Sie öffnete den Mund und zeigte auf die beiden Dreiecke. Ja, die waren mir bisher tatsächlich nicht aufgefallen. „... aber wahrscheinlich langweile ich dich nur damit?“
„Nein, ganz und gar nicht. Erzähl weiter.“ War Daves Drink ein Wahrheitsserum?
„Wirklich?“
„Ja, los. Ich habe alle Zeit.“
„Ich kann Dir nicht sagen, seit wann ich die Spangen drin habe. Eigentlich war vorgesehen, dass sie rauskommen, bevor ich nach Brighton gehe. Ich habe mich dann überreden lassen, sie zur ‚Retention‘ drin zu lassen...“ diesen Teil ihrer Geschichte, habe ich schon einmal gehört. „Dann fand er, dass sich während meiner Zeit in England, verschoben hätte. Ich war die einzige Person bei diesem poshy, südenglischen Innendesigner mit fucking Schneeketten im Mund!“ sie redete sich in Rage. „Für was? Für die Katz? Wenn es sich mit dieser kack Metallfresse verschoben hat, hätte es sich wahrscheinlich auch ohne!“ Ich kannte sie bisher nur als freundliche, zurückhaltende und nett lächelnde Engländerin. Was ist mit ihr passiert?
„Ok, dachte ich, wenn‘s den sein muss. Ich bin ästhetisch veranlagt, ich liebe schöne Dinge. Muss ich ja, mit meinem Job. Und ich freute mich auf die Hochzeit! Die Fernbeziehung rund um die Erde war schon schwer genug. Ich wollte eine richtige Märchenhochzeit, mit allem was dazu gehört: schönes Kleid, perfekte Haare, professionelles Make-up, Schmuck und einem Lächeln, das Eis schmelzen lässt...“ ich konnte sie mir wirklich als solche Märchen-Prinzessin vorstellen. „... das verstehst du, als Mann, wahrscheinlich nicht, aber die allermeisten Frauen wollen wenigstens einen Tag in ihrem Leben Prinzessin sein. Einen einzigen verschissenen Tag. Das wird uns wahrscheinlich seit Kindheit eingebläut. Und ich, ich habe meinen Märchenprinzessinenhochzeitstag mit Sch***sspangen im Mund verbracht. Fuck! Und weisst du was? Beim nächsten Termin bei diesem Kurpfuscher, hatte der die Frechheit, mir zu sagen, er hätte gehört, ich hätte an meiner Hochzeit die Gummis nicht drin gehabt! An meiner eigenen Hochzeit!“
Sie zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Hinten lief... war es Mel, oder war es Doo?.. vorbei und winkte mir zu.
„Und weisst du was? Heute hat mir MacfuckingGee vorgeschlagen, ich sollte seine eigene Erfindung tragen, so einen MacGee-Modifyer. No way. Ab-so-lutely-no-way! Hast Du schon mal jemand mit einem solchen Teil gesehen?“
Ich nickte.
„Das reinste mittelalterliche Folterinstrument! Du kannst kein Wort damit reden. Keines! Im alten England hat man geschwätzigen Frauen sogenannte Schandmasken verpasst, um sie zu disziplinieren!
Vorher fliege ich nach Chile, oder sonst wohin, und lass mir den ganzen Krempel von den Zähnen reissen!“
Schandmaske? Das war das Stichwort? Geschwätzige Frauen? Habe ich Cristinas Verschwörungstheorie übernommen?
Sie sog nochmals an ihrem Strohhalm, inzwischen ist sie wieder etwas heruntergekommen.
„Sorry, es kam einfach so über mich. Aber es musst einfach raus. Glaube mir, sonst habe ich meine Emotionen mehrheitlich im Griff. Ausser bei Rugby; aber dort darf man...“ sie lächelte mich an und fuhr sich anschliessend mit der Zunge über die Lippen, es war nicht einfach, es kamen mindestens drei Gummis in die Quere.
Die Sache mit der Schandmaske ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hackte nach: „aber das Geschäft läuft?“
„mehr als gut! Ich kann sehr zufrieden sein. Ich habe nach meiner Rückkehr aus Europa etwas Pepp in die Bude gebracht. War ein Risiko, aber den Kunden gefällt es offensichtlich. Nicht zu modern, aber auch nicht mehr Vorkriegsästhetik... Für meinen Partner ist’s manchmal etwas zu viel, weisst du, er hätte gerne, wenn ich mich mehr ums eigene Haus und so kümmern würde. Er ist nie von der Insel weggekommen, und hier zählen eben noch die traditionellen Werte: Familie, Kinder und so. Er hätte auch sehr gerne einen Haufen eigener Kinder. Ich habe mein Geschäft, das gibt mir Befriedigung. Versteh mich nicht falsch, ich liebe Kinder. Jede Frau liebt Kinder, das ist in unseren Genen. Glaube ich zumindest.
Ich verdiene auch mehr als er. Er würde es niemals zugeben, aber es ist ein Problem für ihn. Letztens habe ich ihm vorgeschlagen, dass er den Haushalt übernehmen könnte, und die Erziehung der Kinder. Er ist blitzschnell verschwunden und zwei Tage später völlig versoffen wiedergekommen. Dieses Thema werde ich nicht wieder anschneiden.“ und sie lachte herzlich. Dabei löste sich der Gummi über die Frontzähne und zwickte sie in die Lippe. Während sie einen neuen Gummi aus einem Säcklein in ihrer Krokodilleder-Handtasche nahm und gekonnt wieder einsetzte, meinte sie: „siehst du, nicht einmal herzlich lachen kann man mit diesen Dingern im Mund.
Die Bar hatte sich inzwischen geleert, und sie sah auf die Uhr. „Mist. In einer halben Stunde ist Rugby-Training. Als Trainerin darf ich nicht zu spät kommen. Sorry, dass ich die so überstürzt verlasse. Können wir uns mal zum Lunch treffen? Würde mich wirklich riesig freuen!“
„Sehr gerne!“
Nochmal eines ihrer bezaubernden MacGee-under Construction-Lächeln. Und schon war sie weg.
Ich sass noch auf meinem Barhocker und dachte nach. Whow, das war intensiv! Dave stand neben mir und sagte: „da ist unsere lovely Isabelle gerade schwer in die Gänge genommen.“
„allerdings. Ich kenne sie so gar nicht.“ und als Witz: „Dave, was hast du ihr in den Drink gemixt? Die ist ja richtig aus sich herausgekommen.“
Er lachte zweideutig: „l‘m a professional, you know, Mate! Aber ich sag dir es gibt noch andere Ladies hier auf der Insel, die sowas wie Isabelle notwendig hätten. Aber komm‘, setz‘ dich zu uns an den Tisch.“ er zeigte auf einen Tisch hinten im Raum, an dem schon... ist‘s Mel, oder Doo?.. sass. „Darf ich dir nochmal etwas bringen?“
„bitte nur ein Cola. Dein Drink war sehr gut, aber weisst du, mitten in der Woche.“
Ich sah auf meinem iPhone, dass mir Cristina schon zwei Mitteilungen geschrieben hat.
Meine Antwort war gelogen: „noch geschäftlich unterwegs. Sorry, meine liebe Prinzessin.“ es kam ab und zu vor, dass ich mit Carl und Geschäftspartnern noch abends etwas trinken ging. Cristina verstand es und vertraute mir.
Die Antwort kam umgehend: „kein Problem. Und denk dran, wir haben erst Mittwoch! ???? ????“
Ich setze mich zu... an den Tisch und sprach das Problem umgehen an:
„Ist mir wirklich peinlich, aber bist du Mel, oder Doo?“
„Ich bin Mel. Bei uns ist das ganz einfach: Doo ist die von uns mit den grossen...“ und sie bildete mit ihren Händen zwei Körbchen vor ihrem Oberkörper. „... also logisch: Doo. Ganz einfach zu merken.“ war das jetzt ein typischer Lesbenwitz? Jedenfalls konnte ich die beiden in Zukunft unterscheiden. Inzwischen sass auch Dave am Tisch. Auch mit einem Cola. Er fing an: „hast du dich gut eingelebt im Paradies in the middle of Nowhere?“
Ich hielt mich bei meiner Antwort relativ allgemein. Ja, es gefalle mir, nette Leute hier, schöne Natur, das übliche Smalltalk-Blabla eben. Ich kannte Dave und Mel kaum, und wusste wirklich nicht was die beiden mit mir vor hatten. Und Isabelles Ausbruch ging mir noch immer nicht aus dem Kopf.
„aber sonst so? Die Leute? Hey, du kommst aus Europa! Hast du diese Spiessigkeit hier nicht schon satt?“
Nein, eigentlich nicht. Ich fand es sogar amüsant. Ich habe jetzt sogar einen schwarzen Massanzug im Schrank und habe gelernt eine Fliege zu binden. Ich sagte den beiden, dass es mich an ein britisches Freilichtmuseum erinnert: „der Metzger fährt eine Morris Minor, der Maler einen Commer und Carl hat einen Jaguar. Wenn die Zähne noch schief wären: Grossbritannien im letzten Jahrhundert.“
Der letzte Satz liess meine beiden Gegenüber aufhorchen.
„Ist dir also auch schon aufgefallen, das mit den Zahnspangen hier?“ warf Mel ein.
„Isabelle hat mir gerade ihre Horrorgeschichte erzählt. Ich denke, sie ist nicht die Einzige, die sowas erzählen könnte...“
„... oh ja,“ sagte Dave, „glaube mir, ich könnte dir den ganzen Abend noch solche Geschichten weitergeben. MacGees Praxis ist gleich dort drüben,“ er zeigte mit der Hand in Richtung Ausgang. „weisst du wie viele Enttäuschungen hier schon hinunter gespült wurden, von Frauen, die von dort drüben gekommen sind. Manchmal können sie mir ihre Erlebnisse erzählen, manchmal ist es ihnen due to technical difficulties nicht mehr möglich.“
„Woher kommt dieser... ist‘s ein Kult?“ wollte ich wissen.
Die Antwort kam von Mel: „das hat mich Dave - neben ganz vielen Dingen - auch gefragt, als er hier bei mir in der Bar angefangen hat...“ somit wusste ich wie Mel ihren Lebensunterhalt bestreitet. Ihr gehört das Arch and Whale.
„und? Was hast du ihm geantwortet?“
In diesem Moment kam ein Paar in die Bar. Er über fünfzig, sie maximal dreissig. Sie trug einen Interlandi-Headgear mit zwei Facebows. Es erinnerte mich an eine dieser Schandmasken, die Isabelle erwähnt hat. Dave stand auf und ging die beiden bedienen.
In Richtung der jungen Frau schauend, meinte Mel: „MacGee schlug zu...“
„Sagt dir der Begriff ,Schandmaske‘ etwas?“
„Oh ja!“ antworte Mel, „ich muss los, aber think about it. War wirklich nett dich kennengelernt zu haben. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder. Es gäbe noch mehr über Saint Hiram zu bereden.“ sie drückte mir kräftig die Hand und ging. Ich nahm mein Cola, setze mich mit zwei Stühen Abstand zum Paar an die Bar. Im Spiegel hinten an der Wand konnte ich sie beobachten. Wenn sie den Mund öffnete, erinnerte es mich an einen Entenschnabel. Die Facebows schienen sie zu stören. Sie bewegte andauernd ihren Unterkiefer in alle erdenklichen Richtungen, was sich auf den Facebow übertrug. Sie faste sich auch mit den Fingern in den Mund, um zu ertasten.
Dave brachte ihnen ihre Drinks. Einen Whisky für ihn und ein Cola sie.
„Ich nehme an mit Strohhalm, my Lady?“
Sie nickte nur, nahm eine Serviette und trocknete vorsichtig ihre Tränen, ohne ihr Make-up zu verwischen. Sie trug ein gestärktes, rosafarbenes Hemd mit einem gekonnt geknoteten Seidenfoulard darunter, bestimmt von Hermes. Der Interlandi-Headgear drückte ihre blonden Locken gegen den Schädel, so dass sie nur im Nacken zur Geltung kamen.
Dann nahm sie einen Schminkspiegel aus ihren Louis Vuitton-Beutel, überprüfte ihr Make-up und begann einige Stellen nachzupudern. Dann kam die Wimperntusche dran, und schlussendlich versuchte sie ihre Lippen nachzuziehen. Ich konnte alles diskret im Spiel beobachten. Manchmal kreuzten sich seine Blicke und meinen, ich nickte im freundlich zu. Er kam mir bekannt vor. Dann sprach er mich an:
„Ihr Wagen ist jetzt definitiv unterwegs. Habe heute die Meldung aus den Hafen von Freemantle bekommen.“
Aber natürlich. Es war der Autohändler!
„Ich habe gewusst, dass ich sie kenne, konnte sie aber nirgends zuordnen. Aber jetzt ist alles klar!“
Ich setze mich zwei Stühle näher zu ihm, zwischen uns die junge Frau.
„Fiona sollten sie eigentlich auch kennen, sie arbeitet auch im Autohaus. Wobei wir ihr Aussehen heute etwas verändert haben. Nicht wahr, mein Täubchen?“
Das Täubchen erinnerte mich allerdings eher an eine Ente, wenn sich ihre beiden Facebows wie ein Schnabel bewegten.
Fiona drehte sich in meine Richtung. Hinter den beiden Facebows befand sich ein puppenhaftes Gesichtchen mit zwei bergseeblauen Augen.
„Komm, zeig unserem Kunden, was wir dir heute alles an Extras eingebaut haben. Ich habe den Doc gesagt, er soll alles auf einmal erledigen. Sie gehen ja auch nicht zuerst zum Ölwechsel, folgende Woche werden die Bremsen erneuert und eine Woche darauf die Batterie erneuert. Alles auf einmal! Mach mal deinen Mund auf, Täubchen!“
Erinnerte mich irgendwie an einen Autohändler, der einem den Motorraum eines Wagens vorführt. Und. Entsprechend ging es auch weiter:
„Fiona, sie ist übrigens meine Tochter, nur das da keine falschen Verdächtigen entstehen - sie wissen was ich meine - hatte als Kind schon so eine Richtbank im Mund. Und jetzt mit dreissig steht sozusagen, der Hunderttausender-Service an, mit allem, inklusive Zahnriemen und Radnaben. Nur so kann man den Wert erhalten.“
Er grinste, und fand seine Auto-Analogien witzig. Ich fand sie beschämend.
„Also da hätten wir mal oben und unten alle Zähne bebändert. Die sollen drin bleiben, nicht dass sie alle paar Wochen in die Garage, äh, in die Praxis rennen muss.
Dann den Facebow fest verbunden. Sie kennen ja diese jungen Dinger, immer alles Mögliche im Kopf, und dann vergessen sie...“ bei vergessen, machte er mit seinen Fingern zwei Apostroph. „... den Facebow zu tragen. Kenne ich von ihrer letzten Behandlung und der ihrer Schwester. Deren Service beginnt morgen. Ich hab dem Doc gesagt, er soll den Bogen doch gleich mit den Band verlöten. Zeig mal, Täubchen, ob er das gemacht hat. Offenbar hat er dieses Mal auf den Profi gehört. Dieser Facebow bleibt jedenfalls bis zum Ende der Revision drin, dass ist sicher.
Den unteren kann sie rausnehmen; sonst verhungerst du mir ja noch. Nicht war, Kleines?
Der eigentliche Grund für den Service war ihr lispeln. Sie stösst mit der Zunge beim Sprechen gegen die Zähne. Ich hab‘ ihr gesagt, sie soll damit aufhören. Jetzt wird es ihr    mit diesem Ding abtrainiert.“
Sie hatte hinter den Frontzähnen ein Drahtgeflecht aus den einzelne Drähte richtig Zunge standen. Sah schmerzhaft aus.
„Sprechen kannst du noch?“ fragte ich sie direkt.
Sie schüttelte den Kopf und sagte etwas, das ich als: „nicht so gut.“, interpretierte.
„Ja, das muss sie rasch wieder lernen. Bei uns geschieht noch viel am Telefon, wie können nicht nur E-Mails versenden. Aber zu viel reden ist auch nicht immer gut. Reden ist Silber, schweigen ist Gold. Und das sagt ihnen ein Autohändler! Komisch, nicht?
Und dann hat sie noch diese Gummis, der Doc weiss bestimmt, was er damit will.“

Ich verabschiedete mich von Fiona, ihrem Vater, Dave und seiner Kollegin. Was zur Hölle geht auf diese Insel vor? Je mehr ich darüber nachdachte, um so mehr kam ich zur Überzeugung, dass Cristina recht haben könnte.

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Auf zu neuen Ufern! neuntes Kapitel.
« Reply #11 on: 07. August 2022, 12:48:20 PM »
neuntes Kapitel


Carl wollte am Freitagmorgen abfliegen, am Donnerstagabend fuhr ein Jaguar an 24 Nelson Terrace vor. Ihm entstieg Gisela mit unzähligen Gepäckstücken.
„Ziehst du grad definitiv bei Cristina und mir ein? Das freut mich!“
„Warum?“
„Wegen deinen vielen Koffern.“
„Cristina muss dir noch gaaaaaanz viel über Frauen beibringen. Die nächsten zwei Wochen wird sie dabei vom mir unterstützt.“
Mir viel erst jetzt auf: kein Headgear und sie konnte verständlich sprechen. Gummis scheint sie allerdings bekommen zu haben. War ich eventuell erfolgreich? Das würde mich für Gisela riesig freuen.

Die beiden Frauen waren sehr wortreich damit beschäftigt Giselas Zimmer einzurichten. Ich sass im Wohnzimmer und machte.... nichts!
Ich hatte Wochenende. Carl meinte ich soll am Freitag zuhause bleiben, und aufpassen, dass die beiden Damen das Haus nicht abfackeln.
Das liess ich mir nicht zweimal sagen.
Später, wir bestellten Pizze und assen diese vor den Fernseher, unterhielten sich die beiden auf eine Sprache die ich nicht verstand. War auch nicht so wichtig, ich beobachtete ihre unterschiedlichen Lösungswege, mit Zahnspange Pizza zu essen. Cristina, war wegen der Herbstscharniere im Nachteil.
„Stimmt doch, oder?“ sagte sie zu mir. Um zeitgleich zu realisieren, dass ich ihr nicht zustimmen kann, weil ich nicht verstand, über was sie sprachen.
„Ich sag‘ mal ja, denn laut meiner Erfahrung hast du immer recht.“
Sie lachten beide, und die Spangen waren mit Käse, Teig, Tomatensauce und Schicken zugekleistert. Irgendwo, zwischen einem Archwire und einem Band, steckte sicher auch noch etwas Oregano.
„Weisst du was?“ sagte Gisela an Cristina gerichtet. „Wir sollten versuchen Englisch zu sprechen, sonst versteht er nichts.“
„Ausser wir wollen, dass er nichts versteht.“ Ein Zahnspangen-Pizza-Lächeln in meiner Richtung.
„Dazu habt ihr aber noch genug Zeit, wenn ich ausser Haus bin.“
„Ich muss mich übrigens noch bei dir bedanken.“
„Bei Cristina auch! Sie hat hauptsächlich eingefädelt, dass du hier sein kannst.“
„Dafür natürlich auch. Nein, ich meine wegen der anderen Sache.“
„Welche andere Sache?“ bitte sag jetzt, wegen der Spange.
„Dafür, dass ich den Headgear nicht mehr ständig tragen muss, und dass man eine Lösung ohne das Kunststoffteil sucht. Ich weiss, dass du mit Carl darüber geredet, hast und er dann mit MacGee.“
Jetzt war ich fast ein wenig gerührt.
„den Headgear bist du noch nicht ganz los?“
„nein, vierzehn Stunden täglich und zwölf Stunden müssen zusammmenhängen. Sollte zu machen sein.“
„Mit dem Zeiterfassungssystem?“
„Das schon. Ohh, in drei Minuten fängt der Zwölfstunden-Block an, und in meinem Mund sieht es noch aus wie nach einem Motorsägen-Massaker.“
Sie stürmte los, in Richtung Badezimmer.
„Was hast du da gemacht?“ tönte es hinter dem Deckel eines Pizzakartons hervor. „Du hast Carl gesagt, er soll MacGee sagen, er müsse Gisela den Headgear entfernen?“
„Wortwahl und Taktik, waren etwas anders. Carl ist nun mal ein Softie, trotz rauher Schale.“
Ich wurde hinter einem Pizzakarton hervor seelig angelächelt.
„Bist du sicher, dass du deine Zahnspangen je wieder sauber bekommen wirst. Du siehst furchteinflössend aus.“

„Ich schlafe heute Nacht unten bei Gisela. Sonst hat sie Angst.“
„Und ich?
„Du schläfst hier oben und hast keine Angst. Du bist ein grosser Junge.“
„Mit euch beiden im Haus, muss ich aber Angst haben. Noch mehr, wenn ihr das selbe Zimmer bewohnt.“
„wovor hast du Angst?“
„Witch craft.“
„Aber ich komm‘ dir dann doch noch einen gute Nacht Kuss geben.“
„Da drauf freue ich mich.“
Und ich bekam an diesem Abend sogar zwei gute Nacht Küsse. Einen durch einen Facebow hindurch auf die Wange. Ein neues Erlebnis, und ich fragte mich ob Cristina im Laufe ihrer Behandlung, auch einen bekommen würde?


Eine Woche später.
Off we go! Das Ziel der Reise hiess Ressort in den Bergen. Wir fuhren um die Mittagszeit los und waren, mit einigen Unterbrüchen und Fotohalten, am späteren Nachmittag dort. Die beiden Mädels waren vergnügt und Gisela trug mehr als die vorgeschriebene Zeit ihren Headgear. Sie sah dies als Zeichen des guten Willens an, und wollte Doc MacGee dies beim nächsten Termin zeigen. Bei Cristina verlief alles wie gewohnt, sie hoffte, bald die beiden Expander definitiv loszuwerden. Ich wusste nicht, ob dies ein guter Wunsch ist, ich war mir sicher MacGee hatte schon ein anderes Folterinstrument in seiner Schublade, dass den Expandern folgen wird.
Aber über solche Dinge wollten wir uns an diesem Wochenende nicht kümmern.
Wir hatten uns diesmal ein Häuschen mit zwei Schlafzimmern reserviert, und ich war froh, dass Cristina wieder ein Zimmer mit mir teilen wollte. Ich vermisste ihren Körper im Bett neben mir und ihre sanften Atemgeräusche.
Die Zimmer waren eingeräumt, der Kühlschrank bis oben gefüllt und wir lagen auf der Veranda und zelebrierten das Dolce far niente.
„Bin ich der Einzige, der Lust auf ein Eis hätte?“
„Ja, weil du das einzige Maskulinum auf dieser Veranda bist.“ Cristina konnte nicht viele Jahre die Schulbank drücken, darum staunte ich immer wieder über solche Äusserungen. Ich war überzeugt, mit einer besseren Schulbildung hätte sie es weit gebracht.
„Aber die beiden Femininum wären bestimmt auch dafür zu haben, oder Gisela?“
„hmm? Nur wenn es selbst her kommt, meine Hängematte ist gerade sooo bequem.“
„Das ist eine Ausrede! Hängematten sind nie bequem. Aber ich habe verstanden...“
Ich stand extra laut stöhnend aus dem Sofa auf und frage: „Schokolade für mich, Erdbeeren für Cristina und die Dame in der Hängematte möchte Vanille, richtig?“
Es kam zwei „richtig!“ zurück.
Cristina fragte scheinheilig: „ soll ich dir das Geld mitgeben?“ und lächelte mich silbern blitzend-verschmitzt an.
„Nein, wir rechnen am Sonntagabend ab...“

Ich war mit den den drei gefrorenen Kalorienbomben in der Hand auf dem Rückweg zum Cabin, als mir zwei Frauen entgegengekamen. Das eine Gesicht erkannte ich sofort, es war das hinter zwei Facebows eingesperrte von Fiona.
„Scho schieht man schichsch wieder! Darf ich dir vorstellen? Meiner Schweschter Katy.“
„Nice to meet you Katy.“ und Fiona stellte mich ihr vor.
Katy war grösser als Fiona, hatte gerade, braune Haare, braune Augen und war ebenfalls schön. Sie trugen- natürlich! - ebenfalls Spangen, einen Facebow mit Nackenzug, und soweit ich sehen konnte, Herbstscharnieren und Bändern. Sie trug ein dunkelblaues Polohemd, dessen Kragen sie aufgeschlagen hatte, wahrscheinlich um den Headgear weniger sichtbar zu machen, blaue Jeans und weisse Sneckers.
Fiona trug ein mackelloses Make-up, ein enges, lachsfarbenes Polohemd, eine Perlenkette, offenbar keinen BH, weisse nicht minder enge weisse Jeans und schwarze Turnschuhe.
Die Zähne und Facebows schienen extrem zu spiegeln.

„Wasch hat disch in die Wildnisch verschlagen?“
„ich bin mit meiner Partnerin und ihrer Freundin übers Wochenende hier.“
Fiona grinste funkelnd hinter ihren Facebows hervor, meinte: „soso“ und wollte pfeifen. Das mislang. „Scheischsch Tschanschpangschen!“ wir lachten und ich klärte auf, dass alles ganz und gar seriös abläuft.
„Wir schind im Hausch tschweiundtschwantschig, und ihr?
„Wie es der Zufall so will: einundzwanzig. Kommt doch mal vorbeischauen! Der Kühlschrank ist bis oben voll.“
„Scher gerne, wir müschen jetscht nosch tschwei Taschen holen. Unsch  einrischten, aber dann schehen wir unsch.“
„Cool. Aber jetzt muss ich los, ihr wisst: Eis und Wärme.“

„Das hat aber gedauert, warst du am Südpol Eis holen?“
„Am Südpol war das Erdbeereis ausverkauft, ich war darum noch am Nordpol. Ich mach‘ doch alles für sie, meine Prinzessin.“
„Sagt mal, gibt es eigentlich eine einzelne Stunde, in der ihr nichts keift?“
Cristina und ich synchron: „nein!“
und ich ergänzte: „das ist weniger keifen, das sind Liebesbezeugungen, nicht war, Prinzessin?“
Sie stellte sich auf die Zehen, gab mir einen Kuss, der nach etwas feinem, aber unbekannten schmeckte und sagte: „diiiie Beeeesten.“
„Nach was schmeckte das eben?“
„Gummibärchen.“

Während wir uns an unseren Eis gütlich taten, sagte ich: „wir bekommen übrigens nächstens Damenbesuch.“
„Aber nur wenn ich die Hängematte nicht verlassen muss.“
„Lässt sich einrichten. Wir sagen einfach, statt eines Hundes hielten wir ein Faultier.“
„Keeeein Problem!“
„Wer ist es?“ wollte Cristina wissen.
„Die Eine aus dem Autohaus?“
„Die Kleine mit den blonden Locken, die mich so angesehen hat? Ich beeeneide sie um diese Locken.“
„Diese Locken werden jetzt von einem Mords-Headgear zusammengedrückt.“
„Die hat jetzt auch eine Zahnspange?! Die hat doch ein perfektes Gebiss!“
„Saint Hiram, Cristina, Saint Hiram.“

Später klopfte an der Tür und ich ging öffnen. Wie erwartet standen Fiona und Katy mit einem Blumenstrauss draussen.
„Wir haben unsch gedascht, einen Schtrauschsch Blumen, wenn die Frauen in der Mehrheit schind. Wein ischt dosch scho wasch von Geschtern.“
Cristina, die inzwischen neben mir stand, meinte: „Du bist mir jetzt schon sympathisch!“
Während Katy noch gleich angezogen war, hatte sich Fiona inzwischen umgezogen und die Augen neu geschminkt. Sie trug jetzt ein blassgelbes Etuikleid, hatte ein grünes Hermes-Foulard um die Schulter und flache Legionärs-Sandalen mit verchromten Lederriemen. Passend zu ihren Facebows.
Man begrüsste sich gegenseitig und Cristina liess die Katze ohne Umschweifen aus dem Sack: „warum das alles? Du hast doch das perfekte Gebiss. Ich beneidete dich darum, als ich dich im Autohaus sah, neben deinen Locken natürlich!“
„Tja, wenn isch dass wüschte? Ischt daschte ausch, dasch allesch perfekt schei. Und glaub mir, mir gefiel mein perfetsches MacGschee-Läscheln. Und dann wurde entschieden, dasch Katy und isch wieder therapiert werden müschen.  Dasch war ein rieschen Schocksch!
Und schau, meine Lockschen, eine eintschige Meschsch! Dann hascht du schiecher unschwer bemerkt, isch habe nosch etwasch, daschsch misch maschiftsch beim Schpreschen schtört. Scheische, dasch gantsche, eine rieschige Scheische!“
„Und der Headgear? Wie viele Stunden pro Tag?“ wollte Gisela aus der Hängematte wissen.
„Schtändisch, immer, vierundtschwantschisch Schtuden am Tagsch. Schieben Tage die Wosche. Bei unsch beiden wurde der Facebow mit dem Band um den Tschan verlötet, er scholl angblisch erscht wieder rauschkommen, wenn wir den Rescht der Tschanschpangschen ausch wieder losch werden.“
Katy stand die ganze Zeit danach, sagte nichts und nickte nur beipflichtend.
„Und für wie lange das Ganze?“ wollte Cristina wissen.
„Dasch wischschen nischt einmal die Götter, nur der Doc. Wir müschschen unsch damit arrangiere, etwasch anderesch gibt esch nischt. Hier auf Schaint Hiram, schind scholsche Anbligsche nischtsch beschonderesch. Aber isch reische gerne in andere Schädte, dort fällt man auf...“ ich hörte Verzweiflung, Frustration (oder „Fruschtratschion“ wie es Fiona sagen würde) Melancholie aus ihrer Stimme.
„Dich hat‘s offenbar weniger erwischt?“ fragte Gisela.
„Nein, ich hatte mehr Glück als mein kleines Schwesterlein. Nur den Headgear, das kennst du ja offensichtlich auch, Gisela, und Herbstscharniere, wie Du, Cristina. Bis jetzt. Wir wissen alle nicht, was die Zukunft bringt. Speziell wenn man bei MacGee in Behandlung ist.“
„Und Schmerzen?“ wollte Cristina an Fiona gerichtet wissen.
„Eigentlisch keine. Die Schepariergummisch...“
„Oh ja!“ tönte es synchron aus den drei anderen Mündern.
„dann dasch Eintschetschen...“
Wieder ein synchrones „oh ja!“ die Girls mussten darüber lachen.
„... aber schonscht eigentlisch nein. Esch ischt allesch einfasch scher, scher müscham. Schpetschiell das Schpreschen in meinem Fall, für Katy wäre dasch weniger ein Problem.“
Diese Nickte. Ohne etwas zu sagen.
Anschliessend zeigte man sich ausführlich kommentiert, gegenseitig die Apparaturen.
Katy hatte wirklich ein perfektes Gebiss hinter und unter ihren Bändern und Drähten. Cristinas Theorie? Ich hoffte wirklich nicht.
Die vier Damen - und ich natürlich auch - hatten einen wirklich vergnügten und schönen Nachmittag. Einmal, als Fiona und ich uns etwas neben dem Pulk trafen, sagte sie zu mir: „gantsch hertschlischen Dangsch für die Einladung. Genau dasch brausche isch jetscht gantsch fescht. Einfach einige ungetschwungene Schtunden abschalten und Schpasch.“
Sind ihre Bänder und ihr Facebow speziell poliert? Die glänzen wirklich mehr als bei den anderen Drei. Mir gefällt es!

Cristina schwärmte allen vom Papageienpark vor, Katy und Fiona kannten ihn schon und fragten, ob sie uns begleiten dürfte. Da sich die vier jungen Frauen inzwischen gut angefreundet haben, stand dieser Expedition nichts im Weg. Speziell Cristina und Fiona scheinen das Heu auf der selben Bühne zu haben. Als sie herausfanden, dass sie sogar die selben Kleidergrössen haben, und sich anschliessend mit Schwester ansprachen, wurde Gisela kurzzeitig etwas eifersüchtig.

Weil ich immer noch mit dem Geschäftswagen unterwegs war, mussten wir uns auf zwei Autos aufteilen. Cristina und Gisela fuhren anfänglich bei mir mit, die beiden anderen in Fionas Innocenti. Fiona pflegte ihrem Naturell entsprechend einen sportlichen Fahrstil, ich wollte meine Fracht sicher zu den Papageien bringen.
Auf dem Parkplatz des Papgeienparadies neckte mich Fiona aus ihrer Schandmaske hinaus, ob ich eine Muskelschwäche im rechten Fuss hätte?
„Nein, aber kostbare und sehr zerbrechliche Fracht an Bord.“
„Ohh, dasch isch scho schüschsch.“
Und an Cristinas gerichtet: „weischt du wasch dein Göttergatte für nette Dinge über disch schagt? Isch beneide disch fascht ein bischschschen.“
„Mädel: das ist eine Frage der Erziehung. Bei Männern ist alles eine Frage der ri-chti-gen Erziehung. Ich bringe es dir bei, wenn du mich lernst, wie du deine Lidstrich ziehst.“
„Deal! Wobei isch tschur Tscheit mit dieschem Vogelkäfigsch um den Kopf, eher weg bin vom Markt.“
Da haben sich zwei getroffen! Ich war froh, dass Cristina jemanden von ihrem Temperament gefunden hat.
Das mit dem Vogelkäfig wurde zum Running Gag, und es gab dort einige Vogelkäfige, die für Witze über Fionas missliche Lage Stoff boten.
Der netteste war von Fionas, sonst eher stillen Schwester Katy: die Papageien hier, werden artgerechter gehalten, als Fiona.

„Facebows raus, Gummis raus und schmeisst die Headgears weg! Es gibt Eis für alle!“ das war Cristina, die mit einer Ladung Eis vom Kiosk an unsere Tisch im Picknick-Bereich des Parks zurückkehrte.
„Ob Crazy MacGee etwas am Eisverkauf auf der Insel verdient? Seit ich wieder Zahnspangen tragen muss, ist mein Eiskonsum rapide angestiegen.“ fragte Katy in die Runde.
„Das geht mir auch so,“ ergänzte Gisela, es ist allerdings gut, dass man sonst nicht viel essen kann, ich würde sonst Kugelrund.“
„Zahnspangen sind effektiver, als jeder Diätplan.“
Während die beiden Energiebündel Cristina und Fiona sich wirklich gefunden zu haben scheinen, standen die anderen beiden, ruhigeren Frauen oft zusammen vor einem Gehege und unterhielten sich angeregt über das was sie beobachteten.
Ich sprach Gisela abends auf die Situation an, und sie meinte, sie möge Katy sehr, sie hätten schon die Nummern ausgetauscht und wollten sich in Zukunft öfter treffen.
Ich habe Gisela auch deshalb darauf angesprochen, weil Cristina auf der Heimfahrt unbedingt mit Fiona mitfahren wollte.
„Fiona, du weisst: deine Fracht ist äussert kostbar und zerbrechlich!“
Ein blackpoliertes Zwinkern aus dem Vogelkäfig.

Offline ballermannb

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Re: Auf zu neuen Ufern!
« Reply #12 on: 07. August 2022, 15:55:02 PM »
Wieder eine wunderbare Fortsetzung echt super geschrieben! vielen Dank dafür! :)

Offline xxxforce

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Re: Auf zu neuen Ufern!
« Reply #13 on: 07. August 2022, 16:40:45 PM »
du schreibst wirklich gut! und lässige Story außerdem :) Man darf gespannt sein wie's weitergeht ;)

Offline Aktitime

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Re: Auf zu neuen Ufern!
« Reply #14 on: 07. August 2022, 18:41:04 PM »
Schöne Story bisher  ;) bin auf weitere Teile gespannt!