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German => Allgemein => Topic started by: Uniphase on 03. August 2022, 23:11:51 PM

Title: Auf zu neuen Ufern!
Post by: Uniphase on 03. August 2022, 23:11:51 PM
Ich brauchte Abwechslung, etwas Neues, neue Herausforderungen, neue Abenteuer und einen neuen Horizont. Dies alles konnte mir nur Auswandern bieten, an einen Ort weit weg vom gewohnten zentaleuropäischen Trott. Darum machte ich mich auf der Suche nach einer neuen Stelle, irgendwo auf diesem Planeten, aber mit der Einschränkung, dass man dort eine der beiden Sprachen spricht, die ich auch beherrsche. Diese Sprachen sind einerseits Deutsch und andererseits Englisch, was die Sache wiederum merklich einschränkte. Australien, USA, Kanada und Neuseeland waren die Länder, auf die ich mich auf der Suche nach neuen Horizonten konzentrierte.

Manchmal sind gute Freunde einfach unersetzlich. Oskar, den ich schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen habe, sandte mir ein What-Up, ob wir uns wieder einmal treffen möchten? Klar wollte ich, und bald darauf trafen wir uns nach Feierabend in einer Bar und erzählten uns, was in unseren Leben alles gelaufen ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Oskar ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder, einen Hund, eine Katze, ein familientaugliches Auto und bezahlt jeden Monat einen Teil der Hypothek seines Reihenhauses im Speckgürtel der Grossstadt zurück.
Er scheint mit seinen Lebensumständen ganz zufrieden zu sein, jedenfalls machte er einen entsprechenden Eindruck auf mich.
Wir kannten uns seit Jahren und ich glaube ihn fasziniert mein Leben als Dauersingle mit gelegentlichen sexuellen Abenteuern, genau so, wie ich sein organisiertes Leben interessant finde.

Ich erzählte Oskar natürlich auch von meinen Plänen, und das es nicht einfach sei, einen Job im Ausland zu finden. Sowohl in Nordamerika, als auch in den beiden ozeanischen Ländern gab es strenge Einreisebestimmungen, die meine Planungen erschweren.

„Was ist mit Saint Hiram?“ fragte mich Oskar. Ich verstand immer noch nicht, warum Eltern ihren Sohn in den Siebzigern Oskar tauften. Nur Otto wäre noch schlimmer gewesen. Oder Balduin.
Jedenfalls antwortete ich: „Saint Hiram, ist das nicht so eine Insel irgendwo vor Südamerika, oder?“
„Ja genau. Es liegt vor Chile und war einmal eine englische Kolonie. Heute ist‘s unabhängig, im Commonwealth, aber immer noch britischer als der Trafalgar Sqaure in London.“
„... und wahrscheinlich nicht viel grösser, oder? Meinst Du, dass es dort Arbeit für mich hätte? Ich habe es nicht so mit Pferde beschlagen und Fischernetze knüpfen. Du weisst, ich bin schon eher ein Büromensch.“
„Ich habe einen Kunden dort, der meine Firma in Südamerika vertritt, was anscheinend wegen irgendwelchen Zollbestimmungen gut funktioniert. Ich habe ihn vor einigen Wochen getroffen und er kommt nicht mehr nach, so viel Arbeit hat er. Er hat mich gefragt, ob ich nicht bei ihm einsteigen möchte. Ich hab‘ es mir überlegt. Es ist sehr schön dort. Aber weisst Du, Anna, die Kinder, die Tiere und das Haus. Ich bin hier festgebunden.“

Ein halbes Jahr später setzte mein Flug aus Santiago de Chile auf der Landebahn des Flughafens von Saint Hiram Town auf. Es war meine dritte Ankunft dort, und im Gegensatz zu den beiden zuvor, werde ich nicht in den nächsten Tagen wieder abfliegen. Saint Hiram ist ab jetzt meine neue Heimat.

Oskar hat mir den Kontakt zu seinem Kunden vermittelt. Ich habe ihn getroffen, und wir haben rasch herausgefunden, dass wir wahrscheinlich gut zusammen arbeiten können. Ausserdem: diese Insel im südlichen Pazifik gefiel mir auf Anhieb.
Das zweite Mal war ich dort, um Organisatorisches zu erledigen und mich nach einem neuen Zuhause umzusehen. Carl, mein neuer Chef hat sich in meiner Abwesenheit um all die Dinge gekümmert, die ich von aus Europa nicht erledigen konnte. Inklusive die Annahme all der Dinge, die ich mitnehmen wollte und vorausschickte. Auch wenn ich vor hatte, mich von Vielem zu trennen, das sich über die Jahre angesammelt hat, es waren am Schluss doch noch einige Kisten, die um den halben Globus spediert wurden. Wir haben abgemacht, dass sie bei Carl ins Lagerhaus kommen, und ich sie dann selber in mein neues Haus transportieren werde. Carl hat mir allerdings versprochen, dass er dafür sorgen wird, dass ich mindestens eine Matratze im Haus hätte.

Die Einreise verlief rasch und problemlos, mit dem Visum im Pass und nach dem Vorzeigen einer Kopie des Arbeitsvertrages, war ich schon auf. Saint Hiram. Und wie abgemacht wartete Carl jenseits der Glastür auf mich. Ich wollte eigentlich ein Taxi nehmen, aber er bestand darauf, mich abzuholen, weil er ja auch die Hausschlüssel hätte.
Carl war rund sechzig Jahre alt, und man sah ihm an, dass er einerseits britische Gene, aber auch solche aus Südamerika und einen gut ernährenden Job hat. Die stehst gut gekleidete Gemütlichkeit in Person, mit einem ausgeprägten Bauchansatz.
Ich erkannte seinen runden Kopf mit dem Doppelkinn sofort unter all den Wartenden. Das war auch nicht schwer, schwenkte doch beide Arme so sehr, dass man fast den Eindruck hätte bekommen können, er wollte gleich wegfliegen.

Nach den üblichen Begrüssungsfloskeln stellte er mich einerFrau vor, die die ganze Zeit neben ihm stand und seine Partnerin sei. Sie war schlank, rund einen Meter sechzig gross, einige Jahre jünger und schöner als Carl. Sie sah für mich sehr südamerikanisch aus. Sie wurde mir als Gisela vorgestellt, und als sie mich beim Händeschütteln anlächelte, wusste ich, warum sie zuvor immer so ernsthaft-verklemmt geschaut hat: soweit ich es sehen konnte, hatte sie auf allen Zähnen riesige Brackets und schämte sich offenbar diese zu zeigen.

Auf dem Weg zu seinem schon etwas in die Jahre gekommenen Jaguar XJ-S im Flughafen-Parkhaus wurde ich gefragt, ob ich denn nicht lieber die erste Nacht bei ihm und Gisela verbringen möchte? Ich habe schon auf dem Hinflug überlegt, ob ich mir nicht ein Hotelzimmer nehmen möchte, darum nahm ich diesen Vorschlag gerne an. Die Fahrt durch die schon dunklen Vororte und unter den Strassenlampen dem erloschenen Vulkankegel entlang, der die Basis Saint Hirams bildet, war absolut ruhig und stressfrei. Der Motor des Jaguar brummte leise vor sich in, und hin und wieder sah man in der Dunkelheit im Wageninnern die Glut vom Carls Tabakpfeife aufleuchten.
Giselas Zahnspange ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Habe ich in dieser knappen Sekunde bei der Begrüssung, in der sie mich anlächelte, tatsächlich Bänder auf ihren Frontzähnen erspäht? Die klassischen Stahlbänder, welche in meiner Heimat sicher seit den Neunziger durch Klebebrackets ersetzt wurden?
Auf dem Weg ins Parkhaus habe ich sie noch zwei-drei Mal angelächelt, in der Hoffnung ein Lächeln, verbunden mit einem Blick auf ihre Zahnspange zurück zu bekommen, aber sie lächelte nur mit verkrampft-verschlossenen Lippen zurück.

Es war schon stockdunkel, als wir durch ein Gusseisentor in den Garten vor Carls Haus fuhren, aber ich konnte trotzdem durch die Autoscheiben einen gepflegten Garten mit akkurat getrimmten Büschen und Gipsstatuen erkennen. Bisher traf ich Carl nur in seinem Büro, das mit viel dunklem Eichenholz einen sehr englischen Spirit verströmt. Überhaupt ganz Saint Hiram Town könnte gerade so gut irgendwo in der Provinz Grossbritanniens liegen; Backsteinhaus schliesst an Backsteinhaus, man fährt auf der linken Strassenseite und die Anzahl Pubs auf den Quadratkilometer ist vergleichbar mit jener im Mutterland.
Ich war darum überhaupt nicht verwundert, dass der Jaguar vor einem stattlichen Haus im Tudor-Stil halt machte. Als wir ausstiegen, konnte man einen Hund im Innern des Hauses bellen hören. „Sicher ein Labrador“ dachte ich mir. Ich lag falsch, es waren drei Beagle, die herausstürmten, sobald Carl die Haustür aufgeschossen hatte.

Wir betraten das Haus, und als die drei Hunde nach einem Pfiff ebenfalls wieder ins Haus zurückgekommen waren, schloss Carl die grosse, schwere Holztüre hinter uns wieder zu.Ich werde es in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten noch einige Male denken: warum war es den Engländer so wichtig, in ihren Kolonien an allen Enden dieser Erde, ihre gewohnte Welt von zuhause nachzubauen?

In nicht ganz akzentfreiem Englisch wurde ich von Gisela gefragt, ob sie mir meine Jacke abnehmen dürfe? Sie hatte nicht nur einen Akzent, ich hörte deutlich, dass etwas sie etwas beim Sprechen behindert. Ihre Zahnspange? Jedenfalls konnte ich nochmals einen Blick auf ihre Zähne werfen, was sie genau im Mund hatte, konnte ich nicht genau erkennen, jedenfalls sicher Brackets im Ober- wie im Unterkiefer und wahrscheinlich noch etwas mehr...



Später sassen wir noch an einem grossen Holztisch in einem noch grösseren Raum und assen. Ich hatte zwar, auch wenn aus lauter Langeweile auf dem Flug von Europa über Südamerika nach Saint Hiram wahrscheinlich ununterbrochen irgendetwas genascht und war eigentlich nicht hungrig, eher müde, aber dies wegen der Zeitumstellung auch nicht richtig. So war es mir recht, vor dem Zubettgehen mit meinen neuen Freunden in der Ferne noch etwas Zeit verbringen zu können. Es gab sehr feines Roastbeef, dünn geschnitten und begleitet von einer exzellenten Sauce.
Ich durfte mich schon zu Tisch setzen, und Carl und Gisela brachten das Essen. Wobei eigentlich dass Essen von Gisela serviert wurde, während sich Carl mit dem Korken einer Flasche Rotwein beschäftigt war. Jetzt konnte ich es tatsächlich sehen: Gisela hatte bebänderte Zähne und noch Gummis, die beidseitig von den oberen Eckzähnen zu den Molaren, oder Prämolaren gespannt waren. Whow!
Kurz vor bevor sie sich mir gegenüber an den Tisch setzte, entfernte sie diskret die beiden Gummibänder.
Während des Essens hatten wir ein angenehmes Gespräch und ich erfuhr, dass Gisela aus Venezuela stammt und seit rund einem Jahr mit Carl zusammenlebt. Aus dem Augenwinkel konnte ich sie während des Essens beobachten, wie sie immer wieder mir der Zunge versuchte, das wirklich feine Roastbeef aus ihren Zahnspangen zu fummeln. Der exzellente Rotwein aus Argentinien benutzte sie ebenfalls zur diktieren Reinigung ihrer Apparaturen im Mund. Beim Gespräch mit ihr kam ich zum definitiven Schluss, es muss noch einen Fremdkörper auf der Innenseite ihrer Zähne geben.

Mit genügend Rotwein im Blut und fasziniert von Giselas Zahnspange schlief ich bald und fest im Gästebett von Carls Villa über der Stadt Saint Hiram ein.



Die Zeitumstellung liess mich allerdings früh wieder aufwachen, und ich war so wach, dass keine Chance bestand, mich nochmals auf die andere Seite drehen und wieder eindösen zu können. Ich stand daher auf, duschte mich, rasierte mich, zog mich an und wollte mich leise aus dem Haus schleichen, um draussen den Morgen zu geniessen. Ich hoffte, die Hunde und somit die Anderen im Hause nicht zu wecken. Es misslang, denn als ich die Treppe hinunter kam, kamen mir drei freudig mit dem Schwanz wedelnde Beagle entgegen. Sie kannten mich seit gestern Abend und nahmen mich glücklicherweise als Freund und nicht als Feind war, bellten aber trotzdem. „Pssst!“ scheinen Saint Hiram‘sche Hunde nicht zu verstehen, oder anders zu interpretieren. Sie bellten weiter. Ich versuchte sie zu beruhigen und hörte, wie im oberen Stock eine Tür geöffnet wurde. Mit einem „It‘s only me!“ gab ich mich zu erkennen. In diesem Augenblick erschien Gisela oben an der Treppe. Sie trug einen Bademantel am Körper, und einen Headgear um den Kopf. Sie kam die Treppe herunter und ich entschuldigte mich, sie geweckt zu haben.
„Das ist kein Problem, Carl schläft immer sehr tief, und ich nicht besonders, seit ich nachts dies hier tragen muss.“ dabei zeigte sie auf ihren Facebow.
„Du weisst, was das ist?“ Natürlich wusste ich es. „Damit sollen deine Zähne und Kiefer korrigiert werden.“ gab ich zur Antwort.
„Genau. Das ist bei mir wirklich notwendig, aber ich hasse diese Dinger trotzdem.“
Das Eis war gebrochen! „Musst Du sie schon lange tragen?“
„Ich habe sie jetzt seit einigen Monaten, und jedesmal wenn ich deswegen zum Zahnarzt gehe, habe ich nachher schmerzen, oder noch etwas zusätzlich im Mund. Und essen damit ist äusserst mühsam.“
Ja, ich kann mich ans Nachtessen vom Vortag erinnern, aber ich sagte nichts. Stattdessen: „das Ding um Deinen Kopf, das brauchst du nur nachts zu tragen?“
„Zur Zeit achtzehn Stunden am Tag, nach dem Termin beim Zahnarzt für eine Woche den ganzen Tag, ausser zum Essen und Zähneputzen. Aber er hat mir versprochen, dass ich es weniger lang tragen müsse, wenn ich diszipliniert sei. Und das finde ich schwierig.“
Sie spreizte ihre Lippen, wie zum Kuss und zog diese über den vorderen Teil des Facebows.
Die Hunde hatten aufgehört zu bellen, waren aber immer noch unruhig.
„Ich glaube, ich lasse sie raus, sonst pinkeln sie ins Haus.“ Sie stand von der Treppenstufe auf, auf der sie sass, zupfte den Morgenmantel zurecht und ging zur Haustüre, gefolgt von drei freudig wedelnden Beagles.

Ich ging ihr nach, ich hatte ja schon anfänglich vor, hinauszugehen. Allerdings nicht, weil ich sonst in die Eingangshalle pinkeln würde...
Gisela konnte die Türe nicht einmal richtig öffnen, das stürmte das Hundtrio schon in die kühle Morgenluft hinaus. Sie musste lachen, und dabei sah ich etwas aus ihrem Gaumen blitzen. Also hatte ich recht.

Draussen auf der Treppe holte sie tief Luft und meinte: „Nur schon diese kühlen Morgen sind es Wert aus Caracas hierher gekommen zu sein. Dort ist die Luft viel dreckiger und oft morgens schon heiss. Kennst Du Venezuela?“
Ich musste verneinen, wusste, dass es dort politisch nicht zum Besten steht, wollte dieses Thema aber nicht ansprechen.

Wie sassen wortlos nebeneinander auf einer Bank, und mir ging Giselas Zahnspange nicht mehr aus dem Kopf. Was ihr in diesem Moment durch den Kopf ging, weiss ich nicht.
„Du arbeitest jetzt also für Carl?“ fragte sie ohne mich anzublicken.
„Ja, das ist so. Ich hoffe er kann mich brauchen.“
„Er ist ein guter Mensch, manchmal wahrscheinlich fast etwas zu nett. Aber ein wirklich guter Mensch.“
Sie drehte den Kopf in meine Richtung, tippte sich mit beiden Zeigefingern auf den Facebow und ergänzte: „er bezahlt beispielsweise für all dies hier. Ich bin sicher, dass dies sehr viel Geld kostet.“

Sie erzählt mir, dass sie als Hausangestellte nach Saint Hiram gekommen ist, wie das viele Frauen aus Venezuela machen, weil sie zuhause keine Arbeit finden würden, oder wenn, dann zu schlechten Löhnen.
Mein Beweggrund hierher zu kommen, war ein anderer. Bei mir ist es zum Teil Abenteuer, aber nicht um genug zum Essen zu haben.

Sie erzählte mir, dass sie mit Carl schon in meinem Haus gewesen sei, und dass es ihr gefallen würde. Ich musste ihr ehrlich antworten, dass ich es eigentlich nur von Bildern aus dem Internet und einem Blitzbesuch auf dem Weg zum Flughafen kennen würde.
„Hast vor alleine dort zu wohnen? Und den ganzen Haushalt, neben der Arbeit bei Carl, auch noch zu erledigen? Pfuuhh!“ und strich sich mit dem Handrücken über die Stirn.
Die Hunde sind die ganze Zeit über im grossen, schönen Garten über das kurzgeschnittene Gras gerannt und kamen hechelnd zurück. Offenbar hatten sie Durst.
Wir standen auf und gingen zurück zur Haustür. Dabei erzählte ich ihr, dass ich eigentlich schon vor hätte, jemand zu suchen, der mir helfen könnte, aber dass ich dies erst von hier aus angehen wollte.
Sie sagte mir direkt heraus, dass sie eine Kusine hätte, die eine solche Stelle suchen würde. Dabei lachte sie zum ersten Mal seit wir uns begegnet sind, und ich konnte einen grossen Teil ihrer Spange sehen, von den Molarbands, in die der Gesichtsbogen eingesetzt ist, über die beiden Gummizüge bis zu allen Drahtligaturen, mit denen der obere Bogen in den Brackets gehalten wird. Dieser wies an einigen Stellen Knicke und Bögen auf.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: anton08 on 04. August 2022, 08:14:53 AM
Eine interessante Geschichte mit viel Potential. Jedem passieren Fehler, die "aufgeschossene" Haustür ist allerliebst..

Weiter so!
Title: Auf zu neuen Ufern! Zweites Kapitel
Post by: Uniphase on 04. August 2022, 10:56:09 AM
Es ist möglich, dass sich ab und zu ein Helvetismus einschleicht. Aber ich vermute mal, man versteht es trotzdem. :-)

zweites Kapitel

Die Hunde waren gefüttert und für uns stand das Frühstück  schon auf dem Tisch. Carl war inzwischen auch aufgestanden, und er traf Gisela und mich in der Küche. Wir sprachen über dieses und jenes, hauptsächlich über die kulturellen Unterschiede zwischen ihrer Heimat und Saint Hiram. Sie war schön, sehr schön sogar, sie hatte dunkle, kräftige Haare, die mit dem Headgear an ihren Kopf gedrückt wurden. Ihr Gesicht war wohl proportioniert mit reiner Haut und zwei dunklen Augen, die sie sehr zurückhaltend, aber effektvoll geschminkt hatte. Der Facebow, welcher horizontal über ihren Mund verlief, war zwar ein Fremdkörper in ihrem Gesicht, aber so schön wie eine Dissonanz an der richtigen Stelle in der Musik.
Sie hatte sich inzwischen umgezogen. Sie trug ein blau-weiss gestreiftes Hemd, dessen oberste beiden Knöpfe nicht verschlossen waren, und einen Blick auf ihr Decoltee und eine Perlenkette erlaubte. Ihre Brüste scheinen eher klein zu sein, aber in gutem Verhältnis zu ihrem eher zarten, leicht gebräunten Körper. Eigentlich ein Gesamtkunstwerk und viel zu schön um uns Rührei mit Speck zuzubereiten.
Ich musste dagegen kämpfen, dass ich mich nicht in sie verliebte. Sie war immerhin die Partnerin meines Chefs. Ich habe noch einmal meine Stelle richtig angetreten, und ein Scheitern wäre mit sehr viel Aufwand und Unsicherheit verbunden. Ich versuchte mich zusammen zu nehmen.
Carl stand mit einer Tasse Kaffee in der Hand hinter ihr und strich ihr zärtlich über den Nacken. Ich weiss nicht, ob er bemerkt hat, dass ich auf seine Freundin stand. Ich fasste es jedenfalls so auf, dass er mir mit dieser Geste unmissverständlich klar stellen wollte: Gisela gehört mir. Das stand ja auch gar nicht zur Diskussion. Sie war einfach nur schön, und ihre Zahnspangen trugen das ihrige dazu bei. Wann habe ich das letzte Mal eine erwachsene Person mit einer solchen Zahnspange gesehen? Wahrscheinlich noch nie ausserhalb meiner Träume.
„Ich sehe, du hast Gisela inzwischen mit ihrem Kopfschmuck gesehen. Normalerweise schämt sie sich dafür. Ich finde es schön, dass sie dir gegenüber diese Scham offenbar nicht hat. Nicht war, Schatz?“ sie bekam von ihm einen Kuss auf die Stirn.

Es war Samstag, somit konnte das Geschäft bis am Montag warten. Während des Frühstücks, für das sich Gisela den Headgear, den Facebow und die Gummis entfernt hat, planten wir den Tag. Carl und ich wollten im Geschäft vorbeigehen, damit ich mir einen Firmenwagen ausleihen kann. Ich hatte ja noch kein eigener Auto. Danach werde ich in mein neues Haus gehen, um Kartons zu entleeren und deren Inhalt gezielt im ganzen Haus verteilen. Die vorerst letzten Momente in Giselas Gegenwart. Eigentlich schade, andererseits war ich froh, die Sache etwas abkühlen lassen zu können, bevor es kompliziert wird.
Als wir das Haus verliessen, hatte Gisela den Headgear noch nicht wieder angezogen. Dafür gab sie mir zum Abschied ein breites, silbernen glitzerndes Lächeln.

Mein neues Zuhause war schön. Das Haus hatte logischerweise auch einen sehr englischen Touch, mit sehr viel Landhaus. In einigen Zimmer waren die Wände mit geblümten Tapeten bezogen und das Haus enthielt viel, sehr viel polierten Messing. Für mich teilweise schon fast zu sehr feminin-kitschig. Es liess sich aushalten, und meine modernen Möbel, die ich aus Europa mitgebracht habe, sorgten für Ausgleich. Vom Wohnzimmer aus hatte ich einen wunderbaren Ausblick über die Stadt und den Garten vor dem Haus. Dieser war zwar nicht so gross, wie der von Carls Haus. Die Leute, die  das Haus zuvor bewohnten, gaben sich beim Unterhalt sehr viel Mühe. Ich hoffte, ich werde mich als würdigen Nachfahre erweisen.
Entweder ist das Haus gross, oder ich bin tatsächlich mit vorbildlich wenig Gegenständen ausgewandert. Jedenfalls war ich nach wenigen Stunden mit dem Einräumen fertig. Ich war froh, dass Carl meine Dinge schon ins Haus bringen liess, dies ersparte mir viel Arbeit.

Ich musste die ganze Zeit an Gisela denken, und stellte mir vor, was sie jetzt gerade machen würde. Die schönste Vorstellung war, sie liege leicht bekleidet in einem Liegestuhl im Garten. Sie hat die Lippen leicht geöffnet und ihre Zahnspange glitzert in der Sonne.
Wie bringe ich diese Gedanken nirgends wieder aus meinem Hirn. Ich will mich, verdammt nochmal, nicht in sie verlieben. Oder habe ich mich vielleicht schon verliebt?
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, einfach mit dem Auto in der Stadt herumzufahren, einige Dinge einzukaufen und mir dabei die Stadt und deren Strassen einzuprägen. Ich hoffte, dass damit Hirnregionen, die derzeit Gedanken an Gisela besetzt sind, anderweitig genutzt werden.

Was ich allerdings rasch feststellte: mein eigens Auto wird ganz bestimmt eine automatische Schaltung haben. Links fahren, anders abbiegen als ich es mich gewohnt bin und gleichzeitig schalten, das überlastet mein Gehirn, auch ohne Gisela.

Sie kam mir trotzdem immer wieder in den Sinn. Im Morgenmantel im Park, und dann in der Küche, im blau-weiss gestreiften Hemd, den engen Jeans und den hellbraunen Schuhen. Eins stand fest: Gisela hat Stil. Und sie war ausser Reichweite für mich. Sie muss ausser Reichweite sein.

Wie war das mit ihrer Kusine? Ob die auch so hübsch ist? Und ob sie auch eine Zahnspange hat? Was sollen diese Gedanken? Ich suche jemanden der mir gegen ehrliche Bezahlung im Haushalt hilft. Nicht mehr und nicht weniger. Punkt.



Es war Montagmorgen, und weil ich mich immer noch nicht an die Zeitumstellung gewöhnt habe, war ich früh auf den Beinen und zeitig im Geschäft. Seit Samstag wusste ich, wo sich mein Büro befinden wird, und ich war nicht unglücklich einer der Ersten zu sein. Ich hasse es, bei allen vorbeigehen und die Hand schütteln zu müssen. Mein Büro befand sich unmittelbar beim Haupteingang, ich liess die Türe offen und so sah jeder, der kam, dass ich anwesend bin und musste zwangsläufig bei mir hineinschauen.
Die meisten meiner neuen Kollegen waren mir auf Anhieb sympathisch. Eine gute Durchmischung der Geschlechter und Altersgruppen. Bei einigen der weiblichen Kolleginnen sind mir die schon fast künstlich schönen Zähne aufgefallen, und eine Kollegin schien ebenfalls eine Zahnspange zu tragen. Sie konnte mich ebenfalls nicht offen anzugrinsen.

Als Carl ins Geschäft kam, hatte ich mich mit den allermeisten meiner neuen Arbeitskollegen bereits bekannt gemacht, und wir konnten diesen Punkt auf der Liste schon als erledigt abstreichen. Der Tag war trotzdem streng und ich war froh, als Feierabend war. Beim Heimgehen schaute ich noch bei Carl ins Büro.
„Wie geht es eigentlich in deinem neuen Zuhause? Funktioniert alles? Ich nehme an, du brauchst noch das eine oder andere?“
„Soweit ganz gut. Es gibt schon noch einiges, was gemacht und eingekauft werden muss. Beispielsweise die Vorhänge. Ich hab‘ noch keine Vorhänge und hoffe keine Spanner in der Nachbarschaft zu haben...“
Sobald ich dies gesagt habe, schoss es mir durch den Kopf: bin ich nicht eventuell hier der Spanner, so wie ich mich für Giselas Zahnspange interessiere? Ich nahm mir ernsthaft vor, dass ich darüber einmal ernsthaft nachdenken sollte.
„Ich habe allerdings noch etwas...“
„frisch von der Leber weg!“
„Gisela hat mir gesagt, dass sie eine Kusine hätte, die mir gegen Bezahlung im Haushalt helfen könnte...“ Gegen Bezahlung, was sollte diese saudumme Äusserungen? Natürlich gegen Bezahlung in britischem Pfund, wie alles hier auf der Insel, dass man bezahlen muss.
„Ich weiss nicht wen sie gemeint hat. Ich werde sie heute Abend fragen. Sie hat übrigens deinen Aufenthalt bei uns sehr genossen. Sie spricht oft von dir. Du bist jederzeit willkommen, du weisst ja wo wir wohnen.“

Soll ich jetzt noch die Masse für die Vorhänge aufnehmen, oder einfach etwas im Internet surfen? Der Tag war streng, und zu sehr viel war ich nicht mehr zu gebrauchen. Ausserdem litt ich immer noch unter dem Jetlag.
Als ich gerade mit Massband und Notizbuch auf einer Bockleiter stand um bei den Fenstern für die Vorhänge Mass zu nehmen, läutete mein Mobiltelefon. Wer das wohl sein könnte? Bis jetzt habe ich meine Nummer nur an Arbeitskollegen gegeben. Von denen wird wohl niemand schon am ersten Arbeitstag nach Feierabend etwas von mir wollen.
Ich sah auf das Display. Es zeigte eine Nummer an, die Arbeitskollegen habe ich alle mit Namen hinterlegt.
„Yes, hello?““
Es meldete sich eine Frauenstimme mit leichtem Akzent.
„Hello I am Cristina, Gisela gave me your number...“
Wie, wer, was? Da sie „Gisela“ anders ausgesprochen hat, als ich es mich gewohnt bin, brauchte ich einen Moment bis ich verstand, dass Cristina eventuell Giselas Kusine sein könnte.
„Ah! Is it about the job?“
„Yes. Can we meet?“
„Sure. When ever you like.“
Mit der folgenden Antwort hatte ich nicht gerechnet: „Now?“
„Do you mean right now?“
„Yes.“
Was soll ich sagen? Eigentlich war ich müde, wollte die Vorhänge noch fertig ausmessen, dann duschen und ab ins Bett.
„What about tomorrow?“
Ich hörte ein enttäuschtes „OK. But when tomorrow?“
„At seven?“
„Seven a.m.?“
Ich musste fast lachen. Um sieben Uhr morgens? Wer hat mir Gisela hier angedreht? Ich hatte schon ein ungutes Gefühl, und überlegte schon, wie ich Gisela beim nächsten Treffen beibringen werde, dass Cristina nicht meinen Vorstellungen entsprach. Aber ich wollte Cristina eine Chance geben, vielleicht lag es ja am telefonieren in einer fremden Sprache. Ehrlich gesagt, ich schreibe auch lieber E-Mails, als dass ich anrufe, wenn die Konversation in Englisch stattfindet.
„No, no, at seven p.m. Do you have my adress?“
„Yes, Gisela gave it to me.“
Wir verabschiedeten uns, ich mass die restlichen Fensterflächen aus und war schon bald im Bett. Ich frage mich beim Einschlafen allerdings, was mich morgen um 19:00 erwarten würde.

Am nächsten Tag wollte ich nach der Arbeit zuerst die Vorhänge bestellen, im Dekorationsgeschäft schlug man mir allerdings vor, dass es besser sei, wenn jemand von ihnen bei mir zuhause die Masse erfassen würde. Das war mir recht, und wir vereinbarten einen Termin für den nächsten Tag. Anschliessend habe ich bei einem Autohaus vorbeigeschaut und noch einige Einkäufe getätigt. Um zwanzig vor sieben fuhr ich nach Hause und sah schon von weitem eine Person vor dem Eingangstor warten. Sie hatte etwa die Grösse und die Figur von Gisela. Als ich beim Tor war, liess ich das Fenster hinunter und fragte: „You are Cristina, aren‘t you?“
„Yes, I am!“ sie lachte mich so an, so wie ich es von Gisela am Flughafen vor einigen Tagen erwartet hätte. Und ich sah auch sogleich, dass sie mit ihr verwandt sein musste, und definitiv von einer Kieferorthopädischen Behandlung profitieren könnte.
„I‘ll open the door. Just follow me.“
Ein Druck auf die Fernbedienung, das Tor ging auf, ich fuhr hinein, und Gisela ging hinterher. Sobald wir im Garten waren, schloss sich das Tor hinter uns wieder.

Ich zeigte Cristina das Haus und sie erzählte derweilen von sich. Sie war dreissig Jahre alt und seit einem Jahr auf der Insel. Sie war bis vor einer Woche bei einer alten, englischen Lady angestellt, die aber jetzt in einem Altenheim lebt. Sie ist noch bis freitags mit Aufräumen im Haus der alten Dame beschäftigt und ab dann ohne Arbeit. Das trifft sich eigentlich gut. Der erste Eindruck, den ich nach unserem Telefonat gestern hatte, war rasch verflogen; sie war aufgeweckt, aber trotzdem etwas zurückhaltend und sehr nett. Und sie war so bestimmt so schön wie Gisela. Im Gegensatz zu Giselas fast schwarzen Augen, waren sie bei Cristina grün. Wunderschön grün. Und es musste definitiv etwas mit ihren Zähnen gemacht werden. Sie schien nicht nur Engstände in beiden Kiefern zu haben, sie hatte auch noch einen Über- und einen offenen Biss. Was wohl die Kieferorthopäden auf Saint Hiram verlangen? Das Geld spielte in meinem Fall allerdings eine untergeordnete Rolle; ich hatte ein sehr gutes Salär, ein Haus, dass mir von der Firma zur Verfügung gestellt wird, und auch sonst noch einige finanziellen Annehmlichkeiten. Beispielsweise würde Carl auch die Lohnkosten von Cristina übernehmen.
Ich sagte Cristina, dass ich keine Ahnung hätte, bezüglich der Anstellung einer Haushälterin. Das war auch so; in meinem bisherigen Leben lebte ich in Mietwohnungen, und wenn ich nicht selber für Ordnung sorgte, sah es in diesen rasch unordentlichen aus. Cristina erklärte mir, was sie an ihrer jetzigen Stelle verdienen würde, auf wieviel Freitage sie Anspruch hätte und alles, was ich sonst noch wissen musste. Ich machte fleissig Notizen und wollte morgen die Sache mit Carl besprechen.
Mein Haus hatte eine kleine Wohnung für eine Haushälterin, ich habe sie mir erst einmal kurz angesehen und sagte Cristina, dass sie sich die Wohnung aber trotzdem ansehen könne. Mit einem verschmitzten Lachen erzählte sie mir, dass sie sie Wohnung schon vor meiner Ankunft mit Gisela besichtigt hätte, und dass diese ihr gefallen würde...

Am folgenden Tag habe ich die Dinge rund um Cristinas Anstellung mit Carl besprochen. Sie wird ebenfalls von der Firma beschäftigt, mit allem Benefiz, die wir alle auch erhalten. Ich habe ihr am Abend zuvor versprochen, sie so rasch als möglich zu Informieren. Sie war sichtlich erfreut über meinen Anruf.
Tja, dann stand der Anstellung meiner Haushälterin nicht eigentlich nichts mehr im Weg: Arbeitsbeginn am Montag und sie wird schon am Wochenende bei mir einziehen.

Abends nach der Arbeit ging ich rasch heimwärts, ich hatte ja noch eine Verabredung mit der Mitarbeiterin des Innendekorationsgeschäfts. Nachdem ich zuerst geduscht und mir dann etwas bequemeres angezogen hatte, läutete es schon am Tor. Übers Intercom erkannte ich eine Frau mit verzogenem Gesicht, aber das war dem Weitwinkelobjektiv der Kamera geschuldet. Deren Auflösung war auch nicht besonders gut, aber hatte die Dame nicht eine Zahnspange auf ihren Zähnen? Spinne ich jetzt? Ich öffnete ihr das Tor und warte an der Haustüre auf sie.
Sie war rund einssiebzig gross, trug einen zweiteiligen, dunklen Hosenanzug und hatte ganz businesslike die blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Unter der Jacke trug sie eine eng anliegende, weisse Bluse, auf denen sich ihr BH abzeichnete. Offenbar hatte sie Schwierigkeiten mit ihren Schuhen auf dem Rollkies meiner Zufahrt. Unter dem Arm trug sie Musterbücher und an der Hand eine Ledermappe. Und sie hatte tatsächlich eine Zahnspange, die Kamera am Intercom log nicht. Nicht eine praktisch unsichtbare, wie ich es bei einer so betonten Businesswomen wie ihr erwartet hätte. Nein, klassische Metallbrackets, nicht zu klein. Sie schien schon länger in Behandlung zu sein, denn die Zähne standen schon vorbildlich in Reih und Glied. Sie schien auch keine Probleme damit zu haben, denn sie zeigt mir bei jeder Gelegenheit die ganze Pracht auf ihren Kiefern, und weil sie einen wirklich breiten Mund hatte, konnte ich fast sämtliche Brackets bis nach ganz hinten zu dem bebänderten Molaren erkennen. Sowohl im Oberkiefer, als auch im Unterkiefer. In was für einem Paradies bin ich hier gelandet?

Wir gingen zügig ans Werk und bestimmten in jedem Raum, was für Vorhänge aufgehängt werden sollen. Sie verstand ihr Geschäft und begriff rasch, was mir vorschwebte. Gezielt öffnete sie die jeweiligen Seiten in ihrem Musterkatalog, mit dem Stoff, von dem sie dachte, dass er mir gefallen könnte. Sie lag meistens richtig.
Es war ein Vergnügen mit ihr zusammen zu arbeiten. Ihre offene Art faszinierte mich und ihr breites, glitzerndes Lachen war atemberaubend.
Wenn sie sich konzentrierte, fuhr sie mit ihrer Zunge jeweils über die Zahnspange. Und wenn sie den Kopf nach hinten geneigt Richtung Zimmerdecke schaute, konnte ich manchmal einen Palatinalbogen erkennen. Verliebte ich mich schon wieder? Ein schlichter Goldring am linken Ringfinger verriet mir allerdings: auch hier sind die Chancen klein.

Nachdem wir alles ausgemessen hatten, und ich mich entschieden habe, welche Stoffmuster ich wollte, setzen wir uns an den Tisch in der Küche und erledigten das notwendige Paperwork. Ich bot ihr etwas zu trinken an, allerdings mit der Einschränkung, dass ich bezüglich der Auswahl noch etwas limitiert sei. Sie gab sich mit einem Mineralwasser zufrieden. Sie erzählte mir, dass sie auf der Insel geboren und aufgewachsen sei. Ihre Familie sei seit Generationen hier zuhause, dass ihre Vorfahren allerdings aus Wales stammen. Sie lebte einige Jahre in der Nähe von Brighton, um ihr Handwerk zu lernen. Jetzt arbeitet sie im Geschäft ihrer Mutter und es sei geplant, dass sie dieses nächsten übernehmen werde.
Sie gab mir auch noch einige Tipps für den Ausgang, und bei der Verabschiedung sagte sie mit breitem Grinsen, bei dem jedes einzelne Bracket in der Abendsonne blinkte, dass sie sich freuen würde, mich einmal im Ausgang zu treffen. Ich auch! Und geschäftlich hatten wir ja in nächster Zeit noch miteinander zu tun.
Title: Auf zu neuen Ufern! Drittes Kapitel
Post by: Uniphase on 04. August 2022, 13:34:59 PM
drittes Kapitel

Ich lebe jetzt schon einen Monat auf der Insel Saint Hiram, irgendwo im südlichen Pazifik vor der Küste Chiles. Saint Hiram war lange Jahre eine britische Kolonie, und das sieht man ihr auch an. Heute ist ein unabhängiger Kleinstaat, Teil des Commonwealth, und die britische Kultur wird nach wie vor bis ins Detail zelebriert. Manchmal habe ich das Gefühl, die Menschen hier sind britischer, als die Briten in Grossbritannien. Sie fahren auch auf der linken Strassenseite, und die Architektur ist sehr an die im Mutterland angeglichen. Es gibt sehr viele Pubs, in denen viel Bier getrunken und Dart gespielt wird. Die älteren Insulaner vergnügten sich tagsüber bei Cricket und Tea. Einzig beim Essen liess man einen gewissen Einfluss aus dem benachbarten Südamerika zu; was ich als gute Entwicklung erachte. Diese Entwicklung könnte wahrscheinlich daher kommen, weil sich viele Leute hier Hauspersonal leisten können, das grossmehrheitlich aus Südamerika stammt.

Wie beispielsweise in meinem Fall. Cristina arbeitete jetzt seit rund zwei Monate bei mir. Und wir haben uns beide sehr gut an einander gewöhnt. Nach einigen Tagen ist sie richtiggehend aufgeblüht, sie versteht meine Witze und macht auch selber solche. Bei ihrer vorherigen Stelle, bei einer alten Lady englischen Ursprungs, scheinen gewisse Dinge etwas anders und klarer geregelt gewesen zu sein. So kochte sie beispielsweise für die Lady und servierte ihr. Ihr eigenes Essen bereitete sie allerdings in ihrer eigenen Wohnung zu und ass dort alleine.
Wir essen zusammen, und wenn ich Zeit habe, helfe ich ihr in der Küche. Sie hat mir schon einige wirklich feine Dinge beigebracht. Da wir ein anständig grosses Haus bewohnen, ist sie tagsüber mit ihren Aufgaben gut beschäftigt. Die Gartenarbeit beispielsweise wird jedoch von einem externen Gärtner erledigt, der einmal wöchentlich nach dem Rechten schaut. Auch andere Arbeiten haben wir extern vergeben.

In der Zwischenzeit war ich einige Male im Ausgang, entweder alleine, oder mit Leuten aus dem Geschäft. Einmal habe ich dort auch die Innendekorateurin getroffen, die sich zuerst um meine Vorhänge und dann noch um einiges Anderes gekümmert hat. Die Leute, mit denen sie verkehrt, sind mir allerdings nicht besonders sympathisch, darum bleibt es wohl bei einem rein geschäftlichen Verhältnis.
Am Sonntag hat Cristina jeweils frei, und ich werde oft am Wochenende zu Carl und Gisela eingeladen. Ich treffe dort nicht nur interessante Menschen (Carl scheint jeden auf der Insel persönlich zu kennen), die Zeit mit Gisela ist jeweils auch schön. Ihre Zahnspangen faszinieren mich nach wie vor, und ich glaube, ich habe inzwischen auch den Grund für ihren Sprachfehler entdeckt: sie trägt im Oberkiefer einen Expander, den sie allerdings nicht mehr aktivieren muss. Sie trägt ihn nur noch zur Stabilisierung und hofft, ihn nächstens loszuwerden. Die Stunden im Headgear legt sie offenbar auf die Zeit, wenn keine Gäste im Haus sind. Ich habe sie daher nur noch einmal mit Headgear gesehen, das war, als ich abends noch bei Carl zuhause etwas zu besprechen hatte.


Die Sache mit Cristinas Zähnen habe ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht angesprochen, das ist eine sehr persönliche Angelegenheit und unsere Beziehung ist (noch) rein geschäftlich. Eines Tages war Cristina alles andere als glücklich. Sie war grummelig und einsilbig. Ob ich etwas gesagt habe, dass ihr in den falschen Hals gekommen sein könnte? Ich sprach sie an, und nach einigem Nachbohren sagte sie mir, dass sie Zahnschmerzen hätte. Dann nichts wie ab zum Zahnarzt! Ich wusste, dass sie monatlich einen grossen Teil ihres Lohnes an ihre Familie überweist, und war darum nicht erstaunt, als sie mir zu verstehen gab, dass sie nicht wisse, ob sie genug Geld dafür hätte.
„Dein Arbeitsvertrag enthält aber auch eine Krankenkasse, und diese deckt bestimmt einen Teil davon, wenn nicht sogar alles.“
„Wirklich?!“ Cristinas Gesichtszüge erhellten merklich, als sie dies hörte.

Einige Tage später sagte sie mir, dass sie nachmittags abwesend sein würde, sie hätte einen Zahnarzttermin.
Ob das jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, die Zahnspangen-Geschichte anzusprechen? Nein, ich liess es.
Als ich abends Tag heimkam, war sie wieder aufgestellt, so wie früher. Sie hatte ein Problem mit dem Zahnfleisch, dass sich einfach erledigen liesse.
„Und weisst du was? Die Krankenkasse bezahlt alles.“
Das Thema Kieferorthopädie ansprechen? Nein, ich liess es bleiben.
Wir kamen uns näher und machmal gingen wir auch abends gemeinsam ans Meer. Nichts besonderes, einfach etwas spazieren und vielleicht noch ein Eis essen. Wir hatten einfach eine gute Freundschaft, rein geschäftlicher Natur. Ich wusste nicht, ob Cristina auch an mehr interessiert war, wollte aber meine Position nicht ausnutzen und ganz bestimmt nichts kaputt machen.

Eines Abends, als Cristina am Morgen wieder einen Zahnarzttermin hatte, sprach sie das Thema beim Abendessen von sich aus an.
„Der Zahnarzt hat mir gesagt, dass mein Zahnfleisch-Problem seinen Ursprung bei meinem schiefen Zähnen hätte. Wenn man nichts machen würde, könnte es schlimmer werden, und ich könnte mit fünfzig alle Zähne verlieren...“
„Was müsste man den machen?“ fragte ich scheinheilig und versuchte etwas desinteressiert dreinzuschauen. Ich kannte die Antwort ja schon.
„Ich brauche eine Zahnspange.“
Halleluja! Endlich ist‘s auf dem Tisch! Wir können darüber reden, und ich war nicht der Initiator.
„So eine, wie sie Gisela trägt?“ Bitte, bitte, sag ja!
„Ja... Mein Fall sei recht kompliziert und die Behandlung würde mehrere Jahre dauern. Ich weiss nicht recht. Will ich das? Und Gisela erzählte mir, dass ihre Behandlung teilweise recht schmerzhaft sei.“
„Den Entscheid kann ich dir nicht abnehmen, aber was ich dir Versprechen werde: ich würde dich unterstützen. Auch finanziell, falls die Krankenkasse nicht alles bezahlen sollte.“ Und ob ich sie unterstützen würde! Nicht nur finanziell.
„Die Krankenkasse würde tatsächlich nicht alles übernehmen.“ Und sie nannte mir einen Betrag, der für sie gross gewesen wäre, für mich aber kein Problem. Die Sache war offenbar schon weit fortgeschrittenen, wenn sie schon konkrete Zahlen nennen konnte.
„Ich übernehme die Restsumme!“ Platze es aus mir heraus.
Anschliessend hatten wir dann noch eine angeregte Diskussion, warum ich ihr das Geld dafür geben möchte. Die eigentliche Wahrheit verschwieg ich allerdings.
Whow! Cristina wird eine Zahnspange bekommen. Ich war auf Wolke sieben und versuchte mir vorzustellen, was sie wohl alles brauchen würde, damit sie schlussendlich mit einem perfekten Lächeln aufwarten kann. Diesen Zeitpunkt scheute ich allerdings, der Weg dorthin war das Ziel. Mein Ziel.

Das Thema wurde in den nächsten Tagen nicht mehr thematisiert. Ich wollte Cristina nicht drängen, und keinesfalls unter Druck setzen. Dieser Schuss könnte hinter raus gehen.
Einige Tage später sagte sie beim gemeinsamen Nachtessen: „ich tue es. Ich habe mich angemeldet.“
Zu was? Schoss es mir durch den Kopf. Bitte antworte mit „kieferorthopädische Behandlung!“
„Für was hast du dich angemeldet?“ Bitte, sag es.
„Ich werde eine Zahnspange bekommen. Morgen gehe ich nochmals vorbei, und am Freitag wird sie eingesetzt.“
Hurra! Soll ich fragen, was sie denn freitags eingesetzt bekommt? Nein, ich liebe Überraschungen.

Ob Cristina an diesem Freitag aufgeregter war als ich? Sie zeigte es, und sprach unentwegt davon. Ich zeigte es nicht. Seit dem letzten Termin hatte sie zwischen einigen Zähnen kleine, blaue Gummiringe, ein klares Anzeichen, dass dort Bänder eingesetzt werden. Leider waren nicht zwischen allen Zähnen solche Gummiringe, einige von Cristinas Zähnen standen allerdings wiederum so weit auseinander, dass Bänder eingesetzt werden können, ohne zuerst Platz schaffen zu müssen.
Sie sagte mir am Morgen, dass sie spätestens um achtzehn Uhr wieder zuhause sein werde. Es gab somit keinen Grund früher Feierabend zu machen, um mir zuhause meine „neue“ Cristina anzuschauen.
Sie war vor mir im Haus, allerdings in ihrer Wohnung. Ich ging schnurstracks hin und klopfe an die Wohnungstür. Sie öffnete, grinste mich an, allerdings mit zusammengepressten Lippen.
„Los. Zeig sie mir, deine neuen Zahnspangen.“
Sie schüttelte nur den Kopf.
„So schlimm wir es wohl nicht sein.“
Sie hielt sich eine Handfläche vor den Mund und antwortete: „Doch. Ich kenne mich selbst nicht mehr.“
Sie zog die Handfläche zur Seite und zog die Lippen auseinander.
Stimmt. Sie war ein anderer Mensch. Dieser hier sah anders aus, als die Cristina von heute Morgen. Sie hatte jetzt wirklich einen Mund voll. Soweit ich sehen kann, war jeder einzelne Zahn bebändert. Oben wie unten. Und es sah tatsächlich schlimm aus.
„So schlimm ist‘s nun auch wieder nicht.“ log ich, und ergänze vollkommen ehrlich: „also mir gefällt es!“
Sie erzählte mir, wie schmerzhaft das ganze Prozedere gewesen sei, dass jedes Band einzeln auf jeden Zahn gehämmert worden sei, und dass es über drei Stunden gedauert hätte.
„Ich glaube ich bereue diesen Entscheid bereits.“
Sie hatte etwas Mühe beim Sprechen und aufgrund ihrer Mimik musste ich annehmen, dass die Spangen unangenehm sind.
Nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, gefiel mir, was ich sah: diese kleine, zierliche Person mit diesem mädchenhaften Körper im farbigen Sommerkleid barfuss vor mir im Türrahmen ihrer Wohnung. Ihre Haare trug sie offen, nur die langen Stirnfransen oben auf dem Scheitel zusammengebunden. Ihre grünen Augen strahlten und aus ihrem Mund glitzerte es, je nach dem, wie sie den Kopf bewegte. Alle paar Sekunden diese Mimik, die sagt: die Zahnspangen sind Fremdkörper.
„Darf ich es mir genauer ansehen?“
Sie liess mich ihre Apparaturen genau inspizieren und ergänzte laufend.
So erfuhr ich, dass heute erst einmal die Bänder eingesetzt wurden. Nächste Woche, wenn sie sich daran gewöhnt hätte, würde noch mehr eingesetzt und dann bekomme sie auch die richtigen Drähte.
Und sie hatte Schmerzen. Ich sagte ihr, dass wir heute Abend nichts kochen werden, da sie ja kaum in der Lage wäre etwas zu essen. Und dass ich sie jetzt alleine lassen würde, falls sie dies wünsche. Wenn sie aber ins Haus kommen wolle, sei sie jederzeit willkommen.

Ich ging ins Haus, setze mich auf‘s Sofa und schaute fern. Keine zehn Minuten später stand auch Cristina im Wohnzimmer. Ein richtiges Häufchen Elend. Sie hatte feuchte Augen.
„Komm, setz Dich neben mich.“
Sie setze sich neben mich und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Sie fummelte mit den Fingern in ihrem Mund herum, eine Träne lief über ihre Wange und sie meinte: „Ich glaube, das war eine dumme Idee. All dieses Zeug in meinem Mund. Nächste Woche soll es noch mehr werden, und ich kann es nicht entfernen. Für mehrere Jahre...“
Title: Auf zu neuen Ufern! Viertes Kapitel
Post by: Uniphase on 04. August 2022, 17:17:28 PM
Viertes Kapitel

Seit letztem Freitag vor einer Woche wohne ich mit der schönsten Frau zusammen. Eigentlich teilen wir uns schon seit einigen Monaten den Wohnraum, und sie war auch vor besagtem Freitag wunderschön. An besagtem Freitag wurden ihr allerdings oben und unten Zahnspangen eingesetzt. Und ich liebe Frauen mit diesem metallischen Lächeln.

Am Samstag hatte Cristina ihre anfänglichen Bedenken zeitweise überwunden. Sie wollte sich nicht, wie am Abend davor, montags bei erster Gelegenheit die Zahnspangen wieder entfernen lassen. Sie hatte allerdings immer noch Probleme beim Sprechen und der Fremdkörper in ihrem Mund machte ihr zu schaffen; ständig waren Wangen, Lippen und die Zunge in Aktion, um zu erkunden, was da freitags eingesetzt wurde.
An Essen war nicht zu denken, dafür waren die Schmerzen noch zu gross und inzwischen hatte sie auch die ersten wunden Stellen an den Wangen.

Trotzdem wollte sie mich zum Einkaufen begleiten. Zuerst stand der Gang zu Tesco auf dem Programm, um die Vorräte an Lebensnotwendigem zu ergänzen, dann wollte ich noch im Autohaus vorbeischauen und schlussendlich stand ein Bummel durch die Altstadt mit ihren kleinen, aber feinen Läden auf der Liste. Das Wetter hat sich an diesem Samstag Cristinas Gemütszustand angepasst: kühl, regnerisch und bewölkt. Offenbar die ersten Anzeichen von Herbst.

Cristina und ich trafen uns beim Auto vor der Garage. Sie hatte ihre Haare zusammengeflochten, war für ihre Verhältnisse eher stark geschminkt, trug ein Daumengillet über ein weisses Button-Down-Hemd, Jeans und weisse Sneakers. Wegen den zusammengebundenen Haaren kamen ihre wohlproportionierten Ohren mit den grauen Perlohrstecker besonders zur Geltung. Und sie roch fein. Keine Ahnung was es für ein Parfüm war, aber es roch wirklich gut.
Sie hat keinen riesigen Lohn, und viel davon wird pünktlich am Ende jedes Monats nach Hause überweisen, trotzdem ist sie immer sehr gepflegt und geschmacklich abgestimmt gekleidet. Ihr ganzes Äusseres war immer wie direkt aus dem Modejournal; im Preppy-Style, wie sich für einen Ort, wie Saint Hiram fast gehört.
Sie lachte mich an, und wegen ihres roten Lippenstifts kam die silberne Zahnspange in ihrem Mund noch viel mehr zur Geltung.

„Du siehst schön aus heute.“
„Danke. Ich wollte mich heute etwas herausputzen, vielleicht geht es mir dann besser...“ und nach einer Kunstpause: „sehe ich den sonst nicht schön aus? Du hast das heute so betont“
Cristina is back. Genau für solche Äusserungen liebe ich sie. Diese leicht diabolischen Schalk, mit dem sie mich einerseits um den Finger wickeln kann, auf der anderen Seite immer etwas auf Distanz hält. Sie ist eine Frau. Eine Latino-Frau.

Der Einkauf bei Tesco ging rasch über die Bühne und bestand, in Rücksicht auf Cristinas derzeitiger Situation, hauptsächlich aus Lebensmitteln, bei deren Verzehr man wenig kauen, geschweige den zubeissen muss. Also hauptsächlich Yoghurts in allen Geschmacksrichtungen, Bananen und Trauben. Und Beutelsuppen.
Cristina schob den Einkaufswagen vornübergebeugt durch die Gestelle, und immer wenn sie sich konzentrierte spielte ihre Zunge mit der Zahnspange.

Der Besuch im Autohaus war von kurzer Dauer. Ich habe mir ein Auto bestellt, und da die Händler auf Saint Hiram von Australien aus beliefert werden, sind Wartezeiten an der Tagesordnung. Auch in meinem Fall.

Die Temperaturen waren an diesem Samstag eher kühl, so dass wir es wagen konnten, unseren Wochenvorrat an Yoghurt - der dem Monatsverbauch einer durchschnittlichen Familie entsprach - für einige Stunden im Auto zu lassen, ohne befürchten zu müssen, dass diese schaden nehmen könnten. Das Auto wurde ausserhalb des Stadtzentrums abgestellt und als als erstes eine Eisdiele aufgesucht. Cristina klagte über Schmerzen und ich stellte mir vor, dass Eis Abhilfe leisten könnte. Es gab eine wirklich gute Eisdiele, die von einem waschechten Italiener und seiner Familglia betrieben wurde. Und die steuerten wir an.
Kaum hatten wir uns an einen Tisch gesetzt, wurde ich von hinten angesprochen. Ich drehe mich um und nach oben und alles was ich sah, waren achtundzwanzig Brackets, verbunden mit Drähten und Gummiringen. Die Innenarchitektin stand hinter mir. Ich habe sie bis jetzt noch nie mit Gummis an ihren Spangen gesehen. Ich stellte die Damen einander vor, und ein Gesprächsthema war natürlich sogleich gefunden.
„Oh, du hast auch...“ von der Innenarchitektin an Cristina gerichtet. Wobei sie gleichzeitig mit dem Zeigefinger vor ihrem Mund hin und her fuhr.
„Ja, seit gestern gehöre ich auch zum Club. Ich nehme an, du bist auch eine Patientin von Dr. MacGee?“
„Ja. Du kannst fast sicher sein, wenn Du hier auf Saint Hiram jemand mit geraden Zähnen, oder mit Zahnspange siehst, ist oder war die Person Opfer von MacGees laaaangen und schmerzhaften Zauberkünsten.
Seit gestern sagst Du? Dann viel Vergnügen und Durchhaltewillen. Bei mir waren maximal zwei Jahre angesetzt. Nächsten Monat werden es vier Jahre sein, und ein Ende ist nicht anzusehen...“ sie öffnete ihren Mund leicht und präsentierte - so weit ich innerhalb der kurzen Zeit zählen konnte - mindestens fünf Gummis, von denen einer besonders prominenten vom oberen linken Eckzahn zum unteren rechten Eckzahn gespannt war.
„Nein, ich will ihn nicht schlecht reden. Seine Endresultate sind wirklich sehr schön. Da er aber offensichtlich ein etwas detailverliebter Nerd zu sein scheint, gehen alle Behandlungen, denen ich gehört habe, eeeetwas länger, als ursprünglich geplant.“
„Das sind ja schöne Aussichten! Mir wurde nicht einmal eine wahrscheinliche Behandungszeit genannt...“
Sie lachte ihr breites Lachen und meinte: „Tja Cristina, dann mach‘ dich auf einen laaaaangen, steinigen Weg gefasst. Aber denke immer daran, am Schluss wirst Du ein männermordendes Lachen haben...“ und an mich gerichtet: „Sorry about that.“
„Ah und noch was: wenn er Dir etwas verordnete, dass nicht fest verschraubt oder verklebt ist, trage es so und mindestens solange wie er dir aufträgt. Er hat einen siebten Sinn und erkennt, wenn du beSch***st. Ich will euch nicht länger stören, euer Eis schmilzt sonst. Man sieht sich!“
Sie drehte sich zur Tür und eines der schönsten Spangenlächeln, dass ich je sah, war entschwunden.
Sie liess allerdings eine etwas ratlose Cristina zurück die in sich versunken ein „auf was habe ich mich da nur eingelassen?“ von sich gab.

Einige Geschäfte später und um einige Einkaufstaschen reicher, ging es Cristina besser, und wir waren auf dem Weg zum Parkplatz. In diesem Moment läutet Cristinas Mobiltelefon. Es war Gisela, die fragte, ob wir heute Abend zu ihr und Carl kommen möchten. Einerseits fand ich es amüsant, dass Cristina und ich bei Gisela und Carl mittlerweile als Paar gehandelt werden. Andererseits war ich froh, dass Gisela Cristina anrief. So lag die Entscheidung bei Cristina.
Ich bin sicher, die beiden Frauen unterhielten sich in einem venezolanischen Dialekt, oder einer Geheimsprache. Oder beidem. Ich verstand gar nichts, bis Cristina auflegte und verkündete: „wir sind heute Abend um acht bei Gisela und Carl eingeladen.“
Mein Leben nahm gerade eine unerwartete Wendung. Die Frau meines Chefs ruft meine Haushälterin an, und diese vereinbaren, was ich heute Abend machen werde. Gefällt mir diese Entwicklung? Ja, ich glaube schon. Wir standen mittlerweile neben dem Auto und die Zentralverriegelung machte: „piip-piip.“

Es war kurz vor acht, als wir im Taxi,bei Gisela und Carl vorfuhren. Die Abende bei Carl enden nicht selten so, dass der Gast besser nicht selber fährt. Kaum hatten wir die Autotüren geöffnet wurden wir auch schon von einer Meute Beagles empfangen. Oben in der Tür stand Gisela, sie trug ein blaues, langes Abendkleid, dessen aufgenähte Pailletten im Licht der Lampe funkelten. Sie trug ihr Haar aufgesteckt. Ich konnte zwar ihren Facebow erkennen, allerdings keinen Headgear. Den Grund erkannte ich erst, als wir näher bei ihr waren, sie trug statt des gewohnten Headgears einen Nackenzug und auch der Facebow schien breiter und voluminöser, als der, den ich an ihr kannte.
„Sieht du, ich jetzt auch.“ sagte Cristina und zog ihre Lippen auseinander.
„Ja, ich weiss. Ich hatte gestern Morgen einen Termin und las deinen Namen im Terminbuch. Willkommen im MacGee-Club.“
Sie hatte definitiv einen neuen Gesichtsbogen, und ihr Sprachfehler, eher ein Nuscheln, war ausgeprägter als früher. Weil ich überzeugt war, dass Zahnspangen das heutige Hauptthema unserer Gespräche sein wird, freute ich mich schon darauf, Details zum Giselas aktuellem Behandungsverlauf zu erfahren.

Kurz darauf, im Salon, wurde das Thema auch schon angeschnitten. Wider Erwarten allerdings von Carl. Er legte mir freundschaftlich seinen einen Arm um die Schulter, mit der Hand am anderen Arm nahm er die Tabakpfeife aus dem Mund und meinte zwinkernd: „Jetzt hast Du auch deinen silberlächelnden Engel, nicht war?“
Ich war etwas überrumpelt und verlegen. Ich dachte, ich hätte Gisela immer sehr diskret angehimmelt. Hat Carl, mein Boss, tatsächlich etwas gerochen?
Und an Cristina gewandt: „Wie ich gehört, und jetzt gerade auch gesehen habe, gehörst du jetzt auch zu MacGees Kundschaft. Ich beneide diesen alten Hund, wie er an euch jungen Schönheiten Hand anlegen darf.“
Es war das zweite Mal heute, dass ich das Gefühl hatte, mein Leben entwickelt sich gerade in eine andere Richtung als geplant, und in beiden Fällen war ich Minuten zuvor noch der felsenfesten Überzeugung, das Steuer selber im Griff zu haben.
Zu Gisela meinte er: „erzähl uns doch von deinen MacGee‘ischen Erlebnissen gestern. Sie sind ja auch der Grund, weshalb wir uns heute Abend hauptsächlich flüssig ernähren.“
Darauf war ich natürlich auch gespannt.
„Also, das war so: ich war zeitlich etwas knapp dran. Ich hatte am Morgen noch einen Yoga-Kurs, und wollte mich vor dem Termin bei MacGee noch frisch machen, Zähne richtig Putzen und etwas anständiges anziehen. Im Stress habe ich vergessen, den Headgear einzupacken... Und der Doc steht darauf, dass man voll ausgerüstet im Wartezimmer auf seinen Termin wartet. Cristina, du wirst es auch noch erfahren... und Diesem Verlangen konnte ich natürlich entsprechen, lag mein Headgear doch zuhause im Badezimmer, und ich hatte es erst bemerkt, als ich ihn bei ihm im Treppenhaus einsetzen wollte.
Er hielt mir eine Standpauke, dass er nur Resultate erzielen könne, wenn der Patient kooperiert. Blablabla, undsoweiter... Ausserdem sei er mit dem Behandlungsverlauf nicht ganz zufrieden, er vermute, dass ich die Tragezeiten nicht einhalten würde... Das Resultat: er hat mich mit diesen neuen, breiteren und dickeren Facebow ausgerüstet, der wiederum mit diesem neuen Headgear verbunden ist, welcher seinerseits diese Dinger hier aufweist...“ sie deutete auf zwei jeweils rund sechs Zentimeter lange, drei Zentimeter hohe und zwei Zentimeter breite Kunststoffboxen mit Digitalanzeige die sich unterhalb der Ohren am Headgear befanden. „... die meine Tragezeiten auf die Sekunde genau erfassen. Das einzig Gute, ich habe keine Bänder mehr um den Kopf; das weniger Gute: ich muss den Headgear während den nächsten zwei Monaten vierundzwanzig Stunden tragen. Ausser jeweils einer halben Stunde morgens mittags und abends, die ausdrücklich zum Zähne putzen reserviert sind... Ach ja, und statt den Gummis, hat er mir diese Metallfedern eingesetzt. Die kann ich nicht entfernen. Sehr angenehm beim Essen, speziell jetzt wo auch der beim Essen drin ist.“ sie fuhr mit dem Zeigefinger über den Facebow. Ich sah, dass sie sich selbstbewusst und stark gab, aber am liebsten hätte sie geheult.
„Und was passiert, wenn du nicht auf die verlangten Zeiten kommst?“
„Dann verbindet er den Facebow mit der restlichen Spange...“
„C‘mon, das macht er sicher nicht?!“
„Sue im Geschäft?“ warf Carl ein.
„Ja, die hat wirklich schöne Zähne...“ ergänzte ich.
„... die konnte solch‘ ein Ding achtzehn Monate nicht entfernen! Wenn ich nicht interveniert hätte, wir kennen uns von der Schule hier und dann aus dem Internat in Schottland, hätte sie so ihre Hochzeit verbringen müssen.
„Aber man geht doch freiwillig hin...“
„Du verstehst Saint Hiram noch nicht ganz: er ist der Einzige hier und seine Resultate sind nahezu perfekt. Das sagst Du ja selbst. Ausserdem wir sind eine einigermassen abgeschlossene Gesellschaft, wenn man jemand mit so einem Gestell um den Kopf sieht, beziehungsweise jemanden trifft, der vor lauter Hardware-Store im Mund, kaum ein Wort richtig artikulieren kann, hat man kurzzeitig Mitleid und denkt sich: ah einer von MacGees Patienten. Wirklich geschadet hat eine solche Tortur noch niemandem...“
Cristina wurde ganz nachdenklich und sagte auch für den Rest des Abend nicht mehr viel.“
Title: Auf zu neuen Ufern! Fünftes Kapitel
Post by: Uniphase on 04. August 2022, 22:46:35 PM
fünftes Kapitel

Verständlicherweise wurde Cristina immer nervöser, je näher der Dienstag kam, der Tag, an dem ihre Zahnspangen einige grössere Ergänzungen erfahren sollten. Ausserdem war es auch der Beginn der eigentlichen Behandlung. Die letzten Tage dienten mehr dem Angewöhnen.

Für mich war das Ganze bis jetzt ein Spiel. Aber seit wir letzten Samstag von zwei unabhängigen Quellen erfahren haben, dass Dr. MacGees Behandlungsmethoden eher speziell sind, wurde die Sache erst, und hatte ich ein ungutes Gefühl, was den Dienstag angeht. Cristina ist mir immer mehr ans Herz gewachsen, und unsere Beziehung entwickelte sich von einer anfänglich durch und durch rein geschäftlichen Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerin zu etwas Intimen und Vertrauten. Ich fühlte mich verantwortlich für meine liebe, schöne und witzige Prinzessin.

Der Dienstag kam. Und Cristinas Termin stand an. Ich offerierte ihr schon in den Tagen davor, dass ich sie begleiten würde, was sie aber stets ablehnte. Als ich sie am Morgen nochmals darauf ansprach, sagte sie, dass sie doch froh wäre, wenn ich mitkomme würde. Wir verabredeten uns eine Viertelstunde vor dem Termin vor Dr. MacGees Praxis. Sie war nervös. Im Wartezimmer umklammerte sie meine Hand. Die Rezeptionistin, mit einem perfekten „MacGee-Lächeln“, sagte uns, dass ich nicht in den Behandlungsraum mitgehen dürfe. Ich versprach Cristina aber im Wartezimmer draussen auf sie zu warten.
Fast auf die Sekunde genau erscheinen eine andere Assistentin, um Cristina abzuholen. Diese Assistentin war ganz offensichtlich auch gleichzeitig Patientin, trug sie doch ebenfalls einen Headgear mit dem selben Zeiterfassungssystem, wie das bei Gisela. Allerdings war er mit einem Kunststoffgebilde im Mund der Assistentin verbunden. Dieses Gebilde war derart voluminös, dass sie damit kaum sprechen konnte.

Mit hängenden Schutern trottete Cristina ihr nach. Sie winkte mir nochmals zuwinkte, ohne sich dabei umzudrehen.

Die Zeit im Wartezimmer wollte und wollte nicht vergehen. Hin und wieder kam ein Patient, besser eine Patientin, denn es waren mit wenigen Ausnahmen junge Frauen. Fast allen gemeinsam war, dass sie entweder schon Apparaturen trugen, wenn sie hineinkamen, oder solche aus ihren Taschen nahmen und in ihre Münder einsetzen, sobald sie sich bei der Rezeptionistin angemeldet hatten. Ich begriff relativ schnell, dass sich diese Patientin zur Zahnreinigung einfanden. Es waren zwei Dentalhygienikerinnen beschäftigt, eine wiederum mit einem „MacGee-Lächeln“, die andere trug einen riesigen, schwarzen Kunststoff-Körper im Mund, der so massiv war, dass er sie einerseits daran hinderte die Lippen zu schliessen, andererseits es praktisch verunmöglicht, sich zu artikulieren. Einmal hatte sie etwas mit der Rezeptionistin zu bereden, das sich nicht mit Zeichensprache erledigen liess. Sie entfernte umständlich dieses Monstrum aus ihrem Mund, löste das Problem und setze es anschliessend wieder umständlich ein. Diese Apparatur schien ihren gesamten Mundraum ausfüllen. Wozu sowas wohl eingesetzt wird?

Kurz bevor die Warterei langweilig wurde, gab mir die Assistentin mit dem Headgear, die Cristina in Empfang genommen hatte, per Handzeichen zu verstehen, ich möchte ihr folgen.
Cristina sass auf einem typischen Zahnarztstuhl in der Mitte eines lichtdurchfluteten Raums mit grosser Glasfläche durch die man das Meer sehen konnte. Ausser der Assistentin, Cristina und mir befand sich niemand im Raum. An den hellen, hygienischen Wänden waren Tablare montiert, an denen einige von Dr. MacGees Marterinstrumente präsentiert wurden.

Die Assistentin gab mir zu verstehen, dass ich auf der linken Seite von Cristina auf einem dieser typischen Praxishockern Platz nehmen soll. Sie selber setze sich recht von Cristina auf einen solchen. Cristina öffnete ihren Mund und ich konnte im grellen Licht der Operationslampe sehen, dass man einerseits im Ober- als auch im Unterkiefer Expander eingesetzt hat, ausserdem waren ihre beiden Kiefer beidseitig durch zwei Herbstscharniere verbunden. Mit Handzeichen versuchte mir die Assistentin nun begreiflich zu machen, dass ich alle vierundzwanzig Stunden beide Schrauben im Ober- und Unterkiefer eine Vierteldrehung zu öffnen hätte. Die Drehrichtung war mit einem roten Pfeil auf der Apparatur angezeichnet. Die Assistentin war wirklich ausserstande mit ihren Apparatur im Mund zu sprechen. Diese Apparatur bestand aus transparenten Kunststoff und umschloss beide Kiefer, diese wurden aber zirka zwei Zentimeter auseinander gehalten. Durch den transparenten Kunststoff konnte ich unscharf erkennen, dass ihre Zähne darunter mit Brackets versehen waren. Die Kunststoff-Apparatur war über einen Facebow mit einem Headgear verbunden, gleich diesem, den Gisela tragen muss, ebenfalls mit zwei Zeiterfassungs-Modulen. Diese Apparatur schien ihren Speichelfluss anzuregen, denn sie war ständig bemüht, ihren einen Speichel mit der entsprechenden Geräuschkulisse abzusaugen.
Dann wurde Cristina in eine aufrechte Position erfahren und die Assistentin zeigte ihr, mithilfe eines Spiegels, wie die Expander und die Herbstscharniere zu reinigen sind. Wiederum einzig in Gebärdensprache.

Zehn Minuten später, nachdem wir noch einen neuen Termin vereinbart haben, standen wir wieder auf der Strasse. Cristina hatte sichtlich Mühe mit den neuen Apparaturen in ihrem Mund, und weil diese ihre Aussprache behinderten, war sie auch nicht besonders auf Konversationen aus.

Die nächsten Wochen verbrachte Cristina hauptsächlich damit, wieder einigermassen richtig sprechen zu lernen. Es war nicht leicht für, denn die beiden Expander störten sie bei der Bildung gewisser Laute. Ihren Job als Hausangestellte mit wenig sozialen Kontakten während des Tages, waren auch nicht besonders förderlich. Aber sie gewöhnte sich recht rasch an die neue Situation in ihrem Mund. Manchmal, vor allem wenn sie gähnen musst, lösten sich die beiden Teile eines Herbstscharniers. Aber auch diese wieder zusammen zu bauen gelang ihr immer besser und schneller. Inzwischen sogar ohne Spiegel. Ich genoss es, ihr dabei zuzusehen. Und jeden Abend durfte ich ihre beiden Expander eine Vierteldrehung öffnen. Dies wurde schon nach kurzer Zeit zu unserem täglichen Ritual.

Wir waren auch noch zwei-drei Mal bei Gisela und Carl zu Besuch. Gisela hatte grössere Probleme, sich mit dem Umstand abzufinden, ständig einen Headgear tragen zu müssen. Sie schien sich auch nicht an den neuen, voluminöseren Facebow gewöhnen zu können; ständig war sie damit beschäftigt mit den Lippen damit herumzuspielen. Essen viel ihr auch schwer, besonders, auch weil sie zusätzlich diese Federn zwischen den beiden Kiefern hatte.

Der erste Monat ging rasch vorbei, und ein neuer Termin in der Praxis von Dr. MacGee stand an. Wir waren beide überzeugt, gute Arbeit geleistet zu haben, und es waren ausserdem schon Veränderungen sichtbar. Ich konnte Cristina davon überzeugen, dass sie keine Angst vor dem Zahnarztbesuch zu haben braucht.
Wir trafen uns wieder vor dem Gebäude und fuhren mit dem Lift in die dritte Etage, in der Dr. MacGee seine Praxis hatte.
Wir wurden wieder von der Rezeptionistin mit dem perfekten MacGee-Gebiss in Empfang genommen. Pünktlich wurde Cristina von der
Assistentin mit dem Monster-Gebilde im Mund in Empfang genommen und ins Behandlungszimmer geführt.
Nach ungefähr einer Viertelstunde kam Cristina wieder und berichtete, dass MacGee mit dem bisher Erreichten soweit zufrieden sei. Sie hätte allerdings im Anschluss noch einen Termin bei einer Dentalhygienikerinnen. Der Doc schlage ausserdem vor, sich vierzehntäglich die Zahnspangen gründlich reinigen lasse.
„Alle zwei Wochen?“ fragte ich erstaunt.
„Ja, weil die Zahnreinigung bei mir jetzt erschwert ist, und ich ja schon Probleme mit dem Zahnfleisch hatte.“
Kaum hatte sich Cristina neben mich auf den Stuhl gesetzt, erschien auch schon eine Dentalhygienikerin. Es war diese mit dem schwarzen Monstrum im Mund. Cristina folgte ihr, und mir blieb nichts übrig, als weiter zu warten. Allerdings war ich froh, dass dieser Termin bis jetzt so positiv für Cristina verlief.
Die Praxistür ging auf, und ich erblickte ein mir bekanntes Gesicht. Er was dasjenige von Sue aus dem Geschäft. Sie war einigermassen erstaunt, als sie mich erblickte: „Du hier?“
„Aber nicht als Patient, ich begleite nur meine Partnerin.“ Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich Cristina als meine Partnerin vorgestellt habe. Wir waren inzwischen auch ein Paar, aber im letzten Monat haben wir uns nur mit Leuten getroffen, denen ich Cristina nicht mehr vorzustellen brauchte. Cristina war in den vergangenen Wochen verständlicherweise auch nicht in Ausgehstimmung.
„Aber du bist Patientin hier?“ Natürlich ist sie das, ich sah ja an meinem ersten Tag, dass sie Zahnspangen trug.
„Yes! Aber lass‘ mich kurz die Apparatur einsetzen, bevor ich Dir meine Geschichte erzähle...“ sie öffnete ihre Handtasche, und entnahm eine Dose, einen Fachbow und einen Headgear. Der Dose entnahm sie ein Kunststoff-Teil, etwa dem entsprechenden, das die Assistentin trug, daran befestigte sie den Facebow, schob sich das Ganze in den Mund, zog sich den Headgear über den Kopf und hängte die beiden seitlichen Module am Facebow ein. Mit diesem Gerät im Mund will sie mir jetzt ihre Geschichte erzählen?
Es ging recht gut, nicht ganz deutlich aber verständlich.
Sie hatte schon vor Jahren eine Behandlung von Dr. MacGee über sich ergehen lassen. Während acht Jahren, wenn ich das richtig verstanden habe. Sechs Jahre nach dem Ende der Behandlung, mit dessen Resultat sie zufrieden gewesen sei, hat Dr. MacGee bei einer Nachkontrolle festgestellt, dass sich die Position der beiden Kiefer zueinander, zum negativen verändere. Mit dem Resultat, dass sie wieder auf allen Zähnen seit zwei Jahren Brackets hat, tagsüber mit Gummizügen die Kiefer in der richtigen Position halten muss, und nachts zur eigentlichen Korrektur diese dritte Apparatur trägt.
„Und weisst du, wie lange deine Behandlung noch dauern wird?“
„Das weiss man bei ihm nie genau. Die Assistentin, die auch so ein Teil hat, hast Du sicher schon gesehen?“
„Ja, ich weiss welche, die kann aber fast gar nicht sprechen, im Gegensatz zu Dir...“
„Genau diese. Die ist jetzt seit... lass mich rechnen... ja auch seit über acht Jahren hier in Behandlung. Sie hat in gerade angefangen hier zu arbeiten, als sich meine erste Behandlung dem Ende näherte. Kaum hatte sie angefangen zu arbeiten, hat er ihr alle Zähne bebändert und ein sogenanntes Zungengitter eingesetzt. Das ist so ein Drahtgeflecht hinter den Zähnen, das sie daran hindern sollte mit ihrer Zunge gegen die Frontzähne zu drücken. Sie hatte einen offenen Biss. Mit dem Ding konnte sie aber fast nicht mehr sprechen...“
„Jetzt kann sie gar nicht mehr sprechen...“ warf ich ein.
„Genau! Dieses andere Monstrum hat er ihr vor ungefähr drei Jahren eingesetzt, um die Kiefer - wie bei mir - in die richtige Position zu bewegen. Weil er mit dem Erfolg nicht zufrieden war, ging er davon aus, dass sie die Apparatur nicht wie vorgeschrieben tragen würde. Und daher hat sie vor zwei Jahren dieses Ding um dem Hals bekommen, welches sicherstellt, dass sie die Apparatur zweiundzwanzig Stunden trägt. Kannst dir vorstellen, was diese ganze Behandlung für einen Einfluss auf ihr Sozialleben hat? Seit acht Jahren kann sie nicht mehr richtig sprechen und seit drei Jahren eigentlich gar nicht mehr... da bin ich ja gerade noch gut bedient. Ah, ich weiss das übrigens, weil sie die Schwester meines Mannes ist. Zweiundzwanzig Stunden ohne zu reden, ich wäre schon lange durchgedreht. Und in den zwei Stunden muss sie auch noch essen...“
In diesem Moment erschien sie, um Sue ins Behandlungszimmer zu führen.
„Über dich haben wir gerade gesprochen. Ich kann es immer noch nicht verstehen, dass er dir das antut, beziehungsweise, was du dir antun lässt.“ die Assistentin schüttelte nur wortlos die Schultern und die beiden verschwanden im Behandlungszimmer. Sue, wie sie leibt, lebt und erzählt. Genau so, wie im Geschäft, und sie lässt sich nicht einmal durch einen Mund voll Acryl davon abhalten. Sue gehörte zu meinen liebsten Mitarbeiterinnen.

Cristina war inzwischen auch fertig, und nach dem wir die folgenden Termine für sie festgelegt hatten, verliessen wir die Praxis, um im Treppenhaus Gisela über den Weg zu laufen.
„Wünscht mir Glück, ich habe heute Halbzeit. Ich hoffe er ist mit meinen Tragezeiten zufrieden, vielleicht bekomme ich dafür Straferlass.“

Die nächsten Wochen flossen weitgehend ereignislos dahin. Cristina lebte jetzt ausschliesslich bei mir im Haus. In ihrer eigenen Wohnung hielt sie sich praktisch nie mehr auf. Unser tägliches Ritual dauert noch an, und Gisela erhielt natürlich keinen Straferlass. MacGee meinte im Gegenteil, er sehe einen Fortschritt und überlege sich darum, ob er das System mit der Zeitaufzeichnung nicht weiterführen sollte.
Inzwischen waren schon richtige Veränderungen bei Cristinas Zähnen sichtbar. Sie hatte riesig Freude daran, und ich war mächtig stolz auf meine wunderbare Prinzessin.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: lol on 05. August 2022, 16:31:48 PM
Super Story!
Title: Auf zu neuen Ufern! sechstes Kapitel
Post by: Uniphase on 05. August 2022, 17:45:56 PM
sechstes Kapitel

Saint Hiram ist eine Vulkaninsel rund dreihundert Kilometer vor der Küste Chiles. Der Vulkan war das letzte Mal 1345 aktiv, aber kleinere Erdbeben gibt es alle paar Wochen. Man hat gelernt, damit umzugehen; die Häuser sind entsprechend gebaut - beispielsweise maximal drei Etagen hoch -  der Bau von Brücken wird möglich gemieden, und die Stromversorgung wurde so angelegt, damit man diese mit möglichst wenig Aufwand, rasch wieder in Betrieb nehmen kann.
Solche Inseln ragen meist steil aus den Wasser, mit wenig flachem Land in Küstennähe, dafür mit um so steileren Hängen bis zum Vulkankrater hinauf. Auf Saint Hiram sind diese Hänge mit dichtem, grünen Bewuchs bedeckt, der für Menschen praktisch undurchdringbar ist. Dafür wird er von um so mehr Tieren bewohnt; in allen Grössen, Arten, Formen und Farben. Und diese machen manchmal einen riesigen Lärm, speziell bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

Cristina und ich haben uns für ein verlängertes Wochenende in ein Ressort abgesetzt, einige duzend Kilometer nördlich der Stadt, aber in einer Höhe von siebenhundert Metern über Meer.
Man bewohnt dort eins von rund fünfzehn gut ausgebautes Hüttchen, die über das grosse Areal verteilt sind, wodurch man keinen Kontakt zu den Nachbarn hat, sofort man diesen nicht bewusst sucht.
Unser Cabin bestand aus einem grossen Wohnraum mit Kochecke, falls man selber kochen möchte, sonst stünde ein Restaurant zur Verfügung, und einem Schlafraum mit angefügtem Badezimmer. Es hatte zudem eine grosse Veranda, von der man, durch die dichte Vegetation hindurch, bis ans Meer hinunter blicken konnte. Nachts, wenn es dunkel und wolkenfrei ist, kann man die Schiffe sehen, die den Hafen von Saint Hiram Town anlaufen. Wie wenn kleine, leuchtende Raupen langsam über eine Glasplatte kriechen würden.

Es war ein Donnerstagabend, Cristina und ich sassen auf der Veranda, hatten je ein Glas Rotwein vor uns und genossen die kühle Ruhe. Die Sonne war vor kurzem untergegangen und allerlei Getrier machte sich in den Bäumen und Büschen rund ums Gebäude akustisch bemerkbar.
Zwischen uns stand nur ein flackerndes Windlicht, dass noch nicht sicher war, ob es wirklich die Szenerie erhellen möchte. Sein gelbliches Licht warf Schatten auf Cristinas Geschichte und zeichnete deutlich die beiden Rundungen ab, die die Herbstscharniere unterhalb der Unterlippen erzeugten. Wir wechselten nur ab und zu einige Worte, viel zu sagen gab es nicht, wir waren in jeder Hinsicht mit uns im Klaren. Wenn mich Cristina anlächelte, oder vor einem weiteren Schluck Rotwein, mir ein „Chears!“ zusandte, funkelte mir das massive, polierte Metall aus ihrem Mund im Schein des Windlichts entgegen. Ich glaube, in diesem Moment war ich der glücklichste Mann im ganzen Universum. Ich hoffte Cristina dachte zeitgleich, sie sei die glücklichste Frau im Universum.

Cristina trug ein dezentes Make-up, dass ihre grünen Augen betonte und einen rosa Lippenstift. Die kräftigen Haare trug sie offen, mit einem Scheitel auf der rechten Seite des Kopfs, mit einer ins Haar gesteckten Sonnenbrille hielt sie sich die Haare aus dem Gesicht. Ihren Oberkörper, den ich zwischenzeitlich nur all zu gut kannte, war von einem weissen, ärmellosen Hemd bedeckt.

Laut brummend kam ein grosser Käfer angeflogen, wahrscheinlich angezogen vom Licht. Er suchte sich Cristinas Gesicht als Landeplatz aus, diese erschrak und versuchte, wild um sich schlagend, den Käfer vom seinem Vorhaben abzuhalten. Sie gab ein lautes „iiiiiiihhhh!“ von sich und spreizte den Mund weit auf. Da passierte es: bei beiden Herbstscharnieren sprangen die Stäbe, die mit den Unterkiefer verbunden sind, aus den Röhrchen die am Oberkiefer angeschraubt sind. Nachdem sie den Käfer vertrieben hatte, welcher sich brummend in der Nacht verschwand, setzte sie sich wieder an den Tisch. Die beiden Stäbe ragten zwischen den Lippen hinaus, sie nahm ihr Weinglas, postete mir lachend zu und wollte einen Schluck nehmen. Nein, mit ihrer Herbstscharniere in diesem Zustand ging das nicht. Cristina stellte das Weinglas wieder ab, und begann, im gelben Licht der Lampe, ihre beiden Herbstscharniere wieder zusammenbauen. Dabei musste sie den Kopf nach hinten biegen und den Mund ganz weit öffnen. Hierbei fiel das Licht auf den Expander im Oberkiefer. Ich hätte in diesem Moment gerne die Zeit angehalten und mir die Situation unauslöschlich in mein Hirn eingebrannt.
Cristina war aber im Umgang mit ihren Apparaturen so gewandt, dass diese Szene nur wenige Sekunden dauerte.
„Nochmals Chears!“ wir führten beide unsere Gläser zum Mund und nahmen einen kräftigen Schluck Rotwein. Sie setze ihr Glas wieder ab, beugte ihren Körper über den Tisch in meine Richtung, streckte ihren rechten Arm aus, legte ihre zarte Hand mit den langen Fingern auf meine, und sagte leise: „Danke.“ Dabei glitzerte es verführerisch zwischen ihren Lippen.

Auf dieser Höhe wird es nachts kühl. Die Flasche Rotwein war fast ausgetrunken, und Cristina wurde es kalt. Wir nahmen die Flasche und die Gläser und begaben uns ins Gebäude. Wir hatten beide wahrscheinlich etwas viel Rotwein, was sich zuerst mit einer kurzzeitigen Störung des Gleichgewichtsorgans beim Aufstehen bemerkbar machte, und dann die wenigen Schritte ins Haus etwas unkoordiniert erscheinen liess.

Es war Zeit für unser tägliches Ritual: Cristina holte ihren Beutel aus dem Badezimmer, legte sich aufs Sofa im Wohnzimmer und sperrte ihren Mund soweit auf, dass beide Herbstscharniere auseinander sprangen. Gleichzeitig nahm ich dieses kleine Werkzeug aus dem Beutel, steckte seinen Stahldraht zuerst in die kleine Bohrung in der Schraube im Oberkiefer und zog ganz langsam und vorsichtig nach vorne. Cristina war konzentriert und ganz ruhig. Anschliessend wiederholte ich das Prozedere mit der Schraube im Unterkiefer. Seit Cristina die beiden Expander eingesetzt bekommen hat, haben diese ganze Arbeit geleistet. Die Schrauben waren inzwischen fast vollständig auseinandergedreht. Sie hatte am folgenden Dienstag wieder einen Termin bei Dr. MacGee, womit dies wahrscheinlich einer der letzten Abende sein wird, an dem wir unser tägliches Ritual durchführen konnten.

Cristina nahm sich für Reinigung ihrer Zahnspangen viel Zeit. Nach jedem Essen verschwindet sie sich ins Bad, um alle Essensreste aus allen Ecken und unter den Drähten zu entfernen. Abends stand jeweils die Hauptreinigung an, diese dauert jeweils rund zwanzig Minuten.
Ich lag auf dem Bett, als sie frisch geduscht und mit geputzten Zahnspangen aus dem Badezimmer kam. Jetzt war ich an der Reihe. Aber nicht ohne ihr vorher noch einen Kuss zu geben; das Mundwasser, das sie verwendete, roch so gut, aber dessen Duft war meistens schon wieder aus ihrem Mund verzogen, wenn ich aus dem Badezimmer kam.

Die Fahrt aus der Stadt über gefühlte hunderttausend Kurven hinauf ins Resort war anstrengend, und der Rotwein tat sein übriges. Wir beide schliefen rasch ein; Cristina wenig vor mir, denn ich kann mich daran erinnern, ihren gleichmässigen Atem neben mir gehört zu haben.

Die Sonne stand schon weit am Himmel, als ich wieder aufwachte. Ich hätte mich gerne nochmals zur Seite gedreht, aber Miss Sunshine zog mir die Decke weg und meinte: „Los, du Faultier. Aufstehen! Wir haben ein grosses Programm vor uns!“ Wirklich? Ich stellte mir vor, das ich das Wochenende faulenzend auf der Veranda, oder im Restaurant verbringen kann. Oder im Pool, oben neben dem Hauptgebäude. Jemand hatte andere Pläne. So setze ich mich einmal an die Bettkante, gähnte, streckte mich, gab Geräusche von mir, und kratze mich grummelnd an diversen Körperteilen.
Sie stand vor mir. Schon herausgeputzt und bereit für Abenteuer. Warum müssen Frauen nur so schön sein? Als Mann hat man keine Chance mitzuhalten, auch wenn man sich noch so Mühe gibt.
Vor mir befanden sich zwei Beine. Zarte Haut, ohne ein einziges Härchen. Darunter zwei Füsse. Grösse 35, schätze ich; wobei ich nicht einmal meine Schuhgrösse genau kenne. Bestimmt nicht, wenn ich vor zehn Minuten noch im Tiefschlaf lag. Bei Cristina ist das anders.
Jeder einzelne der zehn Zehennägel war lackiert. In Rot.
Auf meiner Augenhöhe befanden sich weisse Shorts, die ihren unteren Anfang im oberen Viertel zweier wohlproportionierter Oberschenkel hatten, sich über die Hüfte nach oben ausdehnten, um unterhalb eines Bauchnabels zu enden. Ein aus geflochtenen Lederstreifen gewobener Gürtel verhinderte, dass die Schorts nicht über die Beckenkonchen nach unten rutschten.
Einen Teil des Oberkörpers wurde von einem weissen Hemd bedeckt, welches ebenso zwei Arme bedeckte, von denen ich weiss, dass sie wiederum von ganz vielen kleinen Härchen übersäht sind, die sich aufstellen, wenn ich mit einem Finger über eine Stelle in ihrem Nacken fahre. Eine der beiden Hände habe ich am vorherigen Abend schon beschrieben, inzwischen waren seine Nägel im gleichen Rotton, wie die ganz unten an den Zehen. Die Andere ist identisch, soweit zwei Hände an der gleichen Person identisch sein können.
Das weisse Hemd wiederum bedeckte einen BH, der seinerseits zwei wohlgeformte Brüste in Position hielt. Dann folgt ein Hals, um den ein Goldkettchen mit einem Kreuz hing, ein Kinn, zwei Hügelchen unterhalb der Lippen, und ein Paar Lippen - im Rotton der Fingernägel - die sich in diesem Moment öffnen, einen Blick auf ganz viel glänzendes Metall, Drähte und Federn erlaubte und ein „Los jetzt!“ in die morgendliche Stille sandten.
Weiter oben wären noch zwei grüne Augen gewesen, aber das „Los jetzt!“ beendete meine Entdeckungstour. Nochmals gähnen, nochmals. strecken, nochmals ein undefinierter Laut ausstossen, und ich war unterwegs ins Badezimmer.

Als ich dieses wieder verlassen habe, einiges wacher als beim Betreten, stand sie wieder vor mir. Diesmal ergänzt mit Sneackers an den Füssen, einer Tasche an der rechten Schulter, einer Sonnenbrille vor den grünen Augen und einem Baseball-Cap auf dem Kopf, durch dessen Schlaufe am Hinterkopf tausend, kräftige, dunkle Haare zu einem Pferdeschwanz geformt, gezogen waren.

Wenig später waren wir auf dem Weg zum Frühstück im Haupgebäude. Cristina hatte bei mir eingehängt und hüpfte neben mir her. Sie strahlte mich mit ihren Metallzähnen und dem roten Lippenstift an. Diesem Glück musste ich mich beugen. Ohne wenn und aber.
Während ich der britischen Frühstückstradition frönte, begnügte sich Cristina mit Müsli und allerlei frischen Früchten, deren Schnitze sie mit Daumen und Zeigefinger dem Mund zuführte, gelegentlich versuchte sie mit der Zunge Essensteile aus der Zahnspange zu entfernen. Während ich meine Tasse Tee zum Mund führte, fragte ich beiläufig: „was hast Du für Pläne heute?“
Ihre Hand rutschte unmittelbar in ihre Handtasche und zog eine Liste heraus! Eine Liste! An einem solchen Wochenende!
„Ich habe mir, während das Faultier noch schlief, einige Gedanken gemacht...“
„... und notiert.“ unterbrach ich sie.
„Genau. Sonst vergesse ich sie.“
Es folgte eine Auflistung von Wasserfällen, einem See im Vulkankrater, einer Papageienstation, einem Pfad durch den Wald und noch einigen Dingen mehr.
„Und dies willst du heute alles besuchen?“
„Nein, natürlich nicht. Wir haben ja drei Tage Zeit.“
Ich war froh um diese Antwort und etwas zuversichtlicher nochmals friedlich eine Tasse Tee trinken zu können. Den der war hier wirklich gut, so wie er mir von Carl empfohlen wurde.
In diesem Moment kam ein Paar in den Raum, die offensichtlich auch Kunden bei Dr. MacGee waren: die Frau trug einen Headgear wie Gisela mit dem Zeiterfassungssystem, zusätzlich aber noch einen Highpull-Headgear. Diesen Mann, den kenn‘ ich doch! Er war einer meiner Ansprechpartner bei einem Speditionsunternehmen; ich habe mehrmals wöchentlich mit ihm zu tun. Ich ging ich Hallo sagen.
Die Begrüssung war herzlich, und er stellte mir seine Frau vor: Janett. Wie ich sehen konnte, hatte sie auf beiden Seiten am Headgear eben dieses Zeiterfassungssystem das mit einem riesigen Kunststoffgebilde in ihrem Mund verbunden schien. Ihr „Hello“ war mehr ein: „eh-ho“.

Wir wechselten einige Worte und John erzählte mir, dass sie erst gerade im Ressort angekommen seien. Sie sind erst heute Morgen losgefahren, weil sie am Vorabend noch Dinge zu erledigen hatten.
Ich erzählte, dass Cristina und ich schon seit gestern hier sind und wie schön dieser Ort doch sei, etc.
John schlug vor, dass wir uns doch einmal in ihrem Cabin zu einer Tasse Tee treffen sollten. Diese Einladung nahm ich gerne an, sagte aber im Scherz, dass ich übers Wochenende fremdbestimmt sei. Wir vereinbarten, dass ich mich per WhatsApp melden werde.

Wieder zurück am Tisch sagte ich zu Cristina: „ich bin gerade dem grössten kieferorthopädischen Albtraum begegnet. Da drüben.“ und ich zeigte in ihre Richtung in Cristinas Rücken.
„Ein Frau im Headgear? Da ist mehr los in MacGees Praxis. Ich kann mich jetzt doch nicht umdrehen und glotzen...“
„Nicht nötig. Wir werden sie heute Nachmittag treffen, falls wir noch einen  Termin frei hätten. Ich kenn‘ den Mann aus dem Geschäft.“
Cristina streckte mir zwischen den Herbstscharnieren hindurch die Zunge heraus und meinte, dass sich dies einrichten liesse.
Dann machte sie sich zwecks Zahnspangenreinigung auf den Weg zur Toilette.

Draussen im Auto erzählte mir Cristina was sie gerade auf der Toilette erleben hat.
„Ich habe übrigens gerade eine Leidenskollegin kennengelernt. Sie ist auch Patientin beim Doc. Sie hat, wie ich alle Zähne bebändert, und einen riesigen Kunststoffklotz im Mund. Ausserdem einen Headgear den sie seit zwei Jahren nicht entfernen darf. Dabei sehen ihre Zähne recht schön aus.“
„Braune halblange Dauerwellen, etwa fünfundvierzig und etwas pummelig? Heisst sie Janett?“
„Ja, kennst Du sie?“
„Janett und John haben uns heute Nachmittag zum Tee eingeladen.“
„Da müssen wir hin! Ich muss mich mit ihr unterhalten. Ich möchte wissen, was mich hoffentlich NICHT erwartet.“

Zuerst fuhren wir zum Papageienpark. Dort verweilten wir um Stunden länger, als Cristina geplant hatte. Papageien sind faszinierende Vögel. Im Park hatte es duzende verschiedener Arten; grosse, kleine, mehrfarbige, aber auch solche in einem ganz einfachen Federkleid. Cristina wollte eigentlich alle heimnehmen. Wir überlegten uns schon länger ein Haustier anzuschaffen; Cristina wollte eine Katze, ich einen Hund, und bis jetzt hatte keiner von uns beide das schlagende Argumente um den Anderen restlos zu überzeugen.
„Was meinst Du, sollen wir uns einen Papagei anschaffen?“
Mein Einwand, dass Papageien sehr viel Platz zum Fliegen brauchen, verfing nicht. Dass sie mit ihren kräftigen Schnäbeln alles im Haushalt kaputt machen würden und überall hinSch***sen, waren Argumente, die Cristina, die Haushälterin, überzeugten, dass an 24 Nelson Terrace kein Papagei einziehen wird.
Sie hatte eine riesige, zum Teil schon kindliche Freude an diesen Vögeln. Sie konnte gefühlt stundenlang vor den Käfigen stehen und den Tieren zuschauen. Dass sie an diesem Vormittag nicht den ganzen Speicher mit Fotos gefüllt hat, war erstaunlich! Und ihre Freundinnen, von denen sie meiner Meinung nach, in Saint Hiram viel zu wenige hatte, wurden im Minutentakt mit Bildnachrichten versorgt.
Ich musste natürlich auch Fotos mit ihr und Papageien erstellen. Ganz viele. An einem Ort im Park konnte man sich einen Papagei auf die Schulter setzen lassen, um dies natürlich ebenfalls fotografisch festhalten. Ein ganz freches Exemplar interessierte sich für Cristinas Zahnspange und fing an, sich mit seinem Schnabel am Herbstscharnier zu schaffen zu machen.
Und dann gab es Eis! Wir sassen auf einer Parkbank und leckten an der gefrorenen Masse. Cristina entkuppelte jeweils ihre Herbstscharniere, wenn sie an einem Eis leckte.
„Wir müssen wieder einmal bei diesem Italiener Eis essen.“ meinte sie und führte ihre rosarote Zunge dem Erdbeereis entlang von unten nach oben. Nachher war die Zunge rot.
„Stimmt. Du musst es wieder einmal vorschlagen, wenn wir nicht wissen, was wir machen sollen.“
„Am Anfang, als ich die Spangen neu hatte, war Eis essen eine richtige Erleichterung wegen den Schmerzen. Inzwischen habe ich mich recht gut daran gewöhnt und habe nur noch selten Schmerzen. Meine Zähne sehen übrigens auch schon viel schöner aus...“
„Sie zog ihre Lippen auseinander und präsentierte mir ihre metallüberzogenen Zähne. Sie hatte recht, die Kiefer waren schon breiter, und der Überbiss war auch nicht mehr so prominent.
„Stimmt. Und du hast auch keine so grossen Hemmungen mehr, die Spange zu zeigen...“
„Ich bin ja hier in Saint Hiram definitiv nicht die einzige Frau mit Zahnspangen im Mund.“
„Ich finde es gut, wie du die Sache angehst. Cristina, ich bin richtig, richtig stolz auf dich!“
Sie beugte ihren Kopf leicht zur Seite, kniff die Augen zusammen und schenkte mir dieses süsse Lächeln: „Danke!“

„What‘s next?“ Wir sassen wieder im Auto und ich wartete auf Regieanweisungen aus dem Beifahrersitz.
„Auf was hast Du Lust?“
„Du bist fürs Programm zuständig, ich fahre.“
„Aber der Papageienpark war doch schön, das muss Herr Griesgram zugeben?“
„Absolut. Danke, dass du mich dahin geschleppt hast.“
Ich neigte mich in ihre Richtung und gab der Prinzessin einen Kuss.
„Eigentlich hätte ich jetzt Lust auf ein Mittagsschläfchen. So ein Wochenende soll ja auch der Erholung dienen.“
Da war ich absolut ihrer Meinung!
„Ausserdem habe ich nicht besonders gut geschlafen, neben mir war Walross im Bett.“
Auf der Rückfahrt zum Ressort konnten wir uns erstens nicht einigen, ob Walrosse schnarchen, und zweitens ob ich sie damit nicht vor all den gefrässig Tieren rund ums Cabin bewahrt habe.
Auf dem Weg vom Parkplatz zum Cabin liefen wir Janett und John über den Weg. Unser nächster Termin: 3p.m. in ihrem Cabin...

Es war ungefähr vierzehn Uhr, als wir die Siesta beendeten.
Wir kamen zur Überzeugung, dass wir ja eigentlich schlecht mit leeren Händen bei Janett und John und aufkreuzten können. Aber mit was? Das nächste Geschäft war kilometerweit entfernt, aber im Hauptgebäude hatte es einen Shop. Während ich dort nachschauen ging, machte sich Cristina bereit. Bei Frauen dauert dies meistens etwas länger, aber bei Cristina war es am Schluss jede Minute wert.

Die Auswahl im Geschäft war nicht with überwältigend, ich konnte dem Restaurant eine gute Flasche Rotwein abkaufen. Rotwein geht immer.

Cristina sah wieder überwältigend aus: das Make-up war etwas dezenter, als am Vormittag, die Haare trug sie offen wie gestern Abend, das Hemd war ebenfalls das gleiche, wie am Vorabend, dazu trug sie aber Blue Jeans und schwarze Lederstiefel mit flachen Sohlen.
„Du bist die schönste Frau!“
„Hast Du etwas gefunden? Lass‘ mal raten: eine Fläche Wein?“
Sie fand die Weinflaschen-Schenkerei langweilig, konnte mir aber noch keine wirkliche Alternative aufzeigen.

Der Weg zum Cabin vom Janett und John war nur wenige hundert Schritte. Ihr Haus entsprach dem unsrigen.
Die beiden Frauen begrüssten sich mit dem Hinweis, dass sie sich ja heute schon einmal begegnet sind. Wobei, Cristina das sagte, Janett hatte ihre Apparatur im Mund.

„The Elephant in the room“ ist so eine englische Redewendung, und John brauchte diesen Elefanten geradewegs in den Mittelpunkt des Raumes. Zu Cristina gewandt sagte er: „Ich nehme an, auch in Crazy MacBees Patientenkartei?“
Sie erzählte ihre bisherigen Erlebnisse und schloss mit:
„Aber ihr habt ja wohl auch schon einiges erlebt, nehme ich an? Was hast Du mir heute Morgen im Restaurant erzählt? Seit zwei Jahren mit Headgear?“
Janett hatte inzwischen umständlich das Kunststoffgebilde aus ihrem Mund entfernt und vor sich auf den Tisch gelegt.
„Das ist noch lange nicht alles.“ warf John ein, „sie hatte schon in ihren Teenagerjahren die Bekanntschaft von MacGee gemacht, aber erzähl doch selbst.“
„Also das war so: ich bekam meinen ersten Satz Bänder, oben und unten, jeden einzelnen Zahn, da war ich zwölf Jahre alt.
Mit siebzehn kam alles wieder raus, und das Ergebnis war wirklich gut. Ich habe die ganze Behandlung ohne Headgear und solchen Dinge hinter mich bringen können. Dann, mit neunzehn bekam ich Schmerzen in beiden Kiefergelenken. Dr. MacGee machte einige Röntgenaufnahmen und stellte fest: meine Weisheitszähne brauchten Platz, der in meinem Mund nicht vorhanden ist. Entfernen konnte er sie erst, wenn sie praktisch schon durchgebrochen waren. Um alles trotzdem so zu erhalten, wie es war, bekam ich wiederum Bänder auf alle Zähne und einen Headgear, der dafür sorgen sollte, dass die Weisheitszähne die anderen Zähne nicht nach vorne schieben können.
Den Headgear musste ich anfangs nur nachts tragen, dann später als ich zweiundzwanzig war, und die Weisheitszähne wirklich zu schieben begannen: Vierundzwanzig Stunden Headgear für zweieinhalb Jahre und sechs Gummis, die den Unterkiefer in Position hielten.
Mit rund fünfundzwanzig war ich frei und hatte ein klassisches MacGee-Lächeln.
Die Jahre vergingen, die Zähne verschoben sich wieder, und ich landete wieder bei MacGee in der Praxis.
Tja, und so endete ich vor drei Jahren wieder mit einem Mund voller Bänder und Gummizügen. Vor zwei Jahren setze er mir den Headgear ein,   vierundzwanzig Stunden, sieben Tage: fest eingebaut vom ersten Tag an. Ich wusste nicht einmal, dass ich in dieser Sitzung einen bekommen würde...“
„Warum fest eingebaut?!“
„Da habe ich keine Ahnung. Es war ein Riesen Schock. Brackets, Bänder, Gummis und so, ok, damit lässt es sich leben. Mehr oder weniger jedenfalls. Aber ein Headgear ist definitiv eine Stufe höher. Und wenn man das Ding nicht einmal herausnehmen kann... Und zwei Wochen später heiratetete meine beste Freundin. Ich war Brautführerin. Jetzt bin ich für alle Zeit so auf ihren Hochzeitsbildern dokumentiert...
Und dann vor etwa sechs Monaten bekam ich noch dies hier...“
Sie zeigte auf das riesige Kunststoffteil vor ihr auf dem Tisch.
Und fügte sarkastisch hinzu: „... eine weitere Geheimwaffe im Arsenal des Doktor MacGee... Der ,MacGee-Modifyer‘, eine Erfindung vom Meister selbst. Die Kiefer werden zueinander in einer festen Position gehalten, und weil das das Teil elastisch ist, und die Endposition repräsentiert, werden meine Kiefer ganz langsam aber stetig dorthin bewegt, wo sie hingehören. Das setzt allerdings voraus, dass die Zähne in ihrer Position bleiben, darum die Bänder und der Headgear, und dass man es immer im Mund hat. In meinem Fall mindestens zweiundzwanzig Stunden täglich. Damit dem so ist, hat der MacGee-Modifyer zwei Sensoren eingebaut, die mit diesen Empfängern am Headgear kommunizieren. Der Headgear um meinen Nacken hat keine mechanische Funktion, er dient nur als Träger für die Empfänger. So, jetzt aber wieder hinein damit, sonst komme ich nicht auf die Stunden und Doc wird sauer... That‘s it, so far.“
Umständlich schob Janett den Modifyer in ihren Mund über achtundzwanzig Bänder und vorbei an einem Facebow.

Ups. Mehr viel mir nicht ein, ausser: hoffentlich bleibt so etwas Cristina erspart. Wir sahen uns an, ich war sicher ich konnte ihre Gedanken lesen. Sie waren deckungsgleich mit den meinigen.
Janett war absolut ausserstande eine Konversation zu führen; man verstand sie schlichtweg nicht. Als sie den Modifyer wieder eingesetzt hatte, versuchte ich in Erfahrung zu bringen, wie lange ihre Behandlung noch dauern soll. Ihre Gesten sagten: keine Ahnung, wahrscheinlich zwei bis drei. Ich hoffe, sie meinte Monate, nicht Jahre.
John ergänzte: „wir haben keine Ahnung.“

Cristina und ich sassen abends wieder auf der Veranda und schauten in den klaren, wolkenlosen Nachthimmel. Wir suchten nach Sternschnuppen, damit wir uns etwas wünschen konnten. Cristina fragte mich, nachdem eine vorbeischoss, was ich mir gewünscht hätte. Ich sagte ihr, dass man das nicht weitersagen dürfe, weil sich sonst der Wunsch nicht erfülle. Sie bohrte nach, und als ich es ihr immer noch nicht sagen wollte, wurde sie sauer und ging ins Haus.
Ich wünschte mir noch ganz viele solche Nächte mit Cristina, und dass sie so bleibt, wie sie ist.
Title: Auf zu neuen Ufern! siebtes Kapitel
Post by: Uniphase on 05. August 2022, 23:30:26 PM
siebtes Kapitel

Wieder strichen einige Wochen ins Land, respektive über die Insel. Ich ging meiner Arbeit nach, die durchaus spannend und erfüllend war. Aber was mir am meisten Erfüllung verschaffte, und weswegen ich es keine Sekunde bereute, nach Saint Hiram ausgewandert zu sein, war Cristina. Wenn es sowas gibt, wie Seelenverwandschaft, das war es. Ich musste abertausende Kilometer um die Welt fliegen, um auf jemanden wie sie zu treffen. Auf diesem kleinen Flecken Erde in der Mitte des Pazifischen Ozeans. Und sie hat es auch per Zufall dorthin verschlagen.

Die Phase mit den Expandern wurde abgeschlossen. Cristina hat sie allerdings noch im Mund, um die beiden Kiefer zu stabilisieren, bis die Kiefer- und Gaumenknochen wieder richtig verwachsen sind. Die Herbstscharniere erfüllen noch aktiv ihre Funktion.
Zur Behebung ihres offenen Bisses, trägt sie jetzt zwei Gummis von den oberen zu den unteren Eckzähnen. Sie hat auch oben und unten neue Archwires bekommen, mit ganz vielen Schleifen und Bögen. Diese Archwires werden ihr bei den Terminen entfernt, dann aktiviert Dr. MacGee die Schleifen, setzt die Archwires wieder ein und verbindet sie mit dünnen Drähten mit den Brackets. Das scheint recht schmerzhaft zu sein, die ersten Tage nach den Terminen bei MacGee kann Cristina kaum essen. Ich staune, mit welcher stoischen Ruhe sie es erträgt.

Wir treffen uns regelmässig mit Carl und Gisela. Bei ihr hat sich auch einiges geändert. Sie hat sich aus trotz geweigert, den Headgear mit dem Zeiterfassungssystem länger als die zwei Monate zu tragen. Jetzt hat sie ihren Facebow fest eingebaut. Was natürlich essen und trinken nicht einfacher macht. Ich habe Carl darauf angesprochen, ob das nicht etwas unmenschlich sei. Seine Antwort: „sie hatte die Wahl und ihr Schicksal selbst gewählt. Auf Saint Hiram muss man vorausschauend denken, der Ozean ist weit und tief...“ Auch wenn man sich hier sehr kultiviert gibt, es scheint noch Einige mit Seeräuber-Genen zu geben.

Um diese Jahreszeit stand ein grosses gesellschaftliches Ereignis an, und wenn man dazu eingeladen wird, ist das eine grosse Ehre, die man keinesfalls ausschlagen darf.
Es war eine wirklich grosse Ehre, dass ich in meinem ersten Jahr auf der Insel schon teilnehmen durfte. Ich hatte dies Carl zu verdanken, eine Art graue Eminenz auf der grünen Insel.
Cristina war natürlich auch eingeladen und freute sich noch viel mehr als ich. Persönlich hätte ich darauf verzichten können, zumal ich mir noch einen Anzug herstellen lassen musste, und die Aussicht auf einen Abend in unbequemen Schuhen, war auch nicht motivierend.
Cristina organisierte einen Schneider für mich, und bei jeder Anprobe schaute sie ebenfalls, dass der Anzug schlussendlich perfekt sitzt.
Sie war natürlich auch schon auf der Suche nach dem perfekten Kleid. Nachmittage lang schlich sie mit Gisela durch die einschlägigen Geschäfte und surfte durch Internetseiten. Beide kamen einhellig zum Schluss: in Saint Hiram gibt’s nichts passendes. Wobei ich überzeugt bin, im ganzen Universum hätte es nichts gegeben, was die beiden Damen restlos zufrieden gestellt hätte. Frauen. Wir lieben sie dafür.

Cristina hätte zwei Tage vor dieser Veranstaltung bei MacGee einen Termin gehabt. Dass sie dort ohne Zahnschmerzen hingehen wollte, kann ich durchaus nachvollziehen. Aber ob das MacGee auch kann? Er scheint ein sturer Bock zu sein, und Patienten die Termine verschieben, sind für ihn so undiszipliniert, wie Patienten, die sich nicht ganz und gar an seine Behandlungspläne halten. Ich war erstaunt, als mir Cristina einmal abends erzählte, sie hätte den Termin auf später verschieben können.

Mein Anzug war fertig und hing bereit, während sich Cristina und Gisela immer noch in der Evaluierung befanden. Einmal als ich nach Hause kam, durfte ich nicht ins Wohnzimmer. Sie hätte das Kleid noch an, und es sei mir absolut verboten, sie darin zu sehen.
„Habe ich etwas verpasst? Wir heiraten doch nicht an diesem Abend, oder?“
„Das ist was anderes. Ich will dich überraschen, und ich will, dass du mit der schönsten Frau dorthin gehst.“
„Wenn du mich begleitest, mach‘ ich das eh. Du könntest auch in deinen Gartenkeidern mitkommen und du wärst die Schönste. Eine prima Idee. Lass‘ uns in Gummistiefeln dorthin gehen.“
„Du-hast-keine-Ahnung! Du bist ein Banause und machst mir alles kaputt.“ sie bekam fast Tränen in den Augen. Das wollte ich nicht. Ich nahm sie in den Arm und drückte sie fest an mich.
„Ja, es gibt Dinge, da sind wir verschieden.“
Sie löste sich aus meinen Armen, trat einen Schritt zurück, schenkte mir ihr schönstes Silberlächeln, das jetzt durch zwei Gummis ergänzt wurde, welche ihr ein bisschen einen Vampirlook gaben, und sagte:
„Wir Mädchen stehen eben auf so Prinzessinen-Dinge...“
Dann befeuchtete sie mit ihrer Zunge zwischen den Gummis hindurch ihre Lippen. Sie ist wunderschön, meine Prinzessin und sie hat recht. Wie so oft.

Am Tag der Tage wurde ich schon morgens, zusammen mit meinem Anzug und einem Paar unbequemer, schwarzer Schuhe aus dem Schlafzimmer gejagt. Ich hatte den ganzen Tag Zimmerverbot. Wir hatten noch andere Zimmer im Haus, auch Badezimmer, wodurch ich ganz gut damit leben konnte. Ab dem frühen Nachmittag sah ich Cristina nur noch sehr sporadisch, und je weiter der Nachmittag fortschritt, je seltener wurden unsere häuslichen Zusammentreffen. Ich bekam es langsam mit der Angst zu tun, was dort drin ablief.
Um siebzehn Uhr schickte sie mir ein SMS:
„Wann werden wir abgeholt?“
„Um 18:30. Du bist aber schon noch hier? Auf einem anderen Planeten? Entführt?“
„Lass mich in Ruhe. Stress!!!“

Ich ging ins andere Badezimmer, und machte ich parat. Ich zog den Anzug an, band mir die Fliege (Cristina hat es mir beigebracht.) Und stellte mich vor den Spiegel. Whow.
Ich bekam umgehend Lust auf einen Martini. Geschüttet, nicht gerührt.
Als ich um 18:15 nichts mehr hörte, schicke ich ein SMS:
„Alles klar? Noch am Leben?“
Um 18:20 bekam ich zur Anwort:
„Geh ins Wohnzimmer.“
„Da bin ich schon.“
„Dreh Dich zur Wand und schliess die Augen.“
„Jetzt bekomme ich WIRKLICH Angst!“
„Mach!“
Ich tat es. Und ich hörte wie oben die Türe geöffnet wurde, und wie jemand die Treppe herunterkam. Dann hörte ich, wie jemand fast die Treppe herunter fiel.
„Alles klar bei dir!“
„%&@§()!!!“ das war bestimmt etwas in einem venezolanischen Dialekt, dass bei der nächsten Beichte erwähnt werden sollte, falls sie nicht im Fegefeuer enden möchte. Sie wäre allerdings die Person mit den schönsten Zähnen in der Hölle.
„Du! Bleib, wo du bist. Und die Augen bleiben geschlossen! Verstanden?“ das war an mich gerichtet.
Wenige Augenblicke später durfte ich mich umdrehen und die Augen wieder öffnen. „
„Whow!“ das war ich. Mehr konnte ich nicht sagen.
Vor mir stand die schönste Frau. Ein blaues Abendkleid, ihre Haare perfekt hochgesteckt, jedes einzelne Härchen schien einen zugewiesenen Platz zu haben. Das Make-up liess ihre grünen Augen noch schöner erscheinen und ihre Spangen im Mund blitzen um die Wette. Die Gummis gaben dem ganzen einen Vampirlook. Mir ging kurzzeitig etwas mit „schönster Vampirin“ durch den Kopf. Ich liess es, sie strahlte so selig, das wollte ich definitiv nicht kaputt machen.
„du bist wun-der-schön. Sorry, mehr kann ich nicht sagen. Ah, doch: ich freue mich mit Dir heute Abend dorthin zu gehen.“ und das war mein Ernst. Ich hatte das Gefühl, ihre Zähne glitzerten noch mehr als sonst.
„Dan-ke! Du siehst übrigens auch gut aus, und wenn du jetzt im Begriff sein solltest, etwas mit ,my name is...‘ sagen zu wollen. Lass es. Bitte.“
Ich wollte tatsächlich. Liess es aber.

Die Townhall von Saint Hiram Town ist so britisch, wie alles, was hier älter als fünfzig Jahre ist. Und das schliesst die Menschen mit ein. Wir wurden gleich vor dem Haupteingang abgesetzt, und schritten über einen roten Teppich in die Halle. An meinem Arm die schönste Frau. Und sie genoss es sichtlich. „Lass uns einen Moment stehenbleiben.“ sie drehte sich zu mir. Während ihre Zähne glitzerten, strahlte der Rest. Ich glaube ich habe inzwischen auch herausgefunden, warum ihre Zähne so blitzten: Lippgloss! Lippgloss unterstützt es!

Arm in Arm zogen wir in die Townhall ein. In dieser standen rund zwanzig runde Tisch, an denen wiederum rund zwanzig Personen Platz nehmen können. Mit so vielen Menschen auf so engem Raum, das könnte stickig werden.
Ein Platzanweiser führte uns an unseren Tisch. Er war ganz vorne bei der Bühne. Ausser dem von Carl und Gisela, kannte ich keine Namen, die auf den Schildchen standen. Zu meiner Rechten war der Platz von Gisela und links der meiner wunderschönen Prinzessin.
Diese zog mich zu sich und fragte: „was macht man jetzt.“
„Keine Ahnung. Wahrscheinlich warten, etwas wird sicher etwas passieren.“
„Warst du auch noch nie an einem solchen Ort?“
„Nein.“
„Mist. Wenn ich das gewusst hätte, ich hätte Gisela ausfragen können. Jetzt ist‘s zu spät...“
Ja, das war es, denn es kam ein Mann durch die Menge auf uns zu, dessen rundes Gesicht mir wohl bekannt war. Er winkte wieder, wie damals auf dem Flughafen, weil er aber eine um Jahre jüngere Frau mit Zahnspange am anderen Arm hatte, hätte er definitiv nicht abheben können.
„Ah, ihr seid schon hier? Pünktlich wie immer, das liebe ich. Nehmt Platz, nehmt Platz und fühlt euch wie zuhause, die Schuhe bleiben allerdings vorerst noch an den Füssen. Hahahahaaa!“
Carls Witze waren meistens gut und treffend, und er selber lachte am lautesten darüber.
„Darf ich euch Gisela hier lassen? Ich hab da hinten jemand gesehen. Ah und wenn jemand wegen den Getränken kommt: mir ein ganz grosses Bier, das grösste von der ganzen Insel!“
Er drehte sich um und sein eher massiger Körper verschwand hinter einem Vorhang von Körpern.
Gisela sah auch umwerfend aus, aber mir viel erst jetzt auf, dass sie zum Headgear um den Kopf auch wieder einen mit Zeiterfassungssystem trug. 
Cristina ergriff zuerst das Wort:
„Du konntest den Termin offenbar nicht mehr verschieben?“
„Nein, seht nur, was ich heute - HEUTE! - bekommen habe.“ Sprechen viel ihr schwer. Sie öffnete den Mund und dort stecke ein Kunststoffteil drin. Nicht so massiv, wie die Apparaturen von der Assistentin und Janett, aber immer noch so gross, dass sie beim Sprechen massiv behindert wurde.
„Und den anderen Headgear hast du auch wieder?“
Sie nickte um nicht sprechen zu müssen. „zweiundzwanzig Stunden täglich! Überwacht!“ sie zeigte auf die eine Box mit dem Überwachungssystem.
Ich hatte gehofft, die beiden Damen hätten heute Abend viel Zeit miteinander zu reden. Das wird wohl nichts.
Inzwischen kam ein weiteres Paar an den Tisch, er in Carls Alter, sie mindestens ein Jahrzehnt jünger und - logisch - mit einem MacGee-Lächeln. Ich verstand ihre Namen im Lärm nicht, aber sie hatten ihre Plätze auf der gegenübersteht Seite des Tisches.
Langsam füllte sich unser Tisch. Diesmal zwei Frauen mit eher männlichem Auftreten. Ich nehme an, sie lebten in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Hatten beide zwar sehr schöne Zähne, aber definitiv kein MacGee-Lächeln. Es waren zwei äusserst sympathische Frauen und wir kamen gleich ins Gespräch. Sie stellten sich als Mel und Doo vor. Zu meiner Überraschung kamen auch Janett und John an unserer Tisch. Nett, noch zwei Personen zu treffen, mit denen man sich unterhalten kann. Was allerdings mehr auf John als auf Janett zutraf, sie hatte ihren MacGee-Modifyer im Mund. Sie konnte trotzdem Gisela zu verstehen geben, dass sie Gemeinsamkeit hätten.
Dann kamen noch Robin und Sarah. Beide in meinem Alter und ebenfalls sympathisch. Sarah trug ebenfalls oben und unten Brackets, allerdings ausser zwei Archwires konnte ich bei ihr nichts erkennen. Ein MacGee-Lächeln vor der Vollendung, nahm ich an.
Inzwischen ist auch ein Kellner aufgetaucht, und wir bestellten. Als ich im Carls Wunsch übermittelte, antwortete er: „für Carl, right?“ „Du kennst den Spruch schon?“ er grinste, „die Stadt ist klein, da kennt man mit der Zeit jeden Spruch. Du bist wohl neu hier, right?“ „Genau. Und du aus Australien?“ „Damn, hört man das immer noch? Ich bin Andy und arbeite sonst im Arch and Whale. Komm mal vorbei wenn du Lust hast, könnte dir einiges wissenswertes über deine neue Heimat erzählen, das dir noch keiner erzählt hat. Aber ich sehe, Du bist schon gut assimiliert, Mate.“ und er nickte Richtung Cristina.
Ausserdem zwinkerte er Mel und Doo zu. Diese beiden gehörten aber definitiv nicht ins Beuteschema eines australischen Barman. Komisch. Ich verstand nicht, was er meinte.
Cristina offenbar auch nicht: „was hat er da gemeint?“
„Keine Ahnung, Australier, dort gibt es viele lustige Vögel.“
„Ja, solche die nicht fliegen können. Gehst du mal im Arch and Whale vorbei? Ich komme mit!“
Ja, ich hatte vor, dort vorbeizugehen, aber ich spürte, da konnte ich Cristina nicht mitnehmen. Nein, Andy war harmlos, es hätte keine Gefahr für sie bestanden. Es ging um etwas, dass er mir persönlich sagen musste.

Cristina war definitiv die Schönste an diesem Abend, aber ausser ihr waren waren noch sehr viele andere schöne Frauen anwesend. Die Altersklassen der Männer bewegte sich zwischen dreissig und achtzig, die ältesten Frauen waren aber bestenfalls fünfzig. Und dann war da das mit ihren Zähnen: die meisten hatten ein perfektes MacGee-Lächeln, oder dann Apparaturen im Mund. Ich war hier auf einer Veranstaltung der Upper Class der Insel, vielleicht war das der Grund. Auf Saint Hiram gab es nicht viel Möglichkeiten Geld auszugeben, und das Rollenbild war oft noch sehr „traditionell“. Ob sich die Frauen deshalb öfters die Zähne machen lassen?

Carl kam wieder an den Tisch und machte sich über das grösste Bier der Insel her. Er war aufgedreht wie immer, goss das Bier in einem Zug herunter, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und meinte: „bist Du sicher, hab‘ ich nur eins geordert? Ich muss dir übrigens noch einige Leute vorstellen heute Abend. Darum habe ich dich auch mitgeschleppt.“

Aber zuerst folgte Rede auf Rede, und mit der Zeit verstand ich, dass diese humoristisch waren, und Dinge aus dem vergangenen Jahr behandelten, die man nur als Eingeborener verstehen konnte. Ich tat so, wie wenn ich es verstanden hätte. Cristina lehnte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr:
„Verstehst du das alles, oder tust du nur so?“
„Ich tu‘ nur so...“
Sie strahlte mich glitzernd an und erwiderte: „ich auch.“

Dann wurde das Essen serviert. Es war erstaunlich, wie viele Frauen vorher an ihren Mündern herumhantierten; es wurden Apparaturen und Gummis entfernt, andere setzen lustigerweise Gummis und Apparaturen ein. Auch solche mit dem perfekten MacGee-Lächeln.
Dann war das Essen fertig und die Damen stürmten zu den Waschräumen. Mittendrin Cristina und Gisela. Letztere ass fast nichts. Ich tauschte mit Cristina den Platz, damit sich die Beiden unterhalten konnten.

Irgendwann lief ein älterer Herr vorbei, der alle Damen an den Tischen sehr genau und kritisch musterte. Er erinnerte mich an Doc Brown aus Back to the Future.
Carl rief ihn zu uns.
„den MUSS ich dir vorstellen. Eine Berühmtheit auf unserer bescheidenen Insel!“
„Hat er den Fluxkompensator erfunden?“
Carl verstand meine Anspielung nicht. Robin, der bei uns stand, sehr wohl.
Als Doc Braun neben uns stand, wurde ich ihn vorgestellt. Und Carl meinte an mich gerichtet:
„Weisst Du wer das ist? Du hast ganz bestimmt schon von ihm gehört. Das ist DOC-MACGEE! Er ist verantwortlich für jedes verdammte Lächeln auf diesem verdammten Vulkan. Wenn wir in ein paar tausend Jahren aus der Lava gekratzt werden, werden sich die verfluchten Archäologen...“ (er war nicht mehr ganz nüchtern, und musste beim Wort „Archäologen“ mehrer Anläufe nehmen.) „... sich fragen: warum hatten die Frauen so schöne Zähne? Warum? Wegen ihm hier: meinem alten Kumpel Doc Ronald MacGee!“
„Ja, ihren Namen habe ich schon gehört. Meine Freundin ist bei ihnen in Behandlung.“
„Wie heisst sie?“
„Cristina Gomez.“
„Ja, ja, der kleine kolumbianische Käfer. Ein spannender Fall.“
„Sie kommt ursprünglich auch Venezuela. Und ich hoffe ihr Fall ist nicht zu spaaaaaanend...“
Doc MacGee sah mich fragend an aber ich glaube, er wusste schon, was ich im mitteilen wollte.
Carl war wieder unterwegs und ich unterhielt mich mit Robin. Chefredakteur der Lokalzeitung und des lokalen TV-Senders, und etwas enttäuscht, als ich im sagte, dass ich seine Erzeugnisse nicht richtig kenne. Ich war dann entschuldigt, als ich im sagte, dass ich erst wenige Monate hier lebe.
Sarah kam auch dazu und Robin erzählte ihr belustigt vom Zusammentreffen von MacGee, Carl und mir.
„Ich nehme an, du gehörst auch zu seinen Patienten?“ fragte ich Sarah.
„Oh ja, seit einer Ewigkeit. Acht Jahre? Neun Jahre?“
„Zehn Jahre und drei Monate.“ ergänzte Robin.
„Am Stück? Das wäre neuer Rekord, was ich bisher gehört habe.“
„Ja, knapp...“
„Aber bald vorüber, nehme ich an?“
„Eigentlich seit einigen Jahren. Aber Doc MacGee liess die Spangen drin, damit sich alles stabilisieren kann. Am Tag, als sie definitiv hätten rauskommen sollen, fand er etwas, dass er verbessern wollte. Also wieder ein halbes Jahr Gummis und so. Und dann wieder Retentionsphase... In drei Monaten soll aber definitiv Schluss sein!“
„Glaubst du wirklich daran?“ sagte Robin.
„Nein, ehrlich gesagt nicht wirklich.“ Sie lachte und ich konnte dabei all ihre Zähne mit den Brackets sehen, oben, unten von den Front- bis ganz zu den Backenzähnen.
„Aber Zahnspangen sind hier dank unserem Doc etwas so alltägliches, ich habe mich daran gewöhnt. Auch bei mir...“
„Ich habe gesehen, die Innenarchitektin, ähm, wie heisst sie? Hat jetzt auch wieder Gummis drin.“ ergänzte Robin.
Sara meinte dazu: „so cool, dann besteht ja eine reelle Chance, dass ich meine früher loswerde. Gummis bedeutet: im Anschluss mindestens acht Monate Retentionsphase...
Nein, man darf nicht schadenfroh sein. Sie hat wirklich ein hartes Los gezogen: die ganzen Teenager-Jahre mit irgendwelchem Zeug im Mund. Dann ging sie für ein paar Jahre nach Grossbritannien, und wollte die Spangen vorher los haben. MacGee überredete sie, die Dinger - eben zur Retention - länger drin zu lassen. Als sie zurückkam und definitiv genug davon hatte, fand MacGee wieder etwas, dass man unbedingt korrigieren sollte: zehn Felder zurück und einmal aussetzen... Und jetzt hat er wieder etwas gefunden. Den Meisten geht es so, wenn man sich erst einmal in die Fänge von Doc begeben haben.“

Carl stellte mich an diesem Abend noch duzenden von Leuten vor, meistens in Gegenwart von Cristina. Ich konnte mir all die Namen nicht merken, aber ich sah sehr viele MacGee-Lächeln, oder Münder die sich auf den Weg dorthin, beziehungsweise in „Revision“ befanden.

Es war schon fast wieder Morgen, als uns das Taxi vor dem Tor zu 24 Nelson Terrace auslud. Und wir wollten nur noch ins Bett. Ich allerdings zuerst die Schuhe loswerden. Ich zog sie aus und kickte sie in den dunklen Garten. Irgend ein Tier gab ein Laut vor sich, der sich so anhörte, wie wenn ich es getroffen hätte. Ich fand das lustig, Cristina nannte mich etwas das ich nicht verstand.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: ballermannb on 06. August 2022, 13:18:26 PM
Sehr schön Geschrieben macht Hoffnung auf mehr !
Title: Auf zu neuen Ufern! achtes Kapitel
Post by: Uniphase on 06. August 2022, 13:24:45 PM
Bitteschön :)

achtes Kapitel

Ich stand bei Carl im Büro, er sah mich streng an und begann:
„Ich müsste da etwas mit dir besprechen...“
Dieser Blick, diese Formulierung. Habe ich am Ende etwas ausgefressen? Mein Hirn rotierte, aber mir kam beim besten Willen nichts in den Sinn. Also cool bleiben und zuhören.
„... das ist so: du weisst ja, ich muss zuerst eine Woche nach Japan und dann nach Australien, wobei ich nicht weiss, ob es dort länger als eine Woche dauert, zumal in Australien noch etwas persönliches zu erledigen ist. Was es ist, das erzähle ich dir mal bei einer Flasche Rotwein. Dazu muss ich mir erst Mut antrinken...“
„Carl, du weisst, ich mach‘ alles für dich, ausser morden, entführen und Überfälle mit Einsatz von Schusswaffen...“
„Hahaahaahaaa!! Gut zu wissen, vielleicht in Zukunft. Man weiss ja nie! Nein, es ist ganz simpel: könntest du in Zeit meiner Abwesenheit nach Gisela schauen? Sie kommt ja gut mit deiner - wie nennst du sie? - Prinzessin aus, und du bist ein ehrlicher, anständiger Kerl.“
„Ja klar, selbstverständlich. Platz haben wir genug.“
Seine Formulierung fand ich hingegen eher ungewöhnlich. Will er mir sein Meerschweinchen in Obhut geben, oder spricht er tatsächlich von Gisela, seiner Partnerin?
„Und was ist mit den drei Hunden?“
„Um diese kümmert sich der Gärtner. Gisela möchte ich ihm allerdings nicht anvertrauen.“
„Ich frage heute Abend noch Cristina, sie ist ja fürs Haus zuständig. Ich bin mir aber sicher, sie ist einverstanden. Sie freut sich wahrscheinlich sogar, wenn Gisela bei uns wohnt. Morgen gebe ich dir Bescheid, ist das für dich in Ordnung?“
„Mein lieber, junger Freund, schau‘ dass du nicht zu viel Macht an Cristina abgibst. Das kommt nicht gut! Denk an die Vertreibung aus dem Paradies. Und ist Saint Hiram etwa nicht das Paradies? Hahahahaaaaa!“
Carl ist ein wirklich guter, lustiger Typ und guter Chef, aber dann gibt es solche Momente. Jemand sagte mir, er stamme von Piraten ab.

Abends beim Nachtessen.
„Carl hat mich gefragt, ob Gisela mindestens zwei Wochen hier wohnen darf? Er muss ins Ausland.“
„Carl fragt dich, ob du mich fragen kannst, ob meine beste Freundin zwei Wochen hier wohnen kann?!“ Das Grün in ihren Augen nahm einen giftig-grünen Farbton an und ihre Stirne wurde heiss und rot. Was hat die Legierung für einen Schmelzpunkt, aus der Zahnspangen gefertigt werden? Ich hoffte ihre schmilzt nicht gleich.
„Nicht ganz. Er hat mich gefragt. Und ich habe ihm gesagt, dass ich es heute Abend mit dir besprechen werde...“
„Besprechen, besprechen... nennt man das jetzt so?!“
Sie stand auf, das nächste was ich hörte, war eine Tür die kraftvoll ins Schloss fiel. Was ist hier los? Was habe ich falsch gemacht?
Cristina und ich haben vereinbart, dass wir jedes Problem möglichst vor dem Zubettgehen ausdiskutieren. Wir gehen normalerweise um elf in die Haya, als bleiben noch drei bis vier Stunden um die Sache zu klären. Aber zuerst muss meine Prinzessin runterkommen.

Ich ass fertig und räumte das Geschirr in den Spüler. Dann ging ich ins Wohnzimmer und begab mich ins World Wide Web, um Newsportale aus Europa zu lesen.
Plötzlich stand eine kleine, geknickte Person mit grünen Augen und Zahnspange im Türrahmen.
„Es tut mir leid. Können wir reden?“
Ich setze mich aufs Sofa, fuhr mit der Hand über den Platz neben mir und sagte:
„Komm‘ her, setz‘ dich zu mir.“
Sie setzte sich und Tränen liefen ihr über die Wangen und spülten Farbpigment ihres Make-up mit. Sie schluchzte.
„Es hat nichts mit dir zu tun...“ da war ich schon mal froh, denn ich liebte meine Prinzessin, und wollte ihr bestimmt nicht schlechtes antun.
„es ist so: ich habe heute Morgen schon mit Gisela per WhatsApp die Sache besprochen. Ich wollte dich auch noch fragen, ob es für dich in Ordnung wäre, wenn Gisela zwei Wochen hier wohnen würde? Platz haben wir ja genug. Ich hab ihr gesagt, die Hunde könnten auch mitkommen, du liebst ja Hunde.“
„Genau das habe ich mit Carl auch so besprochen. Aber ich sehe den Grund deiner Reaktion noch immer nicht.“
Sie zog sich die letzten Tränen durch die Nase hoch und fuhr sich mit der Zunge durch ihre Vampirgummis über die Lippen.
„Es geht nicht um dich. Du bist der beste Kerl, der mir je begegnet ist, ich liebe dich, und ich weiss, dass ich mit dir alles besprechen kann, und wir immer eine Lösung finden. Allermeistens...“ sie lächelte mich glitzernd an.
„Sorry, Prinzessin, ich verstehe immer noch nicht?“
„es geht um Carl. Er behandelt Gisela, wie wenn sie sein Kind wäre. Er kümmert sich um alles, sie darf nichts alleine entscheiden. Sie ist meine beste Freundin hier auf Saint Hiram. Wir sind bestimmt in der Lage, diese Sache mit den drei Wochen zu regeln!“
Ich sah, das Problem lag tiefer und war ernster. Ich wusste nicht, wie ich es Cristina hätte erklären sollen. Denn da waren noch Carls Äusserungen im Büro heute.
„Mein Vorschlag: du schickst Gisela ein WhatsApp, dass sie kommen kann. Sie sagt es Carl und die Sache ist auf direktestem Weg erledigt.“
Cristina sah mich mit einem Blick an, der sagte: ok, mach‘ ich, aber ganz begriffen hast du‘s nicht. Ich hätte gerne per Blick geantwortet: doch, hab‘ ich. Ich weiss aber nicht was ich tun soll. Sie stand auf, ging hinaus und ich hörte wie ihre Fingernägel auf ihrem Smartphone herumklopften.
Dann kam sie wieder ins Zimmer - sie sah wieder bessere aus - setze sich aufs Sofa, strich mit der Hand auf den Sitzplatz neben sich und sagte zu mir:
„Komm‘ setz‘ dich hin!“
Wir mussten beide herzlich lachen, und einer ihrer Vampirgummis flog durchs Wohnzimmer.
„Moment, Gummialarm, aber du kannst es dir ruhig schon einmal bequem machen.“ wir lachten wieder und sie stürmte aus den Zimmer.
Ich setze mich auf‘s Sofa, sie kam wieder zurück, zeigte mir ihre Spange und meinte: „wenigstens diesbezüglich ist wieder alles in Ordnung.“
Kunstpause. Sie überlegte, wie sie anfangen sollte.
„Also...“ der erste Bauer stand auf den Schachbrett.
„Ich habe eine Zahnspange...“
„Ja, das seh‘ ich!“
„Jetzt unterbrich mich nicht! Was ich sagen will: ich habe freiwillig eine Zahnspange. Du kennst die ganze Geschichte so gut wie ich. Gisela hat ihre nicht freiwillig, Carl hat entschieden dass sie eine haben müsste. Er hat sie dazu gedrängt. Und dann kam das mit dem Headgear, den sie wirklich hasst. Dann das mit dem Zeiterfassungssystem. Und als sie sich dagegen auflehnte, wurde der Headgear fest montiert. Und jetzt dieses Kunststoffteil, mit dem sie fast nicht sprechen kann: Zweiundzwanzig Stunden täglich.“
„Und ihr habt jetzt das Gefühl, dass Carl böse Absichten hat? C‘mom! Ja, Carl ist ein Dinosaurier was den Umgang speziell mit Frauen angeht. Aber auch andere Leute hier auf Saint Hiram werden komisch behandelt...“
„Leute?! Es sind NUR Frauen. Achte dich einmal...“
„Aber der Behandler ist MacGee, und ja, das scheint ein Nerd zu sein. Aber ob Carl damit etwas zu tun hat, bezweifle ich. Carl bei allen Frauen?“
„Nein, nicht Carl alleine. Die Männer von Saint Hiram!“
„Sorry Cristina, überleg‘ dir, wie du dich anhörst. Das tönt wie ein Verschwörungstheorie...“
„Was denkst du, was dir Andy aus dem Arch and Whale erzählen will? Morgen Abend gehen wir bei ihm vorbei!“
„Nein, tun WIR nicht.“
„Überleg doch, er wollte dich warnen, und dann hat er gesehen, dass du schon mit einer mit Zahnspange liiert bist. Also schon assimiliert.“
„Andy ist ein Barman. In vielen Bars gibt es auch Prostitution, ich kenn‘ das Arch and Whale nicht, aber einsame Männer suchen manchmal sowas. Das wollte er mir offerieren - vielleicht sogar zu „Sonderpreis“ - und dann sah er, dass ich schon das hübscheste Girl auf der Insel geangelt habe. Womit ich für ihn „assimiliert“ bin. Die einfachste Lösung ist meistens, die richtige...“
Cristina dachte nach und ihre Zunge fuhr fortwährend zwischen den Gummis hindurch auf den Lippen hin und her.
„aber... nein, warte... wenn wir davon ausgehen... ach, lass‘ mich darüber schlafen...“
Sie ging ins obere Badezimmer, ich benutze das vom Gästezimmer im Erdgeschoss.

Als ich auch nach oben kam hatte sie schon ihr Nachthemd mit den dünnen Träger an und bürstete sich sie Haare. „hundertundeinmal, hundertundzweimal...“
Wir konnten Streit haben, wir konnten intensiv diskutieren, aber mit ihr konnte man sich wieder rasch versöhnen und Spass haben. Meine Prinzessin!

Was, wenn Cristinas Theorie nicht falsch ist?
Es gehen spezielle Dinge vor, hier auf Saint Hiram...

„Carl, hast du fünf Minuten für mich?“
„Come in, take a seat. Mit was kann ich dir helfen, my good friend?“
„es geht um unsere Mädels. Sie sind beides Goldschätze, das kannst du nicht verleugnen.“
„of course, of course!“
„denkst du nicht auch, dass sie einmal etwas spezielles verdient hätten?“
„was meinst du? Ring, Handtasche, Schuhe? Von denen haben sie doch schon ganz viele. Meine jedenfalls.“
„Cristina auch, natürlich. Nein, es geht um etwas anderes. Diese beiden Prinzessinnen brauchen Zeit für einander, damit sie Dinge tun können, die die beiden sehr gerne machen.“
„Was meinst du? Zum Beispiel...“ er bildete auch Hand und Daumen einen Entenschnabel und schlug mit dem Daumen und den restlichen Fingern zusammen.
„Exakt!“
„Wenn Gisela in deinem Haus wohnt, werden sie vierundzwanzig Stunden täglich Zeit dafür haben.“ mir viel auf, er sprach von deinem Haus, nicht von eurem Haus. Solche Dingen fielen mir in letzter Zeit vermehrt auf. Nicht, weil Carl mehr solche Dinge sagen würde, eher weil ich dafür empfindlicher wurde.
„Nicht ganz. Giselas neue Zahnspange behindert sie beim...“ ich machte auch den Entenschnabel. „Wie wäre es, wenn sie dieses Ding in den Tagen, in denen sie bei mir wohnt, nicht tragen müsste?“ die Wahl des Wortes „mir“ statt „uns“ war ganz bewusst.
„das ist Crazy Doc MacGees Business. Da kann ich ihm doch nicht hineinreden. Er redet bei mir auch nicht rein. Gottseidank, dieser alte Spinner.“
„red‘ doch bitte mit ihm. Was kann schon passieren? Dann trägt Gisela ihre Spange eben nachher zwei-drei Wochen länger. So what?“
„Das scheint dir ja wirklich wichtig zu sein. Ich werd‘ mich mal mit ihm unterhalten. Er kommt heute Abend zu mir. Eine Partie Billard. Du kannst auch kommen, wenn du Lust und Zeit hast. Und wenn dich Cristina lässt. Hahahaaaha...“
„tönt gut, aber leider ist heute mein persönlicher Bar-Abend, ohne Anhang.“

Es war tatsächlich ein Bar-Abend ohne Anhang.
Nach der Arbeit ging ich auf direktem Weg ins Arch and Whale. Es war wirklich gut besucht, und ich musste mich zur Bar vorkämpfen, hinter der neben Dave auch noch eine grossbusige, leichtbekleidete Blondine arbeitete. Ich vermute, in ihrem Pass steht bei „Haarfarbe“ nicht „blond“. Dave sah mich und gab mir ein Zeichen, auf seine Seite der Bar zu kommen. Ich kämpfte mich der Bar entlang in seiner Richtung, dabei bin ich fast über eine Handtasche und einen Hund am Boden gefallen. Der Hund meldete sich, die Handtasche blieb stumm.
Die blonde Bardame kam auf mich zu, um sich nach meinem Wunsch zu erkundigen. Dave grätsche dazwischen.
„Sorry Darling, my client. Special client.“
„Hey, so kenn‘ ich dich gar nicht.“ gab ihm die Kollegen zur Antwort, und schlug ihm lachend in seinen wirklich knackigen Hintern, und dabei entblösste sie ihren Mund: MacGee-Lächeln in Entstehung, oder in Revision.
„Du siehst, ist grad viel los hier. Hast du eine halbe Stunde, dann ist‘s wieder besser. Was darf es sein?“
„hmmm, einen Martini Bianco, bitte“
„C‘mon Mate, wir sind hier eine richtige Bar, mit einem richtig guten Barman. Ich mix dir was, das wird dich umhauen.“
Ich hoffte, das war bildlich gesprochen.
Er hantierte kunstvoll mit verschiedenen Flaschen herum und ich hatte Zeit mich umzusehen. Es war niemand da, den ich kannte. Nicht weiter schlimm.
„Hier für dich Mate. Geht aufs Haus. Meine Eigenentwicklung, lass mich nachher wissen, ob er dir schmeckt.“
Ich nahm das Glas von der Theke und kämpfte mich zur Wand an der anderen Seite des Raums. Dort hatte ich ein einigermassen ruhiges Plätzchen entdeckt.
Ich sass auf einem Barhocker und schlürfte an Daves Eigenkreation. Diese war wirklich gut.
„Ganz alleine auf der Piste?“ Ich drehte mich der Stimme entgegen und sah direkt in einen Mund voller Brackets und einer bekannten Konfiguration von Gummizügen. Der Gummi vom oberen Eckzahn auf der einen zum unteren Eckzahn auf der anderen Seite, machte sie so einmalig. Sie gehörte zur Innenarchitektin.
„bist du oft hier? Habe dich noch nie hier gesehen.“
„wurde mir von einem Kollegen empfohlen,“ log ich, „sie sollen gute Drinks hier mixen. Und der hier IST gut.“
„Ja, Dave ist ein wahrer Künstler in seinem Fach. Chears!“ sie streckte mir ihr Glas entgegen. Mit einem Schirmchen und einem Strohhalm.
„Was führt dich hierher?“
„pfffuh, was für ein Tag! Ich brauchte driiiingend einen von Daves Drinks!“
„Alles in Ordnung.“
„Naja, ich hatte einen Termin bei MacGee. Der sollte dir ein Begriff sein?“
Ich nickte.
„Laut seinem Behandlungsplan hätte ich dieses Zeug schon längst aus meinem Mund wieder loshaben sollen. Aber die Sache will und will kein Ende nehmen. Als ich dachte, dass die Spangen definitiv los bin, hat er mich mit diesem Satz Gummis versorgt...“
Sie öffnete ihren Mund genug lang, damit ich mir die Situation genau ansehen konnte: da war dieser Gummi der von oben rechts nach unten links über ihre Frontzähne gespannt war. Dann hatte sie auf beiden Seiten Gummis in einer Dreieckformation: auf der rechten Seiten vom unteren Prämolar zum oberen Eckzahn und dem Prämolar dahinter. Auf der linken Seite war der Gummi vom oberen Eckzahn zum unteren Eckzahn und dem Prämolar dahinter.
Dann war auf der rechten Seite ein Gummi vom Prämolar unten links zum hintersten Molar oben links gespannt, und auf der linken Seite von oben oben rechts nach unten rechts. Ich zählte fünf Gummizüge, alle in Weiss deren Konfiguration für mich keinen Sinn ergab. Hoben sich ihre Zugkräfte nicht gegenseitig auf?
„Das sieht allerdings kompliziert aus...“
„Nicht einmal anständig einen Drink kann man damit geniessen. Siehst du? Strohhalm!“
Sie führte sie den Strohhalm in den Mund, dabei stiess dieser gegen den Gummi, der diagonal über die Front gespannt war.“
„wie lange soll das noch dauern? Du hast ja sehr schöne Zähne...“
„das wissen wahrscheinlich nicht einmal die Götter. Nur MacGee, und auch da bin ich mir nicht mehr sicher.“ sie klang gleichzeitig mutlos, frustriert und traurig.
„Eigentlich war vorgesehen, ‚nur‘ noch rasch ‚etwas kleines‘ zu korrigieren, und jetzt habe ich heute noch diese verdammten Dinger bekommen...“
Sie öffnete den Mund und zeigte auf die beiden Dreiecke. Ja, die waren mir bisher tatsächlich nicht aufgefallen. „... aber wahrscheinlich langweile ich dich nur damit?“
„Nein, ganz und gar nicht. Erzähl weiter.“ War Daves Drink ein Wahrheitsserum?
„Wirklich?“
„Ja, los. Ich habe alle Zeit.“
„Ich kann Dir nicht sagen, seit wann ich die Spangen drin habe. Eigentlich war vorgesehen, dass sie rauskommen, bevor ich nach Brighton gehe. Ich habe mich dann überreden lassen, sie zur ‚Retention‘ drin zu lassen...“ diesen Teil ihrer Geschichte, habe ich schon einmal gehört. „Dann fand er, dass sich während meiner Zeit in England, verschoben hätte. Ich war die einzige Person bei diesem poshy, südenglischen Innendesigner mit fucking Schneeketten im Mund!“ sie redete sich in Rage. „Für was? Für die Katz? Wenn es sich mit dieser kack Metallfresse verschoben hat, hätte es sich wahrscheinlich auch ohne!“ Ich kannte sie bisher nur als freundliche, zurückhaltende und nett lächelnde Engländerin. Was ist mit ihr passiert?
„Ok, dachte ich, wenn‘s den sein muss. Ich bin ästhetisch veranlagt, ich liebe schöne Dinge. Muss ich ja, mit meinem Job. Und ich freute mich auf die Hochzeit! Die Fernbeziehung rund um die Erde war schon schwer genug. Ich wollte eine richtige Märchenhochzeit, mit allem was dazu gehört: schönes Kleid, perfekte Haare, professionelles Make-up, Schmuck und einem Lächeln, das Eis schmelzen lässt...“ ich konnte sie mir wirklich als solche Märchen-Prinzessin vorstellen. „... das verstehst du, als Mann, wahrscheinlich nicht, aber die allermeisten Frauen wollen wenigstens einen Tag in ihrem Leben Prinzessin sein. Einen einzigen verschissenen Tag. Das wird uns wahrscheinlich seit Kindheit eingebläut. Und ich, ich habe meinen Märchenprinzessinenhochzeitstag mit Sch***sspangen im Mund verbracht. Fuck! Und weisst du was? Beim nächsten Termin bei diesem Kurpfuscher, hatte der die Frechheit, mir zu sagen, er hätte gehört, ich hätte an meiner Hochzeit die Gummis nicht drin gehabt! An meiner eigenen Hochzeit!“
Sie zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Hinten lief... war es Mel, oder war es Doo?.. vorbei und winkte mir zu.
„Und weisst du was? Heute hat mir MacfuckingGee vorgeschlagen, ich sollte seine eigene Erfindung tragen, so einen MacGee-Modifyer. No way. Ab-so-lutely-no-way! Hast Du schon mal jemand mit einem solchen Teil gesehen?“
Ich nickte.
„Das reinste mittelalterliche Folterinstrument! Du kannst kein Wort damit reden. Keines! Im alten England hat man geschwätzigen Frauen sogenannte Schandmasken verpasst, um sie zu disziplinieren!
Vorher fliege ich nach Chile, oder sonst wohin, und lass mir den ganzen Krempel von den Zähnen reissen!“
Schandmaske? Das war das Stichwort? Geschwätzige Frauen? Habe ich Cristinas Verschwörungstheorie übernommen?
Sie sog nochmals an ihrem Strohhalm, inzwischen ist sie wieder etwas heruntergekommen.
„Sorry, es kam einfach so über mich. Aber es musst einfach raus. Glaube mir, sonst habe ich meine Emotionen mehrheitlich im Griff. Ausser bei Rugby; aber dort darf man...“ sie lächelte mich an und fuhr sich anschliessend mit der Zunge über die Lippen, es war nicht einfach, es kamen mindestens drei Gummis in die Quere.
Die Sache mit der Schandmaske ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hackte nach: „aber das Geschäft läuft?“
„mehr als gut! Ich kann sehr zufrieden sein. Ich habe nach meiner Rückkehr aus Europa etwas Pepp in die Bude gebracht. War ein Risiko, aber den Kunden gefällt es offensichtlich. Nicht zu modern, aber auch nicht mehr Vorkriegsästhetik... Für meinen Partner ist’s manchmal etwas zu viel, weisst du, er hätte gerne, wenn ich mich mehr ums eigene Haus und so kümmern würde. Er ist nie von der Insel weggekommen, und hier zählen eben noch die traditionellen Werte: Familie, Kinder und so. Er hätte auch sehr gerne einen Haufen eigener Kinder. Ich habe mein Geschäft, das gibt mir Befriedigung. Versteh mich nicht falsch, ich liebe Kinder. Jede Frau liebt Kinder, das ist in unseren Genen. Glaube ich zumindest.
Ich verdiene auch mehr als er. Er würde es niemals zugeben, aber es ist ein Problem für ihn. Letztens habe ich ihm vorgeschlagen, dass er den Haushalt übernehmen könnte, und die Erziehung der Kinder. Er ist blitzschnell verschwunden und zwei Tage später völlig versoffen wiedergekommen. Dieses Thema werde ich nicht wieder anschneiden.“ und sie lachte herzlich. Dabei löste sich der Gummi über die Frontzähne und zwickte sie in die Lippe. Während sie einen neuen Gummi aus einem Säcklein in ihrer Krokodilleder-Handtasche nahm und gekonnt wieder einsetzte, meinte sie: „siehst du, nicht einmal herzlich lachen kann man mit diesen Dingern im Mund.
Die Bar hatte sich inzwischen geleert, und sie sah auf die Uhr. „Mist. In einer halben Stunde ist Rugby-Training. Als Trainerin darf ich nicht zu spät kommen. Sorry, dass ich die so überstürzt verlasse. Können wir uns mal zum Lunch treffen? Würde mich wirklich riesig freuen!“
„Sehr gerne!“
Nochmal eines ihrer bezaubernden MacGee-under Construction-Lächeln. Und schon war sie weg.
Ich sass noch auf meinem Barhocker und dachte nach. Whow, das war intensiv! Dave stand neben mir und sagte: „da ist unsere lovely Isabelle gerade schwer in die Gänge genommen.“
„allerdings. Ich kenne sie so gar nicht.“ und als Witz: „Dave, was hast du ihr in den Drink gemixt? Die ist ja richtig aus sich herausgekommen.“
Er lachte zweideutig: „l‘m a professional, you know, Mate! Aber ich sag dir es gibt noch andere Ladies hier auf der Insel, die sowas wie Isabelle notwendig hätten. Aber komm‘, setz‘ dich zu uns an den Tisch.“ er zeigte auf einen Tisch hinten im Raum, an dem schon... ist‘s Mel, oder Doo?.. sass. „Darf ich dir nochmal etwas bringen?“
„bitte nur ein Cola. Dein Drink war sehr gut, aber weisst du, mitten in der Woche.“
Ich sah auf meinem iPhone, dass mir Cristina schon zwei Mitteilungen geschrieben hat.
Meine Antwort war gelogen: „noch geschäftlich unterwegs. Sorry, meine liebe Prinzessin.“ es kam ab und zu vor, dass ich mit Carl und Geschäftspartnern noch abends etwas trinken ging. Cristina verstand es und vertraute mir.
Die Antwort kam umgehend: „kein Problem. Und denk dran, wir haben erst Mittwoch! ???? ????“
Ich setze mich zu... an den Tisch und sprach das Problem umgehen an:
„Ist mir wirklich peinlich, aber bist du Mel, oder Doo?“
„Ich bin Mel. Bei uns ist das ganz einfach: Doo ist die von uns mit den grossen...“ und sie bildete mit ihren Händen zwei Körbchen vor ihrem Oberkörper. „... also logisch: Doo. Ganz einfach zu merken.“ war das jetzt ein typischer Lesbenwitz? Jedenfalls konnte ich die beiden in Zukunft unterscheiden. Inzwischen sass auch Dave am Tisch. Auch mit einem Cola. Er fing an: „hast du dich gut eingelebt im Paradies in the middle of Nowhere?“
Ich hielt mich bei meiner Antwort relativ allgemein. Ja, es gefalle mir, nette Leute hier, schöne Natur, das übliche Smalltalk-Blabla eben. Ich kannte Dave und Mel kaum, und wusste wirklich nicht was die beiden mit mir vor hatten. Und Isabelles Ausbruch ging mir noch immer nicht aus dem Kopf.
„aber sonst so? Die Leute? Hey, du kommst aus Europa! Hast du diese Spiessigkeit hier nicht schon satt?“
Nein, eigentlich nicht. Ich fand es sogar amüsant. Ich habe jetzt sogar einen schwarzen Massanzug im Schrank und habe gelernt eine Fliege zu binden. Ich sagte den beiden, dass es mich an ein britisches Freilichtmuseum erinnert: „der Metzger fährt eine Morris Minor, der Maler einen Commer und Carl hat einen Jaguar. Wenn die Zähne noch schief wären: Grossbritannien im letzten Jahrhundert.“
Der letzte Satz liess meine beiden Gegenüber aufhorchen.
„Ist dir also auch schon aufgefallen, das mit den Zahnspangen hier?“ warf Mel ein.
„Isabelle hat mir gerade ihre Horrorgeschichte erzählt. Ich denke, sie ist nicht die Einzige, die sowas erzählen könnte...“
„... oh ja,“ sagte Dave, „glaube mir, ich könnte dir den ganzen Abend noch solche Geschichten weitergeben. MacGees Praxis ist gleich dort drüben,“ er zeigte mit der Hand in Richtung Ausgang. „weisst du wie viele Enttäuschungen hier schon hinunter gespült wurden, von Frauen, die von dort drüben gekommen sind. Manchmal können sie mir ihre Erlebnisse erzählen, manchmal ist es ihnen due to technical difficulties nicht mehr möglich.“
„Woher kommt dieser... ist‘s ein Kult?“ wollte ich wissen.
Die Antwort kam von Mel: „das hat mich Dave - neben ganz vielen Dingen - auch gefragt, als er hier bei mir in der Bar angefangen hat...“ somit wusste ich wie Mel ihren Lebensunterhalt bestreitet. Ihr gehört das Arch and Whale.
„und? Was hast du ihm geantwortet?“
In diesem Moment kam ein Paar in die Bar. Er über fünfzig, sie maximal dreissig. Sie trug einen Interlandi-Headgear mit zwei Facebows. Es erinnerte mich an eine dieser Schandmasken, die Isabelle erwähnt hat. Dave stand auf und ging die beiden bedienen.
In Richtung der jungen Frau schauend, meinte Mel: „MacGee schlug zu...“
„Sagt dir der Begriff ,Schandmaske‘ etwas?“
„Oh ja!“ antworte Mel, „ich muss los, aber think about it. War wirklich nett dich kennengelernt zu haben. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder. Es gäbe noch mehr über Saint Hiram zu bereden.“ sie drückte mir kräftig die Hand und ging. Ich nahm mein Cola, setze mich mit zwei Stühen Abstand zum Paar an die Bar. Im Spiegel hinten an der Wand konnte ich sie beobachten. Wenn sie den Mund öffnete, erinnerte es mich an einen Entenschnabel. Die Facebows schienen sie zu stören. Sie bewegte andauernd ihren Unterkiefer in alle erdenklichen Richtungen, was sich auf den Facebow übertrug. Sie faste sich auch mit den Fingern in den Mund, um zu ertasten.
Dave brachte ihnen ihre Drinks. Einen Whisky für ihn und ein Cola sie.
„Ich nehme an mit Strohhalm, my Lady?“
Sie nickte nur, nahm eine Serviette und trocknete vorsichtig ihre Tränen, ohne ihr Make-up zu verwischen. Sie trug ein gestärktes, rosafarbenes Hemd mit einem gekonnt geknoteten Seidenfoulard darunter, bestimmt von Hermes. Der Interlandi-Headgear drückte ihre blonden Locken gegen den Schädel, so dass sie nur im Nacken zur Geltung kamen.
Dann nahm sie einen Schminkspiegel aus ihren Louis Vuitton-Beutel, überprüfte ihr Make-up und begann einige Stellen nachzupudern. Dann kam die Wimperntusche dran, und schlussendlich versuchte sie ihre Lippen nachzuziehen. Ich konnte alles diskret im Spiel beobachten. Manchmal kreuzten sich seine Blicke und meinen, ich nickte im freundlich zu. Er kam mir bekannt vor. Dann sprach er mich an:
„Ihr Wagen ist jetzt definitiv unterwegs. Habe heute die Meldung aus den Hafen von Freemantle bekommen.“
Aber natürlich. Es war der Autohändler!
„Ich habe gewusst, dass ich sie kenne, konnte sie aber nirgends zuordnen. Aber jetzt ist alles klar!“
Ich setze mich zwei Stühle näher zu ihm, zwischen uns die junge Frau.
„Fiona sollten sie eigentlich auch kennen, sie arbeitet auch im Autohaus. Wobei wir ihr Aussehen heute etwas verändert haben. Nicht wahr, mein Täubchen?“
Das Täubchen erinnerte mich allerdings eher an eine Ente, wenn sich ihre beiden Facebows wie ein Schnabel bewegten.
Fiona drehte sich in meine Richtung. Hinter den beiden Facebows befand sich ein puppenhaftes Gesichtchen mit zwei bergseeblauen Augen.
„Komm, zeig unserem Kunden, was wir dir heute alles an Extras eingebaut haben. Ich habe den Doc gesagt, er soll alles auf einmal erledigen. Sie gehen ja auch nicht zuerst zum Ölwechsel, folgende Woche werden die Bremsen erneuert und eine Woche darauf die Batterie erneuert. Alles auf einmal! Mach mal deinen Mund auf, Täubchen!“
Erinnerte mich irgendwie an einen Autohändler, der einem den Motorraum eines Wagens vorführt. Und. Entsprechend ging es auch weiter:
„Fiona, sie ist übrigens meine Tochter, nur das da keine falschen Verdächtigen entstehen - sie wissen was ich meine - hatte als Kind schon so eine Richtbank im Mund. Und jetzt mit dreissig steht sozusagen, der Hunderttausender-Service an, mit allem, inklusive Zahnriemen und Radnaben. Nur so kann man den Wert erhalten.“
Er grinste, und fand seine Auto-Analogien witzig. Ich fand sie beschämend.
„Also da hätten wir mal oben und unten alle Zähne bebändert. Die sollen drin bleiben, nicht dass sie alle paar Wochen in die Garage, äh, in die Praxis rennen muss.
Dann den Facebow fest verbunden. Sie kennen ja diese jungen Dinger, immer alles Mögliche im Kopf, und dann vergessen sie...“ bei vergessen, machte er mit seinen Fingern zwei Apostroph. „... den Facebow zu tragen. Kenne ich von ihrer letzten Behandlung und der ihrer Schwester. Deren Service beginnt morgen. Ich hab dem Doc gesagt, er soll den Bogen doch gleich mit den Band verlöten. Zeig mal, Täubchen, ob er das gemacht hat. Offenbar hat er dieses Mal auf den Profi gehört. Dieser Facebow bleibt jedenfalls bis zum Ende der Revision drin, dass ist sicher.
Den unteren kann sie rausnehmen; sonst verhungerst du mir ja noch. Nicht war, Kleines?
Der eigentliche Grund für den Service war ihr lispeln. Sie stösst mit der Zunge beim Sprechen gegen die Zähne. Ich hab‘ ihr gesagt, sie soll damit aufhören. Jetzt wird es ihr    mit diesem Ding abtrainiert.“
Sie hatte hinter den Frontzähnen ein Drahtgeflecht aus den einzelne Drähte richtig Zunge standen. Sah schmerzhaft aus.
„Sprechen kannst du noch?“ fragte ich sie direkt.
Sie schüttelte den Kopf und sagte etwas, das ich als: „nicht so gut.“, interpretierte.
„Ja, das muss sie rasch wieder lernen. Bei uns geschieht noch viel am Telefon, wie können nicht nur E-Mails versenden. Aber zu viel reden ist auch nicht immer gut. Reden ist Silber, schweigen ist Gold. Und das sagt ihnen ein Autohändler! Komisch, nicht?
Und dann hat sie noch diese Gummis, der Doc weiss bestimmt, was er damit will.“

Ich verabschiedete mich von Fiona, ihrem Vater, Dave und seiner Kollegin. Was zur Hölle geht auf diese Insel vor? Je mehr ich darüber nachdachte, um so mehr kam ich zur Überzeugung, dass Cristina recht haben könnte.
Title: Auf zu neuen Ufern! neuntes Kapitel.
Post by: Uniphase on 07. August 2022, 12:48:20 PM
neuntes Kapitel


Carl wollte am Freitagmorgen abfliegen, am Donnerstagabend fuhr ein Jaguar an 24 Nelson Terrace vor. Ihm entstieg Gisela mit unzähligen Gepäckstücken.
„Ziehst du grad definitiv bei Cristina und mir ein? Das freut mich!“
„Warum?“
„Wegen deinen vielen Koffern.“
„Cristina muss dir noch gaaaaaanz viel über Frauen beibringen. Die nächsten zwei Wochen wird sie dabei vom mir unterstützt.“
Mir viel erst jetzt auf: kein Headgear und sie konnte verständlich sprechen. Gummis scheint sie allerdings bekommen zu haben. War ich eventuell erfolgreich? Das würde mich für Gisela riesig freuen.

Die beiden Frauen waren sehr wortreich damit beschäftigt Giselas Zimmer einzurichten. Ich sass im Wohnzimmer und machte.... nichts!
Ich hatte Wochenende. Carl meinte ich soll am Freitag zuhause bleiben, und aufpassen, dass die beiden Damen das Haus nicht abfackeln.
Das liess ich mir nicht zweimal sagen.
Später, wir bestellten Pizze und assen diese vor den Fernseher, unterhielten sich die beiden auf eine Sprache die ich nicht verstand. War auch nicht so wichtig, ich beobachtete ihre unterschiedlichen Lösungswege, mit Zahnspange Pizza zu essen. Cristina, war wegen der Herbstscharniere im Nachteil.
„Stimmt doch, oder?“ sagte sie zu mir. Um zeitgleich zu realisieren, dass ich ihr nicht zustimmen kann, weil ich nicht verstand, über was sie sprachen.
„Ich sag‘ mal ja, denn laut meiner Erfahrung hast du immer recht.“
Sie lachten beide, und die Spangen waren mit Käse, Teig, Tomatensauce und Schicken zugekleistert. Irgendwo, zwischen einem Archwire und einem Band, steckte sicher auch noch etwas Oregano.
„Weisst du was?“ sagte Gisela an Cristina gerichtet. „Wir sollten versuchen Englisch zu sprechen, sonst versteht er nichts.“
„Ausser wir wollen, dass er nichts versteht.“ Ein Zahnspangen-Pizza-Lächeln in meiner Richtung.
„Dazu habt ihr aber noch genug Zeit, wenn ich ausser Haus bin.“
„Ich muss mich übrigens noch bei dir bedanken.“
„Bei Cristina auch! Sie hat hauptsächlich eingefädelt, dass du hier sein kannst.“
„Dafür natürlich auch. Nein, ich meine wegen der anderen Sache.“
„Welche andere Sache?“ bitte sag jetzt, wegen der Spange.
„Dafür, dass ich den Headgear nicht mehr ständig tragen muss, und dass man eine Lösung ohne das Kunststoffteil sucht. Ich weiss, dass du mit Carl darüber geredet, hast und er dann mit MacGee.“
Jetzt war ich fast ein wenig gerührt.
„den Headgear bist du noch nicht ganz los?“
„nein, vierzehn Stunden täglich und zwölf Stunden müssen zusammmenhängen. Sollte zu machen sein.“
„Mit dem Zeiterfassungssystem?“
„Das schon. Ohh, in drei Minuten fängt der Zwölfstunden-Block an, und in meinem Mund sieht es noch aus wie nach einem Motorsägen-Massaker.“
Sie stürmte los, in Richtung Badezimmer.
„Was hast du da gemacht?“ tönte es hinter dem Deckel eines Pizzakartons hervor. „Du hast Carl gesagt, er soll MacGee sagen, er müsse Gisela den Headgear entfernen?“
„Wortwahl und Taktik, waren etwas anders. Carl ist nun mal ein Softie, trotz rauher Schale.“
Ich wurde hinter einem Pizzakarton hervor seelig angelächelt.
„Bist du sicher, dass du deine Zahnspangen je wieder sauber bekommen wirst. Du siehst furchteinflössend aus.“

„Ich schlafe heute Nacht unten bei Gisela. Sonst hat sie Angst.“
„Und ich?
„Du schläfst hier oben und hast keine Angst. Du bist ein grosser Junge.“
„Mit euch beiden im Haus, muss ich aber Angst haben. Noch mehr, wenn ihr das selbe Zimmer bewohnt.“
„wovor hast du Angst?“
„Witch craft.“
„Aber ich komm‘ dir dann doch noch einen gute Nacht Kuss geben.“
„Da drauf freue ich mich.“
Und ich bekam an diesem Abend sogar zwei gute Nacht Küsse. Einen durch einen Facebow hindurch auf die Wange. Ein neues Erlebnis, und ich fragte mich ob Cristina im Laufe ihrer Behandlung, auch einen bekommen würde?


Eine Woche später.
Off we go! Das Ziel der Reise hiess Ressort in den Bergen. Wir fuhren um die Mittagszeit los und waren, mit einigen Unterbrüchen und Fotohalten, am späteren Nachmittag dort. Die beiden Mädels waren vergnügt und Gisela trug mehr als die vorgeschriebene Zeit ihren Headgear. Sie sah dies als Zeichen des guten Willens an, und wollte Doc MacGee dies beim nächsten Termin zeigen. Bei Cristina verlief alles wie gewohnt, sie hoffte, bald die beiden Expander definitiv loszuwerden. Ich wusste nicht, ob dies ein guter Wunsch ist, ich war mir sicher MacGee hatte schon ein anderes Folterinstrument in seiner Schublade, dass den Expandern folgen wird.
Aber über solche Dinge wollten wir uns an diesem Wochenende nicht kümmern.
Wir hatten uns diesmal ein Häuschen mit zwei Schlafzimmern reserviert, und ich war froh, dass Cristina wieder ein Zimmer mit mir teilen wollte. Ich vermisste ihren Körper im Bett neben mir und ihre sanften Atemgeräusche.
Die Zimmer waren eingeräumt, der Kühlschrank bis oben gefüllt und wir lagen auf der Veranda und zelebrierten das Dolce far niente.
„Bin ich der Einzige, der Lust auf ein Eis hätte?“
„Ja, weil du das einzige Maskulinum auf dieser Veranda bist.“ Cristina konnte nicht viele Jahre die Schulbank drücken, darum staunte ich immer wieder über solche Äusserungen. Ich war überzeugt, mit einer besseren Schulbildung hätte sie es weit gebracht.
„Aber die beiden Femininum wären bestimmt auch dafür zu haben, oder Gisela?“
„hmm? Nur wenn es selbst her kommt, meine Hängematte ist gerade sooo bequem.“
„Das ist eine Ausrede! Hängematten sind nie bequem. Aber ich habe verstanden...“
Ich stand extra laut stöhnend aus dem Sofa auf und frage: „Schokolade für mich, Erdbeeren für Cristina und die Dame in der Hängematte möchte Vanille, richtig?“
Es kam zwei „richtig!“ zurück.
Cristina fragte scheinheilig: „ soll ich dir das Geld mitgeben?“ und lächelte mich silbern blitzend-verschmitzt an.
„Nein, wir rechnen am Sonntagabend ab...“

Ich war mit den den drei gefrorenen Kalorienbomben in der Hand auf dem Rückweg zum Cabin, als mir zwei Frauen entgegengekamen. Das eine Gesicht erkannte ich sofort, es war das hinter zwei Facebows eingesperrte von Fiona.
„Scho schieht man schichsch wieder! Darf ich dir vorstellen? Meiner Schweschter Katy.“
„Nice to meet you Katy.“ und Fiona stellte mich ihr vor.
Katy war grösser als Fiona, hatte gerade, braune Haare, braune Augen und war ebenfalls schön. Sie trugen- natürlich! - ebenfalls Spangen, einen Facebow mit Nackenzug, und soweit ich sehen konnte, Herbstscharnieren und Bändern. Sie trug ein dunkelblaues Polohemd, dessen Kragen sie aufgeschlagen hatte, wahrscheinlich um den Headgear weniger sichtbar zu machen, blaue Jeans und weisse Sneckers.
Fiona trug ein mackelloses Make-up, ein enges, lachsfarbenes Polohemd, eine Perlenkette, offenbar keinen BH, weisse nicht minder enge weisse Jeans und schwarze Turnschuhe.
Die Zähne und Facebows schienen extrem zu spiegeln.

„Wasch hat disch in die Wildnisch verschlagen?“
„ich bin mit meiner Partnerin und ihrer Freundin übers Wochenende hier.“
Fiona grinste funkelnd hinter ihren Facebows hervor, meinte: „soso“ und wollte pfeifen. Das mislang. „Scheischsch Tschanschpangschen!“ wir lachten und ich klärte auf, dass alles ganz und gar seriös abläuft.
„Wir schind im Hausch tschweiundtschwantschig, und ihr?
„Wie es der Zufall so will: einundzwanzig. Kommt doch mal vorbeischauen! Der Kühlschrank ist bis oben voll.“
„Scher gerne, wir müschen jetscht nosch tschwei Taschen holen. Unsch  einrischten, aber dann schehen wir unsch.“
„Cool. Aber jetzt muss ich los, ihr wisst: Eis und Wärme.“

„Das hat aber gedauert, warst du am Südpol Eis holen?“
„Am Südpol war das Erdbeereis ausverkauft, ich war darum noch am Nordpol. Ich mach‘ doch alles für sie, meine Prinzessin.“
„Sagt mal, gibt es eigentlich eine einzelne Stunde, in der ihr nichts keift?“
Cristina und ich synchron: „nein!“
und ich ergänzte: „das ist weniger keifen, das sind Liebesbezeugungen, nicht war, Prinzessin?“
Sie stellte sich auf die Zehen, gab mir einen Kuss, der nach etwas feinem, aber unbekannten schmeckte und sagte: „diiiie Beeeesten.“
„Nach was schmeckte das eben?“
„Gummibärchen.“

Während wir uns an unseren Eis gütlich taten, sagte ich: „wir bekommen übrigens nächstens Damenbesuch.“
„Aber nur wenn ich die Hängematte nicht verlassen muss.“
„Lässt sich einrichten. Wir sagen einfach, statt eines Hundes hielten wir ein Faultier.“
„Keeeein Problem!“
„Wer ist es?“ wollte Cristina wissen.
„Die Eine aus dem Autohaus?“
„Die Kleine mit den blonden Locken, die mich so angesehen hat? Ich beeeneide sie um diese Locken.“
„Diese Locken werden jetzt von einem Mords-Headgear zusammengedrückt.“
„Die hat jetzt auch eine Zahnspange?! Die hat doch ein perfektes Gebiss!“
„Saint Hiram, Cristina, Saint Hiram.“

Später klopfte an der Tür und ich ging öffnen. Wie erwartet standen Fiona und Katy mit einem Blumenstrauss draussen.
„Wir haben unsch gedascht, einen Schtrauschsch Blumen, wenn die Frauen in der Mehrheit schind. Wein ischt dosch scho wasch von Geschtern.“
Cristina, die inzwischen neben mir stand, meinte: „Du bist mir jetzt schon sympathisch!“
Während Katy noch gleich angezogen war, hatte sich Fiona inzwischen umgezogen und die Augen neu geschminkt. Sie trug jetzt ein blassgelbes Etuikleid, hatte ein grünes Hermes-Foulard um die Schulter und flache Legionärs-Sandalen mit verchromten Lederriemen. Passend zu ihren Facebows.
Man begrüsste sich gegenseitig und Cristina liess die Katze ohne Umschweifen aus dem Sack: „warum das alles? Du hast doch das perfekte Gebiss. Ich beneidete dich darum, als ich dich im Autohaus sah, neben deinen Locken natürlich!“
„Tja, wenn isch dass wüschte? Ischt daschte ausch, dasch allesch perfekt schei. Und glaub mir, mir gefiel mein perfetsches MacGschee-Läscheln. Und dann wurde entschieden, dasch Katy und isch wieder therapiert werden müschen.  Dasch war ein rieschen Schocksch!
Und schau, meine Lockschen, eine eintschige Meschsch! Dann hascht du schiecher unschwer bemerkt, isch habe nosch etwasch, daschsch misch maschiftsch beim Schpreschen schtört. Scheische, dasch gantsche, eine rieschige Scheische!“
„Und der Headgear? Wie viele Stunden pro Tag?“ wollte Gisela aus der Hängematte wissen.
„Schtändisch, immer, vierundtschwantschisch Schtuden am Tagsch. Schieben Tage die Wosche. Bei unsch beiden wurde der Facebow mit dem Band um den Tschan verlötet, er scholl angblisch erscht wieder rauschkommen, wenn wir den Rescht der Tschanschpangschen ausch wieder losch werden.“
Katy stand die ganze Zeit danach, sagte nichts und nickte nur beipflichtend.
„Und für wie lange das Ganze?“ wollte Cristina wissen.
„Dasch wischschen nischt einmal die Götter, nur der Doc. Wir müschschen unsch damit arrangiere, etwasch anderesch gibt esch nischt. Hier auf Schaint Hiram, schind scholsche Anbligsche nischtsch beschonderesch. Aber isch reische gerne in andere Schädte, dort fällt man auf...“ ich hörte Verzweiflung, Frustration (oder „Fruschtratschion“ wie es Fiona sagen würde) Melancholie aus ihrer Stimme.
„Dich hat‘s offenbar weniger erwischt?“ fragte Gisela.
„Nein, ich hatte mehr Glück als mein kleines Schwesterlein. Nur den Headgear, das kennst du ja offensichtlich auch, Gisela, und Herbstscharniere, wie Du, Cristina. Bis jetzt. Wir wissen alle nicht, was die Zukunft bringt. Speziell wenn man bei MacGee in Behandlung ist.“
„Und Schmerzen?“ wollte Cristina an Fiona gerichtet wissen.
„Eigentlisch keine. Die Schepariergummisch...“
„Oh ja!“ tönte es synchron aus den drei anderen Mündern.
„dann dasch Eintschetschen...“
Wieder ein synchrones „oh ja!“ die Girls mussten darüber lachen.
„... aber schonscht eigentlisch nein. Esch ischt allesch einfasch scher, scher müscham. Schpetschiell das Schpreschen in meinem Fall, für Katy wäre dasch weniger ein Problem.“
Diese Nickte. Ohne etwas zu sagen.
Anschliessend zeigte man sich ausführlich kommentiert, gegenseitig die Apparaturen.
Katy hatte wirklich ein perfektes Gebiss hinter und unter ihren Bändern und Drähten. Cristinas Theorie? Ich hoffte wirklich nicht.
Die vier Damen - und ich natürlich auch - hatten einen wirklich vergnügten und schönen Nachmittag. Einmal, als Fiona und ich uns etwas neben dem Pulk trafen, sagte sie zu mir: „gantsch hertschlischen Dangsch für die Einladung. Genau dasch brausche isch jetscht gantsch fescht. Einfach einige ungetschwungene Schtunden abschalten und Schpasch.“
Sind ihre Bänder und ihr Facebow speziell poliert? Die glänzen wirklich mehr als bei den anderen Drei. Mir gefällt es!

Cristina schwärmte allen vom Papageienpark vor, Katy und Fiona kannten ihn schon und fragten, ob sie uns begleiten dürfte. Da sich die vier jungen Frauen inzwischen gut angefreundet haben, stand dieser Expedition nichts im Weg. Speziell Cristina und Fiona scheinen das Heu auf der selben Bühne zu haben. Als sie herausfanden, dass sie sogar die selben Kleidergrössen haben, und sich anschliessend mit Schwester ansprachen, wurde Gisela kurzzeitig etwas eifersüchtig.

Weil ich immer noch mit dem Geschäftswagen unterwegs war, mussten wir uns auf zwei Autos aufteilen. Cristina und Gisela fuhren anfänglich bei mir mit, die beiden anderen in Fionas Innocenti. Fiona pflegte ihrem Naturell entsprechend einen sportlichen Fahrstil, ich wollte meine Fracht sicher zu den Papageien bringen.
Auf dem Parkplatz des Papgeienparadies neckte mich Fiona aus ihrer Schandmaske hinaus, ob ich eine Muskelschwäche im rechten Fuss hätte?
„Nein, aber kostbare und sehr zerbrechliche Fracht an Bord.“
„Ohh, dasch isch scho schüschsch.“
Und an Cristinas gerichtet: „weischt du wasch dein Göttergatte für nette Dinge über disch schagt? Isch beneide disch fascht ein bischschschen.“
„Mädel: das ist eine Frage der Erziehung. Bei Männern ist alles eine Frage der ri-chti-gen Erziehung. Ich bringe es dir bei, wenn du mich lernst, wie du deine Lidstrich ziehst.“
„Deal! Wobei isch tschur Tscheit mit dieschem Vogelkäfigsch um den Kopf, eher weg bin vom Markt.“
Da haben sich zwei getroffen! Ich war froh, dass Cristina jemanden von ihrem Temperament gefunden hat.
Das mit dem Vogelkäfig wurde zum Running Gag, und es gab dort einige Vogelkäfige, die für Witze über Fionas missliche Lage Stoff boten.
Der netteste war von Fionas, sonst eher stillen Schwester Katy: die Papageien hier, werden artgerechter gehalten, als Fiona.

„Facebows raus, Gummis raus und schmeisst die Headgears weg! Es gibt Eis für alle!“ das war Cristina, die mit einer Ladung Eis vom Kiosk an unsere Tisch im Picknick-Bereich des Parks zurückkehrte.
„Ob Crazy MacGee etwas am Eisverkauf auf der Insel verdient? Seit ich wieder Zahnspangen tragen muss, ist mein Eiskonsum rapide angestiegen.“ fragte Katy in die Runde.
„Das geht mir auch so,“ ergänzte Gisela, es ist allerdings gut, dass man sonst nicht viel essen kann, ich würde sonst Kugelrund.“
„Zahnspangen sind effektiver, als jeder Diätplan.“
Während die beiden Energiebündel Cristina und Fiona sich wirklich gefunden zu haben scheinen, standen die anderen beiden, ruhigeren Frauen oft zusammen vor einem Gehege und unterhielten sich angeregt über das was sie beobachteten.
Ich sprach Gisela abends auf die Situation an, und sie meinte, sie möge Katy sehr, sie hätten schon die Nummern ausgetauscht und wollten sich in Zukunft öfter treffen.
Ich habe Gisela auch deshalb darauf angesprochen, weil Cristina auf der Heimfahrt unbedingt mit Fiona mitfahren wollte.
„Fiona, du weisst: deine Fracht ist äussert kostbar und zerbrechlich!“
Ein blackpoliertes Zwinkern aus dem Vogelkäfig.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: ballermannb on 07. August 2022, 15:55:02 PM
Wieder eine wunderbare Fortsetzung echt super geschrieben! vielen Dank dafür! :)
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: xxxforce on 07. August 2022, 16:40:45 PM
du schreibst wirklich gut! und lässige Story außerdem :) Man darf gespannt sein wie's weitergeht ;)
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: Aktitime on 07. August 2022, 18:41:04 PM
Schöne Story bisher  ;) bin auf weitere Teile gespannt!
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: Uniphase on 07. August 2022, 21:18:12 PM
Danke!
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: Uniphase on 07. August 2022, 21:23:24 PM
Ich bin dran, ich bin dran... :)

Ausserdem denke ich über ein Spin Off nach. Dort wird Fiona die Hauptperson sein. Fiona entwickelt sich in der Hauptstory in eine Richtung, die mehr Zuwendung spannend wäre.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: Uniphase on 07. August 2022, 21:26:10 PM
Ich bin dran, ich bin dran... :)

Ausserdem denke ich über ein Spin Off nach. Dort wird Fiona die Hauptperson sein. Fiona entwickelt sich in der Hauptstory in eine Richtung, die mehr Zuwendung verdienen würde.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: castboy on 07. August 2022, 21:50:10 PM
Verdammt,  verdammt Gut!

Auf Anhieb neben der legendären Susan(Joecool, geht vorwiegend um med.Korsetts und Bodymod) und bracefan's WG einer der genialsten Brace(s)Geschichten die ich lesen durfte. Ich freue much auf das was da kommt:)
Title: Auf zu neuen Ufern! zehntes Kapitel
Post by: Uniphase on 08. August 2022, 02:11:05 AM
zehntes Kapitel.

Wir waren wieder zuhause. Gisela auch. Die vier Mädels - Cristina, Fiona, Gisela und Katy - waren oft miteinander unterwegs, seit wir Fiona und Katy vor einigen Wochen im Ressort kennengelernt haben. Fiona hing jetzt oft auch bei uns herum. Die beiden wurden wirklich beste Freundinnen. Ich fand das gut. Bei Cristina stand der nächste Termin bei Dr. MacGee an, und ich ging davon aus, dass sie danach auch einen Headgear tragen muss. Ich sagte ihr allerdings nichts von meiner Befürchtung und wollte ihr den Spass lassen, ihre drei Freundinnen wegen deren Headgear aufziehen zu können.
Fiona hatte das Sprechen wieder sehr gut im Griff, ich vermute, auch, weil  in unserer Runde viel geredet wurde. Sie verriet mir auch, dass der Hochglanz ihrer Spangen daherkommt, weil diese jeden Mittwochmorgen um 10:00 aufpoliert werden.
Am letzten Mittwoch wurden ihr allerdings nicht nur die Apparaturen wieder zum Strahlen gebracht, sie hatte anschliessend noch einen Termin bei MacGee selbst und seit da eine neu Apparaturen im Mund, mit der man ihr das Lispelten antrainieren will. Irgendwas aus elastischem Kunststoff, dass sie beim Reden wieder stark behindert. Ähnlich dem, was Gisela kurzzeitig tragen musste.
Aus diesem Grund sass ich neben Cristina auf dem Sofa, denn sie wollte mit mir reden:
„Hör, mein grosser. Ich erzähle dir jetzt etwas, und du unterbrichst mich nicht, bis ich fertig bin, sonst komm‘ ich aus dem Konzept und vergesse wichtig Details. Alles klar.“
Ich nickte mit dem Kopf. Sie blickte konzentriert auf den Boden und sah mein Nicken nicht.
„Alles klar?“
„Darf ich jetzt reden?“
„Jetzt schon noch.“
„Yes, your Highness, alles klar.“
„Nein, warte, bei mir nicht.“
Sie legte sich aufs Sofa, ihren Kopf auf meinen Beinen, und fragte nochmals:
„Alles klar?“
„Immer noch my Lady“
„also: ich hab‘ ja diese Theorie, die du als Humbug abtust, und sie als Verschwörung bezeichnest...“
Ich wollte ihr in diesem Moment sagen, dass ich langsam auch daran glaube, habe ihr aber versprochen, den Schnabel zu halten. Ausserdem war es schön, ihr beim Reden zuzusehen. Das Zusammenspiel von Kiefer, Lippen, Brackets, Gummis und den Herbstscharnieren, abhängig vom Laut, den sie gerade bildete.
„... ich habe neue Indizien. Mit drei haben wir ein wunderschönes Wochenende im Ressort verbracht...“
Drei? Stimmt, Gisela wird auch immer mehr zum Indiz...
„... Beispiel Gisela: du redest mit Carl, dass du Gisela eine schöne Zeit bei uns ermöglichen willst, und ob man sie für diese Zeit nicht von festem Facebow und dem Kunststoffteil befreien könnte. Schwups..“ sie schnippte mit den Fingern. „... sie ist das Kunststoffteil los, kann den Headgear abziehen, und muss ihn nicht vierundzwanzig Stunden tragen. Der Zustand wurde seit dann so belassen.
Es darf auch kein Patient während der Operation aus den Spital, nur weil er Fussballspiel anschauen will...
Dann unsere beiden Autohändler-Töchter, von denen du auf eine stehst, dass habe ich schon gemerkt, ich merke A-L-L-E-S!...“
Hey das ist unfair! Ich verpflichte mich, nicht dazwischen zu reden, und sie kommt mit sowas! Das war bestimmt das Detail, das sie nicht vergessen wollte. Ich liebe meine Prinzessin für diese Schlitzohrigkeiten...
„... aber das tut jetzt hier nichts zur Sache. Um das zu thematisieren, treffen wir uns ein anderes Mal auf dem Sofa...“
Ich musste Lachen!
„...Ruhe bitte! Also diesen beiden hübschen Wesen - von denen du das kleinere, jüngere hübscher findest...“
Cool, sie ist eifersüchtig. Das heisst sie liebt mich noch.
„... gingen jedes Jahr regelmässig zur Kontrolle, wie das brave Mädchen tun. Es wurde bei beiden - ich betone nochmals: bei beiden - über Jahre - ich betone nochmals: über Jahre - nicht das kleinste Problem beanstandet, das eine erneute Behandlung notwendig gemacht hätte...“
Sie hätte Anwältin werden sollen...
„...  bis zum Zeitpunkt, an dem Papas kleine Engel flügge wurden. Was meiner Meinung nach, mit dreissig sehr spät ist. Die eine hat sich einen Mechaniker mit knackigem Arsch angelacht, die andere hat Hasch geraucht...“
Das mit Katys Mechaniker wusste ich, dass Fiona beim kiffen erwischt wurde, wusste ich bis jetzt nicht. Das macht sie sogar noch sympathischer. Ich hatte wirklich gedacht, sie interessiert sich nur für Mode und solches Zeug...“
„... womit ich anmerken möchte, dass der Herr, auf dessen Beine sich gegenwärtig mein Kopf befindet, auf eine Crack-Hure steht...“
In diesem Moment fing der Kopf auf meinen Beinen an zu lachen... und steckte mich an.
Sie fing sich wieder. Befeuchtete mit der Zunge zwischen den Vampirgummis hindurch ihre Lippen. Ich liebte es, ihr dabei zuzusehen. Und fuhr fort.
„...wo war ich stecken geblieben? Riiichtig. Papa Autohändler, dessen Weltbild sowas von nicht mehr aktuell ist, wollte die Welt vor seinen beiden... äh nein ich meine, wollte seine beiden Töchter vor dieser Welt beschützen. Vor dem Bösen: Männer, und oder andern Drogen...“
Ich war wieder kurz vor einem Lachanfall, vor allem, weil sie auf meinen Beinen liegend, immerzu mit dem Zeigefinger gestikulierte.
„... da man heute Frauen schlecht einsperren kann, lässt man sie durch den lokalen Kieferorthopäden entsprechend ausstatten, damit sie bestimmt ein gestörtes Sexualleben haben, noch besser gar keines. Der Tochter, die aufmüpfig und frech dem Papa gegenüber wurde, setze man ein Teil in den Mund, dass ihr zusätzlich das Sprechen erschwert. Wenn sie es trotzdem wieder erlernt, bekommt sie ein neues Teil, dass das Reden noch schwieriger macht. Ich konnte mir Fionas Zähne inzwischen einige Male ansehen, es gibt bei ihr keinen Grund für eine solche Spange. Und dann einmal wöchentlich ihren Termin bei der Dentalhygienikerin. Wir mussten als Kind den Mund mit Seife ausspülen, wenn wie geflucht habe!“
Sie setze sich auf und sagte: „So. Jetzt darfst du wieder etwas sagen. Was sagst du?“
„Deine beste Freundin als Crack-Hure zu bezeichnen, ist also schon hart! Sie hat nur einen Joint geraucht.“
Sie lachte und meinte: „bitte, bitte, sag‘ ihr auf keinen Fall, das ich sie so bezeichnet habe. Sie ist in solchen Angelegenheiten etwas, .... sagen wir: Barbie.“
„Ich staune über deine Rhetorik!“
„Als mich meine Großmutter in Caracas nachmittags hüten musste, hatte sie immer Gerichtssendungen im Fernsehen aufgeschaut. Ich wollte darum Anwältin werden und habe geübt. Was kannst du meinem Plädoyer entgegenhalten?“
„Nichts!“
„Was nichts?!“
„Ich vermute, du hast recht. Es geschieht hier so etwas.“
„Ich weiss jetzt gerade nicht, ob ich deine Reaktion gut finden soll. Ich habe mich heute Abend auf eine lange Diskussion mit dir eingestellt, und ich hätte noch mehr Argumente.“
„Schau Cristina, ich habe über deine Theorie nachgedacht, und ich habe Leute getroffen, die deine Theorie untermauern. Ich habe letztes beispielsweise Isabelle zufällig getroffen...“
„... die Innenarchitektin? Die läuft jetzt mit einem MacGee-Modifyer herum...“
Ich war erstaunt: „im ernst?! Bist du sicher, dass sie es war?“
„Ja, sie hat mich gegrüsst, jedenfalls so gut sie konnte. Reden konnten wir ja nicht...“
„ wann war das?“
„gestern im Bus. Vielleicht hat sie in gerade bekommen, jedenfalls sah es fast so aus, als hätte sie geweint.“
„Mist! Hat der Dreckskerl gewonnen!“
„Hä? Was? Details bitte!“
„Du kennst sie ja auch. Gib mir eine Einschätzung von ihr.“
„Offen, aufgestellt, selbstständig, ähm, zielorientiert, weltoffen...“
„Danke, das genügt. Ihre Geschichte in Kurzform: sie hätte die Spangen schon seit Jahren draussen haben sollen. Die Entfernung wurde aber immer wieder um Monate verschoben.
Ihr Trauma ist, dass sie mit den Spangen im Mund heiraten musste, und ihr der Doc anschliessend Vorwürfe machte, weil sie die Gummis am Hochzeitstag nicht getragen hat. Ihrem Mann passt es nicht, dass sie deiner Einschätzung entspricht und mehr verdient als er.
Als ich sie das letzte Mal getroffen habe, hatsie mir gesagt, dass der Doc ihr ein MacGee-Modifyer empfohlen hätte. Sie hat mir aber auch gesagt, dass sie sich dagegen zur Wehr setzen werde.
Ich dachte damals schon daran, dass ihr Mann sie mit dem MacGee-Modifyer disziplinieren will. Dieses Schwein! Wir müssen sie privat treffen...“
„Der Läufer auf der Treppe müsste ersetzt werden...“
„Cristina, du bist die Grösste!“
„Genie hätte mir zwar besser gefallen, aber die Grösste zu sein, ist auch OK. Speziell, wenn man nur einssechzig gross ist.“

Es war schon spät am Abend, als ich ihr eine Message geschrieben habe, ob sie nächsten Zeit für einen Termin wegen des Teppichs hatte.
Umgehend kam ein Vorschlag für einen Termin am nächsten Tag um 16:00, das war mir zu früh. Ob sie nichts späteres hätte?
Nach vier Uhr sei nicht möglich.
„C‘mon! Sie war doch auch schon später hier. Und als ich sie getroffen habe, war es auch etwa sechs Uhr.“
„Damals musste sie auch noch keinen MacGee-Modifyer tragen...“
„Natürlich, deren Tragezeiten werden genau überwacht! Und wenn sie das Ding trägt, kann sie sich mit den Kunden nicht unterhalten. Besuche im Pup sind auch nicht mehr drin. Wann hast du sie gestern gesehen?“
„Kurz nach halb fünf. Natürlich, das macht doch alles Sinn!“
„Cristina. Ich erkläre dich zum Genie!“
Ich zog sie an mich und gab ihr einen ganz grossen Kuss.
„Wir sind zusammen das Genie. Ich bin das Gen, du bist das ie.“
„Damit kann ich leben. Drei Lettern für dich, zwei für mich.“ antwortete ich.


Ich pünktlich um 16:00 war zuhause, zeitgleich mit Isabelle.
Es lief genau so, wie es Cristina und ich geplant haben. Wir schindeten Zeit. Wir hatten wahrscheinlich noch nie soviel Zeit gebraucht, um etwas auszusuchen. Es ging immer mehr Richtung 16:30.
Dann liess Isabelle die Katze aus dem Sack:
„Leute, ich möchte euch wirklich nicht stressen. Cristina hat es vielleicht gesehen, aber ich trage seit vorgestern einen MacGee-Modifyer, den ich unbedingt um 16:30 einsetzen muss, damit ich auf das Tagespensum komme. Ich will nicht schon in
der ersten Woche Probleme mit MacGee bekommen. Es hat mich schon einen riesigen Auwand gekostet, auf vierzehn Stunden minimale Tragezeite herunterhandeln. Achtzehn Stunden geht mit einem eigenen Geschäft definitiv nicht. Dürfe ich Euer Badezimmer benutzt?“
„Nur zu! Aber eins musst du mir erklären, Isabelle. Warum?“
„Ja, aber zwischen 7a.m. und 4:30p.m. jetzt entschuldigt mich bitte.“
Ihr liefen Tränen über die Wangen.

Nach einigen Minuten stand sie wieder vor uns. Das Teil in ihrem Mund war so gross, dass einerseits ihre Wangen die Form von Hamsterbacken annahmen, und ihre Lippen sahen aus wie die einer Gummipuppe aussahen. Dazwischen hellblauer Kunststoff, ungefähr in der Mitte zwischen den Lippen verliefen horizontal ein ungefähr acht Milimeter breiter, weisser Kunststoffsteg, der beidseitig mit einem Klicksystem, wie man es von Rucksäcken kennt, mit den Headgear und dem beidseitigen Zeiterfassungssystemen verbunden war.
„U a ee iih.“
„Lass‘ mich raten: und, was denkt ihr?“
„E-a!“ und sie zeigte uns einen Daumen nach oben. Die Augen verrieten, dass sie zu lächeln versuchte.
„O äh-ä!“ sie griff in die Handtasche, zog ein Döschen Vaseline heraus und schmierte eine dicke Schicht davon auf ihre Lippen.
„A ii i-i!“ und sie zeigte ihren Zeigefinger.
Cristina: „lass‘ mich raten: das ist wichtig!“
Isabelle klatsche in die Hände: „I äit uuh!
„Natürlich, sind wir gut!“
Isabelle lachte, so gut es eben ging.
Dann läutete es an der Tür, Cristina ging nachschauen: „es ist nur Fiona.“
„A ge i aah.“ und sie winkte.
„du kannst gerne bleiben.“
Die nächsten Laute verbunden mit ihrer Minik verstand ich als: wirklich? gerne!
„Ja klar, solange du willst. Ich würde auch gerne etwas zu trinken anbieten. Wird wohl schwierig sein.“
Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf einen Knopf in der Mitte des hellblauen Kunststoffs.
„Der hat ja an alles gedacht! Fasse es nicht als unfreundlich auf, aber ich denke, es ist am einfachsten, wenn du dir aus dem Kühlschrank holst, was du willst, Strohhalme gebe ich dir.“
In diesem Augenblick kam Cristina mit Fiona in die Küche. Ich kam nicht dazu, zu fragen, ob sie sie sich kennen, da platzte es aus Fiona heraus:
„Ve‘dammte Scheischsche, Itschabell, watsch mit tischi‘ paschie‘t?!“
„U uuh?!“
„Ja, abe tschu! Geade tschu“
„Sagt mal, ist Lauteraten ein Volkssport hier auf Saint Hiram?“ mein Witz kam nur bedingt gut an. Sogar Corina, die sich bei mir eingehängt hatte, wie wenn sie Angst hätte, trat mir gegen das Schienbein.

Wir fanden heraus, dass wir am besten kommunizieren können, wenn wir einander WhatsApp-Messages schicken. Nachdem wir eine WhatsApp-Gruppe für uns vier eingerichtet hatten, und einige kleine Regeln aufgestellt wurde, hatten wir einen den Umständen entsprechend vergnügten Abend.

Isabelle erzählte uns ihre ganz gemeine Geschichte: ihr wurde vorgegaukelt, dass man Abdrücke für Retainer nehmen würde. Sie freute sich riesig, nach so langer Zeit ihre Zahnspangen endlos loszuwerden. Sie erzählte es niemandem, weil sie alle überraschen wollte. Sie ging vorgestern hoffnungslos in die Praxis und freute sich, auf das lang ersehnte Leben mit schönen, freien Zähnen.
Doc MacGee eröffnet ihr dann allerdings, dass die Zahnspangen bleiben werden und sie zusätzlich einen MacGee-Modifyer erhalten würde.
Als sie sich weigerte, wurde ihr eröffnet, dass es am Saint Hiram ein Gesetz gebe, nachdem ein Patient zu einer Behandlung gezwungen werden kann, wenn der Ehepartner, oder die Eltern bei Unverheirateten, zusammen mit einem zugelassenen Arzt gegen den Patienten stimmen. Das Gesetz machte zur Zeit der Seefahrt mit Segelschiffen und Piraten sind.
So kam Isabelle ihrem MacGee-Modifyer, und ganz viele andere Frauen auf Saint Hiram zu Zahnspangen. Und es veranlasste Fiona allen der WhatsApp-Gruppe ein „Sch***sE!!!!!“ zu schreiben. Ihr wurde bewusst, was das bedeutet: so lange sie nicht verheiratet ist, und ihr Vater noch lebt, wird sie - wenn Papa es nicht will - die Zahnspangen niemals rausbekommen.
Fiona ging um halb zehn nach Hause, sie sagte zwar nicht, aber Cristina, vermutete, sie müsse um zehn zuhause sein.
Isabelle nahm unser Angebot an, vorerst in unserem Gästezimmer zu wohnen.

Ab zehn vor zehn schickte Isabelle minütlich eine Message von zehn rückwärts gezählt. Um 09:58 erfuhren wir den Grund: von 10:00 bis 10:30 durfte sie ohne MacGee-Modifyer sein. Neben dem, dass man in den nächsten Tagen um zehn abends an 24 Nelson Terrace immer Champagner trank, ist es erstaunlich, was man in dreissig Minuten alles erledigen kann, wenn man gut plant.

Cristina und ich lagen im Bett, ich fragte sie:
„und?“
„komm‘ nie auf die Idee, mir einen Heiratsantrag zu machen. Ich werde in ablehnen!“
Title: Auf zu neuen Ufern! elftes Kapitel
Post by: Uniphase on 08. August 2022, 13:33:12 PM
elftes Kapitel.

Dass Isabelle bei uns wohnt, passte nicht allen in den Kram. Auch Carl hatte davor Wind bekommen.
„Ich habe gehabt, du bist dabei, dir einen Harem einzurichten?“
„Der Eunuche fehlt mir noch, der in meiner Abwesenheit auf die Frauen aufpasst, kennst du einen, hier auf Saint Hiram?“
„Im Ernst, es wird schon über dich geredet, und die Insel ist klein.“
Ich tat ahnungslos: „warum redet man über mich, was habe ich gemacht.“
„Isabelle wohnt angeblich bei dir.“
„Das stimmt. Im Gästezimmer, mit eigenem Bad. Wir sehen sie, reden aber selten miteinander.“ auf diesen Satz war ich stolz, sobald ich in ausgesprochen hatte.
„Du weisst, warum sie bei dir wohnt?“
„Sie hat erwähnt, dass sie in der Ehe gerade eine schwierige Phase hätten. Aber warum hatte sie mir nicht gesagt. Rein statistisch dürfe eine andere Frau im Spiel sein.“ sie konnte wegen MacGee-Modifyers nicht reden und hat es uns als WhatsApp erzählt.
Ich vermute, die Statistik dürfte stimmen.
„Ich habe gehört, es gehe um etwas Anderes...“
Schmunzelnd antwortete ich: „Gerüchte, Carl, da muss man aufpassen, sonst verbrennt man sich die Finger. Aber erzähl: Cossip,ist wie Oregano auf der Pizza.“
„Der gefällt mir, den muss ich mir merken. Woher hast du den?“
„Gerade selber kreiert, kannst die Rechte haben.“ Ich sah auf den Kalender. Saint Hiram ist übersichtlich und Carl das grösste Klatschweib. Wie lange es wohl gehen wird, bis mir jemand meinen Satz sagt. Das Rennen ist eröffnet.
„aber los, jetzt den Klatsch über meine temporäre Untermieterin. Meine Ohren sind auf Empfang!“
„Es gibt hier dieses Gesetz, dass ein Ehepartner, zusammen mit einem ausgebildeten Mediziner, einen Patienten zu einem Eingriff zwingen können, wenn sich der Patient weigert. Und von diesem Recht hat Isabelles Mann gebracht gemacht...“
„Uiii! Ich wusste nicht das Isabelle ernsthaft krank ist? Etwas ernstes? Weisst du was? Ich will natürlich keinesfalls, dass Isabelle stirbt. Schon gar nicht unter meinem Dach!“
„Ich weiss auch nicht, was es ist. Irgendwas, mit ihren... ach, ist ja egal. Weisst du, wir Männer hier, benutzen dieses Gesetzlein hin und wieder, wenn es mit der Besseren Hälfte... du kennst sie ja, deine ist ja auch Latina...“
„Jetzt bin ich aber erleichtert! Dann ist‘s etwas, was Eheleute untereinander ausdiskutieren können. Da misch‘ ich mich nicht ein! Carl, da lassen wir die Finger davon.“
„Hast recht, sollen die sich streiten. Hoffe einfach, dass sie das nicht bei dir im Haus machen.“

Die Abendsonne fiel  ins Wohnzimmer mit seiner Blumentapete in hellen Farben an den Wänden, seinem Eichenparkett, auf den an eigenen Stellen Teppiche lagen. An der Wand - durch die in einem Winkel von rund zwanzig Grad einfallenden Sonnenstrahlen ausgeleuchtet - stand ein Sofa, rechts davon eine Durchgangstür in den Raum dahinter und einem kubischen Beistelltisch davor, links ein grosser, schwarzer Ofen aus Gusseisen, rund, mit diversen Ornamenten. Seine Aufgabe war es im Winter, wenn die Nächte auf Saint Hiram empfindlich kalt sind, das Wohnzimmer wohlig warm zu halten.
Auf dem Sofa - das bisweilen Cristina und mir unseren Aussprachen, Diskussionen, Besprechungen, oder einfach ruhigen Minuten dient - sass eine Frau. Sie sass im Schneidersitz, auf ihren Beinen in schwarzen Yogapants lag ein graues geöffnetes Labtop. Sie trug einen weiten, ebenfalls schwarzen Pullover, und schaute mit leicht schräg geneigten Kopf auf ihren Computer und strich sich gelegentlich ihre langen, dunkelblonden Haare, die sie kurz zuvor gebürstet haben muss, aus den Augen hinters Ohr.
Sie bemerkte mich, sah auf. An ihren Augen sah ich, dass sie mich anlächelte. Sie gab ein: „hääji“ von sich. Dies entsprach einem: „Hey!“ seit sie seit nicht ganz zwei Wochen quasi gesetzlich verpflichtet wurde, von 16:30 abends bis 07:00 am folgenden Morgen mit einem riesengrossen Fremdkörper im Mund zu schweigen. Dieser beraubt sie nicht nur jeder verbalen Kommunikation, sondern gibt ihrem Gesicht auch das Aussehen eines Kugelfisches.
„Hey Isabelle, wie geht‘s?“
Sie machte eine Kopfbewgung, die bedeutet: ganz OK, griff nach dem Smartphone neben sich, begann darauf herumzutippen, nachdem sie sich zuerst nochmals ihre naturblonden Haaren aus dem Gesicht strich. Kaum hatte sie das Smartphone beiseite gelegt und mich durch ihre Augen angelächelt, machte es „brrrt-brrrt“ in meiner Hosentasche.
Auf dem Display meines Mobilphones stand:
„Habe heute eine Anwältin gesprochen. Vielleicht gibt es eine Lösung“
Ich tippe: „Vielleicht oder Wahrscheinlich?“
Das „brrrt-brrrt“ kam diesmal von ihrem Smartphone.
Sie lächelte erneut, strich ihre Haare zurück, und tippte wie wild aufs Smartphone.
„zwischendrin“
„also eher wahrscheinlich“ ich wollte Optimismus verbreiten.
Jetzt tippte sie länger.
„Ich hoffe es. Schau nach Cristina. Sie braucht dich auch!“
Cristina hatte heute einen Termin bei Doc MacGee, sie und ich spürten, dass es nicht nur einen normalen Kontrolltermin sein wird. Ich wollte mich umdrehen, und zu ihr nach oben gehen, da stand sie auch schon vor mir. Mit Headgear. Einem der um den Nacken verlief und ich konnte keine Zeiterfassungssysteme erkennen. Gottseidank! Unmittelbar gefolgt von der Befürchtung, er könnte fest verbunden sein.
„Schau‘ mal: Herbstscharniere weg UND beide Expander draussen!“
„Ja schön, aber...“ ich machte ein besorgtes Gesicht und fuhr mit dem Zeigefinger horizontal vor meinem Mund hin und her.
Sie tat, wie wenn’s nichts wäre: „ach daaaaas. Ein Modestatement hier auf Saint Hiram...“
„Kannst du ihn entfernen und wenn ja für wieviel Stunden?“ ich hoffte so sehr auf eine einigermassen humane Antwort.
„Yes, und vierzehn Stunden. Du hast also die Möglichkeit mich, wenn auch zeitlich eingeschränkt, unbehindert zu küssen....“ als wenn sie meine Gedanken gelesen hätte: „... aber wir können es auch so versuchen.“
Es war ein ganz neues Erlebnis.
„Und gefällt es dir?“
„Was? Dein Fashionstatement, oder das Küssen?“
„Beides.“
„Beim Küssen bin ich mir noch nicht so sicher, bezüglich des Headgears sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen, denke ich.“
„Das sehe ich auch so. Willst du dich bezüglich des Küssens nochmals genauer informieren?“
Wie küssten uns nochmals intensiv, und ich sagte: „ja, doch, zur Abwechslung hin und wieder durchaus.“
„Das sehe ich auch so!“
Bei mir in der Hosentasche machte es „brrrt-brrrt“ und aus Cristinas Gesässtasche kam ein „duiiit-duiiit“ und auf den Displays unserer Smartphones stand „IHR SEID UNMÖGLICH!!!“
Wir drehten uns zu Isabelle und die Augen in ihrem gesetzlich erzwungenes Mondfischgesicht lächelten uns an.
Cristina stand vor Isabelle und fragte: „wäre es schlimm für dich, wenn ich heute Abend meinen Grossen hier zum Essen ausführen würde? Er hat  es zwar keinesfalls verdient, aber ich möchte wieder einmal anständig essen, ohne Herbstscharniere und Expander. Fiona wird vorbeikommen.“
Es war nicht so, dass Isabelle nicht hätte alleine zuhause sein können, aber wir wussten nicht, wie sich ihr Ehepartner mit der Schmach abfindet. Nach dem Gespräch von heute mit Carl, war ich froh, dass während unserer Abwesenheit Fiona da sein wird.
Auf unseren Displays erschien fast zeitgleich: „macht das! Und geniesst es ganz, ganz fest!!!!“ und „bin unterwegs!“ Die erste Message kam von Sofa, die zweite wahrscheinlich aus einem ferrariroten Fiat 500, der gerade ein Tempolimit überschritten hat, oder mindestens bei Geld über eine Kreuzung fuhr.

Es läutete an der Haustür und Cristina ging hin.
„Tscheig he‘! Isch bin enttäuscht, isch hoffe, dasch kansch du einschehen? Dasch ischt ein ‚ischtige‘ Headgea‘! Nischt deine Posche‘ve‘schion!
Und schon standen Cristina, Fiona und Katy im Wohnzimmer.
„Katy hatte heute Abend nischt vo‘, da nahm ich sie ausch mit, ischt in O‘dnung, ode‘?“
„Mädels, ihr seit alle jederzeit hier willkommen, ihr wisst das! Katy, Isabelle, kennt ihr euch schon!“ Isabelle winkte stummlächelnd vom Sofa und Katy sagte: „Ja, sie hat auch schon Dinge für uns gemacht. Und an Isabelle gerichtet: das tut mir echt leid für dich. Das ist wirklich eine verdammte - sorry, es gibt kein anderes Wort - Sch***se!“
Fiona warf ein: „sobald ich unsere WhatsApp-Gruppe eingerichtet habe, gehe ich mit der Prinzessin nach oben und mache sie Startklar für das Dinner.“
„Und du bleibst solange hier unten!“ das kam von Cristina und war an mich gerichtet. Ich liebe ihre Überraschungen.
„Katy, darf ich dir etwas zu trinken anbieten?“
„Ja gerne, hast du irgend einen Softdrink?“
„Am besten kommst Du mit in die Küche, dann kannst du aussuchen. Und du weisst wo alles ist, für später heute Abend.“

In der Küche: „ich bin nicht gar nicht dazugekommen, dich zu fragen, wie es dir geht?“
„So gut es einem gehen kann, wenn man aus meiner Familie kommt.“
„Tönt nicht gut!“
„Papa und Fiona streiten sich oft, auch im Geschäft. Fiona gibt sich nach aussen immer so taff, aber weisst du, die ganze Sache macht ihr sehr zu schaffen. Ich weiss nicht, ob das gut ausgeht... Sie mag dich, und sie hört wahrscheinlich auf dich, kannst du nicht einmal mit ihr reden?“
Eigentlich hatte ich zur Zeit recht viel anderes um die Ohren und keine Lust dazu, aber ich mochte Fiona bekanntlich auch. Ich muss wohl einmal mit ihr unter vier Augen reden.
„Dir ist aufgefallen, ich habe dich nach deinen Wohlbefinden gefragt, und jetzt reden wir wieder über Fiona?“
„Was soll schon sein? Die Streitereien zuhause gehen mir auf den Geist. Ich hatte mit Papa letztens einen riesigen Streit, lange und laut.“ Sie lächelte verlegen, „das war sonst Fionas Spezialität.“
„Hast du gesehen? Cristina hat heute ihre Herbstscharniere rausbekommen.“ ich wollte das Gespräch auf einen anderen Pfad leiten, und mir viel nichts besseres ein.
„Das freut mit für sie. Meine werden nächstens auch raus kommen.“
„Hey cool! Gratuliere!“
„Naja. Man spricht darüber, dass ich nachher einen MacGee-Modifyer brauche. Der Anblick Isabelles ist da nicht besonders motivierend...“
Was hat es nur mit diesen MacGee-Modifyern an sich? Die scheinen sich wie eine Grippewelle über Saint Hiram auszubreiten. Sue im Geschäft hat ihren heute Nachmittag eingesetzt bekommen. Ich werde den Tratsch mit ihr vermissen.
„Was meinst Du, sollten wir wieder einmal in die Berge? Du, deine Schwester, Cristina Gisela und ich. Ich fand dieses Wochenende jedenfalls sehr schön.“
Ihre Augen begannen zu leuchten und sie strahlte mich hinter ihrem Facebow hervor an. So jetzt scheine ich das richtige Topic gefunden zu haben.
„Ja, das wäre wunderbar! My best Weekend ever! Dabei hatte ich erst gar keine Lust aus dem Haus zu gehen. Das war unmittelbar, nachdem Fiona und ich wieder Zahnspangen verpasst bekamen.
Fiona hat mich bildlich gesprochen fast ins Ressort geprügelt, und dort wollten wir eigentlich mit viel Rotwein uns selbst bemitleiden. Ich wollte auch nicht mit, als Fiona zum ersten Mal zu euch ins Cabin ging. Und dann hat sich alles so schön entwickelt. Und ich lernte Gisela kennen. Wir reden viel über all die wichtigen Dinge...“
„Ich glaube ich muss mich jetzt auch bereit machen, ich kann mir vorstellen, dass Cristina hammermässig aussehen wird, wenn sie von deiner Schwester aufgebrezelt wird. Also davon hat sie eine Ahnung, dein kleines Schwesterlein!“

Und Fiona hatte wirklich ganze Arbeit geleistet! Wobei Cristina schon gute Voraussetzungen lieferte. Ganz alleine an Fiona lag es somit nicht.
Es ging ein „Whow“ durch das Wohnzimmer, als Cristina eintrat. Oder wäre „einschweben“ dieser Engesgestalt entsprechender?
Ihre Haare waren zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trug ein Make-up aus Meisterhand, das all ihre Vorzüge betonte, beispielsweise ihren roten Lippenstift, der ihre Zahnspangen und die weissen Gummis betont, die sie übrigens seit heute von den oberen Eckzähnen in einem Dreieck zu den unteren Prämolaren und irgendwo hin ganz weit hinten trägt. Ihre Augen waren ein Gedicht.
Um den Hals trug sie eine Perlenkette und passende Ohrstecker. Darunter ein hell sandfarbenenes Etuikleid mit einem Seidentuch um die Hüfte. An den Füssen hatte sie hellbraune Mocasins mit einer silberigen Verzierung auf dem Rist. Ich wollte nur noch schauen.
„Gefällt dir, was dein Auge erblickt, mein Grosser?“
„Und ob! Du warst bisher die schönste Frau der Welt, jetzt bist du die schönste Frau im Universum.“
Sie neigte auf ihre eigen Art ihren Kopf leicht zur Seite, lächelte ihr verschmitztes Lächeln bei dem sie einen Teil der Zahnspangen entblösste und einen Teil der Gummis sichtbar machte. Mit einem kleinen, synchronen Knicks sagte sie: „Merci!“
Und nach einer Pause: „der Künstlerin zu meiner Rechten gebührt ein Applaus! Bitte geschätztes Publikum. Dies war zwar nicht zahlreich, klatsche aber umso heftiger. Fiona genoss den Applaus sichtlich und strahle hinter ihren beiden Facebows hervor.

Im Auto frage mich Cristina nochmals: „gefalle ich dir?“
„Und ob! Ich habe Speichelfluss und gleichzeitig einen trockenen Mund.“
„Dann ist das Ziel erreicht!“
„Apropos Ziel: wohin gehen wir eigentlich?“
„Fiona hat uns einen Tisch in einem Restaurant reserviert, in dem wir noch nie waren. Sie hat mir den Weg erklärt.“
Wege zu erklären, war nicht unbedingt Fionas Stärke - das sie andere hatte, zeigt ein Blick auf den Beifahrersitz - und Cristina ergänzte lachend: „es ist ganz einfach, wir müssen nur der Küstenstrasse nach, bis zu einem Neonschild, auf dem Alfredo steht.
„Mmm, fein italienisch!“
„das wussten wir, das dir das zusagt, wir haben darum dort reserviert.“

„Alfredo“ war sehr edel, mit weissen, grossen Tischtüchern und ganz vielen Tellern und noch mehr Besteck. Ganz Fionas Welt.
Weil es mitten in der Woche war, waren wir praktisch die einzigen Gäste. Weiter hinten sass ein anderes Paar, dass sich andauernd ganz tief in die Augen sah, entweder waren beide hochgradig kurzsichtig, oder sie hatten auch etwas zu feiern.
Wir wurden von der Chefin bedient. Einer richtigen Italienerin in einem Hosenanzug, mit einem roten Seidenhemd mit passender Masche um den Hals. Was allerdings unsere Blicke auf sich zog waren natürlich ihre Zähne: ein MacGee-Lächeln - hoffentlich - in der finalen Phase seiner Entstehung: was vor allem auffiel, war dass jeder einzeln Zahn aus dem Oberkiefer mit seinem Antagonisten im Unterkiefer mit einem weissen Gummi verbunden war. Sie konnte ihre Kiefer höchsten drei Milimeter öffnen, so dass die Mimik beim Sprechen auf die Lippen und Wangen beschränkt war. Darum, und weil sie diese, für ein MacGee-Lächeln typischen Kieferbögen auswies, war ich sicher: sie hatte wirklich zwischen allen einzelnen Zähnen Gummis. Sie zog auch ständig ihre Unterlippe nach unten.

Während wir auf das Essen warteten und uns zum ersten Mal zugeprostet haben, löste Cristina ihre beiden Gummis und meinte: „bei ihr geht es wahrscheinlich nicht so schnell..“ und „heute muss ich vorsichtig sein beim Essen.“ dann fuhr sie sich mit der flachen Hand vor der Brust nach unten: „aaaalllles geliehen!“ und zeigte mir ihr breitestes Chromstahl-Lächeln. „Es hat eben schon Vorteile wenn meine beste Freundin ein Modefreak mit Schränken voller teurer Kleider und gleichzeitig die gleiche Konfektionsgrösse hat! Auf Fiona!“ sie hob ihr Glas.
„Auf dich und Fiona, die schönsten Frauen im Universum!“
„Ich bin aber Nummer eins und sie nur die Nummer zwei!“
„Und das mit grossem Abstand!“
Das ist, was meine Prinzessin hören wollte, zeige mir nochmals ihr MacGee-Lächeln in Process und fuhr fort:
„Ist dir eigentlich nicht aufgefallen, dass sie mir heute die Bänder und alles aufpoliert haben? Ich finde es sexy. Ich werde mir dies in Zukunft öfter machen lassen.“

Das Essen war wirklich vorzüglich, und wir waren uns sicher, uns wieder einmal bei Alfredo, in Fionas Welt, in die Augen zu sehen.
Beim Zahlen kam dann die grosse Überraschung, als wir die Rechnung verlangen wollten. Die Dame mit den Gummis im Mund eröffnete uns:
„Sie sind eingeladen.“
„Was? Von wem?“
„Als Fiona aus dem Autohaus anrief, um für sie zu reservieren, sagte sie, ich soll die Rechnung an sie ins Autohaus schicken.“
„Was für eine Überraschung, danke!“
„Danken sie ihr, diesem armen Kind! Sie war hin und wieder mit ihrer Schwester hier bevor die beiden ihre Zahnspangen bekommen haben. Arme Mädchen, aber die kleinere, Fiona hat es ganz übel erwischt. Habe sie sie gesehen?..“
„Ja, sie ist jetzt gerade mit Katy bei uns zuhause. Cristina...“ Ich zeigte auf mein Gegenüber, „... und Fiona sind gute Freundinnen.“
Cristina grinste sie an, zeigte auf ihre Kleider: „alllles Fionas!.. aber sie scheint es aber auch schwer erwischt zu haben?“ Cristina zeigte mit dem Zeigefinger auf ihren eigenen Mund.
„Mamma mia! Letzte Woche! Seit sechs Jahren, gut bei mir war es wirklich notwendig. Aber dies hier,..“ sie zog ihre Lippen auseinander, damit wir wirklich alles sehen können, „... letze Woche habe ich diese hier bekommen. Je-deer einzelne Zahn, von ganz hinten bis ganz vorne, sehen sie?“ sie bückte sich zu uns an den Tisch hinunter und zog sich mit den beiden Zeigefingern die Backen auseinander, damit wir wirklich alles sehen konnten. „Stabilisierungs- und Retentionsphase nennt er das! Für mindestens acht Monate. Wisst ihr wie lange ich habe, um alle Gummis einzusetzen?“ Machte wieder diese Bewerbung, bei der sie die Unterlippe nach unten zieht, diesmal noch anschliessend die Oberlippe nach oben. Und schloss mit „MacGee Merda! Vaffanculo“ dabei mache sie eine in Italien nicht unübliche Geste mit der rechten Hand.

Wir kamen gerade noch rechtzeitig heim, um bei Isabelles letzter Viertelstunde Freigang dabei zu sein.
So nannten wir die halbe Stunde, in der sie abends ohne MacGee-Modifyer sein durfte. Da die Tragezeiten auf die Sekunde erfasst werden, mussten diese dreissig Minuten genau getimt sein. Normalerweise begannen sie mit einem Glas Champagner, bei dem wir alles besprechen können, dass nur mündlich, und nicht per WhatsApp möglich ist. Isabelle hat gehofft, uns heute Abend noch sprechen zu können, und legte darum die Champagner-Runde auf die zweite Hälfte ihres Freigangs.
„Wie ihr wisst, war ich heute bei einer Anwältin. Wir kennen uns noch aus der Schule, und sie hat mir schon bei anderen Dingen geholfen. Kurz, die Uhr tickt: ich vertraue ihr.
Ja, dieses Gesetz gibt es. Man kann allerdings die Meinung eines anderen Mediziners, vom selben Fachgebiet, einholen. Das wäre eigentlich kein Problem, wenn MacGee nicht der einzige Zahnschlosser auf der Insel wäre... Und zu einem in Chile zu gehen, geht auch nicht. Die Anwältin klärt jetzt ab, ob und wie Zulassung aus dem Commonwealth ihre Gültigkeit hier in Saint Hiram haben.
Dann müsste ich nach Australien zu einem Kieferorthopäden, der mich beurteilt und mich für dental gesund erklärt. Mental gesund bin ich definitiv nicht, wenn ich diesen Hornochsen geheiratet habe! Die Scheidung ist dann das Nächste, und zuerst eine neue Wohnung zu finden. Mir stehen stürmische Zeiten bevor...“
„Ich bin sicher, dass ich für uns beide spreche, wenn ich dir sage, dass die Wohnungssuche keine Priorität hat, wenn es dir bei uns gefällt. Wir haben dich gerne bei uns, du kannst bleiben, solange du willst, nicht war Grosser?“
„In diesem Fall bin ich mit Cristina völlig einig. Kommt nicht immer vor, aber hier hat sie vollkommen recht.“ ich spürte einen spitzigen Finger und sagte: „Au!“
„Das würde mir wirklich sehr helfen, danke, danke viel, viel mal! Jetzt muss unbedingt, das mit Australien funktionieren...“
„Isch gkomme mit, nu‘ schon ausch eigeninte‘eschschen. Wann fa‘hen wi‘?“ meldete sich Fiona aus ihrem Vogelkäfig.
„Da ist noch etwas sehr, sehr wichtiges und da muss ich euch ganz fest vertrauen können. Bitte. Da ich bekanntlich nicht die einzige Frau hier auf der Insel bin, die dieses Problem hat...“ sie schaute Fiona und Katy tief in die Augen, „... muss jetzt absolute Verschwiegenheit zum Thema herrschen. Sorry, Fiona, ich weiss, in was für einer Sch***ssituation du und Katy steckt, aber ich muss die Sache zuerst alleine mit meiner Anwältin durchziehen. Ich sag‘ dir jetzt schon, du kannst nicht mitkommen. Aber ich verspreche dir hoch und heilig, ich werde dich nicht beSch***sen.
So, jetzt muss ich zurück in die Zelle...“

Später am Abend, als Fiona und Katy gegangen waren, bekamen Cristina und ich ein WhatsApp aus dem Gästezimmer: „war es ein Fehler die Beiden einzuweihen? Könnte das zum Problem werden?“
„Nein, ich glaube nicht.“
„Fiona ist meine beste Freundin. Ich werde morgen nochmal ganz deutlich mir ihr reden.“
Die beiden Antworten, waren nicht zu hundert Prozent, was sie erhofft hat.
Title: Auf zu neuen Ufern! zwölftes Kapitel
Post by: Uniphase on 09. August 2022, 00:21:06 AM
zwölftes Kapitel

Einmal in der Woche amtete Isabelle als Rugby-Trainer einer Jugendmannschaft. Auch wenn sie jetzt keine direkten Anweisungen mehr geben kann, führe sie das Amt weiter aus. Sie sagte uns, oder liess es uns per WhatsApp wissen, dass sie sich wegen diesem %€§&/()§@!! - Teil ihr Privatleben vollständige zerstören lassen wolle.

Heute war dieser Tag, an dem sie jeweils erst kurz vor dem Freigang heimkommt. Cristina und ich hatten also genug Zeit, um Fiona eine Idee schmackhaft zu machen, und ihr noch einmal in aller Deutlichkeit einzubläuen, wie wichtig es sei, dass sie niemandem etwas über Isabelles Pläne erzähle.
Cristina meinte scherzeshalber: „manchmal wäre es eben doch einfacher, sie müssten einen MacGee-Modifyer tragen.“
Und wir lachten beide.
Wir beide mochten Fiona ausserordentlich, darum wollten wir ihr heute auch ein Angebot machen, doch manchmal fehlte ihr eine Portion Lebenserfahrung und teilweise stellt sie ihre Interessen vor die der Anderen. Man merkt, das Papas Geld ihr viele Möglichkeiten bot, vielleicht nicht in jedem Fall die richtigen Möglichkeiten

Mit Pizza konnte man sie immer locken, darum lag die Menu-Karte schon bereit als sie bei uns ankam.
„Piiiiitschaaaa! Wasch wä‘e die Welt ohne Pitscha?“ und sie sah wieder wie aus dem Modemagazin entsprungen aus. Heute trug sie Schuhe mit sehr hohen, dünnen Absätzen, die unter weissen, sehr weiten Hosen kaum sichtbar, dafür um so hörbarer waren. Und ich vermute sich stolziert bewusst auf dem Parkettboden umher, weil sie dieses Geräusch liebte.
Oben trug sie ein einfaches, weisses Shirt ohne Ärmel und ein tailliertes Gillett in einer ebenfalls hellen Farbe. Am Arm trug sie mehrer Metallreifeb, die klimperten, wenn den Arm bewegte. Und um den Hals eine dicke Goldkette.
Heute war sie auf Aufmerksamkeit aus, was sie auch mit ihrem Make-up mit betont dunklen Augenlidern zeigte.
Im Gegensatz zu Cristina, die immer stilvoll und stilsicher Cristina darstellte, waren Kleider und Make-up für Fiona Mittel sich in verschiedenen Rollen zu inszenieren. Immer auf Perfektion aus.
Während ich schon am ersten Stück Pizza nagte, waren die beiden Frauen mit ihren behandlungsbedingten Essensvorbereitungen beschäftigt: Facebow entfernen, bei Cristina den einzigen im Oberkiefer, bei Fiona den einzigen den sie entfernen konnte im Unterkiefer. Dann kamen die Gummis raus. Bei Cristina je einer auf jeder Seite, bei Fiona vier vertikale, die ihren Unterkiefer, an den Oberkiefer zogen.
„Wasch wa‘ dasch fü‘ ein Sch***stagsch heute, es ging allesch, wi‘klich allesch daneben. Isch habe Schaschen ve‘geschen und dasch paschte Papa natü‘lich ga‘ nischt, und weil e‘ misch tschu‘tscheid schpetschiell im Auge hat, gab esch eine Schtandpaugke! Ooooh isch bin sooo nudelfe‘tig...“
„Ferien machen ist keine Option? Kann mir gut vorstellen, dass dich das in letzter Zeit stark mitgenommen hat.“
„Ja, Fe‘ien wä‘en schon schön. Abe‘ wohin mit diesem Vogelkäfig um den Kopf und jetscht, wo isch nischt meh‘ ‚ichtig schp‘eschen kann? Mein Leben ischt scho wasch von... Und wa‘um? Wasch habe isch gemacht. Isch bin doch einfasch nu‘ Fiona.“
„Der Grosse da, der seine Pizza hinunter schlingt, als wär er von Chile hierher geschwommen...“ ich hatte einfach nur Hunger! „... und ich planen drei Wochen nach Australien zu reisen. Wenn du willst, kannst du mitkommen.“
Fionas Gemütszustand änderte sich schlagartig. „Auscht‘alien? D‘ei Woschen? Dasch wä‘e genial!“ Denkpause... „abe‘ isch glaube dasch unmöschlisch. So‘y, Leute.“
„Und warum nicht?“
„E‘schtensch, Papa sagt beschtimmt nein. So saue‘ wie de‘ tschu Tschteit auf misch ischt...“
Es folge eine ganze Liste von Gründen, die sich lösen lassen, bis sie den Hauptgrund aus ihrer Sicht nannte:
„Esch isch diesche‘ scheischsch Headgea‘! Und die Tschanschpangschen. Damit kann ich nicht eischen!“
„Ach ja, was ist mit mir? Ich gehe ja auch?!“ Intervenierte Cristina leicht säuerlich.
Fiona sah sie an, als wollte sie sagen, dass ist etwas anderes, Cristina sei ja auch nicht die Jetset-Lady.
„Isch di‘ schon aufgefallen, dasch du nor‘mal schp’eschen kannsch, daschsch e’schtensch nu’ einen Facebow hascht, und de’ tschweitesch schwupschwupsch weg isch, und dein Headgea‘ gantsch wenig dischk‘ete‘ isch?!“
Ich linkte mich ein, in der Hoffnung, etwas Ruhe in die Angelegenheit bringen zu können.
„Fiona, wir beide, Cristina und ich, würde dich sehr gerne mitnehmen, wir wollen dich aber keinesfalls drängen... Auf MacGee Einfluss zu nehmen, etwas bei deinem Behandlungsplan zu ändern, erachte ich als unmöglich. Aber wer sagt, dass du in Australien den unteren Facebow tragen musst? Und das Reden übernehmen Cristina und ich.“
„Und ich trage immer meinen Headgear, damit du nicht die einzige Freaklady bist.“ Cristina überlegte, zu was sie sich da gerade verpflichtet hat, wurde sich der Tragweite bewusst und ergänzte rasch: „ausser zum Essen! Das kannst du vergessen!“
Ich fand das ein riesiges Angebot, Fiona offenbar auch.
„Whow, daschsch wü‘descht du fü‘ misch auf disch nehmen?!“ und sie tupfte sich die Tränen ab, die sich in ihrer Wut in ihren Augen gebildet haben.
„Ein P‘oblem gibt esch noch...“ sie zeigte auf ihren Headgear.“
„Wenn das das einzige Problem ist! Entweder Cristina fragt, ob sie einen Zweiten haben könne, oder wir bestellten einen im Internet.“
„Gibt esch scholsche im Internet?!“
„Wahrscheinlich schon, dort gibt es alles.“
Jetzt war sie wieder sehr zuversichtlich und fragte halb im Scherz:
„Und ih‘ beide habt eusch dasch wi‘gschlisch gut übe‘legt, dasch ih‘ mit mi‘ d‘ei Wochen nach Auscht‘alien wollt.“
„Ja, haben wir,“ antwortete Cristina, „...und wenn du dich nicht benimmst, setzen wir dich einfach aus!“
Fionas Schuhe scheinen nicht nur spitze Absätze gehabt zu haben, denn von Cristina kam ein unvermitteltes „Aua! Genau so, und wirst ausgesetzt!“
Die beiden Frauen lachten, dass ich befürchten musste, Bänder springen von den Zähnen.

Fiona freute sich so sehr, dass sie hoch und heilig und in allen Farben versprach, die Sache mit Isabelle bestimmt nicht auszuplaudern.

Katy überzeugt ihren Vater, dass er doch Fiona drei Wochen nach Australien schicken soll. Ihr gegenüber sagte sie, dass sie Stuuuuuunden gebracht hätte, uns gegenüber sagte sie, dass es keine zehn Minuten gedauert hätte.
Fiona machte sich im Internet auf die Suche nach Low-Pull-Headgear und fand eine riesige Auswahl, die sie an unsere Adresse schicken liess. Diese waren in allen erdenklichen Mustern und Farben. Fiona ist darum wahrscheinlich die einzige Patientin, die einen Headgear, assoziiert zur Farbe der Kleidung trägt. Sie machte jedenfalls die entsprechenden Versuche mit den Headgears, die sie bei uns lagerte, in Kombination mit dem jeweiligen Outfit of the Day.

Nach dem auch die maximale Anzahl Gepäckstücke und deren grösste Masse bestimmt war. Stand der Reise eigentlich nichts mehr im Weg. Die letzten Termine bei Doc MacGee standen noch an, damit die Zahnspangen nochmals richtig gereinigt, polierte und kontrolliert werden konnten. Dabei mussten Fiona versprechen, den Headgear beide Facebows, und die vier Gummis vierundzwanzig Stunden täglich zu tragen. Glücklicherweise kam ihr erst auf dem Flug in den Sinn, dass es mit den Fotos ein Problem geben könnte. Stimmt, daran haben wir natürlich auch nicht beachtet. Aber das regelten wir anfänglich je nach Situation. Die Leute staunten beispielsweise auf der Fähre im Hafen von Sydney, als sich Fiona den unteren Facebow einsetze, den Interlandi-Headgear aufsetze, sich von Cristina oder mir fotografieren liess, und ihn dann wieder absetzte.
Die Selektion des zum Outfit of the Day passenden Headgear of the Day, beherrscht sie ab der Landung. Schon im Flugzeug entfernte sie den Interlandi-Headgear, schüttelte ihren Lockenpracht und rief: „Freedom!“
Cristina hielt sich eisern an ihr Commitment und trug ihren Headgear tagsüber fast immer. Nachts schlief sie dafür oft ohne, was sie auch genoss. So hatte ich am Anfang der Reise einige wunderbare Tage in Sydney in der Gegenwart der schönsten und der zweitschönsten Headgear-Ladies im gesamten Universum.

In Sydney trafen wir nach ein paar Tagen Isabelle, die zwecks Besuchen bei Kieferorthopäden und Anwälten dort war. Ihre Anwältin - Jodie hiess sie - hatte sie begleitet, und wir verabredeten uns mit beiden zum Nachtessen in einem Restaurant mit Blick über den Hafen im Osten der Stadt. Fiona kannte es von einem früheren Besuch und war sich des Dresscodes bewusst. Beide waren dann wahrscheinlich etwas Overdressed, aber sie sahen wahnsinnig aus. Cristina trug weisse Sneakers, braune Yogapands mit einem gedruckten, dezenten Muster, das einen Tier abgschaut wurde, welchem weiss ich allerdings nicht. Dazu eine weisse, weite Bluse, die Haare hatte sie geflochten und ihr Make-up wurde von Fiona erstellt, es hätte meiner Meinung nach etwas dezenter ausfallen können. Lady Fiona trug eines ihrer Etuikleider, Perlen um den Hals und an den Ohrläppchen. Die Schuhe sah ich schon einmal in einem italienischen Restaurant an Cristina Füssen. Sie genoss offensichtlich die Zeit, in der sie ihre Locken nicht unter den Interlandi-Headgear klemmen muss. An diesem Abend waren sie zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden. Beide trugen ihre Headgears, Cristina zur seelischen Unterstützung ihrer Freundin, Fiona, weil sie nicht anders konnte.

Jodie, die Anwältin war äusserst sympathisch, und trug  - nicht nur zu meiner Verwunderung - Metallbrackets auf einem perfekten MacGee-Gebiss.
Man stellte sich vor, und Jodie kannte Fiona offenbar schon:
„Du arbeitest im Autohaus, richtig?“
„Ich heischsche Fiona, meinem Vate‘ geh‘öt de‘ Laden...“
„Oh, ich sehe, bei dir hat MacGees Fluch gnadenlos zugeschlagen.“
„Dasch kansch du gantsch laut schagen!“
„Mit sogar Sprachbehinderung! Ich nehme an, den Facebow kann auch nur er entfernen?“
„Nein, nischt mal e‘, de‘ isch an den Bände‘n feschtgelötet... den unten kann isch tschum eschen entfernen.“
„Was? den Unteren? Hast du noch einen Zweiten?“
„Ja, dasch schiet dann scho ausch. Wenn du scho jemand in Schaint Hiram schiescht bin isch dasch...“ und sie zeigte ihr auf ihrem Smartphone ein Foto von sich. „Isch nehme esch auf diesche‘ Eise etwasch lock‘e‘. Isch hoffe e‘ ode‘ Papa finden esch nicht he‘ausch.“
„Ich glaub das nicht! Und ich kann mich an dich mit perfektem Gebiss erinnern. Ich war sogar ein bisschen neidisch auf dich!“
Fiona wurde fast etwas verlegen. Und melancholisch. Das waren noch Zeiten, als sie mit ihrer Erscheinung punkten konnte.
„Und du sagst, du hast dich nicht freiwillig in Behandlung begeben? Du wurdest gezwungen?“
„Alscho getschwungen ischt das falsche Wo‘t. Mein Vate‘ wü‘de schagen, e‘ hätte misch und meine Schweschte‘ übe‘tscheugt.“
„Deine Schwester auch? Im gleichen Stil?“
„Nein, bei Ih‘ isch es nicht scho k‘asch“
„Lass mich raten, du bist die rebellischere von euch beiden? Und musst bestimmt einen Bank überfallen und zwanzig Hundewelpen getötet haben, damit man dich zu sowas verurteilt?“
„Nein, isch habe einen Joint geraucht. Und dasch ging etwasch in die Hoschen... mit Politschei und scho. Es wa‘ mein e‘schte‘ und letschte‘ Joint.“
„Davon habe ich gehört. Hihihi. Wenn du es nochmals ausprobiert willst, komm zu mir oder Isabelle.“
An Isabelle gewannt meinte sie: „siehst du, das ist das gleiche Problem, wie mit unseren Brackets. Wir haben damals der ganzen Behandlung zugestimmt dann wird es schwierig.“
„Wasch?!“ Meinte Fiona, „man kann nischtsch dagen unte‘nehmen?“
„Nein, nein, versteh‘ mich nicht falsch. Das Gesetz, nach dem Isabelle den MacGee-Modifyer tragen musste, sagt, dass wenn ein anderer Arzt.... ihr kennt es wahrscheinlich inzwischen. Jetzt ist es tatsächlich so, dass auch ein Arzt in Australien die Diagnose stellen kann. Aber das geht nur, weil sich Isabelle aktiv geweigert hat.“
„... ich war heute bei einen Kieferorthopäden, der meinte, bei sei alles perfekt gewesen, bevor er den MacGee-Modifyer ins Spiel brachte. Morgen wird sich ein Zweiter die Zähne anschauen; und wenn der zum gleichen Ergebnis kommt: tschüss, du verhasster MacGee-Modifyer!...“
„Genau, aber die Brackets werden vorerst bleiben. In meinem Fall, weil ich vor zehn Jahren freiwillig einer Behandlung zugestimmt habe, die erst abgeschlossen ist, wenn der Doc findet, man könne nichts mehr machen. Oder ein anderer Kieferorthopäde erstellt ein Gutachten.
Cristina wurde bleich um die Nase und meinte nur: „O-oooo!“
„Hab‘ keine Angst, da lässt sich auch etwas machen, es ist einfach schwieriger. Eben, mit einem Gegengutachten und so.“

Wir beschlossen den Abend trotzdem in allen Zügen zu feiern.
Als wir dann dem Meer entlang Richtung Hotel trotteten, zog mich Cristina kräftig am Arm, damit ich stehen bleibe:
„Grosser, ich will die Zahnspangen wieder loswerden, wenn die Behandlung vorbei ist, hilfst du mir dabei?“
„Versprochen, meine wunderschöne Prinzessin! Wenn du willst, melden wir dich morgen bei einem Kieferorthopäden an, und du bist die Zahnspangen in ein-zwei Tagen los.“
„Eigentlich will ich ja schon auch ein MacGee-Lächeln, das bekomme bei uns zuhause nur bei ihm. Ich habe mich seit ich klein war ein bisschen für meine Zähne geschämt. Und siehst du, es geht jetzt wirklich etwas...“
Sie zeigte mir ihre Beisserchen, die schon viel besser aussehen. Noch ein langer Weg bis zum MacGee-Lächeln, aber wir waren auf dem Weg. Ob es der richtige Weg war, wird sich zeigen.
„... mir ist es deswegen auch egal, Gummis, Headgear, Herbst, und was auch immer tragen zu müssen. Aber bitte versprich mir, mich nicht mit Zahnspangen disziplinieren zu wollen.“
„Das verspreche ich dir! Und ausserdem mit deinem harten Schädel: ein hoffnungsloses Unterfangen.“
„Warte mal, ich muss dich küssen.“ Entfernte den Headgear, löste die Gummis und wir gaben uns einen langen Kuss.

Fiona sass weiter vorne auf einer Bank und schaute auf den Boden. Als wir zu ihr kamen, schaute sie auf. Und wir sahen, dass sie heulte.
Cristina setze sich neben sie, legte ihr ihren Arm auf die Schulter, und Fiona sagte:
„Scho‘y, isch habe eusch tschugeschen und e‘kannt, wie hoffnungschlosch meine Schituatschion ischt. Mein Wunsch wa‘ es imme‘ auch einen G‘oschschen zu habe, so wie du. Jetscht habe isch ‚ealischie‘t: wi‘d es nie, nie geben. Nischt fü‘ misch...“
Sie heulte wie ein Schlosshund und dreissig Jahre aufgestauter Gefühle flossen in einem Bach aus Tränen, Puder, Lidschatten und Eyeliner in den Hafen von Sydney.

Es war noch nicht zu spät, um Isabelle anzurufen.
„Yes? Alles klar bei euch?“
„Mehr oder weniger. Wir sind gerade mit einem Häufchen Elend an der Rose Bay. Ich brauche deine Hilfe.“
Ich hörte im Hintergrund, dass sie in einer Bar ist.
„Was immer du willst, du weisst, ich habe noch die eine oder Schuld bei dir...“
„der Kieferorthopäde, bei dem du heute warst, ist der verständlich?“
„Sehr sogar! Und er riecht gut, und hat breite sportliche Schultern und ein Grübchen im Kinn, so wie Kirk Douglas... er war in der Jugend sicher Rugby-Spieler? Ja, war er.“
„Kannst du mir seine Nummer geben, damit ich ihn morgen früh gleich anrufen kann. Ich habe folgende Idee:...“
„Kannst du ihm auch gleich selber erzählen... Moment...
„Isabelle?... Hallo?..“
„Nein, Craig hier...“
Erst jetzt habe ich die Sache begriffen, und musste lachen. Craig fand es auch lustig.
„Also, hör zu Craig, wenn ich dich schon gestört habe, erzähl ich dir jetzt auch die ganze Geschichte.....“

Als ich auflegte brauchte ich einen Moment, um zu überlegen, was ich meinen beiden Ladies er zählen soll. Auch pfeif drauf!

„Meine Damen, Fiona hat in zwanzig Minuten einen Termin beim Kieferorthopäden in Bondi Junction. Dort hat es einen Taxistand. Und der Akku meines Smartphone ist fast leer.“
„Was? Grosser, mir fehlen gewisse Details, um deinen Plan zu kapieren.“
„Details im Taxi. Craig öffnet extra für uns um halb zwölf nachts die Praxis und Isabelle hatte andere Pläne mit ihm.“
Cristina wurde laut: „erkläre mir bitte was los ist? Ich sitze hier mit einer aufgelösten Fiona, und du spinnst hier herum?“
„Vertraue mir, du findest meine Plan genial, ich erzähl ihn euch im Taxi, aber jetzt müssen wir wirklich los!“
Die Fahrstrecke von Rose Bay nach Bondi Junction reichte, um den Mädels den ganzen Plan zu erzählen. Etwa bei der Banksia Road war ich fertig.
Die Reaktionen waren: „Grosser, du bist genial!“ und „Scheid ih‘ beiden, schische’, dasch dasch eine gute Idee ischt? Isch will nischt nosch meh‘ P‘obleme.“

Um Mitternacht standen wir wieder auf der Strasse vor Craigs Praxis, und Fiona war ihr Kunstvoll los. Wenigstens bis einen Tag vor unserem Heimflug.
„Cristina, ich muss deinen Grossen Küssen. Ist mir Sch***sgeal, ob du den Rest der Ferien nicht mehr mit mir sprichst.“
„Pass auf Fiona, vor einer Stunde hast du noch Isch will nischt nosch meh‘ P‘obleme, gesagt. Einmal Küssen ist in Ordnung, aber sonst gibt’s P‘oleme mit mir.“
Wir verabschiedeten uns von Craig und Isabelle, und ich entschuldigte mich nochmal bei ihr. Sie flüsterte mir ins Ohr: „wenn‘s etwas wird mit Craig, können wir uns immer an unser erstes Date erinnern... Neben achtundzwanzig Brackets in einem perfekten MacGee-Gebiss funkelten auch Isabelles Augen im Licht einer Strassenlaterne in einem der Eastern Suburbs von Sydney in die Nacht hinaus.



Fiona war glücklich, sie konnte wieder frisch von der Leber weg erzählen. Ich habe sie so noch gar nicht erlebt. Allerdings habe ich sie bisher auch nur mit irgendwelchen Geräten im Mund erlebt, die ihr mit der alleinigen Absicht eingesetzt wurden, ihr das Sprechen schwierig zu machen.
Wir sassen im Aussenbereich einer Bar am Millers Point und genossen die Ferien. Es schien, als sei Fionas Nachholbedarf Konversationen gedeckt. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie ein steter Wasserfall an Worten, Sätzen und ganzen Geschichten.
Cristina lag in meinem Arm und sog an einem Strohhalm, der in einem Glas Eistee stand. Sie hatte sich für einen legeren Feriendress aus Blue Jeans, Mocassins, und einem schon etwa taillierten Poloshirt entschieden. Sie von Natur aus schon schön.
Mir vis-a-vis sass Fiona, sie trug ähnliche Kleidungsstücke, wie Cristina, einfach snobistischer. Ihr Make-up war schon perfekt, weil sie es vor fünf Minuten schon einmal gecheckt hat, trotzdem griff sie zuerst nach dem Schminkspiegel, prüfte ihre Lippen, nahm den Lippenstift und zog - behindert vom Facebow ihre Lippen nach. Sie sah, dass ich ihr zusah, wurde verlegen und meinte:
„Wegen dem Facebow habe ich immer so trockene Lippen, das pflegt.“
„Ja, das glaube ich.“
Ist sie schön, wenn sie nicht so herausgeputzt wäre?
Ja, ich glaube. Sie hat auf jeden Fall eine grosse Portion Charme.

„Wenn wir noch zum Platypus im Taronga Zoo möchten, müssten wir jetzt aufbrechen.“
„Los! Hoch mit euch ihr faules Pack. Auf zum Platypus!“ tönte es unter meinem Arm hervor.
Von der anderen Seite des Tisches tönte es: „ich habe eigentlich keine Lust, ich habe es schon einmal gesehen.“
„Ich noch nie, und ich möchte es schon gerne sehen.“ sagte Cristina.
Ich schloss mich an: „bei mir ist‘s eine halbe Ewigkeit her, ich würde auch gerne gehen.“
„Muss das sein? Cristina, du wirst enttäuscht sein, das ist nur etwa so gross...“ und sie hielt ihre Hände in einem Abstand von 50 Zentimeter.
„Du musst ja nicht mitkommen, wenn du nicht möchtest. Wir können uns ja später wieder treffen.“
Nach langem Hin und Her entschloss sie sich uns anzuschliessen, war aber die ganze Zeit grummelig. Cristina wurde sauer und fauche leise, so dass es Fiona nicht hören konnte: „ich setze sie im Zoo schon aus. Das ist fair, dort hat sie wenigstens minimale Überlebenschancen.“
„Tja, sie wird noch einiges lernen müssen in den nächsten Wochen...“

Abends war die Sache ausgestanden, und gingen zusammen Nachtessen.
Zwischen Hauptgang und Dessert sagte sie:
„Ich muss mit euch reden!... wollt ihr mich noch dabeihaben? Nach heute Nachmittag...“
„präziser bitte?“, sagte Cristina.
„Ich weiss, dass ich mich unmöglich benommen habe. Ich bin so. Darum bin wahrscheinlich auch dort gelandet, wo ich jetzt bin...“
„In Sydney?“
Cristina liess mich wissen, dass sie mich für einen ausgewachsenen Hornochsen halte...
„Nein, an diesem Punkt im Leben. Den Schrank voller Kleider, keine richtigen Freunde und dieser Disziplinierungsmassnahme vor dem Gesicht... ich will es ja richtig machen, aber ich weiss nicht immer wie, und manchmal komme ich mir selber in die Quere.“
sie spielte den Lippen und der Zunge am Facebow herum und schien auf eine Antwort zu warten.
„Also erstens,“ unterbrach Cristina die Ruhe und spielte an ihrem Facebow herum, der vor ihr auf dem Tisch lang, „... hast du Freunde! Zwei Personen die dich wirklich gern haben, sitzen dir gerade gegenüber... Nicht war Grosser?“ und sie zwickte mich ins Bein, damit ich sicher auch etwas sage.
„Wir haben dich gefragt, ob du mitkommen möchtest, oder?“ frage ich.
Ihr Facebow sollte inzwischen Abnutzungserscheinung, so wie er von ihren Lippen bearbeitet wurde.
„Das ist ja das Problem, ich möchte euch wegen meines Verhaltens nicht verlieren. Das was ihr alleine in den letzten Tagen für mich gemacht habt, die Aktion letzte Nacht beispielsweise, ich werde euch das nie, nie zurückgeben können.“ sie versuchte einen Schluck Wasser zu nehmen und schlug aus Versehen mit dem Glas gegen den Facebow, allerdings war noch die Lippe dazwischen: „AUTSCH!“ sie fuhr mit dem Zeigefinger über diese Stelle, sah den Finger an, ob er unter Umständen blutig sein könnte.
„Ich bin so ein Trampel, ich kann nicht einmal Wasser trinken...“
„Weisst du eigentlich, was du uns, speziell mir schon gegeben hast? Du bist meine erste richtig gute Freundin, seit ich auf Saint Hiram lebe...“
„Gisela?“
„Gisela ist toll, sie ist meine Kusine, sie hat mir beispielsweise den hier organisiert...“ sie kraulte mich unter dem Kinn...“ aber zwischen dir und mir hat sich etwas entwickelt. Seit damals im Papageienpark! Das ist das was doch Freundschaft ausmacht... oh bei mir ist Headgear-Zeit!...“ während sie weitersprach, montierte sie zuerst die Gummis und setze sich den Headgear wieder ein. „... oder als du mich für das Nachtessen bei Alfredo herausgeputzt hast und deinen halben Kleiderschrank für mich an die 24 Nelson Terrace geschleppt hast. Schau dir seinen Gesichtsausdruck an wenn er an diesen Abend zurückdenkt...“
„... Ouh-yes!..“ es war eine sehr sehr billige Kopie der Sequenz aus dem Yello-Song
Es huschte ein Lächeln über Fionas Gesicht, dass immerhin so breit war, dass ein Archwire und einige Brackets hinter dem Facebow sichtbar wurden.
Und ich ergänze: „und du hast die Rechnung übernommen! Das war eine riesige Überraschung!“
„ich wollte euch etwas zurückgeben, weil ihr so nett seit zu mir, diese verwöhnten Prinzessin, die sich alles mit Papas Geld kaufen konnte. Nur keine Freunde.“ sie war wieder kurz davor anzufangen zu heulen. Cristina meinte: komm‘ lass‘ uns zahlen, wir finden einen besseren Ort zum Reden. Das war gut gemeint, aber jetzt lief wieder ein Wasserfall über ihr Gesicht
„Das ist das was ich meine! Ich mach‘ euch alles kaputt, sogar das Nachessen.“
Wir zahlten und bevor wir aufbrauchen, gingen die beiden Damen noch aufs Klo. Cristina kam zuerst wieder zurück, schaute mich sehr ernst an und sagte: „die ist ja ernsthaft kaputt. Ich wusste nicht, dass sie so drauf ist. Konnte sie bisher alles überspielen?“
„Offenbar...“
„Sorry, dass ich sie hierher mitgenommen habe, das war meine Idee...“
Ich legte meine Arm um Cristina und sagte: „und ich habe sie in die Ehe gebracht! Also bin ich zumindest mitverantwortlich.“ von hundertsechzig Zentimeter über Boden schauten mich zwei grüne Augen an und sagten: „mach‘ das mit dem Arm nachher bei ihr, sie braucht dringend einen männlichen Oberarm auf der Schulter....“
Ich schaute sie an, sie schaute verschmitzt: „... wir haben zur Zeit nichts besseren, als dich, mein Grosser...“

Auf dem Weg ins Hotel konnten wir Fiona davon überzeugen, dass wir gerne mit ihr reisen würden, und sie sagte, sagte, dass es ebenso mit uns ginge.
Womit einer morgendlichen Fahr über die Paramatta Road in Richtung Blue Mountains nichts im Weg stand.
Title: Auf zu neuen Ufern! dreizehntes Kapitel
Post by: Uniphase on 09. August 2022, 15:59:57 PM
dreizehntes Kapitel

In der vergangenen Nacht kamen wir spät ins Bett, oder besser: früh.
Cristina und ich waren am Ende und am ende auch überzeugt, Fiona unsere Werte verständlich gemacht zu haben. Ob diese Werte für andere die selbe Bedeutung haben, ist unwichtig. Für sie und für mich stimmen sie, und wir fahren meistens gut damit.

Wir dachten, dass wir an diesem Morgen bestimmt auf Fiona werden warten müssen. Pünktlichkeit bei Verabredungen hätte irgendwie auch nicht zu ihr gepasst. Oh Wunder! Sie begrüsste uns strahlend hinter ihrem Headgear und einen Stappel assortierer Koffer hervor.
„Gut geschlafen?“
„Etwas kurz, aber sonst gut. Und du?“
„auch kurz, und nicht gut. Ich musste über das nachdenken, was ihr mir gesagt habt. Danke. So hat noch nie jemanden in meinen dreissig Jahren mit mir gesprochen. Ich glaube, ich habe gemerkt, um was es geht. Um was es euch geht.“
„Und? Kommst du mit, Kängurus jagen?
„Sehr, sehr gern! Let‘s go!“
Ihre Zahnspangen waren schon lange nicht mehr so gut sichtbar, und wahrscheinlich haben sie auch schon lange nicht mehr so gefunkelt. Sie trug fast kein Make-up, aber ihre blonde Mähne war geordnet. Sie hatte ein quergestreiftes Rugby-Shirt an, dass in den letzten Tagen hier in Sydney in ihre Besitz übergegangen ist und Blue Jeans. Ausser zwei kleinen Ohrsteckern, waren der Facebow und die Spangen im Mund, ihr einziger Schmuck.

Kurz hinter Red Fern standen wir schon im Stau. Cristina auf dem Beifahrersitz meinte nur trocken: „ich und das Navi haben eine andere Route vorgeschlagen.“
„Von Sydney nach Süden MUSS man die Paramatta Road nehmen, das ist ein eisernes Gesetz.“
und Fiona auf der Rückbank ergänzte: „wenn du in London bist, schaust du dir auch die Bridge an.“
„Fiona, du verstehst den Sinn des Lebens!“ sagte ich, suchte den Blickkontakt zu ihr im Rückspiegel und sah zwei verschmitzte Augen, zwei Reihen Chromstahlbrackets und einen Facebow.
„Ich stelle mir die London Brigde aber schöner vor, als die Paramatta Road.“
Ich erwiderte Cristina: „es geht um die Symolik!“
Jetzt kam das verschmitzt Lächeln, zwei Reihen blitzender Chromstahlbrackets, inklusive Facebow vom Beifahrersitz.“
Die Fahrt aus der Stadt heraus war zäh und jede zweite Ampel befahl uns zu warten.
„Pfff, das nenne ich eine zähflüssige Symolik! Meine Grossmutter mit ihrem Rollator wäre bestimmt schneller in den Blue Mountains...“
„Nur so kannst du ihren wahren Geist aufsaugen.“ kam von der Rückbank mit einem fragenden Blick in Richtung Rückspiegel, der wissen wollte: gut so?
Ich lächelte ebenfalls ebenfalls in den Rückspiegel und zeigte meinen nach oben gestreckten Daumen.
„Hey, ihr beiden. Habt ihr geheime Kommunikationen über den Spiegel, hinter meinem Rücken?!“
Fiona antwortete: „so haben wir uns auch kennengelernt, nicht war?“

Bevor Cristina durchdrehte, verflüssigte sich der Verkehr und die Fahrt nach Katoomba nahm an Geschwindigkeit auf.
Cristina drehte sich in ihrem Sitz so, dass sie sowohl mich als auch Fiona im Blick hatte, wenn sie ihren Kopf nur ganz leicht drehte.
„Meine beiden Lieben. Das mit eurem ersten Kennenlernen, wie lief das eigentlich ab. Es gibt da so Gerüchte...“
Neben mir ein metallisches Grinsen. Fiona spielte mit dem Lippen am Headgear herum, als würde sie überlegen, was sie sagen soll.
„Lass‘ nur Fiona, die Frage ist primär an mich gerichtet...“ Kunstpause... „also, das war so...“
„Wenn deine Geschichten mit ‚also, das war so...‘ anfangen ist immer etwas dabei, dass du mir verheimlichen möchtest, richtig mein Grosser?“
Zwei verschmitzte Augen, zwei Reihen Chromstahlbrackets, ein Facebow und ein nach oben zeigender Daumen gaben mir zu verstehen: Go for it!

„wie gesagt: das war so. Dave aus dem Arch und Bow gab mir ja an diesem Fest damals diesen kryptische Rat einmal bei ihm im Pub vorbei zu schauen...“
„Ich wusste es! Und mir hast du verboten, dort vorbei zugehen!“ und sie schlug mit ihrer kleinen Faust gegen meinen Oberarm.
„Wenn du mich andauernd unterbrichst, müssen wir bis nach Perth fahren, damit ich dir die Geschichte vollständig erzählen kann.“
„OK, die Prinzessin ist jetzt ruhig und benimmt sich so, wie wenn sie einem MacGee-Modifyer im Mund hätte.“
„... das Pub war proppenvoll als ich ankam, und Dave hatte keine Zeit für eine Gespräch unter vier Augen. Er mixte mir allerdings einen Drink, von dem ich bis heute gerne wissen möchte, was er alles enthielt...“
„das wird ja immer spannender, mein Grosser!“
„Pssst! MacGee-Modifyer! Ich will wissen, wie es weitergeht, und wenn ich ins Spiel komme.“ sagte Fiona.
„Spüre ich da gerade eine Verbrüderung von euch beiden zu meinem Nachteil?“ aber ehrlich war Cristina mehr als glücklich, wie sich Fiona heute Morgen verhält. „Gut, ich sag‘ nichts mehr. Wir sind beim Drink stehen geblieben.“
„... der Drink, genau. Als ich so dasass und mir das Volk betrachtet, viel mir auf, dass der Anteil der Frauen mit Zahnspangen im Mund sehr hoch war. Tja und eine von denen war Isabelle. Sie hatte auch einen Drink von dem ich noch viel lieber wissen möchte, was er enthielt. Andererseits, seit wir sie gut kennen, denke ich, dass sie einfach gerne redet. Ich meine das im positiven Sinn.
Sie erzählt mir ihre ganze Leidensgeschichte, die ich dir übrigens erzählt habe. Du kannst dich errinnern? Zahnspangen am Hochzeitstag und so...“
Fiona auf dem Rücksitz nahm Luft, um etwas zu sagen, Cristina kam ihr zuvor: „tzzzzt! MacGee-Modifyer!“ Die beiden Frauen fingen gleichzeitig an zu lachen, und Ihre insgesamt sechs Gummis wurden dabei ordentlich, fast bis an die Dehngrenze, strapaziert. Eigentlich wussten wir was Fiona sagen wollte.
„Darf ich weitererzählen?“ man liess mich auf dem Beifahrersitz mit einer Handbewegung, und auf der Rückbank mit raschem Niken - inklusive Facebow natürlich - wissen, dass ich weiterfahren könne.
„... und nach Isabelles Geschichte dachte ich, dass an deiner Theorie etwas dran sein könnte... Das gab mir zu denken, zumal sie mir an diesem Abend auch den Tränen nah erzählte, dass sie Kandidatin für einen MacGee-Modifyer sei. Auch dass sie sich wie eine Löwin dagegen wehren würde... Später hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit Dave und Mel, in dem sie mir wenig sagten, aber indirekt zu verstehen gaben, dass MacGee den Frauen von Saint Hiram nicht nur die Münder zaubert, sondern so einiges aus seinem Arsenal auch zur Disziplinierung der nicht ganz angepasst-devoten einsetzt...“ ich machte eine Handbewegung in Richtung Fiona hinter mir, dass diese mit einem ihrer verschmitzten Lächeln erwiderte, diesmal ohne Unterstützung ihrer Disziplinierungsmassnahmen im Mund.
„... Mel musste gehen, Dave musste wieder arbeiten und ich hatte noch ein Cola vor mir an diesem Tisch in der hintersten und dunkelsten Ecke des Pubs.
Dann kam ein Herr mit einer Begleiterin ins Pub, die mindestens zwanzig Jahre jünger, und sehr hübsch war...“ die Reaktion im Rückspiegel kann man sich vorstellen... „ sie trug einen hellbeigen Tufflecoat, der ihr übrigens sehr gut steht, ein grünes Foulard, von dem ich annahm, dass es von Hermes stammen könnte. Sie hatte dunkelblonde Locken und ganz speziell: sie trug einen riesigen Headgear mit zwei Facebows! Sowas habt ihr noch niiiie gesehen...“ als ich nach der Reaktion im Rückspiegel sah, sah ich, dass dort gerade wieder Tränen abgewischt wurden.
„... und weil es mir in meiner Ecke zu dunkel war, setzte ich mich mit meinem Cola an die Bar in gewissen Abstand zum alten Sack und seiner wunderschönen, jungen Partnerin...“ blick in den Rückspiegel: Fiona kämpf mit den Tränen, das Kompliment tat ihr aber offenbar gut, und das mit der Partnerin schien sie lustig zu finden...
„... dieses Paar passte bestens ins Bild, das ich mir über gewisse Vorgänge auf Saint Hiram gemacht habe. Die junge Frau schien mit der ganzen Konstruktion um ihren Kopf Probleme zu haben - heute kann sie damit besser umgehen, wie ich neulich erfahren habe. Der Typ kannte mich, denn ich habe bei ihm einige Tage zuvor einen Toyota Land Crusier bestellt, den ich übrigens immer noch nicht habe. Jedenfalls stellt er mir die junge, hübsche Dame, als seine Tochter vor - wenigstens das! - und führte mir ihre Zahnspangen, die sie offenbar gerade eingesetzt bekommen hat, auf eine mir unsympathische Art vor. Und den Rest kennst du...“
Ich bog zur Tankstelle ab, fuhr direkt zum WC-Häuschen, stellte den Motor ab und rannte aufs WC. Ich hatte seit dem Stadtrand Druck auf meiner Blase.
Als ich wieder hinauskam sagte Cristina: „ich habe gedacht, du fliehst vor mir nach deinem Geständnis...“
Fiona wischte sich mit dem Finger ein letztes Tränchen vom unteren Augenlid und sagte: „ das du dich noch an mein Outfit erinnern kannst? Den Tufflecoat habe ich immer noch, ich liebe ihn. Ist ja bald wieder Saison... Dieser Tag! Der Anfang vom meinem Ende...“ sie fing fast wieder an zu heulen, wollte aber nicht das wir es sehen. Sie drehte sich rasch Richtung Hauptgebäude und meinte: „ich gehe mir ein Wasser holen, wollt ihr auch etwas?“
Ich rief ihr hinterher: „ein Deep Spring Lemmon, gerne.“
Cristina wollte ein Cola Zero.
Wir parkierten das Auto um und warteten an einem Picknick-Tisch auf Fiona.
Cristina strich mir über die Schulter: „unsere Kleine. Aber ich finde sie macht sich gut. Danke, für die kleinen Komplimente ihr gegenüber in deiner Geschichte. Sie braucht solche Zückerchen zur Zeit. Und warum du noch weisst, was sie an diesem Abend anhatte, würde mich schon noch interessieren... schau dort ist sie!“
Fiona kam aus dem Gebäude schaute in die Richtung, in der vorher unser Auto stand und erschrak merklich.
„FFFIIII-OOOONA!“ schalte es über den Platz, und wir fuchtelten beide wie wild. Sie sah uns, nickte uns zu, und lenkte ihre Schritte zu unserem Picknicktisch.
Ihre Apparaturen blitzten in der Sonne, „ich hatte schon Angst, ihr hättet mich wirklich ausgesetzt...“
Während wir Mineralwasser ohne Kohlensäure, Cola Zero und Deep Spring Lemon tranken - die Girls aus technischen Gründen mit dem Strohhalm, ich direkt aus der Büchse - redeten wir nichts.
Wir waren schon wieder am Aufbrechen, als ein Pickup neben unseren Auto hielt. Zwei ziemlich ab gerissene Typen stiegen aus, der Eine hatte an einer Hand nur noch zwei Finger, beim Anderen hat ein Auge wahrscheinlich etwas von seinem Lebenswandel abbekommen. Und ihre Zähne waren soweit von einem MacGee-Lächeln entfernt, wie ein Pinguin von der Arktis. Als sie die beiden Frauen mit ihren Headgears sahen rief der eine: „na Ladies, auf Wasser suche?“
Wir sassen wieder im Auto, Fiona diesmal auf dem Beifahrersitz, und frage: „was haben diese beiden Pfosten mit Wasser suchen gemeint?!“
„Ich nehme an, er verglich eure Facebows mit Wünschelruten zum Wasseradern suchen.“
„Und das soll lustig sein?“
„Finde ich einen fantasievollen Vergleich. Und ich würde es lustig finden wenn ihr jedesmal mit dem Kopf nicken würdet, sobald ihr euch über einer Wasserader befindet.“
Fiona gab mir einen richtig kräftigen Faustschlag auf meinen Oberarm, und aus der Rückbank hiess es: „weiterfahren! Sonst wird dir offenbar langweilig!“

Ich bog wieder auf den Hume Highway und wir fuhren in südwestlicher Richtung weiter.
Cristina fand: „jetzt müssten wir eigentlich noch deine Version dieses ominösen Abends hören.“
„Gut, aber es bleibt unter uns, sicher?..“
Cristina und ich nickten.
„Bei mir war diese Geschichte mit dem Joint, die ihr ja kennt, und Katy hatte eine Affäre mit einem Mechaniker im Autohaus, der wirklich einen süssen Hintern hat... hihihi... dass Papas kleine Engel so etwas machen, brachte ihn in Rage, und Katy und ich verlangten generell mehr Freiheit, immerhin sind wir keine kleinen Mädchen mehr! Wie immer war ich die, die redete, und Katy schwieg. Er beschloss, dass wir zu disziplinieren seien. Alle beiden. Ich vermute er hatte dies hier...“ sie fuhr sich mit dem Finger über ihren verlöteten Facebow, „... damals schon eingefädelt. Und wurden aber noch andere Privilegien gestrichen, beispielsweise die Firmen-Kreditkarte und es wurde gedroht, dass wir Mietzins bezahlen müssen...“
„... du hattest eine Firmen-Kreditkarte, die du auch privat benutzten konntest, und du kannst gratis wohne?!“ wurde sie aus der Rückbank gefragt.
„... ja, ich war und bin eine verwöhnte Göre, aber das haben wir gestern Abend schon besprochen, und was es aus mir machte... Jedenfalls bekamen Katy und ich am gleichen Tag vom Doc Einladungen für die Jahreskontrolle unserer Beisserchen. Da gingen wir jährlich einmal hin, seit wir keine Spangen mehr trugen. Es wurde in all den Jahren nie etwas beanstandet. Wir trugen aber auch immer schön brav nachts unsere Retainer. Manchmal auch am Tag...
Wir gingen beide hin und beiden wurde eröffnet, dass wir wieder eine Behandlung benötigen würden. Ich bin mir sicher, die Sache war von Papa und MacGee vorher abgesprochen, den wenige Tage nachher bekamen wir horrende Kostenvoranschläge ins Haus, die wir niemals hätten bezahlen können. Wir hatten jetzt ja mehr Freiheiten, nahmen uns eine und schmissen die Offerten in den Müll, in der Annahme, unsere Beisserchen seien in Ordnung, so wie sie sind. Was sie ja laut Aussage von Craig sind; habt ihr beide gehört.
Gut, MacGee schickte die Offerte auch an Papa, weil er angeblich wusste, dass wir die Beträge niemals aufbringen können.
Weil wir bei ihm nicht betteln waren, mussten wir gleichzeitig im Büro antrabenden und wir bekamen eine Standpauke. Er weiss wie er uns nehmen muss. Katy knickte sogleich ein und war bereit sich behandelt zu lassen, bei mir appellierte er an Vernunft usw. und ich dachte, wird ja nicht so schlimm sein. Wie ihr wisst: ich lag koooomplet daneben.
Wir hatten unsere Termine und wurden mit den Separiergummis ausgestattet...“
„... autsch, kenn‘ ich. Unangenehm!“
„... dann stand der grosse Tag an, der ominösen Tag, an dem wir uns das erste Mal getroffen haben. Wobei: wir haben uns vorher schon einmal im Autohaus gesehen, ich konnte mich auch an Cristina erinnern...“ an Cristina gewandt: „wahrscheinlich habe ich es dir schon einmal gesagt, deine Haare sind ein Traum!“
„Ja, hast du. Ich höre es aber immer wieder gerne. Darfst es also ruhig hin und wieder erwähnen. Allerdings nicht zu oft, sonst klingts abgedroschen!“
Cristina fuhr sich theatralisch durch ihre wirklich schöne Haare, und wir lachten uns fast einen Schranz in den Bauch. Einer von Cristinas Gummi stand dem Dehungstest nicht mehr stand...
„O-o! Gummialarm!“
Während Cristina mit den Reparaturarbeiten an ihren Zahnspangen beschäftigt war, erzählte Fiona weiter. Zwischendurch kämpfte sie zwar mit den Emotionen, aber sie hielt sich tapfer.
„Jedes meiner schönen, weissen Zähnchen, auf die ich wirklich stolz war, wurde auf martialische Weise, schmerzhaft mit einem solchen Band eingepackt. Ganz ehrlich, ich kann mich an nicht mehr viel erinnern. Könnte mir vorstellen, dass er mir etwas verabreicht hat, damit ich ruhiger auf dem Stuhl sitze. Würde ich dem A.......ch durchaus zutrauen!
Ich wurde wieder in die aufrechte Sitzposition gefahren, mir wurde ein Spiegel in die Hand gedrückt. Ich hatte einen Schock! Wie ihr ja wisst, lege ich einen gewissen Wert auf meine Erscheinung...“ sie merkt, was sie gesagt hat, musste wirklich herzlich lachen und verbesserte sich: „sehr grossen Wert auf mein Äusseres. Zufrieden so? Jedenfalls als ich mich in diesem Moment sah, dass ich keine weissen Beisserchen mehr habe, meine geliebte blonden Löcken unter dem Headgear plattgewalzt wurden, und ich in Zukunft hinter zwei Stahlbügeln versteckt bin, wollte ich nur noch sterben. Ganz schlimm war es, als ich den Mund öffnete und die beiden Facebows - eben - wie ein Entenschnabel auseinander gingen. Das aller, aller schlimmste war, dass man mein Sprechen behindert hat.
Und dann stand plötzlich noch Papa in der Praxis neben mir und hielt einen Moralvortrag!...“
sie zuerst an zu schluchzen, was in weinen überging.
„Sorry, das wollte ich nicht.“ sagte Cristina.
„ist schon gut. Ich brauche einfach zwei bis drei Minuten.“
„du musst wirklich nicht zu erzählen, wenn du nicht willst.“
„doch, es tut gut jemanden meine Geschichte erzählen zu können. Leider seid ihr beide wieder meine Opfer. Wie gestern. Wollt ihr den überhaupt zuhören?“
„Ja wollen wir. Du auch, Grosser?“
„Unbedingt! So etwas unglaubliches habe ich noch nie gehört.“
Fiona hat sich wieder gefangen, schnupfte ein paar Mal und sagte: „warte nur, es wird noch unglaublicher! Denn in wenigen Momenten betrittst du die Bühne...“ Ihr verschmitztes Lächeln diesmal mit verweinten Augen hinter einem Facebow, Tränen und verschmiertem Make-up hervor.
„Als wir die Praxis verliessen, wollte ich nur noch heim. Auf schnellstem Weg, ohne Umschweifen. Mich zuhause einschliessen, unter der Bettdecke verkriechen und heulen. Aber nein, Papa schleppte mich noch ins Arch and Whale! Er fand, dass ich mich an die neue Situation möglichst schnell gewöhnen soll. Ich müsse mich ja im Geschäft auch den Kunden zeigen. Da begriff erst: ich muss so Kunden empfangen, mich mit ihnen unterhalten... Ihr wisst schon!
Glücklicherweise waren ganz hinten im Pub, dort wo es dunkel ist, noch Plätze frei. Dann sah ich den Typen dort am Tisch mit seinem Drink vor sich, der mich offensichtlich bemerkt hat, mit all dem Zeug um meinen Kopf...“ lange Kunstpause und ich spürte, wie mich zwei grüne Augen von hinten, und zwei blaue Augen von der Seite ansahen. Es waren keine bösen Blicke.
„... jedenfalls dachte ich: toll jetzt bin ich der Zirkusfreak für dieses A.....ch..“
„...Moment! Ich glaube du sprichst von einer Person, die gut kenne und äussert schätze. Er ist zwar ein riesengrosser Hornochse, aber ein A....ch ist er definitiv nicht!“
Wir lachten wieder alle drei.
„... jedenfalls setze er sich mit drei Stühlen Abstand und seinem Drink neben uns. Er trug Timberlands an den Füssen, eine Wachsjacke und darunter ein weisses Hemd mit Buttondown-Kragen. Und ich hoffte, seine Freundin hilft im das nächste Mal bei der Auswahl, der Jeans, denn diese sassen äusserst schlecht. Sofern er denn eine Freundin hat, er hockt ja in halbleeren Pubs herum und schaut jungen, kultivierten Damen nach...“
Meine Damen konnten nicht mehr, vor lauter Lachen. Von hinten hörte ich:
„So jetzt ist auch mein zweiter Gummi hin!..“
Und vom Beifahrersitz quiekte es zwischen zwei Lachanfällen: „bei mir hat sich auch schon mindestens einer verabschiedet!“

Als sich die Damen wieder gefangen hatten, fuhr Fiona fort:
„Im Spiegel an der Wand dahinter sah ich, wie er meine Versuche beobachtete, mich mit all dem Stahl in meinem Mund und um meinen hübschen Lockenkopf zu arrangieren. Ich hatte das Gefühl, dass er aufrichtiges Mitleid mit mir hatte...“ ich nickte.
„Ganz peinlich wurde es, als mein Vater ihm meine Zahnspangen präsentierte, als wäre ich der Motorraum eines neuen Autos. Ich bin seine Tochter, nicht ein Toyota mit Sportpaket!..“
„... ja! Das war nicht nur peinlich, das war eine Demütigung sondergleichen! Ich hätte ihm am liebsten eine gepfeffert!“
„...deine Augen haben richtig geglüht! Und ich spürte, dass du dein Herz am richtigen Fleck haben musst. Die Hose etwas weit unten, aber das Herz am richtigen Fleck.“
Ich wurde verlegen und werde beim nächsten Hosenkauf Fiona beiziehen.

„Nach dem du dich dann unmittelbar aus dem Staub gemacht hast, gingen wir auch. Ich wollte zu meinem roten kleinen, geliebten Italiener, als mir mein Vater sagte, dieser stünde schon zuhause, wir können zusammen in seinem Auto fahren. Wir machten aber noch einen grösseren Umweg bei einem seiner Kollegen vorbei, bei dem er mich nochmals wie einen Zirkus-Affen vorführte. Es was eine einzige, grosse Demütigung.
Zuhause wurde ich Mama und Katy vorgeführt. Katy war am nächsten Tag an der Reihe, hatte bekanntlich bezüglich der Gerätwahl etwas mehr Glück als ich.

Als ich dachte, das ich endlich, endlich in meine Wohnung gehen könnte, um einfach nur zu heulen, teile er mit, das die Rezeptionistin im Autohaus am nächsten Tag frei hätte, und ich ihren Job übernehmen müsse. Das ist kein Problem, ich und sie tauschen uns oft ab, wir haben ja ein ähnliches Jobprofil. Nur, an der Rezeption bist du ausgestellt, musst den ganzen Tag ununterbrochen reden und telefonieren. Und Arbeitsbeginn ist um sieben morgens, wenn alle Kunden ihre Autos in den Service bringen. Normalerweise haben wir uns auch untereinander abgesprochen.

Es war der peinlichste Tag meines Lebens! Ich sah aus und ich konnte kein Wort so aussprechen, dass es mein Gegenüber verstanden hätte! Das peinlichste war, dass alle in der Firma nach und nach die die Vogelscheuche an der Rezeption anschauen gekommen sind. Speziell die Leute aus der Werkstatt waren demütigend. Ja, ich habe mir vielen dort ein gespanntes Verhältnis, und ja ich bin selber schuld, weil ich mich ihnen gegenüber arrogant benommen habe. Aber ich dachte, dies hätten sie mir mit dem Joint heimgezahlt. Die Polizei sagte, sie hätten noch selten einen Joint mit einer so hohen THC-Konzentration untersucht. Und ich habe der Polizei keinen einzigen Namen genannt...“
Fiona war wieder den Tränen sehr nahe, und weil wir uns gerade bei einem Ausstellplatz befanden, hielten wir an. Füsse vertreten, überfahrene Kängurus betrachten und krächzenden Sittichen zuschauen tat gut.

Auf der weiterfahrt nach Katoomba erzählte sie uns, wie sie dieses Wochenende in den Bergen mit ihrer Schwester, Gisela, Cristina und mir genossen hätte.
„Jederzeit wieder, wenn wir wieder auf der Inselbetrieb sind.“
„Zuerst will aber noch ein Känguru sehen, das noch springt!“
Sie fing an, ihr Make-up aufzufrischen und auszubauen. Wir hatten Blickkontakte im Rückspiegel und ein Mund voller Zahnspangen, umgeben von rot gefärbten Lippen sagte: „schöne Fiona, glückliche Fiona.“
Title: Auf zu neuen Ufern! vierzehntes Kapitel
Post by: Uniphase on 10. August 2022, 08:29:35 AM
vierzehntes Kapitel

„Sag mal, Cristina, fühlst du dich etwas vernachlässig?“
„Von dir, mein Grosser? Wie kommst du da darauf?
„Weil ich mich viel mit Fiona abgebe.“
„Dann könnte ich dich dasselbe fragen: Sag mal, Grosser, fühlst du dich etwas vernachlässig? Nein, wirklich nicht, ich habe noch genug von dir. Wir haben uns überlegt, einen Hund anzuschaffen. Jetzt haben wir Fiona, um die wir uns kümmern müssen.“
„Cool! Darf ich ihr apportieren beibringen?“
Cristina sah mich mit einem sehr stechenden Blick an, liess ihren Facebow in allen erdenklichen Varianten mehrmals durch ihre Lippen gleiten, spannte die Gummis mit der Zunge und sagte schlussendlich: „Fionas Beschreibung von dir, als sie dich das erste Mal in der hintersten Ecke des Arch and Whale sah, war zutreffend!“
Ich wusste, dass dies alles Theatralik war. Ich lächelte sie an, und hackte dann nach:
„Ich finde sie wird mir gegenüber auch etwas... körpernah. Gibt es so ein Wort?“
„Schau, ich komme aus einer Latinofamilie, da sind Körperkontakte innerhalb der Familie viel verbreiteter, als bei euch, ihr eingefrorenen, verklemmten Nordeuropäer. Sie ist unsere Familie auf Saint Hiram.“ Ergänzte sogleich, mit dem selben Blick von vorher, jetzt meinte sie es aber bitterernst: „wo die Grenzen sind, weisst du! Schwester, gleiche Familie! Kapiert?“
„Ganz und gar kapiert! Danke!“
„Ja, und verflixt nochmals, lege ihr manchmal deinen Arm um die Schulter sie braucht es dringender als ich....“
Fiona kam gerade aus einem Geschäft mit ganz vielen Dingen, die man nicht braucht, aber zusätzlich Arbeit beim Staubwischen verursachen. Sie strahlten mit der Nachmittagssonne um die Wette. Und sie hat gewonnen. Ihr Make-up war wieder in Fionaqualität, und mit der Sonnenbrille im Haar sah sie wirklich hübsch aus.
„Du siehst wieder glücklich aus, das freut mich! Ich würde deinen Wahlspruch umkehren: Glückliche Fiona, schöne Fiona.“
Sie hatte ihren Facebow zwischen beiden Daumen und Zeigefingern zog daran hin und her, dass ich ihr ganzer Kopf hin und her bewegte und sagte: „mir einem solchen Teil wird man hier zum Mittelpunkt, mehr als zuhause.“
„Das stimmt! Und hast die Blicke schon gesehen, wenn wir zusammen unterwegs sind?“
„Oh ja, erstaunlich, dass man uns noch nicht eingefangenen und als die Schwestern aus Alpha Centauri der Menschheit vorführt.“
„Genau, und MacGee sieht das Bild von dir in den Nachrichten. Das gibt Ärger!“
„Etwas anderes in diesem Zusammenhang: du trägst ja den Headgear am Tag aus Solidarität mit mir. Ich möchte das nicht mehr. Bitte.“
„Schau Fiona, ich trage meinen tatsächlich um meine Zähne zu richten, nicht wie bei dir. Ich hoffe nach wie vor, dass ich den ganzen Gerümpel so schnell wie möglich wieder los werde. Darum ist es zu meinem Vorteil, wenn ich möglichst oft eine Hälfte der Alpha Centauri-Schwestern bin. Und wie du weisst, zu zweit ist es einfacher mit Headgear herumzulaufen. Ich müsste mich eigentlich bei dir bedanken!“
Die Alpha Centauri Schwestern umarmten sich.



In Katoomba gibt es eine Felsformation, die „three Sisters“ heisst, und in jedem Ferienalbum verewigt sein müssen. Sonst war man nicht in Katoomba. Also steuerten die zwei Alpha Centauri Schwestern, die thee Sisters an.
„Wisst ihr was Leute,“ hatte Fiona eine Idee, „wir machen zuerst die Fotos ganz normal, dann gehe ich zum Auto, stülpe mir den Interlandi über, und dann machen wir die Beweisbilder. Ist das ein Plan?“
„Ganz das Fotomodell, zieht sich während des Shootings um.“
So haben wir es gemacht. Und wir hatten - neben einigen Chinesen - Bilder von Fiona mit und ohne Interlandi auf unseren Speichermedien. Dass dies später für Fiona fast zu einem grösseren Problem geworden wäre wussten wir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.
Fionas widerstrebte es sichtlich den Interlandi anzuziehen. Die Kurve auf ihrer Glücklichkeitsskala sank sichtlich um einige Punkte.
„Ich freue mich gar nicht darauf, wenn dieses Gestell wieder Teil meines Alltags wird. Ich glaube mit dem Lowpull-Headgear könnte ich mich arrangieren. Aber an den werde ich mich nie, nie nie gewöhnen.“
Ich konnte darum nicht verstehen, warum sie keinen erneuten Kostümwechsel vollzog, sondern ihn bis ins Hotel anbehielt.
Ich neckte sie: „die alte Fiona, wie ich sie kenne. Die neue gefiel mir allerdings besser.“

Wir hatten im Hotel zwei gleichwertige Zimmer bestellt, je eines mit einem und eines mit zwei Betten. Das Hotel hatte allerdings ein Problem, und hatten ein schönes Zweibettzimmer mit richtiger Badewanne und allem was dazugehört, und ein durchaus schönes Einbettzimmer, allerdings mit Dusche und ohne Flachbildschirm.
Wir gingen zuerst auf die erste Etage, auf der sich das Zweibettzimmer befand. Es war ein Zimmer genau nach Fionas Geschmack: Ganz viele Pastellfarben, ganz viele Blümchen und ein Spiegel im Badezimmer, dessen Grösse dem Hubble Teleskop Konkurrenz macht. Ich sah die Enttäuschung Fiona ins Gesicht geschrieben. Sie tat mir leid, wobei wahrscheinlich der Interlandi-Headgear mit beiden Facebows, den sie immer noch trug, nicht unwesentlich dazu beitrug.
„Da Fiona, dein Zimmer.“
Eine meiner beiden Begleiterinnen war hellbegeistert, die andere sah mich entgeistert an: „und wir?!“
„Du auch hier, ich oben.“
Da war auch Cristina glücklich.
„Und das macht dir nichts aus?“
„Das ist das Frauenzimmer schlechthin, also soll es auch von zwei Damen bewohnt werden.“
Die Zimmertür war noch geöffnet als die beiden im Chor: „Girls Party!“ schrieen und der    Dacke im Korridor mit „chuf-chuf“ antwortete.
„Fiona, ich lass uns schon mal ein Bad ein. Grosser, du bist die nächsten Stunden unerwünscht hier!“
„Aber nur bis zehn. Dann ist Lichter löschen und beide sind im Bett mit geputzten Zähnen, Gummis drin und Headgear an. Du mit einem Facebow, du mit zwei.“
Mir wurden zwei rosa Zungen gezeigt eine zwischen zwei Facebows hindurch, eine unter einem durch.
„Spassverderber!“
„So fangen sie an, und dann zwingen sie uns MacGee-Modifyer zu tragen!“


Ich flüchtete vor einem Bombardement Kissen und verzog mich in mein durchaus geräumiges Dachzimmer mit kleinem Balkon und Blick über die Dächer der Nachbarn.
Ich wollte mich gerade unter die die Dusche stellen.
„drrrt-drrrt, drrrt-drrrt, drrrt-drrrt, drrrt-drrrt, drrrt-drrrt.“
„Yes?“
„Zwei Dinge: erstens, wann gibt es Nachtessen und wo? Und zweitens, wir sollten den Autoschlüssel haben.“
„Das sind aber drei Dinge.“
„......... stimmt.... also?“ im Hintergrund rief Fiona: „frag ihn auch, ob er ein schönes Zimmer hat, rein aus Anstand!“
„Ersten könnt ihr entscheiden....“
„.... das mit dem Autoschlüssel ist ganz in deinem Interesse!“
„....oooohhh! Dann bringe ich ihn gleich hinunter. Und Blondie im Hintergrund kannst du sagen, ich hätte einen Balkon und Ausblick.“
„... ich soll Blondie ausrichten, er hätte ein Balkon und Ausblick.... Blondie sagt, sie komme den Autoschlüssel holen. Und ich komme mit.“

Wenige Minuten später standen zwei aufgekratzte Frau bei mir im Zimmer. Die eine trug nur noch den Facebow, den sie nicht entfernen kann, die zweite trug gar nichts dergleichen mehr, und die Gummis, die bei beiden beim Lachen prominent zum Vorschein kamen, waren nicht mehr vorhanden.
„Das nennst du Aussicht?“
„Und das nennst du einen Balkon?“
„Ich habe nichts gesagt, wohin die Aussicht geht. Und ich habe nichts gesagt, wie gross der Balkon ist.“
„Die Überraschung für dich wir auch entsprechend ausfallen!“
Und schon waren sie wieder weg
„acht Uhr in der Lobby?“ rief ich nach.
„acht Uhr in der Lobby!“ kam als Anwort zurück.

Als ich aus der Dusche kam, war eine Text-Message auf dem Smartphone:
„08:00 in der Lobby, habe ich das richtig in Erinnerung?“
„Yes! Und bitte lasst das Hotel stehen!“

Meine beiden Mädels! Ich liebe sie beide... Glücklicherweise haben sie vergessen, dass sie mir meine Zimmerbeschreibung heimzahlen wollten. Ich glaube ich hörte sie schon, als sie ihr Barbie-Zimmer verliessen.
Ihr Anblick war atemberaubend, das fand auch der junge Mann hinter dem Desk, als die beiden die Treppe hinunter schritten.
Cristina trug ein trägerloses blumiges, langes Sommerkleid, ohne Headgear heute Abend. Fiona eines ihrer offenbar zahlreichen Etuikleider, heute in Violett, ein gelbes Foulard und einen breiten, gelben Armreif an den Füssen ihre silberfarbigen Legionärssandalen, die zu ihren polierten Facebows passte. Genau, sie trug den Interlandi-Headgear mit beiden Facebows!
„Geht bitte nochmals hoch, dann kommt ihr nochmals runter, damit wir uns das Bild einprägsam können...“ und an den jungen Mann hinter dem Desk gerichtet: „das würde uns beiden gefallen, oder?“
Ich habe ihn offensichtlich mit dieser Bemerkung überrumpelt. Er stammelte etwa unverständliches und wurde ganz rot. Er tat mir leid.
„Wohin geht es?“
„Auf Tripadvisor gibt es gleich um die Ecke ein Veganes mit guten Rezessionen.“
„Ihr wisst wo? Ich folge euch.“
„Hast du nicht gehört? Ve-gan?!
„Wenn es gute Rezessionen hat, warum noch? Ab und zu mal etwas Neues!“
„Hast du von Fionas Joint geraucht?“
„Hey!“ meldet sich diese aus den Vogelkäfig.
„Genau, an dich habe ich auch noch zwei Fragen. A: wieviele Etui-Kleider hast du? B: gibt es eine tieferen Grund für den Vogelkäfig auf deinem Kopf?“
„Antwort auf Frage A: keine Ahnung, viel, dieser Schnitt gefällt mir einfach. Dir nicht?“
„Natürlich!“
„Antwort auf Frage B: mir ist heute Morgen, als ich euch meine Geschichte erzählt habe, in den Sinn gekommen, dass ich nicht umhin kommen werde, den Vogelkäfig noch eine ganze Weile tragen zu müssen. Und wenn ich in nicht trage, wird es umso schwerer am Ende dieser Reise. Darum ein bis zwei Tage Interlandi. Ich kann dann die anschliessende Freiheit wieder umso mehr geniessen.“
„Sag ihr, sie hätte einen Vogel!“
„du hast einen Vogel, logisch, du sprichst ja auch aus einen Vogelkäfig.“
„He, Moment! Dann ist sie ja selbst der Vogel!“
„Ja, unsere liebe Fiona ist tatsächlich ein Vogel.“ ich legte ihr meinen Arm um ihre Schulter. Sie legte mir ihren Arm um die Hüfte, legte ihren Kopf an meine Schulter und fragte: „darf ich aussuchen was für ein Vogel ich bin?“
„Eventuell Ente, wegen dem Schnabel könnte es passen...“
sie löste sich blitzschnell von mir: „Meine allererste Einschätzung von dir war offenbar nicht falsch!“
Bis zum Restaurant haben wir beraten, was für ein Vogel Fiona am nächsten kommt. Familie der Papageien kristallisierte recht rasch heraus.
„Damit kann ich sehr gut leben. Die haben ein schönes Kleid, wie ich. Die sind frech, wie ich. Die sind laut, wie ich. Und sie werden in viel zu kleinen Käfigen gehalten, genau wie ich. Sie zog an ihr Facebow herum, als wolle sie aus dem Käfig ausbrechen.

Inzwischen sind wir beim Restaurant angekommen, das mit ganz viel weiss, rot und grün dekoriert war.
„Ist italienisch auch gut?“
„Sicher, wenn sie etwas Veganes auf der Karte haben.“

Die aufgekratzte Stimmung der Alpha Centauri Schwestern setzte sich auch beim Essen fort. Die beiden waren nicht nur die Schönsten im Restaurant, sie waren auch die Lautesten.
Einmal lief ein indischer Gast, der mit seiner Familie an einem Tisch weiter hinten ass, an unseren Tisch vorbei und sah uns mit seinen schwarzen Augen unter den riesigen Braunen hervor sehr streng an.
„Ladies, der indische Gentleman hat mir gerade nonverbal zu verstehen gegeben, dass wir uns etwas zügeln sollten...“
„Ich liebe indisch! Wir sollten einmal indisch essen gehen.“
„Aber nicht zu scharf, sonst ätzt es euch die Zahnspangen von den Zähnen.“
„Cristina, morgen gibt es indisch!“
Wir mussten wieder in einer Lautstärke lachen, die dem Inder nicht gefallen hat.

Fiona bestand darauf, uns einzuladen. Und Cristina fand: „scheint zu Tradition zu werden, dass uns Fiona beim Italiener die Rechnung übernimmt. Ich liebe solche Traditionen.“
„Auch beim Inder, wenn’s hilft!“

Die Damen verschwanden zum Zahnspangen putzen auf die Toilette, und ich ergriff die Möglichkeit, um uns bei der indischen Familie zu entschuldigen.
„Eine der beiden Frauen, hat gerade eine schwierige Zeit. Wieder einmal herzlich zu lachen, tut ihr gut.“
„Habe gesehen,...“ und er zeigte sich auf Mund und Kopf, um Fionas Zahnspangen anzudeuten, „... Unfall?“
„Sowas ähnliches.“ und nickte.

Ich wartete draussen in der frischen Abendluft auf die Beiden.
„Komisch, warum hat mir der indische Gentleman gute Genesung gewünscht?“
„da musst du etwas falsch verstanden haben im lauten Lokal...“
„Nein, nein, ich habe es auch verstanden. Zudem ist es dort drin nicht mehr laut, seit wir weg sind...“
Ich legte Fiona meinen Arm um die Schulter, auch um Cristinas Reaktion zu testen. „Dir geht es gut heute Fini? Das freut mich! Dein zweiter Facebow?“
„Das mit dem Interlandi-Headgear war eine dumme Idee, schau....“ sie zog den zweiten Facebow aus ihrer Louis Vuitton-Tasche und sagte: „... der bleibt jetzt schön brav hier drin! Aber wie hast du mich gerade genannt? Fini? Warum weisst du, dass ich früher, als ich klein war... ich mein vom Alter her, körperlich bin ich ja immer noch klein... dass ich damals Fini war?“
„Ich wusste es nicht, aber Fiona, Fini, das bietet sich an. Und heute Abend bist du etwas fini...“
„Ich wäre gerne mehr fini, das waren schöne Zeiten... solche, wie diese hier gerade.“
„Dann geniesse den Augenblick!“
„Das tu‘ ich!“
Cristina lief einige Schritte vor uns, und Fiona hatte inzwischen ihren Arm um meine Taille gelegt.
„Aber sag mal, verträgt sich dieses,...“ sie zog an meinem Finger an der Hand auf ihrer Schulter, „.... mit diesem?“ sie zeigte auf Cristina.
„Yes, abgesprochen!“
„und dies?“ ich bekam einen Kuss durch den Facebow hindurch auf die Wange.
„gerade noch so.“
„Cristina, du bist die Grösste!“
„Ich weiss, die Allergrösste!“
„Komm her! Dein Grosser hat zwei Arme!“
So ging ich mit der schönsten und der zweitschönsten Frau in den Armen, Richtung Hotel.
„Jetzt denken alle, ich sei so sturzbesoffen, dass ihr mich stützen müsst...“

In der Hotellobby trennten sich unsere Wege.
„Das mit zehn Uhr Lichter löschen, werden wir nicht mehr hinbekommen. Gummis, Headgear und Facebows, versprochen!“
Und ich bekam noch zwei Gute Nacht-Küsse, zuerst einen Intensiven, dann einen kurzen auf die Wange, allerdings durch einen Headgear hindurch.



Am nächsten Morgen trafen wir uns zum Frühstück. Und zur Tagesplanung. Es gab noch ein Höhlensystem in der Gegend, das wir uns ansehen wollten.
Fiona fragte: „Leute, würde es euch etwas ausmachen, wenn ich heute im Hotel bleiben möchte? Ja, es geht mir sehr gut, bestens. Ich möchte einfach etwas Zeit für mich.“
„Und dir geht es wirklich gut?!“ fragte Cristina nach.
„Ja, wirklich, absolut. Jede Zelle meines Körpers ist glücklich. Sogar mein Headgear ist Glück. Ich will es euch nicht sagen, damit ihr dann nicht geht, aus Rücksicht auf mich, aber ich bekomme Platzangst in Höhlen...“

Später im Auto zu den Höhlen hörte ich ein: „Whow!“ neben mir.
„Du meinst Fionas Sache mit den Höhlen?“
„Ja, also nicht das mit der Platzangst. Sondern wie sie es geregelt hat.“
„Ich habe auch ‚whow!‘ gedacht. Vor wenigen Tagen war es noch anders...“
„Sie ist eben der beste Mensch!“
„Aus meiner Sicht der Zweitbeste.“
„Aus meiner natürlich auch!“ zwei weisse Gummis und zwei Kiefer voller polierter Stahlbänder unterhalb zweier grünen Augen waren intensiv in meine Richtung gerichtet.“
„ich würde dir jetzt gerne einen Kuss geben, aber die Strasse ist eng, und da geht es sehr steil hinunter.“
„Safety First!“
„Safety First!... bist du sicher, dass wir da abbiegen müssten?“
„Yes!“
„Warte! Lass‘ mich zuerst die Gummis aushängen!“
....
....
....
„Ich habe mich gefragt, ob es uns ohne Fiona nicht langweilig wäre. Ich denke nicht.“
„Definitiv nicht! Wir können sie immer noch aussetzen...“
„Damals an der Tankstelle hierher. Hast du auch das Gefühl gehabt, sie hat im ersten Moment gedacht, wir wären ohne sie weitergefahren?“
„Sicher!“
Wir lachten beide diabolisch.
„Nein, das würden wir unserem Labrador niemals antun.“
„Niemals! Unserem Labrador mit Designer-Halsband...“
„Sie hat eine Heidenangst vor dem Ende der Reise... wenn Craig ihn das Ding wieder einbauen muss. Wir haben gestern in der Badewanne darüber geredet...“
„... oh ja ihr beide gemeinsam in der Badewanne!...“
„... da wärst du sicher gerne dabei gewesen?... aber das ist jetzt nicht das Thema...“
„... warum hast du es dann erwähnt, du hättest auch einfach sagen können: gestern hat Fiona gesagt: blablabla...“
„.... weil... du sollst mich langsam kennen!... jedenfalls sie fürchtet sich riesig davor. Und dass sie dann wieder nicht mehr richtig reden kann. Sie will, dass ihr Craig die ganze Spangen rausnimmt...“
„... auf keinen Fall! Das würde sehr viel Ungutes auslösen! Und wir wären mitten im Strudel. Du wirst jetzt sagen, ich sei überdramatisch, aber ich bin nicht sicher, ob wir dann wieder auf die Insel zurück könnten!...“
„... oder uns dann schleunigst aus dem Staub machen müssten. Sorry Grosser, das ist ein ganzes System, oder eine ganze Kultur. Da können wir beide Würstchen nichts anrichten. Bestenfalls schauen, nicht selber hinein zu geraten! Und da brauche ich deine Unterstützung! Ich zähle ganz fest mit dir!...“
„... das kannst du, Prinzessin! Ich liebe dich!“
„Danke! Ich liebe dich auch! ... Zurück zu unserem armen Labrador: das mit Craig konnte ich ihr aus dem Kopf schlagen. Ich glaube, er würde es auch nicht machen... das Andere, sie merkt langsam, was ihr Papa angetan hat. Und sie will begreiflicherweise nicht zurück zu ihm. Sie wird uns allerdings mit grösster Sicherheit fragen, ob sie bei uns einziehen kann...“
„... versteh‘ mich bitte nicht falsch: mir tun all diese Frauen leid. Aber wir haben schon Isabelle bei uns, wenn wir Fiona aufnehmen, müsste auch Katy zu uns ziehen. Und dann? Müssen wir anbauen?“
„... ganz meine Meinung, mein Grosser! Andererseits bin ich tierliebend und hätte da eine Idee, wie wir unseren Labrador bei uns aufnehmen könnten. Sag wenn du nicht einverstanden bist...
„... werde ich! Lass‘ hören!“
„Wir haben ja noch meine alte Wohnung...“
„Das ist allerdings eine gute Idee! So hätte sie wenigstens etwas Abstand zu ihrem Vater. Arbeiten wird sie weiterhin für ihn müssen... allerdings sag ihr noch nichts, vielleicht willst du nach drei Wochen Australien mit mir, wieder in deine alte Wohnung zurück...“
„... bis jetzt siehst es noch nicht danach aus. Noch nicht!“
Ich bekam wieder einen grooooossen Kuss.
„Prinzessin, du bist genial! Das ist eine sehr gute Idee! Zudem riecht sie besser als ein Labrador.“
„Sie riecht sogar sehr gut. Und seit gestern weiss ich, was es ist.... Wir sagen ihr nichts, sie muss auf uns zukommen.“
„Auf jeden Fall!“
Und wie küssten uns wieder.
Title: Auf zu neuen Ufern! fünfzehntes Kapitel
Post by: Uniphase on 11. August 2022, 21:01:50 PM
fünfzehntes Kapitel

wir fuhren von Norden her zurück nach Sydney. Im Auto fand eine Diskussion zwischen Fiona und mir über Filme statt. Cristina hat es nicht so mit Filmen, war aber äusserst erheitert über unseren emotionalen Disput.
„Bis jetzt hatten wir so friedliche Tage, und ihr wollt euch jetzt noch die Köpfe einschlagen? Wegen Filmen?!“
„Cristina, du bist meine allerallerallerbeste Freundin, aber du hast keeeine Ahnung: es geht im Film um E-mo-ti-oooonen.“ Fionas setzte all ihr dramatisches Können ein, was bei uns in einem Lachanfall erster Güte endete.
„Gummialarm!“
„Bei mir sind’s zwei. Gewonnen! Und ausserdem Chica, ich bin Latina. Da willst du, blonder, englischer Kühlschrank, mit mir über E-mo-ti-oooonen diskutieren? Wir haben die E-mo-ti-oooonen erfunden!“
„Selber Chica! Erstens meine Vorfahren stammen aus Wales. Ich nenn‘ dich ja auch nicht Brasilianerin. Zweitens bin ich allenfalls eine Hotelminibar, in mir hat bestenfalls ein Tütchen M&M‘s Platz!“
Es wurde wieder herzlich gelacht!
„Zweiter Gummi, ich hole auf!“
Wieder lachen bis die Tränen flossen.

Wenn man mit Fiona über Filme spricht, landet man unweigerlich bei Kostümen. Sie wusste sehr genau, wer zum Beispiel die Kostüme für das Fenster zum Hof von Hitchcock entworfen hat. Als ich ihr gestand, dass ich auf Grace Kelly in diesem weissen, rückenfreien Kleid stünde, war sie nicht mehr zu bremsen! Wie gerne sie so ein Kleid hätte, dass es aber nichts in ihrer Grösse geben würde, undsoweiter...
Und Tippi Hedrens Kostüm in „Die Vögel“.
„Das war mir klar, das das kommen musste!“
„Was? Wie meinst du das?“ der mittlere Viertel ihres Facebows, der Teil, bei dem die beiden Bögen zusammengeschweisst sind, verschwand zwischen ihren rosa Lippen.“
„Das ist doch das Fiona-Kleid schlechthin!“
Die Lippen öffneten sich mehr und mehr, es wurde mehr und immer mehr poliertes Metall sichtbar und sie sagte strahlend:
„Denkst du, dass mir dieses Kostüm stehen würde?“
„Sicher. Aber ich bin auch sicher, dass sich etwas entsprechendes in deinem Kleiderschrank befindet.“
Das polierte Metall meinte immer noch: ich bin glücklich: „Natürlich! Wenn wir uns in Saint Hiram wieder einmal treffen, werde ich es anziehen...“
„Ihr beiden seid nicht ganz hundert, wisst ihr das?“
„Das ist rein subjektiv! In diesem Film hätte es auch noch eine Mann für dich! Rod Taylor. Dieses Outfit das er auf der Farm trägt! Damals wussten Männer noch, wie man sich in der Freizeit anzieht.“
„das ist meines Wissens ein Wollpullover und so ein Halstuch...“
„Was du despektierlich als ‚Halstuch‘ betitelst, ist ein Ascot aus Seide und macht eben den kleinen Unterschied!“
„Pardon, Ma‘am. Rod Taylor ist übrigens in Australien geboren. Ich glaube irgendwo hier in New South Wales.“
„Wirklich! Können wir schauen gehen?“ der Facebow stand steif unterhalb, zweier aufgerissener Augen.
„Hört, ihr beiden Filmfreaks, ich habe Hunger, es ist Mittagszeit und dort vorne gibt es Hamburger. Grosser, fahr‘ mal links ran und Bremse im richtigen Augenblick!“
„Wenn sie so spricht, hat sie wirklich Hunger. Ich empfehle dir, ihrem Rat zu folgen. Und ausserdem habe ich auch Hunger.“
Da ich auch hungrig war, standen wir inzwischen auf dem Parkplatz vor dem Dinner.
Cristina entfernte ihren Headgear und die Gummis und man beschloss draussen an den Holztischen zu essen. Es gab wirklich feine, im Haus gemachte Hamburger, nachdem sich Fiona noch einen Spruch, wegen ihre Headgears anhören musste:
„He sag mal Kleine, ist sowas bei der heutigen Mobifunktechnologie nicht überholt.“
Sie nervte sich langsam über die Sprüche und meinte: „irgendwann gehe ich einen Tag lang durch eine Grossstadt, notiere mir alle ungefragten Kommentare zu meinem Headgear und stelle sie in meinen Blog. Meine Follower können dann über den dümmsten, den lustigsten und den frauenfeindlichsten abstimmen!“
„Du hast einen Blog?!“ fragten Cristina und ich gleichzeitig.
„Gib uns die Adresse!“ forderte Cristina.
„Ist mir etwas peinlich. Ihr müsst ihn selber finden...“
„Zu welchem Thema?“ wollte ich wissen.
„Grosser. Zu welchem Thema hat Fiona einen Blog? Hochseefischerei?“
Fiona wurde es peinlich, und sie bereute es, ihren Blog erwähnt zu haben.
„Ich poste eigentlich nichts mehr, seit ich die Zahnspangen wieder habe. Ist eben nicht so fotogen...“
„Ich hab sie! Ich hab sie!“ triumphierte Cristina.
Fiona wurde rot.
Sie hatte wirklich schöne Fotos von sich und von Saint Hiram veröffentlicht. Ihr Blog behandelte hauptsächlich die Insel, ihre Vorliebe für Fashion nahm nur wenig Platz ein.
„Wären das deine Beisserchen ohne all das Metall?!“ Fragte Cristina und zeigte ein Bild einer glücklich strahlend-schönen Frau. Und sie hat die schöne Version eines MacGee-Lächels.
„Ja, das wären sie, meine achtundzwanzig schönen, weissen Beisserchen...“ sie klang traurig.
„Was hat man dir nur angetan? Nur wegen einmal kiffen?“ fragte Cristina rhetorisch.
„War ja nicht nur der Joint... An diesen Ort, wo das Bild aufgenommen wurde, müssen wir mal hingehen. Es ist oben beim Kratersee. Es sehr schön dort.“ sie wollte das Thema wechseln. Verständlich. Aber hatte sie die Zahnspangen als Bestrafung und Disziplinierung anerkannt? Fiona war voller Rätsel.
Während Cristina und ich herzhaft in unsere Hamburger bissen, dass die Saucen links und rechts nur so hinausquollen, musste Fiona ihren in kleine Stücke zerschneiden, damit sie ihn mit dem Facebow im Gesicht geniessen konnte.
„Falls ich den Facebow jemals wieder los werden sollten, werde ich als erstes in einen riesigen, grossen, fettigen Hamburger mit allen bestellbaren Saucen beissen!“
„Das wirst du, meine beste Freundin, schneller als du denkst...“ wir werden sehen! „Wenn ich euch beide vergleiche, sieht es bei dir allerdings etwas gepflegter und zivilatorischer aus.“
Wir fanden heraus, dass Rod Taylor in einem Vorort von Sydney geboren wurde, aber auch vor einigen Jahren in den USA gestorben ist.
Fiona fand ihren neugefundenen Humor wieder: „tja, so ist das mit den Traummännern: verstoben, oder vergeben...
Ich hoffte insgeheim, dass sie ganz ganz wenig auch mich meinte, zumal ich noch quicklebendig bin.

Wir machten einen Zwischenstopp im Hunter Valley, einer Region in der Wein angebaut wird. Unser Zuhause war eine Art Appartement mit einem Wohnbereich und zwei Schlafzimmern. Das Badezimmer mussten wir uns allerdings teilen. Beide Zimmer hätten zwei Betten gehabt, eines hatte einen wunderbaren Ausblick über die hügelige Landschaft, die zum Zeitpunkt unserer Anwesenheit schon erste Anzeichen von Herbst aufwies. Das Andere Zimmer war in Richtung eines Kiesplatzes und der anderen Gebäude orientiert. Fiona stellte ihr Gepäck kommentarlos in dieses Zimmer.
Als ich sie fragte, ob das für sie in Ordnung sei, war sie sichtlich erstaunt.
„Ja, klar? Oder wollt ihr hier wohnen, dann tauschen wir natürlich! Ich dachte, ihr wollt das Zimmer mit der Aussicht?“
„Du wahrscheinlich auch?“
„Ihr seid zwei... und ausserdem durfte ich in Katoomba ins Barbie-Zimmer...“ sie grinste mich übers ganze Gesicht an. Ich liebte ja ihr Stahllächeln, aber trotzdem kam mir in diesem Moment das Bild aus ihrem Blog in den Sinn.


Wir liessen es uns bei viel Rotwein und und australischem Rindfleisch gut gehen.
Am Abend des folgenden Tages werden wir wieder in Sydney sein, am folgenden Tag werden die Damen auf Shopping-Tour gehen, und am daraufhin Tag, wird mir Craig - wohl oder übel - Fiona die Apparatur wieder einsetzen müssen.
„...Und ab dann ich mich in Schweigen hüllen müssen. Also werde ich ab sofort ununterbrochen reden und euch all das noch erzählen, was ich  euch noch nicht erzählt habe. Bereit?“
Ich präzisierte: „es ist ja nicht so, dass du mit dieser Apparatur schweigsamer wärst. Wir können dich einfach nicht verstehen.“
„Aber dieses Mal werde ich schweigen!“
„Und du denkst, du schaffst das?“
Sie neigte ihren Kopf in eine Denkerhaltung, rieb sich mit gespreiztem Zeigefinger und Daumen über Kinn und Headgear und sagte kurz: „nein!“
Wir lachten wieder herzlich.
„Darum hasse ich diese Apparatur ja auch so! Schwatzen ist mein Lebenszweck. Meine Eltern behaupten, ich hätte viel früher als Katy gesprochen, was jeder nachvollziehen kann, der meine Schwester kennt,...“ sie schaute fragend in die Runde, Cristina und ich nickten beipflichtend. „... dann in der Schule war ich auch immer die Schwatzhafte. Warum habe ich wohl den Job, den ich habe: ich kann den ganzen Tag schwatzen. Besser: ich kann es eben nicht mehr!“
Nach dem sie schlucken musste, fuhr sie fort: „Stahlgebiss: ich vermisse zwar meine schönen, strammen Beisserchen. Headgear: ich sehe doof aus, und muss mir andauernd dumme Sprüche von Fremden anhören - bei Euch ist das was anderes bitte macht weiter damit, eure sind lustig. Ich glaube, ich könnte damit zu Leben lernen, sogar mit dem Interlandi-Headgear. Es gibt viele Menschen die ein Gebrechen haben. Aber nicht schwatzen zu können, geht in meinem Fall keineswegs!“
Ihre blauen Bergseeaugen wurden wieder feucht. Ich sah schon wie wieder die Bergbäche, wie nach einem Gewitter über ihre Wangen rollen, alles vor sich herschiebend, was ihnen in den Weg kommt: Eyeliner, Wimperntusche, Lidschatten und grosse Mengen Punderpartikel. All das auf beiden Seiten ihres Gesichtes hinunter, unter dem Facebow hindurch bis es von einem Finger oder einer Serviette aufgefangen wird.
„Glaube mir, wir beide, und noch einige Andere, werden dir helfen, damit du bald wieder die superschöne Fiona bist, wie auf deinen Bilder im Blog. Craig wird deinen Fall nochmals genau ansehen und vor allem professionell dokumentieren. Isabelle hat den Weg vorgespurt und eine Anwältin an der Hand, die dir selber gesagt hat, dass du ihre Unterstützung hättest. Wir können uns beide nicht in deine Haut versetzen, aber wir können dich verstehen. Und wir helfen dir...“ ich spürte die Hand von Cristina in meiner. „... und wir haben in den letzten Wochen eine Fiona kennengelernt, die schwatzen, reden, lachen und blöde Witze machen muss. Diese Fiona wollen wir unbedingt behalten!“
Ich konnte die Gewitterbäche nochmals knapp verhindern. Sie schnaubte, tupfte sich mit einer Serviette die Augen ganz vorsichtig ab und sagte: „ihr seid ein tolles Team!“
Cristina ergänzte: „und du ein Teil davon!“
In diesem Moment machte es „brrrt-brrrt“ in Cristinas Smartphone. Sie las.
„es ist von Isabelle. Sie ist offenbar immer noch, oder wieder in Sydney. Sie lässt fragen, ob wir mit ihr und Craig eine Jachttour unternehmen wollen? Übermorgen.“
„Warum ist sie in Sydney? Was bedeutet das?“ wollte Fiona fast ängstlich wissen.
„Schreib sie nicht. Ja, was bedeutet das?!“
„Määäädels! Wir werden von ihr und Craig eingeladen. Isabelle hat einen Freund!“
„Wer?“ fragte Cristina.
Sie wurde von Fiona breit und blitzend ausgelacht: „ Manchmal staune ich über dich: Isabelle, Sydney, Craig, Jacht... überleg doch!“
„Denkt ihr, Isabelle und Craig sind jetzt ein Paar?!“ jetzt strahlte auch sie, und ihre Zahnspangen schickten Lichtblitze in die Welt hinaus.“
Fiona und ich riefen im Chor: „Jaaaa!“ und die anderen Gäste im Restaurant drehten sich - wieder einmal - nach uns um.


Auf der Autobahn fuhren wir Sydney entgegen. Cristina sass, oder eher: lag auf der Rückbank und döste vor sich hin. Den Mund geöffnet hatte sie die ganze Pracht in ihrem Mund ausgestellt. Neben mir sass Fiona, mit jedem Kilometer, mit dem wir uns der Stadt näherten wurde sie stiller, und wirkte abwesender.
„Fiona, gestern hast uns angekündigt, du würdest uns die Ohren vollquatschen. Los, ich könnte etwas Unterhaltung brauchen.“
Sie fuhr zusammen. „Hä. Was? Jaja. Sorry, ich war grad etwas abwesend.“
„So schlimm?“
Sie grinste mich verlegen an: „noch schlimmer, glaube mir, noch viel, viel schlimmer. Ich habe mir gerade überlegt, ob ich nicht hier bleiben soll.“
„und von was willst du leben?“
„das ist das Problem! Ich könnte als Verkäuferin in einem Modegeschäft arbeiten, davon habe ich bekanntlich eine Ahnung, und ich habe auch gelesen, dass sie Leute suchen. Aber ich habe wahrscheinlich einen teureren Lebenswandel, als es der Lohn einer Verkäuferin ermöglicht.“ Ich dachte: ja Fiona, das hast du definitiv! Ich sagte: „und deine Schwester würdest du nicht vermissen?“
„Nicht nur Katy, es gibt noch ganz viel, was ich vermissen würde. Auch dich und deine schnarchende Freundin da hinten.“ So wie sie es sagte, musste ich lachen, Cristina wachte kurz halbwegs auf und fragte: „sind wir da?“ „nein. Schlaf ruhig weiter.“
Fiona fuhr fort: „was würde aus unserem Team? Nein, weisst du, zur Zeit gehöre ich nach Saint Hiram, auch wenn ich ganz vieles dort hasse. Ich muss mich damit arrangieren, und das ändern, was ich ändern kann. Ich hoffe, du kannst mir helfen damit?“
„Das werde ich, ich verspreche es dir! Du hast damals im Arch and Whale irgendwie den Helferinstinkt in mir geweckt.“ ich wollte einen ihr einen sanften Schlag auf die Schulter geben, verfehlte und traf ihr Kinn.
„Ich wollte gerade sagen, wie süss ich das fände, aber wenn sich dein Bedürfnis mir helfen zu wollen, darin endet, dass du mich windelweich prügelst, verzichte ich gerne!“ und sie lachte.
„Pass auf, was du sagst, junge Dame, es sind sind noch etwas drei Tankstellen bis zum Ziel, an denen ich dich noch aussetzen kann!“
Eine rosa Zunge suchte sich erfolgreich einen Weg zwischen zwei Gummis und zwei Reihen Bändern hindurch, um sich unter einem Facebow in meine Richtung zu präsentieren.
„Stimmt, Cristina hat gesagt, dass ihr mich aussetzen würdet, wenn ich nerve. Somit war es nicht soooo schlimm mit mir? Immerhin sitze ich kurz vor dem Ziel noch neben dir.“
„Es war wirklich toll! Jederzeit wieder. Sofort.“
„Ich auch! Das nächste Mal nach Europa? Oder Nordamerika?“
Sie konnte wieder lächeln.
„Damals, an der Tankstelle, auf der Fahrt in die Blue Mountains, da hast du im ersten Moment aber schon geglaubt, wir hätten dich ausgesetzt?
Sie wurde einen Moment verlegen. „Ich komme aus dem Shop, und das Auto stand nicht dort! Du weisst was in einer solchen höchsten halben Sekunde im Hirn abläuft. Ja, ich habe wirklich kurz daran gedacht, ihr seid ohne mich abgefahren, weil ich euch am Tag davor genervt habe...“
Wir mussten beide lachen.
„Übrigens dein Auto steht zuhause für dich bereit. Ich habe gerade eine Message erhalten. Katy hat geschrieben.“
„Cool! Können wir jetzt gleich einen Übergabetermin vereinbaren?“
„Normalerweise mache ich nur in speziellen Situationen Übergaben. Ich denke, du bist eine ‚spezielle Situation‘. Und denk daran, ich kann dir dann wegen technischen Problemen in meinem meinem Gaumen nicht alles ganz deutlich erklären.“
„Kein Problem! Toyotas haben gute Handbücher. Ich brauche einfach eine hübsche Beifahrerin, mit der ich auf der ersten Spritztour angeben kann.“
„Dann komme ich nicht infrage, Headgear light ist dann nicht mehr angesagt sein...“







„Ich denke, ihr wisst ja so ziemlich alles schon. Ihr Drei könnt gut kombinieren.“ Isabelle sass uns gegenüber auf Craigs Jacht und wir fuhren in Richtung Manly. Sie strahlt über beide Backen und zeigte ihr perfektes Gebiss, das keine Spuren mehr von MacGees Behandlung aufwies.
„Craig und ich sind ein Paar und ich werde hierbleiben.“
„Was willst du hier machen?“
„Ich weiss es noch nicht. Kam alles etwas rasch. Jetzt werde ich einfach den ganzen Tag die Bond Street hin und her gehen und allen mein perfektes Gebiss vorführen.“
„Dann kommst du nicht so schnell nach Saint Hiram zurück, befürchte ich?“
„Ehrlich gesagt, habe ich es nicht vor. Es ist zu viel vorgefallen.
Und ich weiss nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich nicht bei euch hätte wohnen dürfen. Dafür ganz, ganz, ganz herzlich dank!“
Sie und Craig versprachen, dass sie sich um Fionas Fall kümmern werden, und das Craig schon ein Schreiben verfasste, in dem er flunkerte, warum er Fiona für drei Wochen die Apparatur entfernen musste.
„aber Fiona, ich muss dir leider das Teil morgen wieder einsetzen. Es widerspricht gegen alles wofür ich stehe. Wenn wir es nicht mache, kommst erst recht in Teufels Küche. Ich habe die Sache mit Isabelle und Kollegen in der Praxis diskutiert. Zur Zeit ist es die einzige Möglichkeit. Aber vergiss nie, du hast viele gute Leute im Rücken die dich unterstützen.“
Fiona kämpfe mit den Tränen, aber sie blieb stark.

Im Taxi fragte sie: „ich habe eine Frage. Also ihr könnt ehrlich sein, wenn die Antwort nein lautet, ist es auch ok. Aber ich habe mir gedacht,...“
Wir wollten sie nicht länger auf die Folter spannen, das machen andere Leute schon genug: „wenn du willst, kannst du in Cristinas alte Wohnung ziehen! Wir haben gedacht, dass du sicher mit dieser Frage kommen wirst.“
Es wurde hell im Taxi.
Cristina konnte es aber nicht lassen, noch etwas zu sticheln: „sie hat aber nur wenige Kleiderschränke.“
Ich weiss nicht, ob sie es in ihrer Glückseeligkeit mitbekommen hat.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: xxxforce on 12. August 2022, 00:02:10 AM
Kann es sein dass hier in der Mitte ein Teil fehlt?  ???

Ansonsten wieder klasse Fortsetzung, macht einfach Spaß zu lesen :D
Title: Auf zu neuen Ufern! sechstes Kapital
Post by: Uniphase on 12. August 2022, 08:40:50 AM
sechzehntes Kapitel

Montagmorgen, 07:30, 24 Nelson Terrace, Saint Hiram Town

Mir gegenüber sitz Cristina. Sie hält ein grosse Teetasse zwischen ihren Händen. Ihre offenen Haare fallen ihr seitlich ins Gesicht und sie liest auf ihrem Tablett. Wahrscheinlich News aus Venezuela, wo sie ursprünglich herkommt. Neben dem Teller, auf dem sich einige Orangenschnitze und Schalen liegen, hat sie ihren Headgear platziert, den sie vor rund zehn Minuten noch trug.
Sie schaut zu mir auf streicht ihre Haare aus dem Geschäft und sagt:
„Mein grosser Junge hat ja heute Weihnachten!“
„Weihnachten UND Geburtstag!“
„Gut zu wissen, dann brauche ich dir dieses Jahr ja nichts mehr zu schenken. Weder an Weihnachten, noch zum Geburtstag.“
„Dich in meinem Leben zu wissen, ist besser als alle Geschenke dieses Welt!“
„OK, du hast gewonnen. Diesem Kitsch hab ich so früh am Morgen nichts entgegenzusetzen.“ sie lachte und zeigte Doc MacGees Baustelle in ihrem Mund. Dann ergänzte sie: „sag Fiona einen lieben Gruss und gib ihr einen Kuss von mir.“
„du siehst sie ja eh heute Abend?“
„Warum heute Abend?“
„Ich dachte, sie zieht heute Abend ein?“
„Nein, heute Abend kommt Gisela zu Besuch. Fiona hab‘ ich deutlich gesagt, dass sie gar nicht erst vor morgen Abend aufzutauchen braucht. Ich werde sie sonst umgehend wieder verjagen.“
„Bereust du es schon, dass wir sie ‚adoptiert‘ haben?“
„Nein, im Gegenteil. Ich muss einfach noch ihre Wohnung auf Vordermann  bringen. Und da kommt sie mir in die Quere. Eigentlich wollte sie schon gestern einziehen. In zwei Nächten wird Papa kaum den Kopf ausreissen.... Wobei: wenn ich das so sage...“
Wir lachten wieder beide.
„So, ich muss los!“
„Ich staune, dass du überhaupt noch da bist. Und dass du es weisst, Autos bis maximal zehn Zentimeter werden aufs Nachttischchen gestellt. Was grösser ist, bleibt draussen!“
Ich gab ihr einen Kuss und machte mich auf den Weg ins Autohaus.

„Guten Mo‘schen, kann isch ihnen behilflisch schein?“ Ich drehte mich um und sah ein mir wohlbekanntes Gesicht hinter zwei Facebows, umgeben von einem riesigen Headgear. Das Gesicht war wie immer perfekt geschminkt, und ihre Zahnspangen funkelten, wie ich es in den letzten drei Wochen mehrmals täglich gesehen habe.
„Ich glaube es nicht, du trägst tatsächlich das Tippi Hedren-Kostüm! Und es steht dir ausgezeichnet.“
Ihr kleiner Knicks und das bekannte „Me‘schi.“
„Papa schagt imme‘: in unsche‘e‘ Familie hält man schisch an Ve‘sp‘schen!“
„Habe ich etwas vergessen?“
„Nischt dasch isch wüschte.“
„Doch halt! Ich muss dir einen Kuss von Cristina überbringen. Bitteschön...“ ich küsste sie auf die Stirn, die nach ihrem feinen Parfüm roch.
„Dasch wa‘ kein Kuschsch von C‘ischtina. Ih‘e Lippen schind tscha‘te‘.“
„Auf was habe ich mich da nur eingelassen?!“
„Ab mo‘schen Abend hasch du misch d‘eihunde‘tfünfundscheschtisch Tasche im Jah‘!“
„Das meine ich doch! Gehst du nie in die Ferien?!“
„Nehmt ih‘ misch nischt meh‘ mit?“
„Fini, ich kann mich nur wiederholen: Auf was habe ich mich da nur eingelassen?!“
Ich werde mich auf jeden Fall auf mindestens dreihundertfünfundsechtzig solcher Anblicke freuen: ihr schönes, harmonisches, gepflegtes Gesicht, ihre wohlgeformten Lippen in täglich variierenden Rot- bis Rosatönen, und all das polierte Metall in und um ihren Mund, für das ich sie au bemitleide.
„Scho! We‘den wi‘ p‘ofeschionel! Wenn schie mi‘ folschen wollen, wü‘de isch ihnen ge‘ne ih‘en neuen Wagen tscheigen. Bitteschön... isch bitte schie, meine auschschp‘ache tschu entschuldigen. Isch bin mitten in eine‘ Kiefe‘o‘thopädischen Behandlung.“
„Ja, das höre ich. Ich wünsche ihnen viel Erfolg. Darf man fragen, was gemacht werden muss?“
Sie drehte sich zu mir um, und strecke mir ihre Zunge heraus.
„Ah ich sehe!“
Wir kicherten beide, als wir weitergingen.
„Hast du gesehen, dein Papa hat uns beobachtet, als wir an deinem Desk standen? Macht er das immer?“
„Nein, nu‘, wenn isch meinem neuen Ve‘miete‘ ein Auto ve‘kaufe. Wü‘de misch nischt ve‘wunde‘n, wenn du nachhe‘ noch in seinen Alde‘hoscht müschschtescht.“
„Und dann soll ich ihm möglichst nichts von deinen Drogenexkapaden in Byron Bay erzählen, vermute ich?“
Sie drehte sich nochmals um, und machte Mimiken, die vertonte A‘schlosch ergeben.

Sie zeigte mir das ganze Auto von oben bis unten, von hinten bis vorne, von links bis rechts, und dies innen wie aussen.
„Sag mal, ich finde es langweilig. Können wir nicht endlich auf Probefahrt?“
„G‘undschätschlisch: tschue‘scht die A‘beit, dass dasch ve‘gnüschen. Ausch ein Motto de‘ Familie! Und du bischt de‘ e‘schte Kunde, de‘ sich get‘aut, dasch tschu f‘agen. Alscho losch, schp‘ing ‚ein. Dasch de‘ Schlüschschel.“
„Wohin fahren wir.“
„Möglischt weit wesch. Misch scheischscht esch hie‘ schowasch an!“

Über eine Stunde spätestens, waren wir zurück im Autohaus. Nach dem die letzten Formalitäten erledigt waren, und ich eigentlich zum Aufbruch bereit gewesen wäre, stand plötzlich Fionas Papa neben uns.
„Oh! Wir kennen uns doch, wir haben uns damals in diesem Pub... wie hiess es doch wieder... Fiona, hilf mir...“
„A‘tsch and Whale!“
„...genau im Arch and Whale getroffen. Fiona hat sich an diesem Tag ganz frisch im kieferorthopädische Behandlung geben müssen, wenn ich mich richtig erinnere, richtig Fiona? Aber was red ich hier so rum? Darf ich ihnen in meinem Büro einen Drink anbieten?“
Fiona stand hinter ihm und musste sich beherrschen, dass sie nicht laut hinaus lachte.
„Gerne. Allerdings gerne etwas Alkoholfreies. Ich trinke keinen Alkohol während des Tages.“
„Darf man fragen? Aus religiösen Gründen?“
„Nein, nein, wegen der Sicherheit und so.“
„Lassen sie uns doch in mein Büro gehen. Ein Cola? Wäre ein Cola recht?“
„Wenn sie eventuell ein Cola Zero hätten? Wissen sie...“ und ich klopfte auf meinen Bauch.
„Ja, dies Problem kenne ich. Der ewige Kampf mit den Pfunden... Ähm, Fiona Schatz, könntest du uns noch ein Cola Zero in mein Büro bringen? Danke Liebling!“

In seinem Büro kam er direkt auf den Punkt.
„Sie waren mit Fiona in Australien, richtig?“
„Fast richtig. Meine Frau war auch dabei. Immer getrennte Zimmer, sie verstehen?“
„ja klar! Und sie hat erwähnt, dass sie ihr unter Umständen eine Wohnung anbieten können?“
„Ja, genau. Nichts spezielles, aber mit eigenem Hauseingang...“ in diesem Moment kam Fiona mit meinem Cola Zero ins Büro. „... ihre Tochter, übrigens eine äusserst sympathische Person, erwähnte, das sie mit ihr ein Abkommen bezüglich mehr Freiheiten abgeschlossen hätte, da dachten wir daran - danke Fiona - wir könnten ihr diese Wohnung anbieten. Sie stand leer und die Gegend ist ja an und sich nicht schlecht...“
„Welche Gegend?“
„Nelson Terrace.“
„Ja, ganz passable. Fiona, danke, du kannst wieder gehen. Falls noch etwas wäre, würde ich mich melden....“ dabei wäre sie doch so gerne geblieben...
„...darf man fragen, woher sie meine Tochter kennen?“
„Sie haben sie mir damals im Arch and Whale persönlich vorgestellt, dann hat sie irgendwie meine Frau kennen gelernt, und seit da sind wir uns hin und wieder über den Weg gelaufen.“
„Ich kann mich nicht mehr erinnern wie, aber ich bin letztens mit Carl über sie ins Gespräch gekommen, er hat nur Gutes über sie erzählt...“
„Oh, danke!“
„... müssen ihm danken nicht mir! Von mir aus kann sie bei ihnen wohnen. Aber Bitte habe ich noch: passen sie bitte gut auf meine Tochter auf. Sie bedeutet mir sehr viel!“
„Kann ich verstehe, sie ist ja auch ein Goldschatz. Gratulation zu so einer Tochter.
Jetzt würde ich gerne noch einen Wunsch äussern, wenn sie mir erlauben?“
„Nur zu.“
„Ich habe es jetzt wieder gehört, als sie mir so professionell den Toyota vorführte: das Ding in ihrem Mund behindert sie schon gewaltig beim Sprechen. Bei Ferienkonversation ist‘s nicht so schlimm. Sie versucht ja ihren Job hier gut zu machen. Aber, ohne ihnen nahe treten zu wollen, aber ihre Funktion würde bestimmt an Funktionalität gewinnen, wenn sich Fiona ohne Handicap artikulieren dürfte. Ich nehme an sie wird von Dr. MacGee behandelt? Meine Frage übrigens auch. Tolle Resultate! Reden Sie doch mal mit ihm, ob das wirklich notwendig sei?“
„Was sie wegen der Professionalität erwähnten, habe ich mir auch schon überlegt. Werde ihn mal anrufen, will ihm aber nicht bei seinem Job hineinreden. Er macht es bei mir ja auch nicht. Gottseidank! Aber auf den Headgear wird sie kaum verzichten können, das arme Ding.“

„drrrt-drrrt“ Message von Fiona:
„Schade hat er mich rausgeworfen. Wäre gerne dabei gewesen. Wie war es?
„Du darfst bei uns einziehen!“
„Das entscheidet nicht er!!!“
„Er denkt schon...“
„Grrrr!!!!“
„Mach dich auf eine Überraschung gefasst.“
„Was ist es?“
„Wenn ich es Dir sage, wäre es keine Überraschung mehr! :-)“
„Ich bin aber neugierig...“
„Das weiss ich...“
„Gut oder schlecht?“
„...“
„Sag jetzt!!!!!“
„...“
„Dann red ich jetzt nicht mehr mit dir. Tschüss :-#“




Dienstagabend 18:15, 24 Nelson Terrace, Saint Hiram Town


„Drrrrrrrring, drrrrrrring“
„Grosser, schaust bitte nach, wer es ist.“
„Ich bin mir sicher, ich weiss wer es ist.“
„Ich auch. Komm‘ lass‘ sie rein.“

„Drrrrrrrring, drrrrrrring“
„Ja, bitte?“
„Wann bekomm‘ ich meinen eigenen Hausschlüssel?“
„drrrrrrt“
„Danke!“

Wenige Sekunden später bremste ein roter Fiat 500 Innocenti vor der Haustür, dass das Kies nur so spritze.
„Somit bekommst du dein erstes Ämtchen: einmal wöchentlich den Kiesplatz harken!“
„Kein ‚Willkommen im neuen Heim‘ oder so? Wenn ich nicht willkommen bin gehe ich gleich wieder... nein halt stopp, streicht das, ich habe nie so etwas gesagt!“
Inzwischen stand sie bei Cristina und mir in der Haustür. Keine zwei Minuten hier und wir hatten schon etwas zu lachen.
Cristina drückte sie ganz fest an sich und sagte: „Willkommen in unserem Haus! Ich freue mich ganz, ganz fest.“
Dann sprang sie mir richtig um den Hals. „Grosser, du bist der aller, aller Grösste! Fällt euch den gar nichts auf? Ich habe nicht ‚G‘oschsche‘, du bischt de‘ alle‘, alle‘ G‘öschschte‘ gesagt! Ich bin das Ding los! Freut ihr euch den nicht?!“
„Für dich schon, für uns? Das wird sich zeigen...“
„Tu‘ nicht so! Ich weiss, dass du dahinter steckst. Das ist die Überraschung, von der du mir gestern geschrieben hast! Danke, danke, danke!“
„Wie hast du das hinbekommen? Daumenschrauben?“ wollte Cristina wissen.
„Knaaaaalhart verhandelt! Wollt ihr hören?“ und ich zog das Smartphone aus der Hosentasche.
„Du hast aber nicht?! Ich glaube es nicht, du hast das Gespräch mit Papa aufgezeichnet?! Los los, lass es uns anhören! Seht ihr was für Freude ich habe! Wieder richtig sprechen können, dann bei euch einziehen zu dürfen!“
„Und ich habe gedacht, sie hätten dir heute einfach neue Batterien eingesetzt.“
Wir setzen uns in die Gartenlounge und hörten uns die Aufgaben an.
„Das musst du un-be-dingt aufbewahren! Cristina, darf ich ihn ganz fest drücken?“
„Mach, das! Er hat es verdient. Warte, ich helfe dir.“
Was für ein Gefühl von meinen beiden Lieblingsfrauen gedrückt werden, bis einem die Puste ausgeht.
„Ladies, Ladies, ich bekomm‘ keine Luft mehr!“
„Auf solche Details können wir jetzt keine Rücksicht nehmen. Sorry.“ gab Cristina lapidar zurück.

Fiona betonte, dass sie erst das Nötigste eingepackt hätte. Ihr Auto war gestossen voll, und als dieses leer war war mehr als ein Kleiderschrank in ihren neuen Wohnung gefüllt.

Fiona war noch am Einräumen während Cristina und ich im schon dunklen Garten sassen. Arm in Arm.
„Ihren Headgear wegzuzaubern wäre ein nächstes Projekt, nicht?“
„So viele Wünsche hat sie beim Flaschengeist nicht mehr frei...“
„Wohnung, Teil im Mund, einer sollte noch frei sein...“
Ich schaute zu Cristina an meiner Seite hinüber.
„Ich weiss, ich weiss. Das wird ein grösseres Projekt. Was zuerst? Job, oder Headgear?“
„Job dürfte einfacher sein. Aber will sie den überhaupt weg aus dem Autohaus?“
„Das werden wir herausfinden. Isabelle ist übrigens viel zu früh ausgezogen, wir haben noch literweise von ihrem Champagner hier. Ich glaube, ich hole uns eine Flasche.“
„Und Knabberzeug!...“
„wie war das mit dem Cola Zero?“
Es war schon dunkel, aber ich bin sicher, sie hat mir zugezwinkert.

Von den Leuten, vor uns 24 Nelson Terrace bewohnt haben, wissen wir eigentlich nichts, ausser, dass sie eine Hollywood-Schaukel besassen. Sie war teilweise rostig und quetschte, wenn sie ihrer Hauptfunktion nachzukommen hatte: zu schaukeln. Ausserdem waren die Polster in einem Zustand, in die man sich wirklich nicht mehr hineinsetzen wollte.
Ich wollte sie wegschmeissen, aber Cristina wollte sie unbedingt behalten. So hat sie in mehreren Stunden aus dem Schrotthaufen etwas erschaffen, dass seiner Herkunftsbezeichnung alle Ehre macht.
In dieser Schaukel schaukelten wir nun, Fiona flankiert von Cristina auf der einen, und mir auf der anderen Seite. Wir hielten alle ein Champagner-Glas in der Hand mit dem wir vor wenigen Augenblicklichen mit Fiona auf unsere gemeinschaftliche Immobilienbeziehung angestossen haben.
„Jetzt musst du uns aber erzählen, wie du dein Ding losgeworden bist!“ sagte Cristina.
„Ganz ehrlich: ich habe es noch nicht ganz verstanden. Ich überlege mir zeitweise noch, ob ich etwas aussprechen soll. Nicht nur mich zu verstehen, auch damit zu reden war schwierig. So habe ich oft nichts gesagt, weil es mir einfach zu mühsam war... ich weiss, dass der Herr neben mir einen Kommentar abgeben will. Nicht nötig, wir wissen schon, was du sagen willst...“
„Meinst du zufälligerweise mich? Ich habe dir ganz gespannt zugehört und nichts gedacht...“
„Fiona, das war eine Punktlandung! Ich bin froh dich im Haus zu haben. Das Fernziel wäre, dass er in deine Wohnung umzieht, und du mit mir die grossen Räume bewohnst.“
„Fernziel? Könnte man die Umsetzung nicht etwas vorziehen? Meine Kleiderschränke werden knapp!“
Ich finde es immer wieder spannend mit wie wenig Licht, der polierte Chromstahl in den Mündern meiner beiden Bewohnerinnen reflektiert.
„Aber neue Gummis hast du!“
„Jetzt greif nicht vor, du schaust ja auch nicht nur die zweite Hälfte des Spielfilms. Dann kapierst du die Geschichte niemals.... ich hatte also heute Morgen meinen wöchentlichen Politurtermin. Und ich sage euch, das Zeug schmeckt auch nach drei Wochen Australien grässlich!...“
„Verwendet sie bei dir auch dieses Hellblaue mit dem roten Sand drin?“
„Das ist das Scheusslichste, definitiv! Bei mir verwendet sie aber noch ein gelbes Geld, ich vermute, so schmeckt eine dieser überfahrenen Echsen, die wir in Australien gesehen haben...“
„Fiona, bei deinem Film würde ich bestimmt vorspulen, er hat einige Längen! Kostüme und Masken: perfekt, da bist du dir den Oscar sicher, aber beim Schnitt solltest du jemand von extern beiziehen!“
„Dann unterbricht mich auch nicht immer!...also ich spule vor, aber beklag dich nachher nicht, der Erzählstrang weise Lücken auf!... die nette Dentalhygienikerin, die früher immer so nette Geschichten erzählt hat, ist seit einigen Wochen stolze Trägerin eines MacGee-Modifyers, ob sie allerdings stolz ist, bezweifle ich....“
„Oh, ich geh auch zu der!...“
„Määääädels! Seit euch einfach bewusst, vielleicht kann ich den Zauber auch rückgängig machen!“
„Cristina bitte unterbrich mich nicht mehr, ich bin sicher, der wäre im Stande dazu... die Dentalhygienikerin hatte eine Mitteilung in der Fallakte, dass sie den Chef rufen soll, wenn sie mit der Arbeit beginnt. Chef kommt, schaut, macht hmmm und aha. Ich bekomme Angst. Sagt sie soll das Teil rausnehmen, werde nicht mehr eingebaut. Ich bekomme noch mehr Angst. Chef sagt ich solle nachher im Wartezimmer warten. Ich bekomme Riesenangst. Ich muss nachher zu Chef in den Behandlungsstuhl sitzen. Er sagt: andere Behandlung. Ich piesle fast in die Hose. Er platziert diese Gummis, und sagt tschüss. Alles klar?“
„Gute Dramaturgiekurve.“
„Fiona, hör nicht auf den. Aber Mund auf, ich will die Gummis sehen.“
Zu den vier Vertikalen vorne und hinten, hatte sie jetzt beidseitig noch solche von hinten oben nach unten vorne und von oben vorne nach unten unten hinten. Beidseitig.
„Das sieht unangenehm aus.“
„es geht. Wenn ich an die Alternative denke, ist das wie... ach ihr wisst schon, was ich meine!“
„Noch zwei Sitzungen, und du siehst aus wie Alfreda.“ warf ich ein.
Wir erklärten ihr, dass wir so die Chefin bei Alfredo nennen. Wir wurden aufgeklärt, sie heisse Francesca, und dass sie jetzt gerade Hunger bekäme.
Und wir beschlossen morgen Abend nach Francesca Gummis schauen zu gehen.


Mittwochnachmittag , 15:30, 24 Nelson Terrace, Saint Hiram Town

Ich habe geschäftlich viel mit Europa zu tun, und weil im meiner Branche viel noch über persönliche Kontakte läuft, wenn glücklicherweise per Videocall, arbeite ich oft zu Zeiten, in denen andere Menschen Freizeit haben und bin zuhause zu Zeiten, zu denen andere bei der Arbeit sind. Die Dinge ausserhalb der normalen Arbeitszeiten erledige ich oft auch von der Nelson Terrace aus. Kurzum: ich bin oft zuhause.
Cristina und ich sassen im Wohnzimmer und tranken Tee.
„krrrrt, krrt, krrrrrrt, krt-krt, krrrrt“.
„Was ist das?“ fragte Cristina und schaute auf.
„Das tönt nach Gärtner, würde ich sagen“ ich schaute nicht einmal vom Labtop auf.
„Kann nicht sein!“
„Kommt der nicht immer mittwochs am Nachmittag und nervt mich mit seinem Laubbläser?“
„Er hat heute Morgen angerufen, er komme erst morgen.“
Cristina sass aufrecht im Sofa und hörte konzentriert. Ihre Augen waren weit geöffnet.
„krrrrt, krrt, krrrrrrt, krt-krt, krrrrt“.
Sie spielte mit den Lippen an ihrem Facebow herum. Das tat sie oft, wenn sie nachdachte, oder wenn sie sich konzentrierte. Ich fand es sexy und überlegte schon, ob wir anfangen sollten, Schach zu spielen.
Sie stand auf und ging zum grossen Fenster, das Richtung Tor und Kiesplatz schaute.
„Komm‘ her, das musst du dir ansehen! Sofort!“
Ich stand auf und ging zu ihr.
„Was macht Fini da draussen?“
„Sie harkt den Kiesplatz.“
„Das habe ich knapp erkannt. Danke! Die Frage stellt sich eher, warum macht sie das, und warum am Mittwoch um halb vier?“
„Das Erste kann ich dir recht einfach beantworten: du hast ihr gestern gesagt, dies sei ihr wöchentliches Ämtchen. Das Zweite:.... umhimmelswillen, sie wird doch nicht....!“
„.... ihren Job gekündigt haben!“
Sie sah uns, und winkte uns verschmitzt zu. Sie trug natürlich auch hierfür das perfekte Outfit. An den Füssen und Beinen hatte sie ein Paar dieser sündhaft teuren Gummistiefel, die ins Portfolio einer jeden Country-Lady gehören, dann normale Blue Jeans, ein kariertes Hemd mit einem gesteppten und in die Taille geschnittenen Gillet und auf dem Kopf ein Baseballcap.
Als hätte Cristina meine Gedanken lesen können, sagte sie: „sogar die Gartenarbeiten erledigt sie mit Style. Ich bewundere sie. Und ein bisschen beneide ich sie dafür auch.“
Inzwischen habe ich die Vorhänge zu Seite geschoben, und das Fenster geöffnet.
„Uns stellen sich aktuell zwei Fragen: was tust du hier, und warum tust du es...“ ich sah auf meine Armbanduhr. „... mittwochs um fünfzehn Uhr fünfunddreissig? Die erste Frage konnten wir uns schon beantworten, bei der Zweiten müsstest du uns helfen.“
Sie ist inzwischen näher ans Haus gekommen, strahlte hinter ihren beiden Gesichtsbögen hervor. „Du hast mir gestern das Ämtchen gegeben, einmal wöchentlich das Kies zu harken, und weil ich heute früher Feierabend machen konnte, dachte ich, dass es eine gute Gelegenheit dazu sei. Ich hoffe, ich habe euch nicht bei etwas gestört.“ das gestört betonte sie dabei besonders.
„Nein, du hast uns bei nichts gestört, und das mit dem Ämtchen war nur eine seiner unsensiblen Äusserungen, weil du gestern wie gepickt hier gebremst hast. Wir haben einen teuren Gärtner, der dies einmal wöchentlich auf seinem Arbeitsplan stehen hat.“
„Schade, ich arbeite gerne draussen. Dann gebt mir ein anderes Ämtchen, ich will wirklich meinen Beitrag leisten. Und wenn wir schon dabei sind, sagt mir endlich was die Miete für meine Wohnung beträgt.“ sie fuhr sich mit der Handfläche des Gartenhandschuhs über die Stirne.
„Willst du einen Tee? Komm‘ hinein!“
Ich öffnete die Haustür.
„Ich zieh mir noch rasch meine Wellingtons aus...“
„Lass‘ sie ruhig an, ich finde sie sexy.“
Gleichzeitig tönte es von der einen Seite: „Merci!“
Und vor der anderen: „kommt nicht in Frage, du ziehst sofort aus, was ich als Gummistiefel kenne. Ich will doch wegen eines lüsternen Geissbocks nicht noch mehr Arbeit hier im Haus!“

„Heute Abend Alfredo steht noch, oder?“
„Natürlich!“ klang es im Chor aus Cristina und mir.
„Sehr gut! Ich freue mich! Ich habe auf acht Uhr einen Tisch reserviert, Francesca meinte allerdings, es kämen heute wahrscheinlich wenig Gäste, wir können auch früher oder später kommen. Ist es für euch in Ordnung, wenn Schwesterherzen auch dabei ist?“
Natürlich war es das. Wir hatten Katy schon länger nicht mehr gesehen.
„Aber etwas habe ich noch... „ es war ihr peinlich, was sie uns sagen wollte. „Die Tradition mit der Rechnung bei Alfredo übernehmen kann ich nicht fortführen. Zumindest heute nicht. Australien hat eben schon etwas gekostet, und für die neue Wohnung muss ich mir auch noch das Eine oder Andere anschaffen...“
„Das war ein Witz mit der Tradition! Wir machen es doch in Zukunft so, wie in Australien, getrennte Rechnungen, ausser jemand prescht vor.“
„Und dich, Cristina, erwarte ich um sieben bei mir. Wir wollen den lüsternen Geissbock zur Weissglut bringen.“

Der lüsterne Geissbock wurde weissglühend als sich ihm die beiden Damen um viertel vor acht präsentierten. Cristina trug ihre Haare offen, nur die Stirnhaare waren auf dem Scheitel nach hinten zusammengebunden, Fiona trug ihr ein Make-up auf dass sie ihr Gesicht zum strahlen brachte, andererseits ihre grünen Augen betonte. Sie trug ein helles Kleid und Schuhe mit hohen Absätzen.
Fiona hatte Jeans an, hellbraune Lederstiefel, ein weisses Hemd und einen Pullover mit tiefen V-Ausschnitt. Dass ihr Make-up perfekt war, muss natürlich nicht speziell erwähnt werden.
„Ich denke, wir fahren mit seinem neuen Spielzeug?“
„Was für eine Frage! Er verlässt das Haus zur Zeit nicht mehr ohne sein Brumbrum!“

Cristina kletterte auf den Beifahrersitz, Fiona auf die Rückbank und motzte: „wenn der Herr die Gesellschaft von zierlichen Damen bevorzugt, dann soll es sich gefälligst eine Karre anschaffen, in die seine Feen ohne Kletterei einsteigen können.“
Auf der Fahrt sagte sie noch: „bevor ich es vergesse, die Schafe, die mit jedem Land Cruser mitgeliefert werden, müsstest du unbedingt mal noch im Autohaus abholen!“
Und später, als ich nicht gerade auf den Bleifuss trat, als die Ampel auf grün wechselte, tönte es von hinten zwischen Fahrer- und Beifahrersitz hervor: „wenn du mal Lust auf ein Auto mit eeeetwas Beschleunigung hast, kannst Du meinen Fiat ausleihen.“
„Fiiiona! Das mit dem Aussetzen gilt ab sofort auch ausserhalb von Australien. Weltweit!“
„Hey, ich habe mir diese Sprüche alle in Australien ausgedacht, für den Zeitpunkt, wenn du den Land Crusier abholen kommst. Bekanntlich wurde in diesen Tagen meine Fähigkeit, mich natürlich zu artikulieren, technisch eingeschränkt. Jetzt muss ich es nachholen.“
„Das bedeutet, du hast noch mehr auf Lager?“
„Klar doch!“
„Also raus damit!“
„Ich habe sie nicht mehr alle präsent. Sie kommen mir aber nach und nach in den Sinn... Dort ist übrigens der Parkplatz, auf dem ich den Joint geraucht habe.“
„Wir werden eine Gedanktafel anbringen lassen, nicht wahr, Grosser?“
Die Idee gefiel mir! Nach einigen Momenten sagte ich: „Cristina, das mit der Gedenktafel ist eine brillante Idee! Wir haben uns doch überlegt, was wir Fini auf den Geburtstag schenken wollen. Das wäre doch etwas von bleibendem Wert.“
„Wenn ihr das macht, dann,... dann,... dann ziehe ich augenblicklich wieder aus!“
Fahrt mit meinen Beiden wurde immer lustig.

Katys Mazda MX-5 stand schon auf dem Parkplatz vor dem Alfredo.
„Katys Auto gefällt mir auch noch.“
„Schon klar. Männer, die einen MX-5 kaufe, sind entweder in einer tiiiefen Midlifecrisis, oder sie kaufen das Auto für ihre etwas jünger geraten Freundinnen. Aber immer noch besser als deine Landwirtschaftsmaschine! Oh warte, mir kommt gerade noch eine weitere Beleidigung in den Sinn: hast du gewusst, dass Land Crusiers die beliebtesten Autos bei Islamisten sind? Lass mich mal sehen, hast du dich heute rasiert?“
„Stimmt das mit den MX-5, den älteren Männern und den jungen Frauen? Warum habe ich dann noch keinen MX-5?“ fragte Cristina.
Francesca begrüsste uns, und als sie Fiona sah, freute sie sich so gewaltig, dass sie mit aller Kraft die Gummis an ihren Zähnen so sehr dehnte, dass der Abstand zwischen Unter- und Oberkiefer von den normalen drei auf vier Milimeter anwuchs.
„La mia ragaza! Lass mich dich anschauen! Habe dich schon lange nicht mehr gesehen!“
„Gleichfalls! Oh! Bei dir hat Don MacGee aber auch zugeschlagen! Lass mich sehen...“
Francesca zeigte Fiona ihr mit Gummis nur so übersäte Gebiss.
„Mamma mia! Da kannst du aber schlecht essen damit.“ Witzelte Fiona.
Und Francesca sagte: „immer noch nicht so schlimm, als das, was sie dir angetan haben. Ich kann es immer noch nicht verstehen. Mein armes, armes Mädchen!... Ich bringe euch an euren Tisch, Katy ist schon hier.“
Katy sass etwas einsam an ihrem Tisch. War aber sogleich hocherfreut, aus sie uns sah, umarmte zuerst Cristina, dann mich und drücke nachher ihre Schwester ganz fest an sich.
„Hab dich vermisst, keines Schwesterlein!“
„Ich dich auch grosse Schwester.“
„Gehe ich richtig in der Annahme, dass ihr euch heute im Geschäft gesehen habt?“ warf ich ein.
Cristina stellte sich natürlich auf deren Seite: „das ist eeetwas, das begreift ihr Männer niiiiie! Das nennt sich Schwesterliebe! Du solltest mal meine Schwester und mich sehen!..“
„Diese Schwester, die du gestern Abend noch als ..... bezeichnet hast, weil sie deiner Barbie den Arm abgerissen hat?“
„Einer Barbie iiiirgend ein Körperteil abreissen, geht gar nicht! Auch bei aller Schwesterliebe, Katy zeig mal deine Narbe.“
Katy zog den Rundhals ihrs weissen Pullover zur Seite und zeigte eine vier Milimeter lange Narbe beim Schlüsselbein.
Fiona triumphierte: „das war ich! Aus Rache für Taucher-Barbie!“
„Das war nicht ich, das war der Hund!“
„Dass du nach... fünfundzwanzig Jahren immer noch nicht dazu stehen kannst! Katy du enttäuschst mich. Meine Schwester!“
Ich schaute mir die lachenden Frauen um mich herum an, nur Francesca konnte ihren Mund nicht so öffnen, wie sie wollte. Und noch etwas viel mir auf: Cristina trug ihren Headgear gar nicht.
„Hast du deinen Headgear heute Abend freigeben?“
„Das fällt dir erst jetzt auf?!“
„Nein, natürlich schon vorher!“
„Also sag‘ mir, hatte ich ihn an, als wir dir unsere Outfits präsentiert haben?“
Ich habe mich in eine äusserst brenzlige Situation begeben. Ich konnte mich wirklich nicht erinnern. Aber wenn sie so genau fragt, muss sie ihn dann noch getragen haben. Oder will sie mir damit bewusst eine Falle stellen, weil sie weiss, dass ich das denken würde. Ich kann nur gewinnen oder ganz gewaltig untergehen. Fünfzig zu Fünfzig... „duuu...“ und dann ganz schnell, raus damit: „hattest ihn an!“
„Richtig! Aber du musstest nachdenken!“
„Das war eine Kunstpause. Wegen der Dramatik.“
„Du musst noch gaaaaanz viel lernen! Beispielsweise lügen.“
„Sei doch froh, dass er das nicht kann.“
„Manchmal kann er es eben wieder unheimlich gut...“
„Diese Probleme möchten wir auch haben, was meinst du, Katy?“
„Das Problem, ob der Headgear drin ist, oder nicht? Oder das Problem, ob der Partner lügt, oder nicht? Mit beiden werden wir uns länger nicht beschäftigen müssen, oder können..“
„Deprimiert, Katy?“
„Ach wisst ihr, als ich auf euch gewartet habe, habe ich bemerkt, dass ich noch nie alleine in einem Restaurant sass. Es war immer jemand dabei, meistens Papa und Mama, oder mein kleines Schwesterherz...“ sie zogen sich an den Schultern zueinander hin. „He! Autsch! Stopp! Mein Headgear!“ ihre Headgears hatten sich tatsächlich seitlich an den Wangen verhackt.
„Leute könnt ihr uns kurz helfen? Wir stecken in einer etwas misslichen Lage!“
„... aber zuerst möchte davon noch ein Bildchen machen! Los! Ihr könnt das besser, viel besser! Ich will Spangen sehen, zeigt was ihr im Mund habt!“
„Cristina, ich hasse dich. Hilf’ uns jetzt endlich, du dumme Kuh!“
Die beiden Schwestern waren rasch getrennt und alle konnten Lachen. Glücklicherweise waren wir die einzigen Gäste im Lokal, so dass wie heute niemand gestört haben.
„Du weist was das bedeutet, Chica! Rache, biiiitere Rache.“ sagte Fiona und strecke ihren Zeigefinger in Richtung Cristina. Wir mussten wieder lachen, Cristina war sich aber im Klaren, dass sie in den nächsten Tagen etwas auf der Hut sein musste.

Wir waren beim Essen und es war erstaunlich ruhig, man hörte nur das Besteck und das Geschirr klimpern. Cristina unterbrach die Ruhe und sagte zu Katy: „Fini hat uns den Platz gezeigt, an dem sie gekifft hat. Wir planen, dort eine Gedenktafel anzubringen. Hast du Vorschläge, was den Text angeht. Weisst du, es sollte etwas persönliches sein. Und da du ja ihre Schwester bist...“
„Das fiiide ich eine aaaausserordentlich gute Idee! Dürfte ich dann eine Ansprache bei der Enthüllungen halten? Ich könnte noch ein paar andere Anekdoten aus dem Leben der Geehrten zum Besten geben...“
„das finde ich nicht fair. Findet ihr nicht, dass ich schon genug dafür büsse? Schaut mich an...“ und sie zog an ihrem Facebow herum. „Lasagne zwischen den Zähnen, Tomatensauce am Headgear, nach dem Essen werde ich mir die Hälfte des Tiramisu aus den Spangen kratzen müssen, und bei jedem Schluck Rotwein, muss ich aufpassen, dass ich mein neues Seidenhemd nicht versaue...“
„... hab‘ mir gedacht, dass es Seide sei...“ warf Cristina dazwischen.
„... nur weil ich einmal gekifft habe.“
Das war das Stichwort für Katy: „apropos Kiffen. Was war da genau in Byron Bay? Es gibt da so ein Gerücht...“
„Woher weisst du von Byron Bay, und von wem weisst du davon?“
„Quellenschutz!“
Zuerst war Fiona ernsthaft in Panik, jetzt zeigte sie Anzeichen von Frustration und Wut.
„Mich kotz es an! Da mache ich einmal einen Fehler, und dann muss ich mein Leben lang dafür büssen, mit dem hier...“ sie zeigte auf ihren Headgear, „... und mit Spott. Und ihr! Ich hab wirklich gemeint, ihr seid meine besten Freunde!... Ich bestell‘ mir ein Taxi und geh‘ heim. Ah stimmt. Ich habe ja gar kein Zuhause mehr. Ich wohne mit einem Paar zusammen, die mich nur ins Haus geholt haben, um Witze über mich zu machen! Ich zieh‘ wieder aus!“
„Fiona, Fiona, calm down, bitte! Lass uns die Sache bereden...“
„Allerdings! Wer von euch beiden erzählt in der Stadt herum ich sei in Byron Bay bekifft gewesen?!“
„Niemand. Ich befürchte, ich bin die Ursache, dafür. Und ich bitte dich ganz aufrichtig und von ganzen Herzen um Verzeihung! Wirklich Fiona! Allerdings kann ich dir nicht versichern, dass ich nie wieder so etwas machen werde. Du kennst mich. Und ich will meine beste Freundin nicht anlügen...“
Fiona hat sich wiederum beruhigt: „Entschuldigung angenommen. Lass uns anstossen!“
Kling, kling, kling... usw.
„Aber ein detailliertes Geständnis erwarte ich schon noch. Ich möchte wissen, was man über mich herumerzählt.“
„Also, ich habe habe Gisela von unserer Reise erzählt, sie war am Montag bei uns. Und ja, wir haben auch von Byron Bay erzählt. Und wenn du ehrlich bist, es war auch lustig. So aus der Distanz betrachtet...“
Fiona konnte auch wieder lachen. „Aber damals hatte ich wirklich Panik. Und das darf ich auch.“
Katy schoss sich der Diskussion an: „Ich war richtig einsam, als ihr alle zusammen im Australien wart und habe mich viel mit Gisela getroffen. Wir waren sogar einmal ein Wochenende im Ressort. Es war wunderschön. Ah und im Papageienpark sind junge geschlüpft, die sind so süss...“
„Schwesterchen komm endlich in die Gänge. Was-weisst-du-von-Byron-Bay?!“
„Ehrlich gesagt: nichts. Gisela hat mir erzählt, dass ihr in Byron Bay gewesen seid - was du liebes Schwesterchen mir anscheinend verschwiegen hast. Aber das ist ein anders Thema...“
„Ich wusste doch gar nichts vom Byron Bay bis mich meine liiiiiieben Freunde dorthin geschleppt haben. Grrrrrr!...“
„Dir war Byron Bay kein Begriff? Australien besteht doch nur aus Barrier Reef, Opera House, Ayers Rock und Byron Bay!“
„Die ersten drei habe ich gekannt. Da waren wir ja mit Papa und Mama. Aber von Byron Bay hatte ich vorher noch nie gehört! Leute, Leute, ich glaube, ich muss noch so einiges lernen. Helft ihr mir dabei? Bitte?“
Ich legte meinen Arm um Cristinas Schulter und sagte: „Fini, wir sind dabei!“
„Aber du musst mir auch noch so einiges beibringen. Ich bekomme die Lidstriche immer noch nicht so perfekt und symmetrisch hin wie du.“
Ganz viel Lasagne und Tomatensauce wurde sichtbar. „Mach ich sehr gerne! Und sorry für meinen Ausraster. Ich werde auch nicht versprechen können, dass es nie wieder vorkommen wird! Salute!“ und es wurden wieder angestossen. Francesca kam an den Tisch, um zu fragen, ob wir noch Dessert möchten.
„Fiona hat gesagt, sie möchte sich nachher noch Tiramisu aus dem Zahnspangen kratzen, ihre Wahl steht somit fest, wir anderen müssen noch schauen.
Francesca schaute Fiona an. „Tiramisu?“ „Gerne. Ich würde morden für euer Tiramisu, und ja, ich habe Stuuuunden später noch Wegzerrung davon in den Zahnspangen.“
„Also erfahre ich heute Abend noch was Fiona im Byron Bay getrieben hat? Ich hasse grundsätzlich Cliff Hanger!“, fragte Katy.
Francesca sah uns erstaunt an: „Fiona war in Byron Bay? Diese Fiona da am Tisch?“
„Sag jetzt nicht auch, dass du Byron Bay kennst?“
„Natürlich kenn‘ ich Byron Bay! Ich war leider noch nie in Australien. Ich weiss aber, dort gibt es Kängurus und Byron Bay. Und diese Felsen, wie heisst der?“
„Bin ich die einzige Person im Universum, die Byron Bay nicht kannte?“
Die Antwort kam umgehend aus vier Kehlen gleichzeitig: „Jaaa, Fiona!“
Zu Francesca sagte sie. „Setz‘ dich zu uns und nimm auch ein Glas Wein...“
„Ich kann nicht, wegen denen hier...“ und sie zeigte auf ihre mindestens vierzehn Gummis im Mund, „ausserdem: kein Alkohol während der Arbeit. Das ist bei mir eine eiserne Regel. Aber deine Abenteuer in Byron Bay würden mich schon interessieren.“
„Das war so. Diese Beiden hier sind, hinterhältig, wie sie nun einmal sind, mit Klein Fiona nach Byron Bay gefahren. Einfach so. Als australisches Landstädtchen haben sie es mir verkauft. Und wir müssten noch unser Proviant ergänzen, haben sie gesagt. Als ich realisiert habe, was da alles um mich herum verkauft wurde, wären mir fast meine schönen, blauen Augen aus dem Kopf gepurzelt; der Kiefer wäre mir garantiert heruntergefallen, wenn ich keine Gummis tragen müsste. Jedenfalls, Herr und Frau Schlange hier, überzeugten das kleine Hässchen Fiona, abends mit ihnen einen Joint zu rauchen. Gaaaanz mild und zusammen, damit ich es einmal gemacht hätte. Und damit ich mein Trauma überwinden könne. So kauften wir uns einen Joint. Und wisst ihr wer in seiner Handtasche transportieren musste. Moi! Da hoppelt das kleine unschuldige Hässchen - moi - ganz friedlich dem Gehsteig entlang, als plötzlich zwei Polizisten auftauchten. Sooo gross und sooo breit...“ sie stand auf, stellte sich auf die Zehenspitzen und malte mit ihren Armen die Grösse der Polizisten in die Luft...  „weil Hässchen nun mal Fluchttiere sind, tat ich, was Fluchttiere tun: ich raste weg. Ich bin nicht mehr so schnell gerannt, seit dem Sporttag in der Schule...“
„... und die Polizisten hinterher?“
„... nein, die haben Fini wahrscheinlich nicht einmal gesehen... aber sie hätten fast Cristina und mich beatmen müssen, wir wären beinahe gestorben vor lachen...“
„... den Joint, den hast du weggeworfen?“
„... ich habe gar nicht daran gedacht, in meiner Panik!...“ und mit stolz geschwängerter Brust schloss sie: „den haben wir zusammen im Abendrot geraucht!“
Francesca wollte noch wissen: „hat es dir geschmeckt?“
„das kann ich weder bestätigen, noch kann ich es dementierten.“
Wir lachten uns wieder fast zu Tode.
Fiona drehte sich zu ihrer Schwester und sagte: „ein sterbens Wörtchen zu Papa oder zu Mama, und ich kratze dir deine Augen aus! Alle beiden. Gleichzeitig. Dann kannst nicht nur wegen dem hier...“ sie tippe der Schwester an ihren Facebow, der genauso verlötet war, wie ihr eigener. „... keine Männer küssen, du wirst auch keinen mehr nachschauen können!“ Katy nahm es mit Humor, war sie ja schon dreissig Jahre mit ihr zusammen.
Title: Auf zu neuen Ufern! siebzehntes Kapitel
Post by: Uniphase on 13. August 2022, 17:40:37 PM
siebzehntes Kapitel

Ein Sonntagmorgen, wie ein Sonntagmorgen sein sollte. Die Sonne war schon aufgegangen und warf ihre Strahlen auf die Bäume draussen im Garten, welche wiederum die Schatten ihrer Zweige und Blätter auf Gardinen im Schlafzimmer warfen. Die Morgenbriese liess sie leicht tanzen. Neben einigen Vögeln im Garten und dem Schiff in der Ferne, das mit seinem Horn Aufmerksam suchte, waren Cristinas Atemgeräusche, das Einzige, was zu hören war.
„Ja?“
„Was Ja?“
„Du willst etwas sagen, weisst aber nicht, wie du es formulieren sollst.“
„Kannst du Gedanken lesen?“
„Ich höre es an deinem Atem. Was ist es?“
„haben wir das Thema Hund abgeschlossen, seit Fini bei uns im Haus wohnt?“
„Vom meiner Seite, nein. Willst du einen Hund?“
„Manchmal, während des Tages, wenn du und Fini nicht hier seid, hätte ich gerne etwas Leben im Haus.“
„Gut, kaufen wir uns einen Hund!“
„Einen Labrador? Wie wir schon einmal gedacht haben?“
„in diesem Fall einen Zweiten... einen Blonden haben haben wir ja schon, dann müsste es ein Brauner, oder ein Schwarzer sein.“
Mir fiel eine Hand auf die Brust. „Au!“
„du bist boshaft, weisst du das?
„Ja, das weiss ich, das Leben und mein Umfeld hatten einen prägenden Einfluss auf mich.“
Ich wollte meine Hand auf ihre Brust fallen lassen, aber die Koordination ging im wahrsten Sinn daneben. Ich traf sie ins Gesicht. Und ich spürte, dass ich etwas rundes, metallisches getroffen habe.
Sie richtete blitzartig ihren Oberkörper auf. „Autsch! Du hast voll meinen Headgear getroffen. Das tut weh. Oh man, pass doch auf, oder schau, wo deine Hände hinfliegen. Du Tollpatsch!“
Sie stand auf und ging ins Badezimmer.
„Tut mir leid, Prinzessin.“
„Tut mir leid, tut mir leid! Und die Prinzessin kannst du dir sonst wohin stecken. Du Rüppel. Es tut wirklich weh. Verdammt nochmal!“

Nach einigen Minuten kam sie wieder ins Schlafzimmer.
„Alles wieder gut?“ fragte ich schüchtern. „Es tut mir wirklich leid.“
„Ist schon gut. Nichts passiert. Aber es hat wirklich weh getan. Ich hatte Angst, du hättest mir die Backenzähne ausgeschlagen. Du weisst, was für einen Aufwand ich auf mich nehmen, damit ich schöne Zähne bekomme. Da will ich sie mir nicht am Sonntagmorgen von dir ausschlagen lassen.“
Sie kroch wieder ins Bett und schaute mich mit einem bösen, stechenden Blick an, der sich langsam löste und in ein Lächeln überging.
„Komm, Grobian, gib Prinzessin einen Sonntagmorgen-Kuss!“
„Mit Headgear?“
„Mit Headgear!“
Ich fand es interessant sie zu küssen, wenn sie den Headgear trug. Sie sagte, das sei doch krank. Aber manchmal durfte ich.
„Jupiii“

„Sagen wir es Fiona?“
„Das mit dem Hund?
„Ja klar!“
„Jetzt gleich?“
„Jetzt gleich beim Frühstück!“

Fiona hatte zwar ihre eigene Wohnung im Haus, hängte aber oft bei uns herum. Nur schon, weil sie einige unserer Einbauschränke zur „Gebrauchsleihe“ - wie sie es nannte - mit ihrer umfangreichen Kleiderkollektion belegte. Da sie und Cristina die identischen Konfektionsgrössen hatten, konnten man von einer Win-Win-Situation reden.
Am Sonntagmorgen kam sie immer zum Frühstück, und brachte jedesmal feine Dinge mit.
„Fiona, wir müssen mit dir reden.“ initiierte ich das Gespräch.
Sie sah mich und Cristina abwechselnd fragend an.
Cristina setzte fort: „es kommt ein neues Familienmitglied in die Familie.“
Fiona viel Cristina um den Hals. „Du bist schwanger? Ich habe es dir angesehen. Das freut mich aber für euch. Ihr werdet beide ganz bestimmt gute Eltern. Wann soll es den voraussichtlich so weit sein?“
Ich dachte nur: bitte, Cristina, stopp‘ sie. Das ist gemein!
„Fiona, wir kaufen uns einen Hund!“
„Das ist auch gut. Wahrscheinlich sogar besser. Ihr hättet sicher von mir erwartet, dass ich dem Kind die Windeln wechseln werde? Bäääck! Ich dachte mir, dass es bei euch vielleicht bald soweit sein könnte, deshalb habe ich diesen Spruch auswendig gelernt. Wie glaubwürdig war ich?“
Wir hatten schon am Sonntagmorgen einen Grund herzlich zu lachen.
„Keine Angst. Ein Kind wird vorerst nicht ins Haus kommen. Aber mit einem Hund kannst du leben?“
„Ich liebe Hunde! Wir hatten zuhause lange Zeit auch immer Hunde. Was für einen soll es den sein?“
Ich pokerte, war aber sicher, die richtigen Karten in der Hand zu haben: „was würdest du dir für einen Hund anschaffen?“
Sie zögerte... „einen Labrador?“ sie schaute wieder abwechselnd mich und Cristina und dann wieder mich an.
„Das haben wir auch gedacht.“
„Falls ich mitreden darf, ich hätte gerne einen hellen. Aber egal, jedenfalls könnt ihr auf mich zählen. Ich werde euch in diesem Fall sehr, sehr gerne unterstützen.“
Ich hatte Angst, ihre beiden Facebows verheddern sich, so schnell sprach sie.
Sie wusste auch schon einen Züchter etwa eine Stunde im Süden, der für seine Labradore bekannt sei.

Am Nachmittag sassen wir im Garten und genossen den Sonntag.
Ich sah meinen beiden Mitbewohnerinnen zu, wie sie fast symmetrisch auf der Hollywoodschaukel sassen, irgendetwas lasen und mit dem Fuss, den sie nach unten streckten ab und zu der Schaukel ganz, ganz sachte einen Stoss versetzen. Fiona sah mich an.
„Alles klar bei dir?“ Ihre Zunge spielte mit den Zahnspangen.
„Habe mir wieder einmal die Wange aufgerissen. Das tut weh. Aber sonst ist allen perfekt. Ich freue mich riiiiiesig auf den Hund. Ich weiss, dass euch jetzt wieder über mich lustig machen werdet, aber ich hätte da einige Vorschläge für Hundebett und so.“
Cristina nahm einen anderen Faden auf. „Dein neuer Mitarbeiter, wie ist er so?“
Ich wusste genau, was für Pläne sie schmiedete.
„Ein wirklich netter Kerl. Er heisst Kevin O‘Malley, und er sieh so aus wie er heisst: Rothaarig, Sommersprossen. Er ist erst gerade aus England hergekommen. Die ersten Eindrücke sind wirklich gut. Ich habe gedacht, ich könnte ihn einmal zu essen einladen, was denkt ihr davon?“
Cristinas Gesicht sagte mir, das ich die Mission verstanden hätte. Fiona sah unbeteiligt auf ihr Tablett und spiele an ihren Zahnspangen herum. Oder sie tat unbeteiligt.
„Ist er Vegetarier? Sonst könnest du ihn heute Abend zum Barbecue einladen. Ob er Zeit hat?“
„das befürchte ich. Er ist ja eben erst angekommen. Fiona, was meinst du?“
Sie sah auf.
„Warum nicht? Wir haben ja genug. Und wenn er anständig Tischmanieren hat.“
„Dann schick‘ ich ihm mal eine Message. Fünf Uhr?“
Aus dem Hollywood-Sessel kam eine zweifache Bestätigung.

Kevin schrieb mir umgehend zurück, dass er gerne kommen würde.
Fiona markierte zwar die Uninteressierte, verabschiedet sie sich um halb fünf, mit dem Hinweis, sich etwas Passendes anziehen zu wollen.
„Sind wir gerade dabei, Fiona zu verkuppeln?“ fragte ich Cristina.
„Warum nicht? Du sagst ja, er sei ein guter Typ. Und wenn man neu in einem Land ist, ist man nicht so wählerisch...“
„Sorry Cristina, das war jetzt aber sehr gemein! Fiona ist ein guter Menschen, und zudem sehr hübsch!“
„Der Vogelkäfig um ihren Kopf reduziert ihren Wert auf dem Heiratsmarkt allerdings erheblich. Darum hat man ihr das Ding wahrscheinlich auch verpasst...“
„Könntest recht haben, was den Wert angeht. Möglicherweise nehme ich ihre Spangen nicht mehr. Mir kommt immer wieder dieses Hammerbild von ihr in auf ihrem Blog in den Sinn...“
„Das vom Kratersee? Oh ja, das ist sehr schön!..“
„Kevin geht auch gerne in die Berge!“
„Da haben sie doch schon mal etwas Gemeinsames!“

Um fünf vor fünf stand Fiona wieder vor uns. Sie trug eines Etuikleid. Ein Foulard und flache Schuhe.
„Und, was denk ihr?“
Sie drehte sich professionell um die eigene Achse.
„Ich sage nur: grossartig! Ein ähnliches Outfit hast du einmal in Australien getragen, richtig? Ich fand es schon damals schön.“
„Aber schau, jetzt habe ich es noch mit dem gelben Headgear kombiniert.“
„Nix Interlandi tonight?“
„Nix Interlandi tonight! Meine Goldlöcken dürfen heute auch wieder einmal an die frische Luft.“
Es machte sich jemand am Tor bemerkbar. Fiona ging nachsehen. Cristina und ich sahen uns mit grossen Augen an: „O-oh!“

Der Abend mit Kevin war wirklich schön, er scheint ein richtig cooler Typ zu sein. Nach anfänglichem Interesse kühlte Fionas Stimmung ständig mehr ab. Sie war anständig mit Kevin, aber hielt ihn auf jede Art zwischenmenschlicher Kommunikation auf Distanz.

Beim Aufräumen sagte Cristina: „das ist also dein Mitarbeiter, und den hast du dir ausgesucht?“
„Ja, nicht gut?“
„Im Gegenteil. Sehr gut! Den darfst du gerne wieder einmal einladen“
Dann meldete sich Fiona: „hört zu: Ich gehe davon aus, dass das heute Abend dazu diente, mich und Kevin einander vorstellen. Er ist wirklich ein guter Kerl. Aber ich bin gerade nicht bereit für die Kevins dieser Erde.
Es läuft gerade sehr, sehr gut in meinem Leben! Ich habe euch als Freunde, darf bei euch wohnen, ich komme gerne abends zu Hause, und glaubt mir, ich gehe sogar gerne zur Arbeit. Das Verhältnis zu Papa hat sich... sagen wir mal, stabilisiert. Er gibt mir sogar mehr Verantwortung. Und es kommt bald ein junger Hund ins Haus. Mir ist es sogar zur Zeit egal, dies hier tragen zu müssen...“ sie zog mit beiden Händen am Facebow herum und machte dabei: „grrr..“
„... diesen Zustand habe ich schon ganz, ganz lange nicht mehr erlebt. Wenn ich einen Mann brauche, dann habe ich dich, als quasi grossen Bruder, den ich nie hatte. Wenn es einige Zeit so bleiben könnte, wie es gerade ist, wäre ich glücklich. Ich hoffe ihr, seit nicht enttäuscht und könnt mich verstehen?“
Mein Grosserbruder-Arm legte sich um ihre Schulter. „Wir wollten dich zu gar nichts drängen. Das war auch nicht von langer Hand geplant. Wir wollten dich auch in keine unangenehme Situation bringen.“
„Das habt ihr nicht. Ich hoffe, ich habe euch auch in keine unangenehme Situation gebracht.“

Cristina stand vor dem Badezimmerspiegel und hat gemacht, was Frauen vor dem Zubettgehen alles noch zu machen haben. Sie war den ganzen Abend grummelig.
Dann platze sie: „was meint diese Tussie, wer sie sei? Ist Kevin für Papas Blondlöcken zu wenig? Kevin scheint ein durch und durch guter Junge zu sein! Und sie? Sie macht auf Kühlschrank! Hast du gesehen, wie cool sie ihn abserviert hat. Und sag jetzt nichts! Du würdest sie so wie so nur wieder verteidigen, unser Blondie mit den blauen Äuglein! Aber Kevin sagst du einen ganz lieben Gruss, er dürfe jederzeit wieder kommen.“

Nein, ich sagte nichts. Da scheint ihr heissblütiges Blut gerade zu kochen.

Am Morgen im Büro übermittelte ich Kevin Cristinas Grüsse, und das er jederzeit willkommen sei.
„Sehr gerne wieder. Ich werde das nächste Mal das Dessert mitbringen. Ich war mal mit einer Italienerin liiert, die mir beibrachte, wie man Tiramisu zubereitet. Bis jetzt hat es allen geschmeckt.“
„Tiramisu?! Du darfst schon heute Abend kommen!“
„Allerdings...“
„Fiona?“
„Wenn du es so direkt ansprichst... du hast wenigstens immer gekühltes Bier zuhause...“
„Nein, hör zu. Ich habe gesehen, dass du ein Auge auf sie geworfen hast. Wenn du Geduld hast zu warten, warte. Versprechen kann ich dir allerdings nichts. Wenn dir ein anderes Mädchen über den Weg läuft, greif zu. Sie durchlebt gerade einen einen richtigen Horrortripp...“
„Hat es was mit ihren Zahnspangen zu tun?“
„Gut kombiniert Dr. Watson. Dir alles zu erzählen dauert aber einen Überseeflug...“
„Ich bin gespannt! Überhaupt, was hat es mit all den erwachsenen Frauen und ihren Zahnspangen an sich? Ich war mal in Brasilien, da laufen auch alle mit Schneeketten herum. Hier ist es aber anders.“
„Das ist die Geschichte für den Rückflug...“
„Wohin hat es mich hier nur verschlagen?“
„Kevin, das habe ich mich auch schon gefragt. Du hast in deiner Bewerbung geschrieben, dass du das Abenteuer liebst... und es gibt aus meiner Sicht tausend andere gute Gründe auf Saint Hiram zu wohnen. Glaube es mir!“

Einige Tage später:
„Du weisst ja, ich bin auf der Suche nach etwas, das fährt, ein Dach hat und ein Motor. Darum bin gestern in dieses grosse Autohaus draussen beim Flugplatz gegangen. Weisst du, wen ich getroffen habe?“
„Fiona.“
„Warum weisst du das? Hat sie dir davon erzählt?“
„Nein, sie arbeitet dort, und Laden gehört Papa...“
„Deinem Papa?! Ich dachte du kommst...“
„Nein, ihrem Papa.“
„ach so, logisch, hihihi. Jedenfalls erkannte ich sie zuerst gar nicht, sie hatte eine riesige Zahnspange um den Kopf. Viel grösser als am Sonntag bei euch!...
Was dann passiert ist, habe ich vorher noch nie erlebt. Bei einem Kaffee aus dem Automaten - den schlechtesten Kaffee, den ich je getrunken habe, und Boy, ich komm‘ aus England - entschuldige sie sich bei mir für ihr Verhalten am Sonntag. Das habe ich noch nie bei einem Mädchen erlebt. Sie ist zwar unerreichbar, aber etwas ganz besonderes.
Sie hat mir übrigens ein seeeehr gutes Angebot für ein Auto unterbreitet.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: ballermannb on 13. August 2022, 18:48:50 PM
Wieder eine klasse Fortsetzung macht Lust auf mehr!!! Super geschrieben!!!! 
Title: Auf zu neuen Ufern! Achtzehntes Kapitel
Post by: Uniphase on 13. August 2022, 22:23:48 PM
achtzehntes Kapitel

„NOTFALL!
Komm zu MacGee in die Praxis bitte!“ stand auf den Displays meines Smartphones.

„Kevin, ich muss dringend für zwei Stunden weg. Kannst du dich solange beschäftigen?“
„Du hast mir ja diese Liste gegeben, ich könnte zum Beispiel...“
„Ja, mach‘ das!“
Kevin sah mir mit einem Gesichtsausdruck nach, der definitiv sagte: jetzt spinnt er.

Keuchend, wie eine Dampflok kam ich in der Praxis an. Unterwegs habe ich mir überlegt, wie ich mir Zugang zum Behandlungsraum verschaffen werde. Und was ich MacGee antun werde, falls er mit meiner Prinzessin unangemessen umgeht. Eine Zahnarztpraxis hat da einiges Potential.
Sie sass auf einem der Stühle im Wartezimmer und sah mich ängstlich an. Ich gab ihr ein Zeichen, sie soll ins Treppenhaus hinaus kommen.
„Was ist los, Prinzessin?“
„Ich hatte nur einen Termin bei der Dentalhygienikerin, da kam er schauen. Er fand, ich solle im Wartezimmer warten, er möchte an meinen Spangen Änderungen vornehmen. Schau‘ mal, ich zittere am ganzen Körper.“
„Alles klar, lass‘ mich machen.“
„Was willst du machen?“
„Keeeeeine Ahnung! Improvisieren. Darum halte einfach den Schnabel und lass’ mich machen. So jetzt wieder rein und das unschuldige Paar spielen.“

Die Assistentin mit dem MacGee-Modifyer gab Cristina ein Handzeichen, ihr zu folgen. Ich stand auch auf, und mit einer unverständlichen Abfolge von Vokalen wollte sie mir zu verstehen geben, dass ich gefällst draussen zu bleiben hätte. Ich ignorierte sie.
Der Doc schaute etwas überrascht.
„Dr. MacGee, wir kennen uns, wir wurden uns damals am Ball vorgestellt. Sie können sich sicher erinnern?...“
Ich hoffe, du kannst dich daran erinnern, und an das was ich dir im Umgang mit Cristina mit auf den Weg gegeben habe. Gleichzeitig sah ich mich nach Instrumenten um, mit denen ich ihn...
„... schön sie wieder einmal zu treffen! Habe ich ihnen schon gesagt, dass ich sie für einen Künstler vom Format eines Michelangelo halte? Eine schöne Frau ihn ihren Händen, und sie wird zum Engel...“
Jetzt bekam Cristina auch Angst vor mir... und die Assistentin versuchte, mit einer Abfolge vom Vokalen eine Oktave höher, einerseits mich davon zu überzeugen, dass ich im Behandlungszimmer nichts verloren hätte, andererseits ihrem Chef klarzustellen, dass sie an der Situation unschuldig sei.
„das freut mich, das freut mich. Ich nehme an, sie sind nicht hier, um mir Komplimente für meine Arbeit zu machen, richtig?“
„Richtig! Es geht um etwas anderes. Wie der Name schon sagt, Frau Gomez stammt aus einem spanischsprachigen Land,...“
„Kolumbien, glaube ich?“
„...fast! Venezuela! Aber das ist ja fast das gleiche. Können sie spanisch?“
„Kein Wort!“
„Versteht ihre Assistentin Spanisch? Sprechen wird sie es ja kaum können...“
Die Assistentin schüttelte verneinend den Kopf.
„Das Problem ist Frau Gomez, sie spricht sehr gut Englisch, kann es aber nur mittelmässig bis schlecht verstehen...“
Cristina, die zurecht stolz auf ihr Englisch was, sah mich sehr, sehr böse an...
„... das hat mit aktivem und passivem Wortsatz zu tun. Ich schlage daher vor, sie sagen mir was sie ihr sagen wollen und ich übersetze es für sie?“
Cristina Blick sagte mir: du sprichst Spanisch, und hast mir das nie gesagt? Soll ich das jetzt gut finden? Oder weniger?
„In diesem Fall wird es natürlich das Beste sein, wenn sie hierbleiben könnten. Natürlich, natürlich.“
Er erklärte, wie zufrieden er mit dem Behandlungsverlauf sei, und auch mit der Mitarbeit von Cristina. Es sei allerdings so, dass der Winkel ihrer oberen Molaren gekippt werden müsse, um ein schönes Resultat zu erzielen, dies sei nur mit einem Highpull-Headgear zu erreichen...
Cristinas Augen wechselten die Farbe auf Giftgrün.
... das sei möglich, wenn Cristina den Headgear während zwölf Stunden am Tag trage, an einem Tag mehr, an einem anderen weniger. Sechs Stunden minimal pro Tag müssten aber schon sein.
Ich „erklärte“ Cristina mit einer Abfolge von jeder Menge geschlagener s, spanischen Worte, die ich kannte und etwas italienisch, was der Doc vorgeschlagen hatte. Sie sagte daher am Schluss zum Doc direkt mit einem leicht spanisch eingefärbten Englisch: „danke, danke Herr Doktor. Ich kann ihnen nicht genug danken, dass sie diesen Aufwand auf sich nehmen, mir ein schönes Lächeln zu zaubern.“

„Und das hat er euch tatsächlich abgekauft?!“ fragte Fiona ungläubig, als wir ihr die Geschichte abends erzählten.
„Ganz offensichtlich, ich hatte allerdings eine Heidenangst, dass Cristina laut loswiehert.“
„Dein Spanisch, mein lieber Schwan, dein Satzaufbau, generell die Grammatik! Und dann dieser Akzent. Ich frage mich, wo du Spanisch gelernt hast?“
„Estacion Greyhound, El Paso. Und übrigens, dein Blick, als ich sagte, ich spreche Spanisch. Ich bin mir jetzt definitiv sicher, dass du und deine Kusine definitiv nicht über die Eichhörnchen draussen im Garten kicherten!“
„Das weisst du noch? Damals waren wir noch nicht einmal ein Paar!“
Fiona wollte wissen, über sie gekichert hätten.
Ich sagte: „Fiona. ein Wort: Byron Bay!“
„Das sind übrigens zwei...“

Auch wenn wir uns alle drei noch eine halbe Stunde totlachten, wurde Fiona wieder traurig. „Jetzt werde dann die einzige Alpha Centauri-Schwester sein...“
„Wo denkst du hin? Alpha Centauri-Schwestern for ever, for ever Alpha Centauri-Schweschtern! Jedenfalls so lange ich den Headgear aus medizinischen Gründen tragen muss. Ich verspreche dir hoch und heilig, ans Stadtfest werden die Alpha Centauri-Schwestern gemeinsam gehen!“
„Ich weiss allerdings noch nicht, ob ich gehen möchte...“
„C‘mon, Fini! Du hast uns vorgeschwärmt! Weisst du noch? Feuerwerk und so?“
„Aber es werden auch viele Leute dort sein, die mich von früher kennen.“
„Aus der Zeit, bevor du mit kiffen angefangen hast, meinst du?“
Dass sie so einen rechten Hacken hat, dachte ich allerdings nicht. Als ich sie verdutzt ansah, grinste sie aus ihrem Vogelkäfig hervor, und meinte: „den hast du verdient! Wenn ich übrigens mitkommen würde, wäre Katy dabei. Ist das ein Problem für jemand der Anwesenden?“ wir hatten keine Einwände. „Darf ich auch noch einen Vorschlag machen?“ „Kevin?“ „ich staune immer wieder, was alles in deinem Lockenkopf abgeht...“
„Ehrlich gesagt, hatte ich den selben Gedanken. Er ist letztens in Autohaus gekommen, da habe ich ihn Katy vorgestellt, und sie scheint von ihm angetan zu sein.“
„Umgekehrt auch.“ sagte ich, mich an Kevins Fragerei bezüglich Katy erinnernd.
„Wir sollten unsere Kuppeleien kooperiert. Hast du noch mehr solche Single-Männer im Büro?“
„Ja, aber du keine weiteren Schwestern...“
„Stimmt! Mist!“

Das Stadtfest war wirklich schön. Fiona kam dann doch mit. Und sie genoss es offensichtlich. Und während es Feuerwerks sagte sich mit leuchtenden Augen: „und ich, dumme Kuh, wollte tatsächlich heute alleine zusammen mit einer Flasche Rotweine Trübsal blasen...“ sie fuhr mit dem Finger zwischen Cristina und mir hin und her und sagte: „ihr beiden. Wenn ich in Zukunft wieder so rumspinnen sollte...“
„was nicht ausgeschlossen werden kann.“ ergänzte Cristina.
„... richtig, was nie ausgeschlossen werden kann... Dann schleift ihr mich mit. Verstanden?“
„An den Goldlöcken?“
„Hmmm?... nein, das dann doch wieder nicht.“

Cristina war an diesem Abend nicht so wie sonst. Eher verschlossen, und Fiona bekam fast kein einziges Mal von ihr Fett ab. Fiona sah mich fragend an. „Keine Ahnung. Ihr Frauen müsstet euch doch in den Gefühlswelten eurer Mitfrauen besser auskennen?“
„Ich? Die Ausgeglichenheit in Personen, von der sich jeder buddhistische Mönch eine Scheibe abscheiden könnte?“
Und sie lachte mich so an, dass ich von dem Gefunkle in ihrem Mund fast kurzzeitig erblindet bin.“
„Aber hast Du gesehen, Katy und Kevin da vorne? Was sagt dein männlicher Verstand?“
„dass Kevin am Montag etwas unkonzentriert sein wird. Dafür aber strahlen wird, wie ein Maikäfer.“



Das Sonntagmorgen-Frühstück fand diesen Sonntag an 24 Nelson Terrace erst gegen Mittag statt, und die Partizipenten, waren eher wortkarg, die einzigen Geräusche, die man hören konnte, waren abwechslungsreiches, ausgiebiges Gähnen.
Cristina schaute abwesend auf ihre Teetasse und sagte gar nichts.
„He, Alpha Centauri-Schwester, so viel hast du gestern gar nicht getrunken!“
„Was? Nein. Hahaha.“
„Was ist los?“
Sie streckte sich, nahm eine aufrechtere Position an und sagte: „ich muss euch etwas mitteilen.“
Fiona und ich sahen uns erschrocken an.
„Ich werde euch für einige Tage verlassen.“
Jetzt sahen wir uns noch erschrockener an.
„Ich habe es mir lange überlegt, aber ich brauche etwas Zeit für mich. Vor einem Jahr habe ich meinen Grossen kennengelernt. Dann dich, Blondie. Und mein Leben hat unheimlich an Fahrt aufgenommen. Es war eine wunderschöne Fahrt, ich habe mit euch beiden jede Kurve genossen. Ihr seid zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben geworden. Ich, die keine Chica aus Caracas, lebte ihn einem wunderschönen Haus, konnte die schönsten Kleider tragen - auch wenn sie teilweise von dir ausgeliehen waren,...“
„Jederzeit wieder, und wie du weisst, es gäbe noch einiges, was dir stehen würde!“ Cristina lächelte müde und fuhr fort. „Ich konnte mir es leisten, meine Zähne korrigieren zu lassen, ich konnte Australien mit den beiden besten Menschen auf dem Planeten bereisen... Aber ich war immer weniger Cristina aus Caracas. Ich wurde immer mehr zur Stepford Women aus Saint Hiram...“
„Das heisst?“ fragte Fiona.
„Das heisst, ich werde morgen Abend zu meinem Bruder nach Mexiko fliegen, und mir einige Tage zum Nachdenken nehmen.“
Ich war dem Heulen nah, und Fiona flossen die Bäche schon über die Wangen. Sie konnte fast nicht sprechen, schaffte es aber trotzdem zu sagen: „das kannst du nicht machen! Du bist Teil eines Teams, dem besten Team der Welt.“
Ich konnte gar nichts sagen.
Jetzt fing auch Cristina an zu heulen, und sagte: „weil ich wusste, das es so enden wird, konnte ich es euch bis jetzt nicht sagen... oh Mann! Solange ich nicht da bin, wird sich Frau Maria Lopez um euch beide Chaoten kümmern. Sonst bricht hier das Chaos aus, bis ich wieder komme.“
„Aber du versprichst, dass du wieder kommst?“
Cristina sah Fiona nur an.


Es war so, wie ich gesagt habe. Kevin strahlte wie ein Maikäfer, als er am Montagmorgen in mein Büro kam.
„Mann, Chef, Mann! Ich weiss nicht, wie ich es sagen soll. Doch, halt! Ich bin über beide Ohren verliebt, und du weisst in wen!“
„Gratuliere! Und man sieht es dir übrigens an. Bis und mit Mittwoch darfst du unkonzentriert sein. Ab Donnerstag herrscht hier wieder der Ernst des Lebens. Verstanden?“
Wir lachten beide, und Kevin war schon dabei mein Büro wieder zu verlassen, da drehte er sich um und sagte: „vielleicht ist es etwas sehr persönlich, du bist mein Chef, und wir kennen uns erst seit wenigen Tagen. Aber es gibt niemand, dem ich es sonst sagen kann. Ich muss es aber jemandem sagen...“
Ich dachte nur: die Jugend, hoffentlich wird es nicht zu peinlich. Wir sollten noch einige Jahre zusammen arbeiten.
„Hast du schon einmal mit Headgear geküsst?“
„Viel zu wenig, sie findet es krank.“
„Eine Sensation, Chef, eine Sensation!“
Und er war weg, umgeben von einer Aura der Glückseeligkeit.

Fiona und ich brachten Cristina abends zum Flughafen. Der Abschied war sehr, sehr tränenreich. An der Stelle in der Abflughalle, an der wir standen, musste anschliessend eines dieser gelben Schilder aufgestellt werden, der Boden sei rutschig.
Wir winken Cristina nach, als sie im Transitbereich verschwand. Fiona legte mir ihren Arm um die Hüfte. Ich weiss nicht, ob sie mich trösten wollte. Oder ob sie so Trost bei mir suchte. Wahrscheinlich beides. Ich legte ihr meinen Arm um die Schulter.
„Was denkst du? Kommt sie zurück?“
„Soll ich ehrlich sein? .... Ihr Headgear liegt jedenfalls noch an 24 Nelson Terrace..“



Die Tage zogen ins Land, und die Abstände, zwischen Cristinas Lebenszeichen wurden immer länger. Wir spürten beide, dass sie nicht mehr zu uns zurück kommen wird.
Sie sandte uns schliesslich eine lange Video-Botschaft, in der sie gestand, dass ihr Bruder in Mexiko eigentlich ihr Jugendfreund aus Caracas sei, und dass sie jetzt mit ihm zusammen sei. Jetzt wussten Fiona und ich: es ist definitiv vorüber.
„Auf dem Video, hatte sie da grössere Brüste und Dauerwellen?“ frage Fiona rhetorisch. „Ich habe doch sehr viel von ihr lernen können, und ich werde sie nie, nie, vergessen können.“
„Und mit uns beiden?“ fragte ich?
„Das ist doch seit diesem Abend im Arch and Whale klar. Bei dir sofort, bei mir nach fünf Minuten. Ich fand dich anfänglich wirklich...“
Wir küssten uns sehr, sehr lange. Kevin hat recht.

Ich sass bei Fionas Papa im Büro. Eigentlich ging es darum, ob Kevin für seine Erstgeborene geeignet sei. Ich lobte Kevin in allen Tönen, und sagte zum Schluss: „Du weisst, dass er aus Birmingham stammt?“ Fionas Papa wurde hellhörig. „Ja, ja! Und er hat bei Land Rover in Sullihall gearbeitet!“
Ich sah Fionas Papa noch nie vorher so glücklich. Dann meinte er: „ich werde heute wohl noch telefonieren müssen.“
„Bist du sicher?“
„Ja! Kevin und ich haben uns unterhalten.“
„in beiden Fällen?“
„Yes, sir!“
„Extras?“



Dienstagabend, 19:30, 24 Nelson Terrace, Saint Hiram Town

Fiona lag auf mit ihrem Kopf auf meinen Beinen, und sie strahlte mich an, wie sie mich noch nie angestrahlt hatte. Sie trug, neben frischpolierten Bändern auf allen Zähnen, nur noch ihren oberen, verlöteten Facebow, seit heute offiziell mit einem Nackenzug-Headgear. Zwischen ihren oberen ersten Prämolaren waren Gummis dreieckförmig zu den unteren Eckzähnen und den unteren Prämolaren  gespannt.
„Siehst du? Ich habe wieder Löcken!“ sie fuhr sich dabei mit beiden Händen durch die Haare.

Ich bin definitiv in Saint Hiram angekommen.
Title: Auf zu neuen Ufern! neunzehntes Kapitel
Post by: Uniphase on 14. August 2022, 19:14:12 PM
neunzehntes Kapitel.

Rund ein halbes Jahr später. Es verging bisher kaum ein Tag, an dem wir nicht an Cristina dachten. Gisela sagte uns, auch sie hätte keinen Kontakt mehr zu ihr.
„Müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen? Sollen wir sie nach Mexiko suchen gehen?“ Fragte Fiona ehrlich besorgt.
„Hört zu ihr beiden, wie lange kennt ihr Cristina? Wie lange ist sie auf der Welt? Was wisst ihr über sie?“
Wir mussten zugeben: wir kannten nur einen bescheidenen Abschnitt ihres Lebens. Ausserdem merkten wir, wir wussten gar nichts aus ihrem früheren Leben. Dass sie in Venezuela aufgewachsen ist, dass sie mit ihrer Grossmutter oft Gerichtssendungen geschaut hat - ich musste lachen, als ich an die Szene zurück dachte, wie sie mir, auf meinen Beinen liegend, ihren Facebow aus dem Mund ragend, ein Vortrag über die Zustände auf Saint Hiram hielt. Ich schaute Fiona an, deren Zunge sich gerade, wie eine etwas breite Schlange ihren Weg durch zwei dreiecksförmige Gummis suchte, um ihre trockenen Lippen zu befeuchten.
„Stimmt. Wir wissen wirklich nichts! Warum eigentlich? Wir waren doch viel zusammen und hatten spannende Gespräche.“
Fiona hatte ihren rosa Lippenstift aus ihrem Louis Vuitton-Beutel genommen, und bearbeitete damit ihre Lippen. Ganz vorsichtig um den Facebow herum, dass dieser keinen Lippenstift abbekommt. „Wenn ich an dieses Jahr zurück denke, kommt es mir vor, als hätte sie sich ständig in der unmittelbaren Gegenwart befunden. Im Hier und Jetzt.“
„So ist Cristinas Leben...“ ergänzte Gisela, „so war sie schon immer. Die Zukunft? Ihre Zukunft? Das Interessierte sie nie. Bevor sie hierher nach Saint Hiram kam, hatte sie schon in Mexiko gelebt, und offenbar sehr gut Englisch gelernt in ihrem Job..“
„Weisst du, was das für ein Job war?“
„Keeeeine Ahnung! Ich glaube aber Jesus, ihr jetziger Freund, war da auch irgendwie im Spiel...“
„Drogen?“ fragte ich direkt heraus.
„Ausschliessen kann ich es nicht...“
„Dann gehe ich sie nicht suchen, dieses Milieu ist mir zu gefährlich!“ sagte Fiona. Ich stelle mir sie vor, wie sie in ihrem roten Fiat 500 mexikanischen Drogendealern nachjagt, aus dem Auto springt: „freeze, ihr Säcke. Ihr seid alle samt und sonders verhaftet. Aber zuerst muss ich noch rasch die Schuhe wechseln!“ und wie dabei ihre Zahnspangen im Abendlicht von Tijuana blitzt. Ich musste grinsen.
„Du denkst gerade wieder etwas boshaftes. Und ich bin Teil davon, richtig?“ ich wollte ihr diese Szene nachher erzählen.
„Sie ist meine Kusine, ich liebe sie genau so wie ihr, das wisst ihr! Aber ich glaube, wir können nichts machen. Vielleicht sehen wir sie wieder, vielleicht auch nicht...“ nach einer bedenklichen Pause sagte Gisela: „ihr seid ja jetzt ein richtiges Paar, mit Hund und so! Gratuliere!“ sie zeigte auf Barnie, unseren braunen Labrador, der zwischen meinen Beinen vor sich hin hechelte... „... wir sollten wieder einmal etwas unternehmen!“
„Ein Wochenende ins Ressort?“ fragte ich.
„Ja, unbedingt. Katy und Kevin müssen aber auch mitkommen.“
„Er da...“ und Fiona gab mir einen Klaps auf die Schulter. „Nennt sie neuerdings ‚Kety und Kavin‘...“
Wir lachten, und stiessen mit unsere Gläser an: „auf Kety und Kavin, und vor allem, dass es Cristina gut geht.“

Barnie hechelt immer noch, Barnie hechelt ständige. Jetzt aus dem Heck von Fionas kleinem, roten Flitzer.
„Du bist mir noch eine Erklärung schuldig!“
„Was für eine Erklärung?“ fragte ich.
„Warum du vorher so saudumm gegrinst hast! Was hast du da wieder boshaftes ausgedacht? Und ich weiss, dass es sich um mich dreht. Also raus damit!“ Am Morgen hatte sie ihren Termin bei der Dentalhygienikerin, ihre Spangen glitzerten wieder, es war eine helle Freude.
Ich erzählte ihr die Szene von Detectiv Fiona an der Grenze von Tijuana.
„Sehr gut!...“ freute sie sich, „...wie aus dem richtigen Leben. Die Sache mit den Schuhen, müssen wir allerdings nochmal überarbeiten. Ich hätte schon vor der Verfolgungsjagd die Schuhe gewechselt, Detectiv Fiona hat immer mindestens zehn Paar Schuhe im Kofferraum, für jedes Ereignis die Passenden. Man muss ja für jede Eventualität gerüstet sein!“
„Jetzt auch?“
„Nein, seit Barnie bei uns wohnt, geht das nicht mehr. Der frisst alle meine Schuhe im Kofferraum. Barnie hörst du! Keine Schuhe fressen, sonst wird Frauchen böse!“
Diese Spangen wurden heute Morgen wirklich gründlich poliert.




Einige Tage danach.
„Ich habe heute in der Stadt Cristina gesehen.“
„Du spinnst!“
„Das mag sein, aber das ändert nichts daran, dass ich sicher bin, Cristina gesehen zu haben...“
„Schag‘ dir deine Ex aus dem Kopf, ein für allemal. Sonst werde ich eifersüchtig! Du bist jetzt mit Moi zusammen, hübsch, immer passend gekleidet, gepflegtes Make-up, umwerfende, blonde Löcken, bergseeblaue Augen - Zitat von dir - und mit einem Headgear, den du so gern küsst!“
„Das sind tatsächlich alles Argumente, die für ein Zusammenleben mit dir sprechen. Es muss sie gewesen sein. Als sie mich erblickte, ist weggerannt.“
„Das heisst nichts. Frauen rennen immer weg, wenn sie dich erblicken!“
Dieses triumphierende Lachen! Vorsicht Gummialarm! Zu spät!
„Autsch, das fitzt!“
„Haha, das nennt man in gewissen Religionen ‚Karma‘...“
Während sie damit beschäftigt war, den Gummi wieder einzusetzen, frage sie mit geneigtem Kopf und Fingern im Mund:
„Meinst du, sie hat die Zahnspangen auch noch? Hoffentlich geht sie regelmässig zur Dentalhygienikerin.“
Meinte sie das jetzt ernst? Oder ist das einer ihrer Witze, die ich nicht kapiere.


Wieder einige Tage später, abends beim Abendessen, sagt Fiona zu mir: „du glaubst es nicht, wen ich heute Nachmittag auf der Nelson Terrace gesehen habe, als ich mit Barnie die Blase leeren war?“
„Wenn du es so formulierst, heisst es, dass nicht nur Barnie seine Blase geleert hat.“
Sie überlegte und kaute dabei an einem Stück Gurke herum.
„Stimmt, so könnte man es tatsächlich verstehen. Da du aber weisst, dass ich innerhalb bewohnter Gegenden, die dafür vorgesehen Orte aufsuche, wenn ich muss...“
Rund zweihundert Meter neben unserem Haus, hatte es einen Platz, an dem Hunde ihr Geschäft verrichten können. Ich sagte daher, etwa genüsslich, gleichzeitig an einem belegten Brot nagend: „das macht Barnie ebenfalls...“ und zwinkerte ihr ruhig zu. Sie suchte auf dem Tisch vor sich etwas, das sie mir anwerfen kann. Sie fand einer ihrer Gummis, den sie dann in meine Richtung spannte, zielte...
„Das fitzt!“
„Das war pure Absicht! Du bist dir schon bewusst, warum die Frauen vor dir wegrennen, bis nach Mexiko?“ Etwas Gurke zwischen Eckzahn und Schneidezahn, etwas rotes, es könnte Tomate sei, im Unterkiefer, aber es gefällt mir immer wieder, ihr Lachen.
„ICH HABE HEUTE CRISTINA GESEHEN! Hier bei uns an der Strasse! Und sie hat auch reissaus genommen, als sie mich sah.“
„Siehst du!“
„Muss ich ich dich jetzt auf den Knien um Vergebung bitten?“
„Ein Kuss würde durchaus genügen.“
Sie stand auf, kam um den Tisch herum und gab mir einen Kuss.
„Ja, es ist Tomate.“
„Was ist Tomate?“
„Du hattest etwas in deiner Zahnspange, ich habe mir überlegt, was es sein könnte...“
„Blöde Metallfresse! Ich werde mich nie daran gewöhnen! Was machen wir, wenn es tatsächlich Cristina ist?“
„Nichts.“
„Was ist, wenn sie mit uns Kontakt aufnehmen will?“
„Heute gibt es diverse Möglichkeiten mit jemandem in Kontakt zu treten. Die Einfachste:  dieser Knopf neben dem Tor zum Garten.“
„Vielleicht getraut sie sich nicht...“
„Sorry, Fini, sie ist von einem Tag auf den anderen ausgezogen. Sie hat uns verlassen, nicht wir sie. Ich mag sie noch, keine Frage. Aber auf der anderen Seite bin ich mehr als glücklich mit dir zusammen...“ dieses verschmitzte Lächeln, nur schon deshalb liebe ich Fiona. „... als ich sie sah, habe ich mir überlegt, ob sie wieder einziehen könnte, wenn sie es tatsächlich wäre. Ehrlich gesagt, Fini, ich bin mir nicht ganz sicher, ob das eine gute Idee wäre...“
„... du weisst aber, wir suchen eine neue Mitarbeiterin hier im Haus?...“
„... würdest du Cristina anstellen, wenn sie plötzlich vor dem Haus stünde?“
Fiona rieb den Facebow und überlegte.
„Ansehen müssten wir sie schon. Sie ist eine gute Freundin. Du hast durchaus recht; sie müsste uns einige Fragen beantworten. Vor allem wenn das mit den Drogen zutrifft, wie Gisela vermutet...“ sie wurde in diesem Augenblick leicht rot im Gesicht „... und du sagst jetzt nicht, was dir in dieser Augenblick auf der Zunge brennt! Du siehst, ich habe noch einen Gummi!“
Barnie hechelete aus seinem Hundebettchen. Tartanmuster. Assortiert zu seinen Halsband. Importiert aus Europa.



Dank Barnie waren wir oft an der frischen Luft. Wir fanden heraus, wo es um welche Tageszeit am schönsten ist. Kurz vor dem Einnachten war es der Küstenabschnitt beim Flughafen, hinter dem Autohaus. Die einzigen zwei Kilometer Sandstrand und Dünen auf der Insel. Sonst fielen die Felsen schroff ins Meer, oder die Küste war mit Menschenhand und viel Beton den Bedürfnissen angepasst worden.
Fiona nahm Barnie täglich mit ins Geschäft, und manchmal fuhr ich abends zu ihnen hinaus, und wir gingen noch dem Strand entlang.
Fiona hatte schon vom Business-Dress auf Freizeit gewechselt und stand in teuren Gummistiefeln - Entschuldigung: Wellingtons - und mit Wachsjacke, über die Barnies Leine hing, bereit. Sie hielt sich mit einer Sonnenbrille mit Hornrahmen die Haare aus dem Gesicht.
„Du und Barnie haben etwa den gleichen Gesichtsausdruck.“
„Wir beide freuen uns beide aufs Leckerli.“ sie nahm einen Hundekecks aus der Jackentasche, die sich dort zahlreich lagerte, und gab ihn mir.
 Mit dem Hundekecks in der Hand fragte ich: „Ist das jetzt für mich oder für den Hund?
„Für Barnie! Für uns habe ich dies hier.“ ich bekam einen grossen, langen Kuss. Ich weiss nicht, wie Barnies Leckerli schmeckte. Meins schmeckte nach Lippenstift, Zahnpasta und einem Hauch ihres Parfums.
Wir nahmen uns bei der Hand und gingen in Richtung Strand. Barnie wusste, wohin wir gehen und rannte voraus. Alle paar Meter schaute er wieder nach uns um, um sicher zu gehen, dass wir ihm folgen.
„Weist du, wer heute ums Autohaus geschlichen ist?“
„Cristina.“
„Weisst du, oder nimmst du an?“
„Sind wir hier in einer Rateshow?“
„Im ernst, ich finde es langsam gruselig! Spioniert sie hinter uns her? Warum?“
„Vielleicht gefällt ihr nicht, was sie sieht. Du, ich und Barnie. Es war damals ihre Idee einen Hund anzuschaffen. Jetzt sieht sie, wie sich die Welt ohne sie entwickelt...“
„Sie konnte sich zumindest vorstellen, dass wir zusammenkommen, wenn sie weg ist. Wir haben anständig lang gewartet. Und sie kannte meine Begeisterung für Hunde. Da müssen wir uns keine Vorwürfe machen.“
„Das sage ich auch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass die Beziehungen zwischen uns für sie schon ein Problem waren...“
„Inwiefern? Hat sie dir in Katooba nicht gesagt, du sollst mein grosser Bruder sein? Und ich bin sicher, wir waren nie mehr als eine Art Geschwister!“
„Du sagst es Fini: eine Art. Ich stand auf dich und du auf mich die ganze Zeit über, sind wir ehrlich.“
„Das tue ich noch immer. Komm‘ zeig‘mal...“ ich bekam wieder einen Kuss. Barnie sass daneben, schaute zu und hechelte.
„Unser Hund ist ein Spanner!“ wir lachten, und „plopp“, ein Gummi war weg. Ich hasse diese Dinger! Weisst du wieviel ich heute schon verloren habe?“
„Das ist aber ein neues Problem?“
„Ja, sie hatten die Alten nicht mehr, und diese Neuen haben einen anderen Querschnitt, der hält weniger gut an diesen Häcken...“ sie zog die Oberlippe hoch und deutete auf Metallstäbchen an ihren Brackets.

„Kannst du dich daran erinnern, als du Kevin einen Korb gegeben hast? Da war sie richtig sauer auf dich.“
Sie spielte theatralisch die Ahnungslose. „Auf mich? Sauer sein auf mich? Dieses Engelsgesicht, diese Äuglein, diese Zahnspangen, man kann doch unmöglich sauer auf mich sein?“
„Spannend, dass du die blonden Löcken nicht erwähnt hast, den darunter befinden sich zwei Hörnchen... etwa hier!“ ich rieb ihr den Kopf, wo ich die Hörnchen vermute.
„Aber nur zwei kleine!... Du bist der Meinung, sie hätte mich an Kevin vermitteln wollen, damit ich ihr bei dir nicht im Weg bin?... Hat was... Aber ich hatte damals wirklich keine Lust auf Kevins und alles was Kevins wollen. Es war wirklich ehrlich, was ich euch und Kevin gesagt habe... ausserdem kenne ich Kevin inzwischen sehr gut. Ich mag ihn, er ist aber ein Mann für Katy. Ich brauche Reibungsflächen! Ich muss mich zanken können. Mit jemandem, der mir auch zurück gibt. Und mich trotzdem bewundert. So jemand wie dich.“
Ich wurde verlegen und führte die Diskussion wieder auf das ursprüngliche Thema zurück.
„Das glaube ich dir auch, dass du das Ehrlich gemeint hast. Vielleicht empfand sie es aber so, als wie wenn du dich in Lauerstellung befunden hättest, um im passenden Moment zuzuschlagen...“
„aber wenn sie abgehauen ist, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat, warum ist sie dann wieder zurück?.... Schau dort ist sie!.. das ist eindeutig Cristina!“
Fiona rannte die Düne hoch, Barnie und ich hinterher.
„Cristiiiina warte! Lass uns reeeeden!“
Barnie hatte die bessere Kondition als ich und war darum als Zweiter oben auf der Düne. Er war allerdings um Jahre jünger, und hat vier Beine.
Fiona stützte ihre Arme auf ihre Oberschenkel und schnaufte. Schweiss lief ihr übers Gesicht, tropfe auf den Facebow, lief diesem entlang nach unten und wurde - schwups - von ihrer Zunge weggewischt.
Immer noch keuchend meinte sie: „gleich morgen melde ich uns fürs Fitness an. Uns alle beide!... Schau dort, ein Fussabdruck! Sie hielt ihren Gummisch... Wellington daneben. „Gleiche Schuhgrösse wie ich, das MUSS Cristina gewesen sein.“


Einen Tag später. Wir sassen im Wohnzimmer und lasen, beziehungsweise waren am Surfen im Internet. Barnie hechelte, als es läutete. Fiona schlurfe zum Intercom.
„Sche....sse. Cristina ist draussen! Was soll ich machen?“
„Den Türoffner drücken! Oben rechts!“
„Ich weiss nicht, was ich ihr sagen soll!“
„Dann improvisieren wir eben wieder einmal...“
Wir gingen zur Haustür, da kam tatsächlich Cristina entgegen. Soweit man das im schlechten Licht erkennen konnte, sah sie verbraucht aus.
„Ich bis es. Kennt ihr mich noch?“
„Fast nicht mehr, mit deinen riesigen Dingern...“ sie mache kreisrunde Bewerbungen vor der Brust. „... hast du im Mexiko Wassermelonen verkauft?“
Ich dachte mir nur, wie wird das enden? Ich war froh, dass es Fiona war, die sagte:
„Komm doch rein. Und erzähl‘!“
Cristina war um Jahre gealtert, so schien es. Alles war grau an ihr.
„Komm doch ins Wohnzimmer. Du kennst dich ja noch aus.“
Sie sah sich um. „Viel hat sich bei euch ja nicht verändert, ausser...“ sie zeigte auf Fiona und mich, und lächelte. Sie trug die Zahnspangen noch. „... und den hier...“ sie streichelte Barnie, der sie interessiert beschnupperte. Die Szene erinnerte an eine Zeitreisende, die in ihre Vergangenheit zurückgekommen ist. Was hier auf eine Weise auch stimmte.
„In einem halben Jahr wird die Welt an den meisten Orten nicht neu erfunden...“
„Bei mir schon, glaubt mir, bei mir schon!..“
„Gewisse Körperteile wuchsen, wie man deutlicher erkennen kann.“
Ich kniff Fiona in die Weichteile. Was hatte sie nur mit Cristinas Brüsten? Zugeben, sie waren zu gross und zu falsch. Ich fragte: „darf ich dir etwas zu trinken anbieten?“
„Gerne ein Bier, habt ihr mir ein Bier?
„Kommt nicht in Frage, Chica!“ grätschte Fiona dazwischen, „... bevor du uns nicht einige ganz entscheidende Fragen beantwortet hast, gibt es nur Softdrinks für dich. Sin Alcohol. Compredere?“
„Ja, allerdings, muss ich euch einige Fragen beantworten...“
„Willst du vorher kurz duschen. Kannst ja nachher etwas von mir anziehen. Wir haben ja die selbe Grösse, auss...“
Sie wusste, das ich einen weiteren Witz über Cristinas neuer Oberweite nicht akzeptieren würde.
Cristina ging ins Bad, und Fiona holte ihr einige Kleider von sich, die sie vor der Badezimmer deponierte.
„Was zum Teufel ist mit Cristina in knappen sechs Monaten geschehen?“
„Keine Ahnung, aber der war bestimmt beteiligt.“
„Wer?“
„Der Teufel!“
Achtundzwanzig Bänder, ein Facebow und zwei Gummis lachten mir entgegen. „Jesus und der Teufel: Eine toxische Kombination!“
„Fiona, der war jetzt wirklich gut!“ wir gaben uns ein High Five.
„Was machen wir mit ihr?“
„Lassen wir sie mal erzählen. Dann schauen wir weiter.“
„Ich fürchte mich von ihr. In diesem Zustand will ich sie heute Nacht nicht im Haus haben.“
„Ich auch nicht!“
Aufgrund der Sichtbarkeit ihrer Zahnspangen, sah ich, dass Fiona froh war, dass wir über diesen Punkt nicht zu diktieren brauchen. Im Scherz meinte sie:
„Wie wird wohl Barnie damit umgehen? In seinem Alter ist er eben schon noch sehr sensibel.“
„Kommt nicht in Frage! Barnie wird heute Nacht, wie alle vergangen Nächte, und alle folgenden bis zu seinem Ableben, was hoffentlich noch in ganz, ganz weiter Ferne liegt, in seinem Hundebett schlafen! Sein Hundebett ist von der Queen of England, Wales, Schottland und Nordirland ausgezeichnet. Meines nicht!“
Wir hatten wieder etwas zu lachen.
„Aber..,“ fügte Fiona bei, „du hast dafür mich in deinem Bett. Ich hoffe, das kompensiert das Fehlen der Königin vor England?“

Cristina kam aus dem Badezimmer, ihre nassen Haare in ein Tuch eingewickelt und sie trug einen Bademantel. Sie sah etwas frischer aus.
„Wie ich höre, geht es in diesem Haus immer noch lustig zu und her. Wie habe ich das vermisst!“
„So, jetzt erzähl! Deine Reise nach Mexiko war wohl ereignisreicher, als unser Leben hier, nehme ich an?“

Sie erzählte, dass sie darüber nachdenken wollte, wie es in diesem Haus weitergehen soll. Da gleichzeitig Jesus mit ihr über Social Media Kontakt aufgenommen hat, wollte sie einige Wochen zu ihm nach Mexiko. Er hätte ein schönes Haus bei Cancun, wo sie wohnen konnte. Ausserdem freute sie sich darauf, wieder einmal so reden zu können, wie ihr der Schnabel gewachsen sei. Spanisch.
Sie hätte anfänglich das Leben in allen Zügen genossen. „Bis ich schlussendlich diese hier hatte,...“ sie zeigte auf ihre künstlichen Brüste. „... aber kein Geld mehr auf dem Konto.“
Fiona konnte es nicht lassen: „lieber keine Brüste, dafür Geld auf der Bank! Sorry, aber was hast du dir dabei nur gedacht?! Du hattest immer Geschmack. Und dann das?!“
„Ich weiss wirklich nicht, welche Teufel mich geritten hat. Ich spürte, hierher kann ich nicht zurück. Ich lag wohl richtig, was euch zwei angeht.“
Jetzt wurde ich sauer! „bis zu deiner Videobotschaft, in der du uns gesagt hast, du lebst jetzt mit diesem Jesus zusammen, übrigens schon mit deinen beiden Airbags vor der Brust, war ich dir treu! Wenn das Gespräch diese Richtung nehme sollte, betrachte ich es als beendet. Und ich bitte dich unverzüglich das Haus zu verlassen!“
Jetzt war es Fiona, die der Situation den Wind aus den Segeln nahm.
„Ich würde gerne ihre Geschichte fertig hören. Geht das ohne ausgerissene Körperteile? Wie du weisst, habe ich mein Taucher-Barbie-Trauma bis heute nicht überwunden.“
„Es war übrigens der Hund, nicht Katy.“
Wir mussten wieder lachen. Cristina sah irgendwie neidisch aus.
Cristina erzählte, um Geld zu verdienen hätte sie für Jesus gearbeitet. Weil sie gut Englisch spreche, war es ihre Aufgabe, amerikanische Touristen mit Drogen versorgen. Und sie sei immer tiefer in die Sache hereingerasselt. Als sie die Ausweglosigkeit ihrer Situation erkannte hatte, hat sie Jesus bestohlen und ist über einige Umwege nach Chile und von dort mit einem Schiff hierher nach Saint Hiram gekommen.
„Und jetzt, was hast du für Pläne?“
„Wenn ich das wüsste? Ich habe gedacht, ich könnte vielleicht...“
„...bei uns unterkommen.“ vervollständigte ich ihren Satz.
„Ja. Wir hatten es doch gut zusammen. Wir drei! Das Team!“
„Nur hast du inzwischen einen Drogendealer bestohlen, der sein Geld bestimmt wieder haben will. Wie viel war es denn? Lohnt sich die Suche für ihn?“
„Ich denke, er will es wieder. Ja.“
Dabei grinste sie zum ersten Mal so, dass man ihre Spangen erkennen konnte, was Fiona zur Frage verleitete: „und bei der Dentalhygienikerin bist du wohl nie gewesen? Du, mit deinem Zahnfleisch!“
Cristina und ich überhörten es, es gab gerade grössere Probleme.
„Wie willst du Jesus das Geld zurückgeben?“
„Per Banküberweisung, wie den sonst?“
Ein Fünkchen der alten Cristina war noch vorhanden.
„Hast du den genug Geld auf deinem Konto?“
Sie verneinte, hoffte aber, dass ich oder Fiona es ihr ausleihen würden. Was wir beide kategorisch ablehnten.
Ich erkundigte mich, ob sie selber auch Drogen konsumiert hätte? Selbstverständlich hätte sie, so nah an der Quelle. Aber sie sei wieder clean.
„Wenigstens das!“ sagte Fiona, die ganze Zeit nervös an ihrem Headgear herumleckte.

Falls wir sie wieder bei uns aufnehmen, was sie uns als Gegenleistung bieten könnte? Offensichtlich hatte sie nicht darüber nachgedacht.
Ich wollte wollte etwas nachprüfen. Mit der Entschuldigung, ich müsse auf die Toilette ging ins Gästebadezimmer. Wie ich befürchtet habe: Cristina hatte das Fenster so manipuliert, dass sie von aussen einsteigen konnte. Soll ich jetzt einen Wutanfall bekommen? Ich konnte mich zusammennehmen, Schloss das Fenster und ging zurück ins Wohnzimmer.
„Wass hast du jetzt für Pläne?“
„Ehrlich gesagt keine. Ich habe damit gerechnet, wieder hier einziehen zu können. Du hast es bei meiner Abreise auch versprochen...“
„Damals war die Situation noch ganz wenig anders. Hast du einen Platz zum Übernachten?“
Sie nannte ein Hotel, das ich nicht kannte. Fiona kannte es, es sei bei Backpackern mit kleinen Budget beliebt. Sie hätte das Zimmer noch für zwei Nächte im Voraus bezahlt, dann hätte sie kein Geld mehr.
„Gut, Cristina. Du sagst im Hotel, dass du noch zwei Wochen bleiben würdest. Ich schicke morgen jemand vorbei, der es bezahlt. In diesen Wochen schauen wir weiter! Morgen um 19:00 treffen wir uns im Arch and Whale. Sei pünktlich!“
„Kann ich definitiv nicht bei euch hier wohnen?“
„Vorerst definitiv nicht! Nein! Ich will keine mexikanische Drogendealer im Haus. Noch etwas: ausser bei vereinbarten Treffen, hältst du dreihundert Meter Abstand zu Fiona, Barnie, mir, diesem Haus und dem Autohaus.“
„Was ist los mit dir? Du klingst, wie Fionas Papa.“
„Jetzt aber ganz schnell raus, bevor ich es mir anders überlege!“


Fiona sah niedergedrückt und nachdenklich aus. Sie spielte immerzu mit den Zahnspangen und dem Facebow vor ihrem Gesicht.
„Was hast du vor?“
„Vorerst einmal Zeit schinden. Bis uns etwas in den Sinn kommt. Vorschläge sind immer willkommen.“
„Ich habe keine. Ich bin nur deprimiert. Sie war meine beste Freundin. Konnte ich mich so täuschen in ihr?“
„Nein, Fiona, du hast dich nicht getäuscht. Sie ist ein anderer Mensch, seit wir uns damals am Flughafen von ihr verabschiedet haben.“

Ich hörte Fiona im Bett neben mir.
„Alles klar, Fini?“ flüsterte ich.
„Alles andere, nur nicht klar. Die Sache beschäftigt mich. Ich will ihr helfen, weiss aber nicht wie. Sie ist, beziehungsweise war meine beste Freundin. Ich habe so viel von ihr gelernt, sie war da, als ich jemanden brauchte. Als ich eine starke Schulter zum anlehnen brauchte, stellte sie mir deine zur Verfügung, das Beste, war gerade verfügbar war....“
Ich sagte nicht, lächelte aber vor mich hin in die Dunkelheit hinaus.
„... bist du eingeschlafen?“
„... nein, ich höre dir aufmerksam zu.“
„... dann reagiere gefällst auf meine Beleidigungen!“
„...warum? Es ärgert dich, wenn ich nicht reagiere.“
Ich hatte ein Kissen im Gesicht.
„... das ist hingegen jetzt unfair! Du weisst das ich dir wegen des Headgears nicht zurückgeben darf!“


Am nächsten Abend durfte Barnie eine andere Tour machen, als er sich das gewohnt war. An diesem Tag ging es von 24 Nelson Terrace zu Fuss ins Arch and Whale. Fiona und ich wollten noch einiges bereden bevor wir uns mit Cristina treffen.
Es war kurz vor sieben, als wir das Pub betraten.
„Ach, da kommen doch gleich Erinnerungen hoch.“ scherzte ich.
„Schlechte Erinnerungen,“ sagte Fiona betrübt. „Ganz schlechte Erinnerungen!“
„Sorry, ich sollte manchmal besser darauf achten, was ich sage...“
Ihr verschmitztes Lächeln: „an diesem Abend wurde ich allerdings auch einem Typen vorgestellt...“
Dave lief an uns vorbei und sagte: „da hinten wartet ein altbekanntes Gesicht auf euch. Ich betone „alt“. Kann ich euch etwas bringen?“
Wir gaben unsere Bestellungen auf, Dave meinte trocken wie ein Martini: „an euren Softdrinks werde ich nicht reich!“
Und Fiona ergänzte: „vielleicht brauchen wir nachher noch etwas Hochprozentiges. Entweder zum Feiern, oder zum Vergessen.“
Ich schaute sie ganz entsetzt an. „Was schaust du so? Barnie kennt den Heimweg!“
Ich schaute sie noch entsetzter an. „hihihi, du solltest dein Gesicht sehen.“
„Ja, ja, 24 Nelson Terrace. Da ist man vierundzwanzig Stunden fröhlich. Villa Kunterbunt auf einem Vulkan mitten im Pazifik.“
„Hast du ein Problem damit?...“ sagte Fiona zu Cristina, „... vor einigen Monaten hast du kräftig mitgemacht!“
„Nein, hab‘ ich nicht. Glaub‘ mir, ich würde gerne wieder mitmachen...“
„Darum sind wir hier! Was hast du in deinem Glas?..“ sie Fiona nahm Cristinas Glas vom Tisch, roch daran und sagte: „Whisky gibt es erst nach erfolgreichen Verhandlungen. Ist bei mir Familientradition!“ sie nahm das Glas, ging damit zur Theke: „Dave, dieses Mineralwasser ist schmutzig! Bring uns bitte ein Neues?“
„Eins mit?“
„H20 pur mit CO2“
Ich sah sie zum zweiten Mal in wenigen Minuten verwundert an. „Was war das jetzt gerade.“
„Wenn Quentin Taranatino Filme aus den Siebzigern kopieren kann, darf ich das doch auch? Ich musste mit Papa immer solche billigen, amerikanischen Produktionen ansehen. Das prägt!“
„In was für Kreisen verkehre ich? Die eine spielt Anwaltsserien nach, die andere zitiert B-Movies?“
In Cristinas Augen schimmerte Hoffnung auf.
„Also, Cristina. Wir sind hier, um dir ein sehr gutes Angebot zu machen. Du kannst es annehmen, du kannst es ablehnen. Diskutiert wird nicht...“
„... Er schiebt seinen Stetsson nach hinten, nimmt einen Lungenzug seiner handgedrehten Zigaretten und bläst den Rauch langsam über die Oberlippe aus...“
„Was war das gerade?“
„Tschuldigung,“ sagte Fiona, „... ich habe nur die Anweisung im Drehbuch vorgelesen...“
Alle drei lachten wieder zusammen. Seit langer Zeit. Das Eis war gebrochen.
Wir sagten Cristina, dass wir ihr helfen würden. Dass wir allerdings von ihr kein Mätzchen erwarten. Wenn sie sich nicht an die Regeln halten würde, sei das Experiment einfürallemal beendet.
Ich gab ihr die Adresse eines Arztes, der sie in- und auswendig checken wird. Auch auf Drogen. Dieser Arzt wird sich auch ihre Brustimplantate ansehen, den ich vermute, das beim Einsetzen gepfuscht wurde. Sie musste unterzeichnen, dass Fiona und ich diese Resultate sehen dürfen.
Sie fängt am nächsten Tag früh in der Spedition meiner Firma an, und sie gibt mir alle Angaben, wie man Jesus erreichen kann, damit Jodie, unsere Anwältin, beziehungsweise ihr mexikanischer Kollege, die Modalitäten zur Rückzahlung Cristinas Schulden bei Jesus verhandeln kann.
„Das geht doch nicht, dann weiss er wo ich bin!“
„Cristina. Entweder ist er der grosse Makker, dann weiss er bereits wo du bist, oder er ist ein kleines Würstchen. Dann wird er auf die Forderungen des Anwalts eintreten. Du jedenfalls, hast keinen Kontakt zu ihm, verstanden?“
„Verstanden. Dann darf ich jetzt wieder bei euch einziehen?“
„Nein,...“ jetzt übernahm Fiona. „solange einige Dinge nicht geklärt sind, beispielsweise deine Drogensituation, oder die Schulden bei Jesus, will ich dich nicht in meiner Nähe haben. Ich habe Angst. Ja, ich bin vielleicht die verwöhnte Göre, aber ich habe keine Erfahrungen in solchen Dingen, und ich will diese Erfahrungen auch nicht machen. Definitiv nicht!
Wir haben dir das Hotelzimmer für einen Monat bezahlt. Dann schauen wir weiter!“
„Das Hotel ist aber...“
„Cristina, wir haben dir deutlich gesagt: wir diskutieren nicht mit dir.“
Jetzt übernahm wieder ich: „brachst du Bedenkzeit?“
„Ich schätze, ich habe keine andere Wahl. Ja ich nehme an. Muss ich etwas unterschreiben?“
„Nein. Handschlag genügt. Ich denke, wir sind immer noch Freunde.“
Ich schüttelte ihr die Hand, Fiona schüttelte ihr die Hand, dann wollten Fiona und ich noch die Hand schütteln, sahen aber unmittelbar ein, dass dies widersinnig ist. Und wir lachten. Cristina auch.
„Ich freue mich, wenigstens mit einem halben Fuss wieder im Team zu sein.“
„Wir uns auch, Cristina.“ sagte Fiona. Ich nickte.

Cristina war gegangen, dafür trat Dave an unseren Tisch. „Ihr Whisky?...“
„... den übernehme ich! Am Geruch zu urteilen, wird er meine Mastercard nicht zum Glühen bringen...“
„Da täuscht du dich! Ich mach dir aber einen Spezialpreis! Darf es für Euch noch etwas sein? Feiern oder Vergessen?“
„Wir wissen es noch nicht, hast du was mit Champagner und Wodka?“
Ich wolle diesen Drink von meinem ersten Besuch im Arch and Whale.
„Das war der, als du mich nachher trotz Zahnspangen und Headgear noch ansehnlich fandest? So einen will ich auch!“
„Warum? Siehst du die Sache nicht positiv?“
„Doch, durchaus. Ich will dich endlich einmal ansehnlich finden!“
Ein silbergrauer Facebow, zwei bergseeblaue Augen, zwei weiss Gummis und achtundzwanzig polierte Stahlbänder lachten mir gleichzeitig diabolisch entgegen!

„Und wie findest du meine Kreation?“ wollte Dave wissen.
Fiona nahm vorsichtig einen Schluck, verteile die Flüssigkeit auf den Geschmacksrezeptoren im Mund, beugte sich unter den Tisch und sagte:
„Barnie, Merk‘ dir den Heimweg! Frauchen wird mit dir öfter hier vorbei kommen!“
„Danke Fiona. Das war das beste Kompliment, das ich für meine Kreation jemals erhalten habe.“
„Den hast du selber kreiert?“
„Ja, ich habe damals in einer Bar in Byron...“ weiter kam er nicht mehr. Fiona fiel ihm ins Wort.
„Was weist du von Byron Bay?! Und von wem?!“
Dave sah verdutzt aus der Wäsche. „Well, Byron Bay ist ein - sagen wir - legendär Ort für europäische Backbackers in Australien. Ich habe dort in einer Bar gearbeitet, Mel hatte dort einen solchen Drink und mich dann überzeugt hierher zu kommen.“
„Mooooment! Mel war in Byron Bay? Zum...?“ sie machte eine Gesten, wie wenn man beispielsweise an einer Zigarette zieht...
„Ich gehe davon aus. Doo war auch dabei... Also die Gegend ist nicht so schön, dass....“
„Jajaja, ich kenn‘ die Gegend! Sag‘ mir...“
„Was? Du? Fiona? Du warst in Byron Bay? Das musst du mir erzählen!...“ er setze sich auf den Stuhl, der einigen Minuten noch von Cristina bewohnt war und sah Fiona tief in die Augen.
Fiona wurde rot, mehr als rot! „Oohhh Mann! Warum immer ich? Warum bin ich nur so schwatzhaft!“ ich konnte nichts mehr vor lachen. „Und du, mein Lieber! Ein sterbens Wörtchen, und ich verfüttere dich Barnie!“
„Fiona, ich mach dir einen Vorschlag: fünf meiner Drinks für deine Erlebnisse aus Byron Bay.“
„Nicht für zehn Drinks! Sie sind zwar sehr gut, aber trotzdem nicht für zehn Drinks!“
„Klar, du bist im Autohandel tätig: ich biete dir zwölf Drinks!“
„Barkeeper, bezahlen bitte, der Hund muss ins Bett!“

Draussen schnüffelte Barnie am erstbesten Laternenmast und Fiona sagte: „Uiiiiiii, das war wieder peiiiinlich! In was habe ich bin da wieder hineingeraten. Ende nächste Woche weiss es die halbe Stadt...“
„er ist Barkeeper, da weiss es Ende dieser Woche schon die ganze Stadt...“
„Du bist wieder eine Unterstützung! Ich stell mich mit beiden Füssen in ein Fettnäpfchens, und du machst Witze über mich!“
„Seh es positiv! Es trägt zu deiner Legendenbildung bei. Wir, die wir die Geschichte kennen, werden sie nie weitererzählen, das weisst du. Die Anderen wissen einzig, dass es eine Geschichte mit Fiona aus Byron Bay geben muss. Irgend etwas verruchtes.“
„Stimmt! So habe ich es noch nicht gesehen. Eigentlich ganz cool!... aber wir waren ja nicht zu meiner Imagepflege im Arch and Whale. Was denkst Du, wird sie es packen?“
„Ja, ich vermute.“
„Ich auch. Und sorry, für die Sache mit den Anweisungen aus dem Drehbuch. Du warst recht aggressiv ihr gegenüber, da dachte ich, dass sie Stimmung etwas Aufheiterung bedarf.“
„Danke, das ist dir gelungen!“
„Anfänglich warst du aber stinksauer auf mich, stimmt’s? Hab’s dir angesehen...Hihihi!“
„Und wie! Ich dachte, was soll das? Warum fällst du mir in den Rücken?“
„Wir sind eben doch ein gutes Team!“
„Das beste!“
Wir küssten uns und Barnie sah hechelnd zu.
„Barie, was ist mit dir los?! Wir kommen auch nicht nachschauen, wenn dein Gummitier wieder quietscht!“
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: xxxforce on 15. August 2022, 00:26:06 AM
Holla, ziemliche 180 Grad wende in den letzten beiden Kapiteln  >:D  aber dennoch weiterhin die wenn nicht beste Story die ich so bisher gelesen habe... Chapeau   :D
Title: Auf zu neuen Ufern! zwanzigstes Kapitel
Post by: Uniphase on 15. August 2022, 00:54:20 AM
zwanzigstes Kapitel

„warum ist eigentlich Cristina nicht mitgekommen?“ fragt Katy, „sie ist doch wieder in der Stadt? Kevin hätte sie gerne besser kennengelernt. Es war eigentlich immer cool mit ihr.“
Gisela übernahm. Sie machte Katy auf eine wirklich gute Art klar, dass es noch zu früh sei, Cristina beispielsweise hierher ins Ressort mitzunehmen. Sie schloss mit: „ausserdem haben wir ja mit Kevin einen guten Ersatz!“
„Stimmt,...“ ergänzte ich, „...abgesehen, dass er ein wirklich guter Chap ist, wird dank ihm die Männerquote etwas zu meinem Gunsten verschoben...“
„Wir Girls sind immer noch in der Mehrheit. Solange dies der Fall ist, wird rülpsen nach dem Bier nicht geduldet. Ist euch das klar? Dir auch Kevin?“
Dreimal zwei Sets Zahnspangen und drei Facebows wurden prominent sichtbar. Kevin und ich lachten mit.
„Die Voraussetzungen sind nicht schlecht,..“ sagte Katy, „... er ist mit zwei Schwestern gross geworden.“
„Hmmm... zwei kleine Ergänzungen: die eine ist Hiphoperin, die andere interessiert sich für Martial Arts...“
„Und das erfahre ich erst jetzt?!“ entsetzte Katy sich auf gespielte Weise.
„Katy-Schatz, in einer Beziehung muss man immer kleine Dinge habe, die der Partner noch entdecken kann. Sonst wir die Beziehung rasch öde...“
Nach dem die entsprungen Gummis eingesammelt waren, meinte Fiona gummieinsetzend: „Kevin, du gefällst mir immer besser! Und dir Katy, gratuliere dir zu deinem Fang!“
Ich legte meinen Arm um ihre Schulter Zug sie an mich heran und sagte zu ihr: „Fini, es hätte dein Fang sein können... Jetzt musst du dich mit dem abfinden, was noch übrig blieb...“
Ihre Hand fuhr über meine. „Kevin, ich meine das nicht wertend, aber du bist bei Katy viel, viel, viiiiiel besser aufgehoben als bei mir. Und ich bin mit meinem Resteteller mehr als zufrieden.“
Kevin dachte, er sagt jetzt besser nichts. Denn er hätte sagen müssen, dass er aus seiner Sicht, auch besser liege. Ich hingegen sagte: „danke Fini!“
„Was ist los mit euch beiden?..“ wollte Kevin wissen. „Da zankt ihr euch wie ein altes Ehepaar. Und dreissig Sekunden später seid ihr wie verliebte Teenager hinter dem Schulhaus in den Büschen.“
Fiona spielte mit den Lippen am Facebow herum, wie sie es immer tat, wenn sie konzentriert nachdachte, oder - wie in diesem Fall - nach einer Erklärung suchte.
„Lass mich dir das mit einem Satz erklären,..“ sagte Katy, „... ab der zweiten Klasse stand in ihrem Schulzeugnis: streitsüchtig...“
„Streitsüchtig UND schwatzhaft! Liebes Schwesterherz, ich bitte um Präzision!“
„Siehst du? Sie liess mich nicht einmal ausreden und greift mich schon wieder an...“
Wir lachten wieder, alle zusammen.
Später, als wir im Bett lagen, fragte mich Fiona ernsthaft und nachdenklich, warum sie eigentlich immer zum Mittelpunkt von Witzen werde?
„Weil du den Mittelpunkt suchst?“
„Tu‘ ich das?“ ich sah es nicht, ich wusste aber, neben mir bearbeiten gerade zwei Lippen einen Facebow.
Nach einer ruhigen Weile: „du könntest recht haben. Ich war schon immer darauf hinaus beachtet zu werden... vielleicht weil ich so klein bin? Papa und Katy waren  immer grösser als ich.“
„ist doch egal warum.“
„es stört dich nicht? Niemals?“
„Fiona, du bist der wunderbarste Mensch. So wie du bist!“
„Wirklich?... etwas muss ich noch lernen: dir Komplimente zu machen... ich mach dich die ganze Zeit herunter. Eigentlich will ich dies gar nicht, weil ich dich ganz ganz fest liebe...“
„Weinst du jetzt?“
„Ein bisschen...“
„Komm rüber...“
Sie legte ihren Kopf auf meine Brust, mein Zeigefinger fuhr über ihren Facebow, und ich sagte: „wir kannten uns schon gut, bevor wir ein Paar wurden. Und ich denke, ich kannte dich mit all deinen guten und all deinen - sagen wir mal anderen Seiten. Ich wusste ganz genau, ich will mit dir zusammen sein. So wie du bist, du wunderbare Person.“
„... fffft... jetzt weine ich noch mehr... aber fffft... danke!.... Ich glaube, Barnie muss nochmals raus...“
„Der war aber erst gerade, und so eine kleine Blase hat er auch wieder nicht!“
„Glaub mir, er muss“
Sie stand auf, zog einen Trainer an. „Komm Barnie! Der Baum ruft!“
Barnie dachte sich sicher: ‚um diese Zeit?! Aber wenn Frauchen meint, und sie hat ein Leckerli in der Hand und noch gaaaaaanz viele in Hosentasche. Das rieche ich, da gehe ich mit!‘

Ich war schon eingeschlafen. „Pssst!.... Gschschschschscht!... Pssst!...Schläfst du?“
„Gääähn. Eigentlich ja, aber lass‘ hören!“
„Ich weiss nicht, wie ich dir anders meine Liebe zeigen kann, und normalerweise ist es ja auch anders herum...“ was kommt jetzt? Dachte ich. Bei Fiona muss man
wirklich auf alles gefasst sein. Auf das was kam, war ich es definitiv nicht!
„Willst du mich heiraten?“
Ich war hellwach! Hat sie mir jetzt gerade einen Heiratsantrag gemacht? Mitten in der Nacht? Das kann nur Fiona. Also muss es war sein!
„Wenn ich im Halbschlaf richtig verstanden habe, was du jetzt gerade gesagt hast, dann: ja, ja, ja!!!“
„Jupiii!“
„Jupiii, und bist du dir da ganz und gar sicher, dass du das willst?“
„Ich bin mir dreimillionen mal sicher! Du bist der einzige Mann auf dieser Welt, den ich heiraten möchte!“
„Mir geht es gleich mit dir!“

Wir küssten und seeeehr lang und seeehr intensiv, und Barnie schaute bestimmt zu. Hunde können im dunklen sehen.
„Hast du bemerkt, ich habe dir alles gesagt, was ich vorbereitet habe, ohne dich dabei zu beleidigen.“
„ist mir nicht aufgefallen. Wenn ich nachdenke, du hast recht! War es schwer?“
„Unheimlich!“
„Dann lassen wir das in Zukunft!“
„In der Kirche werde ich mich nochmals anstrengen müssen. Nur wegen den Gästen, weisst du....“
Lange Pause, sie dachte nach.
„Kirche ist in Ordnung für dich, oder? Weisst du...“
„Kirche ist in Ordnung. Es soll so sein, wie du es dir erträumst, seit du träumen kannst.“
„Danke! So komme ich wenigstens zu meiner Traumhochzeit, nachher können wir uns wieder scheiden... Mist, ich schaffe es keine zehn Minuten auf meinen Schnabel zu sitzen...“
„Das ist einer der Gründe, warum ich dich heiraten will...“


Wir sassen am Früstückstisch, als Katy fragte: „könnt ihr uns erklären, was ihr letzte Nacht für einen Radau gemacht habt?“
„Wir haben uns verlobt.“ gab Fiona trocken zur Antwort.
„Und da macht man...“ dann realisierte sie, was Fiona gerade gesagt hat. Auch die andere zwei schauten verwundert auf. „... was habt ihr?! Euch verlobt?! Mitte in der Nacht?“
Fiona strahlte über das ganze Gesicht, ihre Zahnspangen waren meiner Meinung noch nie so sichtbar, was mir wiederum bestätigte, dass es für sie nicht nur eine nächtliche Flausel war. „Ja, Katy, du hast ganz richtig gehört, dein kleines Schwesterchen wird heiraten!“
„Das glaube ich nicht! Also erstens gratuliere ich euch ganz herzlich. Aber Ort und Zeitpunkt sind sogar für euch speziell!...“ und an mich gerichtet: „wenigstens einen romantischeren Ort hättest du aussuchen können. Du kennst ja Fionas Hang zur Romantik...“
„... Schwesterch, Schwesterchen, mein zukünftiger Ehemann hat alles richtig gemacht: seine Aufgabe war einzig Ja zu sagen. Ich habe ihm den Antrag gemacht!“
„Moment! Du hast ihm...?
„Yes! Ich wollte ihm das grösste Kompliment machen, das ich machen kann. Ein Heiratsantrag. Und nein, ich bereue es keinesfalls!“
Barnie hechelte, schaute uns nacheinander immer wieder an. Ich bin mir sicher, er wusste nicht um was es ging. Das Beziehungsleben von Hunden ist etwas einfälltiger. Aber einfacher.
„Aber wir gehen heute trotzdem zum Kratersee?“ Fragte Kevin, sich einen Toast mit Confitüre unter der Nase in den Mund schiebend. Er wusste genau, dass er mit dieser Frage die weibliche Gefühlsausbrüche etwas eindämmen kann. Danke, Kevin!
„Natürlich! Warum nicht?“ fragte ich.
Katy fand zwar, es gäbe jetzt doch noch so viel zu bereden. Wir anderen fanden, das hätte Zeit, und wenn es wirklich notwendiges zu bereden geben sollte, könne man dies im Auto, oder beim Wandern machen.

Fiona trug die selbe rote Softshell-Jacke, wie auf dem Bild auf ihrem Blog. Ich wusste, dass das keinesfalls Zufall war, und ich war mir klar, dass ich dies erwähnen sollte. Jetzt, oder spät? Jetzt, dann muss ich nicht mehr daran denken.
„Ich glaube, ich kenne diese Jacke von diesem Bild von dir. Dieses superschöne.“
Ein Blitzen und Glitzern sondergleichen schlug mir von ihren Zahnspangen entgegen. „Hast du das bemerkt? Ich weiss, warum ich dich heiraten will.“
Bei dieser Lichtshow vorher ist mir etwas in den Sinn gekommen, das ich bisher gar nicht beachtet habe: Fionas Zeit mit Zahnspangen wird nächstens enden...
Man suchte das besagte Bild von Fiona auf ihrem Blog. Und alle, die es noch nicht kannten, Gisela und Kevin, waren hell begeistert.
„und dein Lächeln! Hammer!“ sagte Kevin, der dann merke, dass er etwas gesagt haben könnte, was bei Fiona schlecht ankommen könnte. Darum ergänzte er: „wobei ich dich jetzt übrigens auch sehr sexy finde.“ sofort realisierend, dass er die zukünftige Frau seines Chefs als sexy bezeichnet hat, und eventuell Probleme mit seiner Freundin bekommen könnte, darum folgte: „also ich finde Frauen mit Zahnspangen grundsätzlich irgendwie sexy. Generell.“ Alle Anwesenden litten mit ihm mit. Ich versuchte die Achterbahn-Gondel zu bremsen. „Dann bist du auf Saint Hiram am richtigen Ort!“ Kevin dachte wahrscheinlich... wahrscheinlich dachte er nichts und war einfach nur froh, dass die Gondel anhielt.

Die Wanderung war schön. Die Landschaft erinnerte an die Alpen mit Wiesen, Baumgruppen und einem gewundenen Trampelpfad.
„Weisst du noch, wo das Foto aufgenommen wurde?“
„Yes! Wollen wir ein Vergleichsfoto machen?“
„Wäre doch cool!“
„Schön versus sexy?“
„Schön versus schön und sexy!“
„Das Thema ‚Zahnspangen und Hochzeit‘ müssen wir noch besprechen.“
„Das ist doch klar!“
„Bist du sicher? Was ist, wenn ich auf den Hochzeitsbildern schön UND sexy sein möchte?“
Barnie kam kurz vorbei, um nachzuschauen, ob wir noch unterwegs waren, um gleich wieder wegzurennen.
„Meine hübsche Braut, das ist deine Entscheidung. Das überlasse ich dir ganz alleine. Wie so viel anderes bei der Gestaltung der Hochzeit.“
„Ich muss ehrlich sagen, lach’ mich bitte nicht aus, aber ich finde meine Zahnspangen inzwischen irgendwie wirklich sexy! Der Headgear müsste nicht sein, aber die Bänder sehe ich inzwischen als eine Art Markenzeichen von mir. Ich habe auch kein Problem mehr sie zu zeigen, wenn sie poliert und sauber sind. Ich muss mir das überlegen, wie so vieles. War ja schon etwas überstürzt letzte Nacht...“ ich drehte mich zu ihr um. Sie konnte meine Gedanken lesen... „aber ich bereue es nicht im Kleinsten! Glaube mir, ICH werde bestimmt keinen Rückzieher machen!“
„Ich ganz bestimmt auch nicht!“
„Du weisst ja, ich habe einen gewissen Hang zur Romantik, und habe mir überlegt, wie ich dich dazu bringen könnte, das du verstehst, dass ich der Meinung bin, dass wir zusammengehören, dir ein riiiiesiges Kompliment machen. Dann kam ich auf die Idee mit dem Heiratsantrag.“
„Das Signal, dass wir zusammen gehören, hast du eigentlich schon vorher gegeben! Dein Signal kommt gerade hechelnd auf uns zugerannt.“
„Du wolltest mit Cristina auch einen Hund, war das bei ihr auch ein Signal?“
„Vermutlich ja. Wir waren uns aber beide nicht sicher. Sie ist dann abgehauen... Aber bei dir, Fini, bin ich mir ganz, ganz sicher, dass ich ganz, ganz sicher bin!“
Dieser Knicks und ihr verschmitztes Lächeln. Auf die nächsten Jahre!
„Stimmt. Cristina! Wie werden wir es ihr sagen?“
„Lass bitte Cristina nicht unser Leben bestimmen! Sie ist abgehauen! Und sie macht uns jetzt einen Haufen Arbeit. Ganz zu schweigen vom Finanziellen. Ich habe wirklich keine Lust sie zur Zeit zu sehr in unser Leben zu lassen. Vor allem seit letzter Nacht. Jupiiii!“
„Was war dann letzte Nacht?“
„Auf siebzig lustige und streitlustige Ehejahre! Ich freue mich auf dieses Abenteuer mit dir!“
„Und ich erst.“
Achtundzwanzig blankpolierte Bänder in der Bergsonne. Was für ein Anblick.

Wir legten Rast ein, und Barnie bekam Wasser, das Fiona aus einer Feldflasche in einen faltbaren Hundenapf goss. Während Barnie gierig sein Wasser aus dem Napf läppelte, fragte Kevin, ob sie nicht auch ein Bier für ihn hätte.
„Du musst es allerdings auch aus dem Napf trinken. Aus diesem hier!“
„Bist du eigentlich nie um eine Antwort verlegen?“
„Die Antwort kam aus drei anderen Mündern: „nie!“

Wir waren alle recht ausgelaugt, als wir wieder im Ressort waren.
„Ich leg‘ mich erst einmal eine halbe Stunde auf den Headgear.“ sagte Fiona.
„...und dann kannst du nachts nicht schlafen, und machst wieder einen solchen Radau!“
„Nach der Verlobung, wäre das dann eine Trennung. Und eine solche ist noch viel, viel lauter! Glaub mir!“
Kevin grinste und sagte: „stimmt. Nie!“

Die Frauen waren im Cabin und machten Frauensachen, Kevin und ich sassen auf der Veranda und machten, mit je einer Getränkedose in der Hand, Männersachen.
„Ich gratuliere dir übrigens hiermit noch ganz offiziell zur Verlobung! Prost!“
„Prost!“
„Du hast eine wirklich wunderschöne und in jeder Hinsicht wunderbare Braut erobert!“
„Kevin, vergiss nie. Sie hat mich erobert!“
„Die Frauen auf dieser Insel sind wirklich speziell. Woran liegt das?“
„Die Meisten haben Piratenblut in den Venen, sagt man...“ ich grinste ihn an.
„Auf der einen Seite haben sie Haare auf den Zähnen - auch Katy - glaub‘ mir, aber dann diese Unterwürfigkeit. Das mit den Zahnspangen! Ich bin mir inzwischen sicher, Katy hat ihre nicht, weil sie schiefe Zähne hatte. Verstehe mich nicht falsch: mir gefällt sie so ausserordentlich. Bei Fiona bin ich mir diesbezüglich sogar ganz sicher, seit ich das Hammerbild - sorry Chef - von ihr heute gesehen habe! Und da gibt es auch noch andere Dinge, Carl zum Beispiel. Du weisst was ich meine, er ist ja auch dein Chef!“
„Kennst du Mel und Doo?“
„Ist das ein Popduo aus den Achtzigern?“
„Nein, das sind zwei homosexuelle, supercoole Frauen, die hier auf der Insel wohnen. Bei Doo weiss ich es nicht, aber Mel wurde hier geboren. Ich muss sie dir unbedingt einmal vorstellen, zumal dir Mel sehr viel über die Insel erzählen kann. Die Infos kommen zwar immer sehr kryptisch. Aber mit etwas Hirnschmalz verstehst du, was sie meint.“
„Tönt spannend, ja ich würde die Beiden gerne kennenlernen.“
„Letztens hat sie mir gesagt, hier herrschten noch Regeln aus der Piratenzeit...“
„... huhuhu! Holzbein, Augenklappe und Papagei auf der Schulter!“
„Nein, nicht diese, das ist Hollywood-Quatsch! Hast du zu Beispiel gewusst, dass man nicht gerne Leute auf Schiffen verlor, weil jeder Mann an Bord eine Funktion hatte. Stell‘ dir vor, es kommt ein Sturm, und man muss die Segel einholen. Da ist jeder Mann gefragt...“
„Macht Sinn!...“
„Darum sei angeblich eine Regel gewesen: gehe als Sieger vom Platz, aber nicht als Verlierer!“
„Wenn es einen Sieger gibt, muss es immer einen Verlierer geben.“
„Nicht unbedingt. Denk mal darüber nach, was du auf der Insel wahrnimmst... Willst du noch eins?“ ich hielt die Dose in meiner Hand in die Luft.
„Mein Chef, Yoda!“ er lachte und meinte: „sehr gerne!“
Auf Weg vom Kühlschrank auf die Veranda kam ich an dreissig Frauenfingern vorbei, deren Nägel farblich gerade generalüberholt wurden.
„Ehemann in Spe, schau‘ mal!“ und man hielt mir zehn gelbe Fingernägel unter die Nase, die nach Azeton rochen und gelb waren.
„Ja, schön. Ich würde die Farbe Gelb nennen, aber hier wären wir uns wahrscheinlich schon uneinig.“
„Es ist Teil meiner Überraschung für dich!“
„Fiona, du weisst, ich liiiiebe Überraschung! Meine wunderbare Braut!“ ich warf ihr einen theatralischen Handkuss zu, sie tat so, als wollte sie ihn mit dem Mund auffangen: „Mist, jetzt klebt er am Facebow!“

„geh als Sieger vom Platz, aber nicht als Verlierer!“ wiederholte Kevin, als er die neueingetroffene Dose öffnete. „Hat was! Du kannst dein Gegenüber zwar vermöbeln, aber lass ihm seine Würde, denn du brauchst  ihn wahrscheinlich noch. Macht auf einem Segelschiff damals, oder auf einer Insel wie dieser, durchaus Sinn... Macht Carl seine Geschäfte so? Er verdient zwar am Deal, aber immer so, dass der Geschäftspartner als ..... Partner aus den Verhandlungen geht... Spannend! Oder als mir Fiona das Auto verkauft hat. Ich weiss, dass sie daran verdient hat, aber es war auch ein guter Deal für mich. Als ich ein Problem fand, wurde das anstandslos gelöst.“
„Klar. Weil die Anzahl potenzieller Kunden, die ihr Überleben sicherstellt, beschränkt ist, will sie dich als Kunde behalten. Wir sind hier nicht im Paradies, es gibt sehr viele verdammten Schlitzohren, aber ich habe nie das Gefühl, man wolle mich über den Tisch ziehen...“
„... du gewinnst zwar nicht wirklich alles, hast aber dafür keinen Feind! Ich war letztens bei einer Keilerei in einem Pub dabei... Zuschauer, nicht beteiligt, will ich betonen...“
„... wenn du beteiligt gewesen wärst, hätte ich dies wahrscheinlich am nächsten Tag gesehen.“
„... eben nicht! In England wäre Blut gespritzt. Hier haben sie sich wirklich gründlich vermöbelt, sich dann angeschnaubt und verduftet. Ich muss wirklich mal darüber nachdenken...“
„Ich habe noch etwas anderes... Ich brauche seit letzter Nacht einen Trauzeugen... Hast du Lust? Wir kennen uns zwar noch nicht lange, aber ich mag dich. Ausserdem hast du kein Piratenblut in den Venen...“
„Ich möchte aber vorher noch mit dir etwas besprechen. Vielleicht magst du mich nachher nicht mehr...“
Oh Gott, jetzt kommt es, und ich Hornochse habe es eingefädelt!
„Du willst zu unserem Schwiegervater in Spe wechseln, richtig?“
Kevin war erstaunt. „Woher weisst du das? Ich habe nur mit ihm unter vier Augen darüber gesprochen. Er hat versprochen es für sich zu behalten!“
„Ich Hornochse habe dich empfohlen!“
Ich erzähle ihm, dass sich Papa bei mir über ihn erkundigt hätte, ob er gut genug für seine Tochter wäre. Und ich habe ihn in allen Tönen gelobt, auch erwähnt, dass er in Birmingham in der Autoindustrie gearbeitet hätte.
Papa hat ihm versprochen, dass er eine leitende Position übernehmen könne und ihm eine rosige Zukunft versprochen.
„Kevin, das tönt sehr gut für dich. Nur zwei Dinge: so lange er am Leben ist, wird er dir hineinreden. Und der wird alt, das sag‘ ich dir. Steinalt. Wann würdest du anfangen?“
„Etwa in einem Jahr. Der derzeitige Stelleninhaber geht erst dann in den Ruhestand.“
Ich dachte: bis dann vergeht noch viel Zeit!
„Übrigens: du schuldest mir noch eine Antwort. Könntest dabei deine Familie näher kennenlernen...“
„Chef, ich bin dein Trauzeuge unter einer Bedingung: ich darf dich weiterhin Chef nennen.“
„Angenommen!“
Vor uns erschien das Gesicht meiner Braut.
„Darf ich dir Kevin, meinen Trauzeugen vorstellen?“
„Wirklich? Das trifft sich sehr gut. Katy wurde vor wenigen Minuten zu meiner Trauzeugin erkoren... warum ich eure Männerrunde störe: falls du in den nächsten sechzig Minuten etwas aus dem Schlafzimmer benötigst, dann hopphopp! Nachher ist ist unser Schlafzimmer Todeszone für sämtliche Männer!“
„Für Barnie auch?“
„Ohne Ausnahmen. Auch für Barnie!“
Dieser hörte seinen Namen und kam nachsehen, ob die Erwähnung seines Namens vielleicht mit etwas essbarem im Zusammenhang steht.
„Du könnest solange den Hund füttern...“


„Was läuft jetzt gerade in eurem Schlafzimmer ab? Muss ich Angst haben? Anders gefragt, in welche Richtung soll ich meine Gedanken führen?“
„Wenn du mit dem Schlimmsten rechnen willst, dann ziehe im Erwägung, dass du in rund fünfzig Minuten erblinden wirst!“
„Also Angst haben!“
„Allerdings werden sich deine letzten Augenblicke derartig in dein Hirn einprägen, dass du gut darauf verzichten kannst, für den Rest deines Lebens zu nichts sehen.“
„Was?! Eine Stripshow?!“
„Kevin, du junges, hormomgesteuertes Mannsbild, du kommst langsam in einen Abschnitt deines Lebens, in dem man als Mann die Frauen als Kunstwerke ansieht, nicht mehr als Lustobjekt!“
„Ich fürchte mich vor diesem Lebensabschnitt! Ist das der Lebensabschnitt mit den blauen Pillen?“
„Nein, das ist der Lebensabschnitt der in der man alles kann. Auch geniessen und zuerst geduldig warten.“
„Verdammt nochmals, ich will nicht geduldig warten!“
„Das sehe ich. Aber glaube mir, du wirst es in Zukunft geduldig auf solche Momente warten wollen...“

Im Innern des Hauses wurden Pfannendeckel aufeinander geschlagen: „Aaaaaaugen schliessen!“
„Mach mit, Kevin, lass ihnen den Spass!“
„Ehrlich gesagt, wenn du mitmachst, fühle ich mich schon mal sicherer. Sonst hätte ich Angst; diese beiden Schwestern haben manchmal etwas diabolisches!“
„Schnabel zu! Augen zu!“
„Seit ihr bereit?“
„Jaaahh!
„Du auch Kevin?“
Ein etwas beunruhigtes „Ja.“
....
„So, jetzt könnt ihr wieder die Augen öffnen...“
„Whow!“ sagte ich.
Fiona hatte das violette Etuikleid an, dass mir so gut gefällt. Wieder in Kombination mit gelb. Ihre Schuhe waren aus einem gelben Leder, sie hatte gelbe Fingernägel und die Armbanduhr war aus Gelbgold. Moment, hat sie gelbe Gummis im Mund? Und der Headgear ist auch gelb?! Ihre Haare wurden - natürlich - auch mit etwas Gelbem aus dem Gesicht gehalten. Das Make-up war wie immer makellos.
„Fini, du siehst uuum-weeerfend aus!“
Kleiner Knicks, schelmisches Lächeln und ein „Merci.“
„Sag‘ mal, hast du gelbe Gummis?“
„Und einen gelben Headgear! Hast du den auch gesehen? Gefällt es dir?“
„Und wie!“ Mein Sitznachbar gab keinen Ton von sich. Ich puffte ihn. „He junger Mann, sag was!“
„Hhich khann nhhicht mhhher!“
Katy sah nicht minder schön aus in ihrem hellen, trägerlosen Kleid, das bis fast zum Boden reichte. Ihre Haare waren hochgesteckt und die trug eine Goldkette und goldnen Ohrschmuck.
„Hhhalso whhen dhhas whharten und alt werden bedeutet. Das Alter kann kommen! Ich habe es mir anders vorgestellt...“
„Gut gemacht Kevin. Etwas zu theatralisch vielleicht. Aber gut.“
„Das war nicht gespielt. Und du hast recht, ich habe all meinen Willen zusammengenommen, um gegen die drohenden Erblindung anzukämpfen. Mädels, macht ihr das öfters!?“
„Nur bei speziellen Gelegenheiten, sonst würdet ihr euch daran gewöhnen. Das ist wie Steak essen. Jeden Tag würde es rasch langweilig.“
„Katy, du siehst umwerfend aus! Du natürlich auch, Fiona, ich habe einfach Angst, der Frau des Chefs zu viele Komplimente zu machen...“
„Mach nur, vielleicht kennst du noch einige Superlative. Mir gehen sie langsam aus... Fiona hat vorher Steaks erwähnt: es warten Plätze im Restaurant auf uns!“

Eine vergnügte Truppe und ein hechelnder Labrador waren unterwegs ins Restaurant.
„Danke auch dir, Gisela, ich denke du hast fleissig mitgeholfen? Du siehst übrigens auch umwerfend aus.“
„Danke fürs Kompliment, neben diesen Beiden falle ich schon etwas ab. Nein, ich habe nur zugesehen und gelernt. Ich muss doch Carl auch mal so was bieten. Fionas Skills werde ich allerdings meinen Lebtag nie erreichen.“
„Sie ist wirklich einsame Spitze! Apropos Fiona: erzähl mir das mit den gelben Gummis.“
Sie erzählte, dass sie neue Gummis brauchte, und das bei MacGee in der entsprechenden Schublade, neben weissen, auch noch solche in anderen Farben gewesen seinen. Und da die anderen Farben sonst nicht gebraucht wurden, hätte sie diese haben dürfen... „also mach‘ dich etwas gefasst, Bräutigam!“ Zuviel bunt finde ich zwar nicht so schön, sagte aber trotzdem: „Jupiii!“


„Wie hast du unseren ersten Tag als Verlobte empfunden?“
„Schön!“ sagte das symmetrisch-schöne Gesicht, dessen Kopf neben mir im Bett lag. „Und mir ist noch ein Kompliment in den Sinn gekommen: Kevin ist noch sehr jung, ich liebe es an dir, dass du nicht mehr so ganz Barnie bist! Ich habe mir vorgenommen, dass ich dir jetzt, bis zur Hochzeit, jeden Abend ein Kompliment machen werde.“
„Und nach der Hochzeit?“
„Dann streiten wir vor Gericht um Barnie...“
Sie trug wieder weisse Gummis.



Einige Tage später bekam ich abends eine Message von Kevin:
„Wir kommen gerne auch. Ich werde ein Tiramisu bringen, wenn‘s recht ist.“
„Cool! Wir freuen uns. Auch aufs Tiramisu!
Am Nachmittag davor hatte ich folgendes Gespräch mit Kevin:
„Kevin, am Freitag kommen Mel und Doo zu uns zum Nachessen. Falls ihr beide Zeit und Lust habt, seid ihr ebenfalls herzlich willkommen.“
„Ich würde gerne diese Beiden Frauen treffen, ich weiss allerdings nicht, ob mich Katy schon disponiert hat.“

Es war Freitagabend, und Fiona war nervös. Das Wohnzimmer sah perfekt aus, wahrscheinlich hatte sie Teller und Besteck mit dem Lineal ausgerichtet. Sie hat jede Menge Blumensträusse verteilt und sogar Barnie musste widerwillig ein Bad nehmen.
„Ich weiss immer noch nicht, was ich anziehen soll!“
„Du bist auf jeden Fall die Schönste.“
„Du hast es einfach! Frisches Hemd, frische Jeans und eine Krawatte umgebunden und gut ist...“
„... Mooooment! Du verlangst aber nicht im Ernst, dass ich heute Abend eine Krawatte trage?! Das mach ich nicht! Sonst lachen mich die anderen Kinder am Montag in der Schule wieder aus!“
„Okey, Krawatte lassen wir weg. Kümmere dich einfach darum, das deine Lasagne nicht anbrennt. Das Andere sollte in Ordnung sein. Und falls du mir einen Tipp bezüglich meiner Kleidung hätte, damit ich am Montag auch nicht ausgelacht werde. Einfach melden, du hast ja meine Nummer.“
„Ich hätte da schon eine Idee..“
„Raus damit! Aber sofort. Die Zeit drängt...“
„Hast doch diesen Kilt-Rock, in dem siehst du umwerfend aus...“
Sie strahlte mich an: „... das Hemd mit den Dotts, ein blauer Blazer...“
„Und unten die brauen Stiefel! Die machen mich...“
„Dann die Stiefel definitiv nicht, du lüsternes Subjekt!“
Weeeeg war sie...

„Na?“ sie strahlte.
„Sogar die braunen Stiefel! Das heisst aber nicht, dass ich jetzt eine Krawatte tragen muss?“
„Nein, ich gehe deine Zähmung gaaaanz sachte an. Diesen Gürtel hatte ich ganz aus den Augen verloren. Er unterstreicht das Country-Thema, was denkst du?“
„Das wird mir jetzt schon etwas...“
„C’mon! Du hast dich heute Abend als sehr guter Berater entpuppt. Diese Fähigkeit müssen wir fördern!“
„Fiona, ich bekomme Angst! Hiiife!“
Kurz darauf läutete es, und Barnie bellte. Das kann er dann machen, wenn wir harthörig sind. Zurzeit, bekommen wir noch zuverlässig mit, wenn jemand zu uns will.
Mel und Doo waren zuerst.
Die übliche Vorstellungsphrasen und Mel meinte: „schön habt ihr es hier! Ich war nicht mehr hier, seit dieses amerikanische Paar - wie hiessen sie doch gleich wieder - die Insel zu plötzlich wieder verliessen...“
„Schaut euch ruhig um. Wir haben nichts zu verbergen.“
„In dem Fall erst frisch ein Paar, oder ein lahmes Sexualleben...“
„Ihr geht definitiv noch unter frisches Paar.“ ergänze Poo, als sie merkte, dass Fiona über Mels Bemerkung rot wurde.
„Ah, und deine Zahnspangen, ich sehe, man hat dir Hafterleichterung gewährt. Kämpf’ um deine Freiheit, Mädchen!“
Die beiden Frauen sassen bei Champagner im Wohnzimmer, als Katy und Kevin eintrafen.
Man stellte sich wieder einander vor, und Mel sagte zu Kevin: „willkommen auf dem Vulkan im Pazifik! Und ganz viele heisse Abenteuer. Du wirst schon noch merken, unter der erstarrten Lava geht einiges ab. Harte Schale, weicher Kern!“
„Ja, da habe ich schon einige Dämpfe aufsteigen sehen, deren Ursprung ich noch nicht interpretieren kann...“
„Lass dir Zeit damit, Kevin!“

Während des Essens erzählten wir von Cristina, und als Mel von der Geschichte mit dem mexikanischen Drogendealer hörte, wurde sie unruhig und meinte: „dieses Gesindel konnten wir bisher erfolgreich von der Insel fern halten. Wir müssen un-be-dingt schauen, dass das so bleibt! Das wird für dich in Zukunft eine grosse Herausforderung.“ Schloss sie an Fiona gerichtet. Sie bemerkte, meine Reaktion und auch Fiona fing an nervös an ihren Zahnspangen herumzuspielen. Wieder einer dieser Saint Hiram-Momente. Auch nach über einem Jahr.
Das Nachessen war gut - meine Lasagne übrigens nicht verbrannt - und Kevins Tiramisu ausgezeichnet.
Katy klagte über Kopfschmerzen, darum verliessen sie und Kevin die Runde recht früh wieder. Auch Doo machte sich bald auf den Nachhauseweg, sie betonte glaubwürdig ein duzend Mal, dass es ihr gefallen habe, aber ihr Job als Lehrerin ermüdend sei.
So sassen nur noch Mel, Fiona und ich am Tisch. Barnie sass darunter und liess sich von Mel kraulen.
„Jetzt sind nur noch wir drei übrig, ein Hund und eine halbe Flasche Rotwein.“ meinte Mel. „Sonst keine News? Fiona?“
„Was meinst du?“ meinte diese etwas verlegen.
„Nichts. Ich sah dich schon lange nicht mehr so glücklich.“
„Viiiieleicht liiiiiegt es daran,........ dass wir heiraten werden?“ bröselte sie heraus.
„Was? Ihr beide werdet heiraten? Das finde ich umwerfend! Ihr beide seid wirklich ein gutes Paar! Aber Fiona, ich sehe gar keinen Ring an deinem Finger?...“ zu mir gerichtet: „du enttäuschst mich jetzt: Fiona, die Oberromatikerin, und du schenkst ihr keinen Ring?“
Fiona antwortete an meiner Stelle: „es lief etwas anders ab. Ich habe ihm den Antrag gemacht...“
Da war Mel nicht mehr zu halten, sie wieherte wie ein alter Ackergaul, und das versetzte ihren ganzen Körper in Vibrationen.
„Du, Goldlöcken, macht den ersten Schritt! Halleluja! Es besteht noch Hoffnung für den Planeten, und speziell für Saint Hiram!“
Fiona frage so schüchtern, wie ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe: „und? Findest du das nicht gut?“
„Nicht gut? Nicht gut? Naaaatürlich finde ich das gut! Sehr gut sogar! Komm Goldlöcken lass mich dich gaaaaaanz fest drücken!“ sie stand auf, ging zu Fiona und drücke diese an sich. Hier muss angemerkt werden, dass Mel nicht ganz doppelt soviel Volumen wie Fiona hatte. Fiona verschwand fast in Mel, und ich stellte schon Überlegungen an, wie ich meine Braut aus Mel heraus befreien könnte. Barnie sass daneben, fuhr sich mit der braunen Zunge über die Lefzen und verstand - einmal mehr - die Welt nicht. Er überlegte sich, ob er nachkriechen muss, wenn er weiterhin mit Leckerlis versorgt werden will.

„Jetzt müssen wir ihm es sagen!“
Fiona antwortete: „jetzt? Nicht erst nach der Hochzeit?“
„Ja, ich wäre schon noch froh, wenn ich es vor der Hochzeit erfahren würde. Was immer ihr beide mir zu sagen habt.“ sagte ich halb im Spass, mehr als halb im Ernst.
„Setz‘ dich bequem hin und füll dein Glas nochmals auf. Fiona wird dir jetzt eine Geschichte erzählen. Diese ist unglaublich, aber wahr. Falls sie etwas vergessen sollte, bin ich so frei und ergänzte!“
„Was? Ich? Ich dachte du würdest sie erzählen?“
„Es ist dein Mann, du musst ihm vor eurer Hochzeit reinen Wein einschränken! Apropos, mein Glas ist schon wieder leer, der Wein gut und der Abend noch jung!“
Title: Auf zu neuen Ufern! Einundzwanzigstes Kapitel
Post by: Uniphase on 15. August 2022, 01:43:51 AM
einundzwanzigstes Kapitel

Fiona spielte mit den Lippen am Facebow herum, während sie gleichzeitig mit der Zunge ihre Zahnspangen erkundigte. Wahrscheinlich in der Hoffnung zwischen den Drähten und Bändern den Anfang der Geschichte zu finden.
Mel sah, dass sie Fiona anschieben muss und sagt, an mich gerichtet: „wie du ja weisst, war Saint Hiram während vieler Jahre ein Piratennest...“
Fiona lachte sie an und fuhr weiter: „... und wie du ja auch weisst, haben viele von uns noch Piraten-Blut in den Adern. Bestimmt Mel und ich... „
Ich überlegte, ob ich diese Aussage aus eigener Erfahrung bestätigen soll. Ich liess es, wollte ich doch Fiona nicht unterbrechen. Sie sucht mit der Zunge in ihren Zahnspangen nach dem weitern Verlauf der Geschichte. Vielleicht auch nur nach Resten von Kevins Tramisu, das wirklich fein war.
„... wie du auch weisst, gibt es auch noch Anderes hier aus jener Zeit...“ sie lächelte mich an. Es war weniger eines der diversen Lächeln, die sie mir normalerweise entgegenschickte, es war mehr ihr „Autohaus-Kundenbetreuungs-Lächeln.
„... was wir dir aber bisher verschwiegen haben,..“ einen kurzen Blick zu Mel, um mir zu bestätigen, dass Mel auch „wir“ ist. „... dass es hier auf der Insel noch einen Piratenschatz gibt!“ Kunstpause in der sie meine Reaktion prüfte und gleichzeitig mit ihrer Zunge die Lippen befeuchtet. Weil wir kurz vorher das Nachtessen beendet haben, trug sie keine Gummis.
„Über die Existenz dieses Goldschatzes werden nur die allerwenigsten Zuwanderer informiert. Weil ich aber zusammen mit Mel und Jodie den Schatz verwalten, fanden wir es notwendig, dich darüber zu informieren. Besser gesagt, Mel und Jodie wollten dich jetzt schon informieren. Ich wollte eigentlich bis nach der Hochzeit warten...“
Mel ergänzte zum ersten Mal: „... Du musst wissen. Der Schatz wird seit jeher immer von drei Frauen aus der Gemeinschaft verwandelt. Weil Männer als dazu nicht geeignet angesehen werden...“ Fiona gab keinen spitzen Kommentar in meine Richtung ab. Was mich einerseits verwunderte, andererseits die Wichtigkeit dieser Unterredungen unterstrich. „... zur Zeit sind Jodie, ich, und seit Pelelope im Altenheim ist, Fiona für die Verwaltung des Schatzes verantwortlich. Die Ausscheidende bestimmt jeweilige ihre Nachfolgerin, sofern sie dazu nicht in der Lage ist...“
„Ich spiele sehr gerne bei eurem Mistery mit, zumal der Vollmond draussen bestens zur Stimmung passt. Nur: warum habt ihr drei Frauen euch den bisher nicht besser gekannt. Beispielsweise am Fest? Ja, klar ihr beide seid euch vorher schon begegnet. Saint Hiram ist ja auch übersichtlich. Wenn ich mich zurückerinnere, kommt es mir aber nicht so vor, als wenn ihr zusammen einen riesengrossen Piratenschatz verwalten würdet...“
„... mein lieber zukünftiger Ehemann, du warst nicht mit mir auf dem Fest. Das war Cristina...“ sie lächelte mich süffisant an und ich wurde rot, wie eine Tomate.
Es muss doch etwas geben, mit dem ich kontern kann. „Oder als wir Jodie zum ersten Mal getroffen haben, da bin ich mir sicher, dass du dabei warst, sah es nicht so aus, als würdest du sie schon sehr gut kennen. Na Blondie? Noch Fragen?“ sagte ich triumphierend.
Fiona grinste silbern zurück. Ich kannte dieses Grinsen aus den diversen Diskussionen, die wir führen, in denen es oft spielerisch darum ging, den Anderen verbal ins Schwitzkästchen zu nehmen.
„Dafür habe ich dir auch eine Erklärung,..“ sie tippte mit den Fingern beider Hände genüsslich der Reihe nach aneinander. Sie hatte ein fieses Grinsen im Gesicht. „... weil Jodie zu diesem Zeitpunkt noch gar keine der drei Verwalterinnen war. Sie ist die Nachfolgerin von Isabelle, die bekanntlich jetzt in Sydney mit Craig zusammenlebt... Eine der Regeln lautet, dass alle drei Verwalterinnen auf der Insel leben müssen.“ an Mel gerichtet meinte sie: „ich habe es dir gesagt, er wird uns niemals glauben!“
Mel an mich gerichtet: „zieh praktische Sachen an und gutes Schuhwerk. Wir zeigen dir den Schatz! Unter einer Bedingung: du sprichst mit niemandem darüber!“
„Ich nehme auch mein goldenes Schwert mit. Ich bin sicher euer Schatz wird von einem feuerspeienden Drache bewacht, richtig?“
„Jetzt machst du dich noch über uns lustig, bald werden wir nur noch ‚oooh, aaah, whow und uuunglaublich‘ aus deinem Mund hören“ gab Mel zur Antwort.
„Darf Barnie auch mitkommen?“ fragte Fiona Mel, und zu mir sagte sie: „du kannst ja die Wellingtons anziehen, die ich dir gekauft habe.“
„Klar kann Barnie mitkommen, wenn er nicht in die Schatzkammer pieselt.“
„Er kann mir ja auch im Kampf gegen den Drache helfen. Immer bei Vollmond kann er nämlich Feuer speien.“

Wir fuhren durch die nächtliche Stadt Richtung Berge. Die Stimmung war wirklich ideal für eine solche Ausfahrt: Vollmond über dem Meer, die Stassen feucht und mit Herbstlaub bedeckt. Ich beschloss mitzuspielen. Nicht nur weil ich den beiden Frauen ihren Spass nicht verderben wollte, denn eigentlich liebte ich solche Inszenierungen. Ich musste noch einmal hoch und heilig versprechen, dass ich bestimmt meinen Schnabel halten werde.

Wir stiegen aus dem Auto und machten uns auf einen halbstündigen Fussmarsch.
„Falls ihr einen Schlüssel mitnehmen müsst, habt ihr ihn dabei? Ich habe keine Lust den Weg mehrmals zu gehen, weil jemand von euch den Schlüssel vergessen hat!“
Zuiiiip! Mel zog den Reissverschluss ihres Rucksacks aufs und zog einen riesigen, geschmiedeten Schlüssel heraus. Sie präsentierte ihn mir. Diese Mädels haben sich wirklich gut vorbereitet. „Darf ich den mal ansehen? Der ist ja wunderschön. Woher stammt der?“
„Der ist von der Schatzkammer! Hornochse!“ sie trug die selben Wellingtons wie ich - einfach einige Schuhgrössen kleiner - Hosen aus englischem Wollstoff, einen dicken Pullover aus Wolle und eine Wachsjacke darüber. Hätte sie noch eine Schrotflinte über der Schulter getragen, ich wäre sicher gewesen, wir sind auf Fasanenjagd.

Die Wanderung war schön. Mehr oder weniger eben ging es auf einem schmalen Pfad dem Hang entlang. Der Weg war durch den Vollmond gut ausgeleuchtet, so dass die Gefahr eines Fehltritts weitgehend ausgeschlossen war. Ich habe versucht zu sehen, ob vor uns in den letzen Stunden schon Leute diesen Weg gegangen sind. Ein Indiz für eine Vermutung, die hegte. Ich hatte nämlich letztes Fiona erzählt, dass man noch nie eine Überraschungsparty für mich organisiert hätte.
„Willst du den eine?“
„Wäre irgendwie schon cool.“
„Dann lass dich überraschen! Irgendwann werde ich eine für dich ausrichten...“
Die heutige Nacht wäre stimmungsvoll genug, aber warum dann zuerst das Nachtessen? Ich hatte mir meine Überraschungsparty eigentlich mit Grill vorgestellt.
Dass Katy wegen Kopfschmerzen heim wollte, und auch Doos vorzeitigen Abgang, machten auf einmal Sinn. Wir standen einen Moment still und ich wischte mir grinsend den Schweiss aus der Stirn. „Grinst du den Vollmond an?“
„Nicht den Vollmond, Fiona, ich grinse dich an! Du bist die aller, aller, allerbeste.“
Können Zahnspangen im Vollmondlicht ebenfalls blau leuchten? Offensichtlich.
Dass niemand vor uns diesen Weg gegangen ist, erklärte ich mir damit, dass es wahrscheinlich eine Zufahrtsstrasse geben würde. Man muss ja für eine richtige Überraschungsparty einiges fugen.
„So da wären wir.“ sagte Mel und zu Fiona: „Leuchte mal zum Schlüsselloch.“
Wir standen unter einem Felsvorsprung. Rund vier Meter links von uns ging es, soweit ich erkennen konnte, senkrecht einige hundert Meter ins tosende Meer hinunter. Wahrscheinlich ging es über uns entsprechend in die Höhe. Eine Kiefer versuchte sich offensichtlich seit Jahren erfolgreich am Fels festzukrallen. Romantisch, diese Kiefer vor dem vollmondblauen Nachthimmel.
Zu unserer rechten befand sich ein Portal in der Felswand. Ich schätze fünf auf vier Meter. Aus Hartholz und mit Schmiedeeisen bewehrt. Entweder eine gute Kopie, oder wirklich alt.
„Whow!“
„Habe ich es dir nicht gesagt, das mit dem ‚whow‘? Die ‚aaahs‘ und ‚ooohs‘ werden folgen, glaub‘ mir.“
„Du warst mit der Reihenfolge nicht ganz korrekt! Du hast gesagt, er würde mit ‚ooh!‘ beginnen.“
„Ich konnte doch nicht wissen, dass sich dein Göttergatte in Spe schon von einem alten Scheuentor dermassen beeindrucken lässt. Aber glaub‘ mir, die Laute wird er alle noch von sich geben!“
Die beiden Frauen lachten auf meine Kosten, während sie sich am Schloss, das klemmte, zu schaffen machten. „Kennt ihr WD40? Ich bin sicher Papa hat es in der Werkstatt.“
„Hilf lieber, Hornochse!“
Sie biss ihre Zähne zusammen, als sie mit Mel versuchte den Schlüssel im Schloss zu drehen. Zahnspangen werden tatsächlich bläulich im Mondlicht.
„Hast du gewusst, dass sich deine Zahnspange farblich den vorherrschenden Farbtönen des jeweils herrschenden Tageslichts anpasst?“
„Hilf endlich, sonst bin ICH nicht mehr angepasst!“
Das Schloss klemmte wirklich. Und mit einigen gemeinsamen Anstrengungen konnten wir es öffnen. Dahinter befand sich Dunkelheit, und ein moderiger, leicht schwefliger Geruch.
„Herr Drache sollte wieder einmal kräftig lüften.“
Eine der beiden Frauen betätige einen Lichtschalter, und Leuchtstoffröhren begannen nacheinander zuerst zu blinken, um dann unterschiedlich schnell aus ihrer Hibernation zu erwachten und einen Raum zu erleuchten. Zu meinen beiden Seiten neigten sich zwei Frauenköpfe gegen mich und formten mit einer Hand einen Trichter hinter dem Ohr. „Na?“
Mir fuhren Tränen in die Augen, ob dem was ich sah. Der Raum muss mindestens fünfzig Meter in den Berg hinein reichen, er war rund acht Meter hoch und ebenso breit. An seinen Wänden waren Regale angebracht, die mit Kelchen, Bechern, Schalen, Kunsthandwerksgegenständen und sonst allem, was man aus Edelmetallen fertigen kann, belegt waren. Dazwischen befanden sich Dinge, wahrscheinlich aus Kristall.
„Sorry,..“ stammelte ich, „ich bin nicht einmal mehr in der Lage, die angekündigten Laute von mir zu geben. Ich bin schlichtweg überwältigt! Ich fühle mich gerade wie...“
„Indiana Jones, Lara Croft, Jack Sparrow, blablabla... kennen wir alles!“ erwiderte Mel gespielt gelangweilt.
„Aber du musst zugeben, bei uns ist es ordentlicher, oder?“ sagte Fiona mit einem riesigen Stolz in der Brust.
„Definitiv! Der Beweis, dass auch eine Priateninsel ohne Frauen nicht existieren kann!“
Sie strahlte mich an. Ich ergänzte: „und dies scheint der einzige Ort zu sein, an dem es mehr funkelt, als in deinem Mund.“ ich nahm sie in meinen Arm und schloss: „Entschuldigung, dass ich dir - euch - nicht geglaubt habe. Aber eine Höhle mit Piratenschatz im einundzwanzigsten Jahrhundert ist schon etwas... unglaubhaft, oder?“
„Das ist unser Vorteil: sollte sich jemand nicht an sein Verprechen halten, und irgendwo  herumerzählen, es gäbe auf Saint Hiram eine Höhle voller Schätze, es würde ihm niemand glauben.“
„Hat was! Und was habt ihr damit vor?“
„Das selbe was unsere Vorfahrinnen auch damit vor hatten: nichts. Diese Sammlung wurde seit rund zweihundert Jahren nicht verändert. Es wurde nichts entnommen, es wurde nichts hinzugefügt. Sie wurde als eiserne Reserve von Saint Hiram deklariert, weil wir hier über all die Jahre immer gut gewirtschaftet haben, konnten sie vollständig bleiben.“
„Und wer weiss sonst davon? Ich meine Museen in Europa und so. Ich kann mir vorstellen, dass sich die dafür interessieren könnten?“
„Wahrscheinlich schon. Das interessiert uns allerdings nicht. Auf deine Frage, wieviele Leute davon wissen: du bist die derzeit lebende Person 167, die davon weiss. Und wir verlassen uns wirklich auf dich, dass du niemandem davon erzählst!“
„Ehrenwort! Aber...“ ich zog Fiona an mich und drücke sie an mich. Ich sah sie nicht, ich spürte, dass sie rot wurde.
„Ich arbeite diesbezüglich an mir, wie du weisst. Und das hier ist etwas so, so, so heiliges für uns, dass ich es nie ausplaudern würde. Das ist was viel höheres, als Byron Bay...“
„Byron Bay? Was war dort wirklich? Vielleicht kannst du es mir sagen?“ fragte mich Mel.
„Das ist mein Geheimnis um meinen Goldschatz! Sorry!“
Das anschliessende Lachen nahm dem Ganzen seinen festlichen Rahmen. Ich durfte mich noch ausgiebig umsehen, und als wir gemeinsam wieder das Tor verschlossen, sagte ich: „ich nehmen an, das war das einzige Mal, dass ich in diesen Raum war, richtig?“
„Das ist so. Es dürfen nur Fiona, Jodie und ich hinein, und auch wir müssen mindestens zu zweit sein.“

Ich war still auf dem Weg zurück zum Auto und auf der Fahrt zurück in die Stadt.
„Hat es dir die Sprache verschlagen?“ wollte Fiona wissen.
„Allerdings! Ich kann es noch nicht einordnen!“
„Das ging mir auch so, als ich den Schatz zum ersten Mal sah,“ sagte Fiona...„Wiiiirklich!“
„Jedenfalls ganz, ganz, herzlich Dank, dass ihr mich in eurer grösstes Geheimnis eingeweiht habt. Ich weiss nur nicht, warum mir diese Ehre zuteil wurde?“
„Weil du diesem verfluchten Vulkan gut tust! Du bist jetzt übrigens ein offizieller Hiamianer. Willkommen in unserer Welt.“ sagte Mel.
„Danke, und ich will mich nochmals dafür entschuldigen, dass ich mich über euch beide lustig gemacht habe.“

Es wurde schon wieder Morgen, als Fiona, Barnie und ich wieder an 24 Nelson Terrace ankamen.
„also so lange wie dir, hat es mir damals die Stimme nicht verschlagen“, meinte das Metalmouth, das gerade damit beschäftigt war die Wellingtons auszuziehen.
Ich zog sie an mich, umarmte sie ihn ihren anderhalb Stiefeln an den Füssen.
„Danke Fiona für dieses unglaubliche Abenteuer! Ich freue mich auf all die Überraschungen, die hoffentlich noch folgen.“
„Zuerst hilfst du mir bitte den Wellington auszuziehen!“

Wir waren wirklich müde und lagen im Bett, obwohl es eigentlich schon etwas Zeit gewesen wäre unsere Samstagsdinge zu erledigen.
„Ich habe vergessen, mir ein Kompliment für den heutigen Tag zu überlegen. Darum einfach: es ist schön einen Hornochse, wie dich in meinem Stall zu haben! Genügt das?“


Montag. Ich liebte meine Arbeit. Trotzdem: Montage sind und bleiben einfach Montage. Ich mochte auch Carl meinen Chef und er war trotzdem einfach Carl mein Chef.
„Es geht um Cristina.“ direkt heraus, so war er. Cristina mochte ich zur Zeit nicht, und darum sagte ich: „was ist mit der wieder los? Sag bitte nicht, es geht nicht mit ihr in der Spedition.“
„Doch, doch, alles bestens. Ich habe am Freitag noch mit Esteban gesprochen...“ Esteban ist Chilene, singt und pfeift ständig und seines Amtes Leiter der Spedition. Somit Cristinas Boss.
„Er ist mit ihr mehr als zufrieden, findet allerdings Cristina sei unterfordert. Er kann ihr keinen anderen Job anbieten, weil er nichts anderen anzubieten hat... Ich habe allerdings erfahren, dass Sparrow Shipping eine Disponentin sucht. Darum frage ich mal, ob wir ihr das sagen sollten? Sie kann ja gut Englisch und Spanisch, wichtig in diesem Flecken Erde.“
„Moment, Carl. Du hörst, dass Cristina unterbeschäftig ist und telefonierst in der Gegend herum, um etwas Besseres zu finden?“
„Nein, nein, der Messias bin ich auch nicht!... Wobei, wenn ich mir es überlege?... Sorry, ich bin katholisch erzogen worden, da sind solche Gedanken schon plasphemisch...
Weisst du, der Stellenmarkt hier auf der Insel ist sehr arbeitnehmerfreudlich. Es gibt mehr Jobs, als Leute, was dazu führen kann, dass Arbeitnehmer uns Arbeitgeber ausspielen. Darum informieren wir uns gegenseitig, wenn einer von uns einen spannenden Job ausschreibt.
Jedenfalls glaube ich an Cristina und ich denke, wir sollten ihr sagen, dass sie sich dort bewerben soll. Der Lohn wäre auch besser, womit Fiona und du auch euer Geld wieder schneller zurück haben würdet.“
„Das tönt sehr gut!“
„Gut, ich denke, dass du es ihr sagen solltest. Das sind die Unterlagen zum Job...“ er legte mir einige handgeschriebenen Notizen hin. „... ich habe Esteban, gesagt, er soll sie ins Sitzungszimmer 4 schicken.“
„Wann jetzt?“
„Natürlich jetzt!“
Er war verschwunden so schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war. Nur eine Note Pfeifentabak in der Luft verriet, dass er eben noch in meinem Büro stand.
Auf Cristina hatte ich wirklich keine Lust. Zumal ich Fiona versprochen habe, Cristina persönlich zu sagen, dass ich mich mit Fiona verlobt habe. Besser: dass sich Fiona mit mir verlobt hat. Ich wusste nicht, wie Cristina auf diese Neuigkeit reagieren würde, und schob es auf die lange Bank
Inzwischen war ich beim Sitzungszimmer 4 angekommen. Cristina sass schon dort, mit dem Gesichtsausdruck und der Körperhaltung, die man hat, wenn man kurzfristig in ein Sitzungszimmer gerufen wird.
„Guten Morgen Cristina. Schönes Wochenende gehabt?“
Ich konnte ihre Gedanken lesen: ‚komm‘ zur Sache, bitte, schnell.‘
„Kommen wir gleich zur Sache...“
Sie grinste. Ich grinste zurück und dachte: ‚Sag jetzt nichts!‘
„Hier ist man zufrieden mit dir, sehr zufrieden. Finde ich wirklich cool! Gratuliere!“
„Das heisst, ich bekomme mehr Lohn? Du weisst, das käme auch Fiona und dir zugute.“
„Sorry, da lässt sich nichts machen. Wir können dir auch keinen besseren Job anbieten...“
Ich sah ihr die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. ‚du hast mich sitzen lassen. Ich war auch enttäuscht. Soooo lassen wir dich etwas waaaaarten...‘ nach einer Kunstpause, die sich wirklich nicht noch mehr ausdehnen liess, sagte ich: „aber Sparrow Shipping sucht eine Disponentin. Carl und ich finden, das wäre etwas für dich. Was meinst du?“
„Keine Ahnung. Was muss ich dort machen?“
„Ich denke am Computer schauen, dass die Dinge vom richtigen Ort an den richtigen Ort verschoben werden.“
„Büroarbeit? Wahrscheinlich auch mehr Lohn?“
„Davon ist auszugehen. Du hättest allerdings auch mehr Verantwortung als hier.“
Sie fing richtig an zu stahlen. Sie gefiel mir wieder. Erst jetzt ist mir aufgefallen, dass sie ihre lächerlichen Brüste nicht mehr hatte. Ihre Zahnspange hätte aber wirklich eine Revision brauchen können.
„Und ich soll einfach dort einmal anzurufen, meinst du?“
„Wird das beste sein. Da das Telefon...“ Ich deute auf die Mitte des Sitzungstisches. „... und vergiss nicht zu erwähnen, dass Carl gesagt hat, du sollst dich melden. Du weisst: Piratennest und so...“
Yes! Dieses Strahlen kenn‘ ich doch!
„Willst du, das ich draussen warte?“
„Ja, gerne. Dann kann ich dir gleich sagen, wie es gelaufen ist!“
Ich ging raus, schloss die Tür und schob das Schildchen von „Vacant“ auf „Occupied“ und wartete... Carl kam vorbeigedüst.
„Und?“
„sie telefoniert gerade!“
„Crossing Fingers! Lass mich wissen, wie es gelaufen ist!“... und beinahe wäre er in eine Wand gerannt.
Die Tür öffnete sich wieder. Cristina trocknete sich eine Träne aus dem Gesicht und strahlte. „Ich kann mich übermorgen vorstellen! Danke!“ nach einer Pause etwas nachdenklicher „... meinst du Fiona würde mir etwas zum Anziehen ausleihen?“
„Davon bin ich überzeugt, ruf sie doch an...“ ich muss dir allerdings vorher noch etwas sagen. Setz‘ dich nochmals hin... Fiona und ich werden heiraten.“
Den Gesichtsausdruck konnte ich nicht verstehen. Cristina verstand wahrscheinlich gerade auch nicht, was in ihrem Kopf ablief.
„Das ging aber rasch.“
„allerdings. Und wie du weisst, war ich nie ein Anhänger des Konstrukts der Ehe...“
„das heisst, Fiona erwartet ein Kind von dir?“
war das jetzt ein Anflug von Boshaftigkeit ihrem Blick? Moment mal! Und deine Zahnspangen müssten wirklich einmal einen Zahnarzt sehen.
„Definitiv nicht. Wir haben Barnie, da sind wir vollauf beschäftigt.“
„Sorry mein Grosser, du verlobst dich nicht einfach so!“
„Zu deinem besseren Verständnis: Fiona hat mir einen Antrag gemacht. Nicht ich ihr...“
„Einfach so?!“ Cristina kannte Fiona sehr gut, und wusste, dass dies sogar für Fiona ungewöhnlich war.
„Einfach so! Morgens halb drei. Sie war mit Barnie draussen, kam zurück, weckte mich und fragte, ob ich sie heiraten möchte.“ wenn ich die Geschichte erzähle, tönt sie wirklich schräg.
Cristina lachte zuerst verstockt, dann immer offener, dann wieherte sie wie ein Pferd und schliesslich kämpfe sie um Luft.
Mit Trännen in den Augen sagte sie: „ich hoffe wirklich, dass sich unser Verhältnis wieder bessert, nur schon damit ich auf dem Laufenden bleibe, was an 24 Nelson Terrace für unglaubliche Geschichten ablaufen...“
„Cristina, vergiss nie, du hast viel zu diesen Geschichten beigetragen!... Man sieht sich!“
Einen fragenden Blick.
„Ich nehme an, du wirst in den nächsten beiden Tagen mit Fiona ihre Kleiderschränke durchwühlen.“


Als ich nach Hause kam, war Fiona schon ganz aus dem Häuschen.
„Was kochen wir heute? Cristina kommt noch vorbei. Das wäre ja der Wahnsinn, wenn sie diese Stellung bekommen würde. Ich würde mich riesig für sie freuen. Du hast es ihr hoffentlich gesagt?...“
„Gaaaanz ruhig meine hübsche Braut! Bleibt Cristina zum Nachtessen?“
„Ja, aber...“
„dann bestellen wir Pizze!“
„Ich nehme an, das ‚es’ stand für ‚Verlobung‘? Sie hat es recht gut aufgenommen, habe ich jedenfalls den Eindruck. Sie fand allerdings auch, dass es sogar für dich etwas verrückt war...“
„Natürlich, so bin ich eben!...“ ach dieses verschmitzte Lächeln! „... und du hast gesagt, du hättest gewusst, auf was du dich mit mir eingelassen hättest. Für die nächste siebzig Jahre!“
„Ich werde mal nachschauen, wie lange meine durchschnittliche Lebenserwartung tatsächlich beträgt.“
„Mit mir zusammen, kannst du gleich einige Jährchen abziehen...“
„Life fast and die young...“
Sie zog mich an sich heran und wir küssten uns. Und Barnie schaute wedelnd zu.
„Barnie! Dieses Verhalten, werden wir in der Welpenschule definitiv ansprechen müssten.“

Der Abend mit Cristina war wirklich angenehm. Die Frauen wühlten sich durch Fionas Heiligtümer und man fand etwas, was laut Fiona eindeutig sage: ich bin die Disponentin, die ihr sucht! Beim anschliessenden Rotwein mit Pizza, frage Fiona direkt heraus: „deine Zähne, was geht da?“
„Ehrlich gesagt, nicht viel.“
„Aber du willst die Behandlung schon noch abschliessen? Du bist ja schon weit gekommen, wäre daher schade, wenn du es nicht machen würdest! Und glaub‘ mir du würdest nur gewinnen!“
„Ich sage dir ehrlich, ich habe zur Zeit beispielsweise Schulden bei euch, die ich unbedingt zurückzahlen möchte. Mir fehlt das Geld dafür.“
„Und was ist mit der Krankenkasse? Bisher wurde die Behandlung ja von unserer Krankenkasse bezahlt. Und da du - jedenfalls zu Zeit noch - bei uns arbeitest, sollte es kein Problem sein?“ fragte ich.
„Eben doch. Ich habe die Behandlung unbegründet unterbrochen, darum zahlt mir die Versicherung nur noch fünfzig Prozent.“
Fiona schlug sich energisch mit den Händen auf die Knie. Wir, inklusive Barnie schauten sie verwundert an, sie kicherte verlegen und meinte entschlossen: „du sagst mir jetzt offen, dass du die Behandlung abschliessen möchtest, ohne wenn und aber, und ich suche eine Lösung. Ich bin sicher ich finde eine. Deal?“
„Deal!“
„Ohne wenn und aber und mit allem was notwendig ist?“
„Klar!“
„Handschlag?“
Die beiden Frauen gaben sich kräftig die Hand.


„Was meinen Sie, hätte Dr. MacGee eventuell nach meinem Termin bei der Dentalhygienikerin noch zehn Minuten Zeit für mich? Es geht um eine Freundin.“
„....“
„Ihre Apparatur behindert sie so stark beim Sprechen, ich kann sie fast nicht verstehen. Eigentlich kann ich sie gar nicht verstehen. Wissen sie was? Wenn sie nicken, werde ich nachher warten, ist das OK für sie?“
„....“
„Gut, danke, ich werde warten“.


„Fiona, du übernimmst die Kosten?“
„Die fünfzig Prozent, die nicht vom der Krankenkasse übernommen werden, ja.“
„Du kennen mich ja, ich werde schon dafür schauen, dass du besser abschneidest , als die Krankenkasse...“
„Dr. MacGee, weil ich sie gut kenne, will ich, dass wir hier und jetzt alles genau besprechen!“
„Bei der Form der Behandlung sind wir uns einig? Wobei ich mich diesbezüglich schon wundere, gerade bei dir.“
„Ganz und gar einig, Dr. MacGee, inklusive Dauer, richtig?“
Man besprach noch einige Details und Fiona verliess die Praxis. Sie hatte wieder hochglanzpolierte Zahnspangen im Mund und etwas diabolisches in ihrem Blick.


An diesem Abend sandte Fiona zuerst eine Message an Cristina und setzte sich nachher zu mir auf das Sofa.
„Ich finde Cristina macht sich prächtig. Sie sieht wieder ihrem Alter entsprechend aus, die Wassermelonen vor ihrer Brust sind verschwunden und sie wird wieder zu MacGee gehen, wegen ihren Zähnen.“
„Ja, das tönt wirklich prächtig! Konntest du eine Lösung wegen den Kosten finden?“
„Yep, das konnte ich!“
„Und die sieht wie aus?“
„Ich bezahle die fünfzig Prozent.“
„Aus deinem Sack?“
„Yep. Schau, sie war für mich da, als ich Hilfe brauchte wegen meinen Zahnspangen-Geschichten, jetzt schaue ich dafür, dass ihre Zahnspangen-Geschichten vorwärts gehen. Ich werde mir vielleicht einige Kleider weniger kaufen können, aber meine Kleiderschränke sind mehr als voll...“
„Fiona, du steckst voller Überraschungen. Immer wieder!“
„Noch eine Überraschung. Ich werde die Zahnspangen drinbehalten. Jedenfalls vorerst...“
„Den Headgear auch?!“
„Den Headgear auch!“
„Das verwundert mich aber fast noch mehr. Gerade den Headgear!“
„Sag‘ wenn es dich stört, dann lasse ich sie entfernen.“
„Mich stört es nicht. Ich kenne dich nur mit Zahnspangen.“
„Stimmt, du hast mich noch nie ohne Zahnspangen gesehen...hihihi.“
„Aber was liess dich zu diesem Entschluss kommen? Der, ehrlich gesagt, schon etwas schräg ist?“
„Du weisst, warum mir die Zahnspangen zum zweiten Mal eingesetzt wurde?“
„Zur Disziplinierung und als Demütigung!“
„Genau. Das zweite wäre definitiv nicht notwendig gewesen, das war von meinem Papa einfach nur verabscheuungswürdig! Mir kommt immer noch die Galle hoch, wenn ich daran denke.
Mich zu disziplinieren war allerdings notwendig. Ob dies der richtige Weg war? Ich weiss es nicht. Wir leben hier auf einem Piratennest, da sind gewisse Dinge anders...
Jedenfalls war ich damals auf den falschen Dampfer. Ich war wirklich nur noch eine bornierte, arrogante, egozentrische Tussie, die ihre Umwelt terroristert und abschätzig behandelt hat. Nur weil Papa mehr Geld, als die meisten auf der Insel hat, darf ich die anderen wie Dreck behandeln.
Darum war die Disziplinierung damals wirklich notwendig. Und um mir dies noch etwas in Erinnerung zu halten, finde ich es ganz gut, noch einige Zeit, mir nach jedem Essen die Speiseresten aus dem Mund kratzen und dieses Ding vor dem Kopf haben zu müssen. Und zudem: sie ist inzwischen auch fast ein Markenzeichen. ‚Wenden sie sich doch bitte an die Dame dort, die mit der Zahnspange.‘ Und du sagst, ich sehe sexy aus damit.“
„Fiona! Whow! Ich weiss gerade nicht, was ich sagen soll?“
„Wenn du es dumm findest, dann sag es mir. Dann kommt sie innerhalb von wenigen Tagen raus. Wenn sie einen schlechten Einfluss auf unsere Beziehung hat, ist sie in Stunden weg...“
„Nein, ich finde deine Entscheidung extrem mutig.“
„Jetzt würde ich dich eigentlich gerne küssen, darf ich?“
„Bitte sehr! Aber zuerst schicken wir den Hund raus, diesen Spanner.“
Hunde sind dumm! Bestimmt unser. Ein Leckerli in den Garten geschmissen, der Hund hinterher, Balkontür zu und wir hatten Zeit für uns...


Einen Tag später.
„Diiiief-diiiief“
ich las, es war eine Message Cristina. Sie hatte den Job erhalten.
„Gratuliere!“

Ich schrieb eine Message an Fiona:
„Cristina hat den Job!“
Die Antwort lautete:
„Ich weiss es seit 10min. Also vorher! :-D ist es iO, wenn sie morgen zu Rotwein und Pizza kommt. Sie kann dann auch gleich vom Meeting bei MacGee erzählen.“

„Werde morgen erst um 19:30 zuhause sein, sonst i0!“

„Warum? Arch and Whale? ;-)“

„Yes! :-)“

„Wiiiiiirklich?!?!?!
Ohne mich?!?!“
Darüber reden wir noch!!!!“

Jupiii, sie ist eifersüchtig, oder zumindest neugierig, warum und mit wem ich ins Arch and Whale gehe. Das tut gut und macht auch ein wenig Spass.
Der Grund war simpel und wäre in dreissig Sekunden erklärt gewesen:
Ein Arbeitskollege hatte etwas zu feiern und hat uns auf einen Drink eingeladen. Fiona wurde aber bis zum Feierabend fast zerfressen vor Neugier. Ihr Stolz hätte es nie zugelassen, mich per Message zu fragen.
„Schade kommst du morgen erst später, ich habe eben schon mit Cristina auf früher abgemacht.“
„Schreib ihr doch, sie soll auch erst auf halb acht kommen.“
„Das geht ihr wahrscheinlich nicht.“
„Was? Muss sie schnell wieder weiter?“
„Nein, so viel ich weiss nicht.“
„Dann kann sie ja gut auch später kommen...“ Fiona merkte, sie sass in der Falle. Das Zahnspangenlachen, das mir noch einige Zeit erhalten bleiben wird, zeigte sich in seiner ganzen Pracht. „Sag mir endlich, mit wem du ins Arch and Whale gehst! Du weisst, dass ich sehr neugierig bin. Sonst komme ich morgen vorbei und mache eine Szene...“
„Und lässt Cristina hier vor dem Haus warten?“
„Barnie! Beiss! Da!“ und sie zeigte auf meine Wade.
Barnie hechelte und wedelte mit dem Schwanz.
Wir lachten wieder so, wie man nur an 24 Nelson Terrace lachen konnte.
„Komm‘ sag es endlich! Ich zerplatze!“
Ich erkläre es ihr.
„Und das konntest du mir nicht schreiben? Ganz einfach, beispielsweise: ‚sorry Kollege Geburtstag‘. Du hättest nicht einmal auf Gross- und Kleinschreibung achten müssen. Hättest sogar das ‚sorry‘ weglassen können.“
„Hätte schon...“
„Du bist ein Scheusal. Und ein Hornochse! Weisst du, wie ich heute Nachmittag gelitten habe?“
„Ja.“
Sie nahm ein Dekokissen vom Sofa und fing an auf mich einzuschlagen. Aufgrund der Wucht der Schläge, war sie wirklich sauer. Kichernd fing ich sie mir und nahm ihr das Kissen weg.
„Jetzt bist du aber wirklich sauer.“
Das verschmitzte Lächeln. „Schon ein bisschen, ja.“
„Hast du wirklich Angst, ich würde dich betrügen? Das würde ich niemals tun. Dazu liebe ich dich viel zu sehr...“
„Und so eine wie mich, würdest du auch kein zweites Mal finden!“
„Stimmt. Auch ein Argument! Also warum?..“
Sie dachte nach, die Lippen umrundeten den Facebow.
„Dir wird nicht gefallen, was ich dir jetzt sagen werde: es geht gar nicht mal so sehr um dich! Es geht darum, das ich etwas will, und es nicht bekomme: in diesem Fall diese Informationen, wo du bist... Erschreckend, nicht?“
„Barnie, schau!“ ich öffnete die Balkontür, warf ein Leckerli hinaus und wir hatten unsere Ruhe.
„Was denkst du, bringen wir ihn bis nächste Woche so weit, dass hinausrennt, ohne dass wir ein Leckerei werfen?“
„Nächste Woche? Ende dieser Woche!“

„Oh-o!“ war mein Kommentar, als ich Cristina nächsten Abend gesehen habe. Sie hatte ganz offensichtlich einen Termin bei MacGee: oben Facebow mit Highpull-Headgear und im Unterkiefer einen mit Headgear um den Nacken. Und polierte Bänder.
„Das kannst du laut sagen!“ immerhin konnte sie noch normal sprechen, ausserdem hatte sie einige Gummis im Mund.
„Was zuerst? Job, oder Zahnspangen?“
„Job ist schnell abgehakt! Ich kann am Ersten des nächsten Monats beginnen und verdiene nicht einmal schlecht. Ich muss allerdings in Schicht arbeiten, weil die natürlich vierundzwanzig Stunden in Betrieb sind. Was genau ich machen muss, weiss ich noch nicht ganz....“ und nach einer Pause: „auf Sonne folgt Regen!“ sie zeigte auf die Zahnspangen.
In der Zeit, in der sie die Behandlung unterbrochen hatte, habe sich einiges zum negativen verschoben, darum müsse jetzt mehr gemacht werden, als ursprünglich geplant gewesen sei. Der obere Facebow sei fest eingebaut, der untere, dürfe sie zum Essen und Zähneputzen herausnehmen. Sie hatte diverse Gummis, die sie in verschiedenen Konfigurationen tragen muss, je nachdem, ob sie Sprechen muss, oder nicht, beziehungsweise beim Essen.
„Gummis drin beim Essen?“ fragte Fiona, „das wäre sogar für mich eine neue Erfahrung... immerhin kannst du normal sprechen. Das ist bei deinem neuen Job primär wichtig.“
„Hat er etwas bezüglich Dauer gesagt?“
„Drei bis vier Jahre dürften es schon werden...“
„Das hat MacGee gesagt? Dann rechnen damit, dass du irgendwann einen Rollator und eine Zahnspange haben wirst.“
„Er hat mir übrigens gesagt, wie deine „Finanzierung“ aussieht. Darüber müssen wir uns ganz dringend unterhalten. Wie gesagt, ich bin zur Zeit damit beschäftigt, die Schulden bei Jesus, beziehungsweise bei euch abzustottern. Auch mit dem neuen Job, wird mir dann neben den normalen Ausgaben nicht mehr viel übrig bleiben. Ausserdem: die Brüste haben mich auch noch etwas gekostet...“
„Die hast du noch nicht abbezahlt? Ich dachte, du hättest wegen diesen Geschmacklosigkeiten kein Geld mehr auf dem Konto gehabt?“ Fragte Fiona.
„Das entfernen war auch nicht ganz günstig. Auch hier bezahlt die Krankenkasse nicht alles...“
„Was hat das gekostet?“
Cristina nannte einen Preis, und Fiona sagte ihr, dass sie diesen Betrag vom den Schulen streichen soll... „und wenn ihr mich jetzt fragt warum, was ihr sicher tut? Inklusive Barnie, wenn ich mir den so ansehe. Die Antwort lautet: ich habe mich geschämt, mich mit dir blicken zu lassen! Hast du sie übrigens noch?“
„Bin ich krank?!“
„Sorry, aber jemand, der freiwillig solche Dinger vor sich herträgt, ist nicht legitimiert, diese Frage zu stellen. Also hast du sie noch?! Wenn ja kaufe ich sie dir ab.“
„Natürlich habe ich sie nicht mehr.“
„Was willst du damit? Sie Barnie zum spielen geben?“ fragte ich, „ich fürchte die Gummitiere im Haustierladen sind billiger, und Barnie hat länger Spass damit...“
„Molly Johnson in der Schule stand auf den selben Junge. Ich hatte vor ihr die Zahnspangen draussen, und habe gedacht, dass ich jetzt die besseren Chancen bei Roger hätte, bis sie mit sooolchen Dingern in die Schule kam...“
„Silikonimplantate in der Schule?“ fragte ich ungläubig.
„Wahrscheinlich waren es Papiertaschentücher. Ist ja egal! Jedenfalls ging Roger dann Molly! Ich hasse sie und ihre falschen Dinger noch heute...“
Fiona fing als erste an zu lachen...
„Und deine Behandlung?“ wollte Cristina von Fiona wissen.
„Still in process!“ sie zog die Lippen auseinander und zeigte ihre perfekten Beisserchen hinter der Stahlabdeckung.
„Aber bis zur Hochzeit bist du sie hoffentlich wieder los?“
„We will see. Bei MacGee kann man sich dessen nie ganz sicher sein. Und sonst ärgere ich meinen Papa, wenn er mich so zum Altar führen muss...“

Cristina war gegangen, Fiona und ich machten noch eine Runde mit Barnie.
„Was hast du eigentlich für Pläne mit meiner alten Wohnung?“
„Wenn du nicht nett bist zu mir, hätten wir noch eine Alternative...“ sagte ich.
„Habe ich das richtig verstanden, wenn ich böse zu dir bin, ziehst du in diese Wohnung?“
„Fiiiioooona!“
„Du musst zugeben, der war gut?“
„Der war perfekt. Lass mich dich Küssen. Aber schnell, Barnie ist gerade mit dem Laternenmast beschäftigt.“
„Um auf den Kern der Frage zurückzukommen...“
„...Du willst die Wohnung Cristina abtreten.“ Sie sah mich verblüfft an.
„Deine Schlagfertigkeit lässt manchmal zu wünschen übrig, aber im Kombinieren bist du ganz passabel...“
„Eine dritte Variante wäre, Cristina zieht wieder bei mir ein, und du ziehst in diese Wohnung...“ sie sagte nichts mehr. Entweder ist sie stinksauer, oder sie holt zum Gegenschlag aus. Was kam hatte ich nicht erwähnt.
„Gut, dass du dieses Thema ansprichst, du hast dich also offenbar auch schon mit der Möglichkeit befasst, Cristina wieder an 24 Nelson Terrace zu holen...“
Es gluckste neben mir, sie musste das Lachen verkneifen. Wir gingen an einer Parkbank vorbei. Ich setze mich hin.
„Muss du dir sie Schuhe binden? Soll ich dir helfen.“
„Komm...“ Ich tätschelt auf die Lattung neben mir. Dann fuhr ich fort: „was haben wir für Vorteile für uns, wenn sie wieder bei uns einziehen würde?“
Sie überlegte. Ich sah es nicht in der Dunkelheit, aber ich war mir sicher, dass sie mit den Lippen an Facebow herumspielte.
Die Antwort lautete: „ausser dass wir es lustig hätten, und sie ihre Schulden bei uns vielleicht schneller los wäre, wohl keine. Das ist mager, richtig?“
„Ich habe noch ein anderes Problem. Seit sie zurück ist, habe ich das Gefühl sie manipuliert uns. Wir machen sehr viel für sie, du übernimmst seit neuestem die Hälfte ihrer Zahnarztrechnung, und heute Abend hast du ihr den Rückbau ihrer Brüste bezahlt. Das ist wirklich alles ganz edel von dir. Wir - und da schliesse ich Gisela und Carl mit ein - haben dafür gesorgt, dass sie beruflich wieder auf die Beine kommt. Ist aber jemals etwas konkretes von ihr zurück gekommen? Hat sie dir etwas für die Kleider gegeben, die du ihr ausgeliehen hast?..“
„... die sie mir noch nicht einmal zurückgegeben...“
„... und jetzt sage ich dir etwas, was dich wahrscheinlich schockieren wird: sie ist gerade dabei, bei uns einzubrechen...“
„... was sagst du?! Cristina bricht bei uns ein?! Jetzt gerade?! Und wir sitzen hier gemütlich in der Kälte?!“
In diesem Augenblick fuhr ein Polizeiauto an uns vorbei Richtung 24 Nelson Terrace.
„Ist das wegen uns?“
„Nein, wahrscheinlich wegen Cristina.“
Ich erzählte ihr die Geschichte mit dem Badezimmerfenster am ersten Abend bei uns, nachdem sie aus Mexiko zurückgekommen war. Und ich erzählte ihr, dass sie es heute Abend wieder gemacht hätte. Ich erzählte ihr auch, dass Polizisten bei uns im Garten standen, als wir Barnie auf die Runde gingen...
„Damit sie sieht, dass wir nicht zuhause sind, und einsteigt. Clever!“ dann wurde sie rasend: „warum macht sie das bei uns?! Wir haben sie verdammt nochmals wirklich unterstützt! Ich gehe zurück ins Haus und schlage sie windelweich, diese dumme Kuh!“
Ich stand auf: „Barnie, komm!“ Auf dem Heimweg erzählte ich ihr, dass sie es nicht nur bei uns versucht hätten. Bei Gisela und Carl hätte man ihre Fingerabdrücke auch gefunden. Wir hätten heute Abend als Lockvogel gedient.

Um unser Haus war ein Absperrband gespannt und Blinklichter Polizeiauto zauberten furchterregende Schatten in den Garten. Als ich mich bei einem Polizisten, der als Wachposten fungierte, als den Bewohner des Hauses vorstellte, drehte sich diese um und sagte zu einer Frau in Zivilkleidung: „DS Johnson, die Bewohner des Hauses wäre zurück.“
Die Dame im Hosenanzug kam auf uns zu. „darf ich mich vorstellen? DS Molly Johnson, ich leite hier die Ermittlungen...“ und sie hatte Brackets auf einem wunderschönen MacGee-Gebiss. Und eine eher kleine Brustweite.
„Molly Johnson, die Molly Johnson, die mir Roger weggeschnappt hat?!“
Die Polizisten wusste zuerst nicht was sie mit diesen Äusserungen anfangen soll. Sie dachte wahrscheinlich zuerst, es stünde eine Verrückte vor ihr, bis sie alle Dateien im Hirn durchsuchte, eine Akte Roger aus ihrer Schulzeit fand, über Querverweise bei einer Fiona landete, deren Bild Ähnlichkeiten mit der Person hatte, die vor ihr stand. „Fiona?! Fast noch unverändert! Jedenfalls immer noch...“ sie machte diese Handbewegungen vor ihrem Mund.
„Ich weiss nicht wie es bei dir ist, aber meine war für einige Jahre draussen.“
„Bei mir auch. Aber offensichtlich hat der MacGee-Fluch bei uns beiden wieder zugeschlagen... Ah, sie dürfen das Grundstück wieder betreten, wir sind fertig hier!“
„Dann dürfen wir ihnen noch einen Tee anbieten?“
Sie sah auf die Uhr, „was soll’s heute mach‘ ich so wie so nichts konstruktives mehr, sehr gerne.“
Man machte dann was man an 24 Nelson Terrace oft macht: Lachen.
„Du bist jetzt wieder seit fünf Jahren auf der Insel, ich habe dich aber noch nie gesehen?“ Sagte Fiona, Molly antwortete, sie hätte wegen einer alten Geschichte immer noch ein schlechtes Gewissen Fiona gegenüber gehabt, und darum ihren Freund jeweils ins Autohaus geschickt.
„Ihr Freund heisst nicht zufälligerweise Roger?“ fragte ich. Man lachte.
Molly erzählte noch, dass die „Affäre“ mit Roger sehr kurz gewesen sei, weil er ihr verraten hatte, er stünde eigentlich auf Fiona...
Detective Sergeant Molly Johnson und Fiona beschlossen, dass man sich nächsten einmal treffen müsse.


„Heute mach‘ ich dir kein Kompliment. Heute hast du keines verdient, so böse, wie du gewesen bist.“
„Böse, sagt die Frau, um die sogar die Polizei einen Bogen macht!“
Neben mir gluckste es, dann kicherte es.
„Alles klar?“
„Ich habe gerade über meine Fremdwahrnehmung und meine Eigenwahrnehmung nachgedacht.“
Title: Auf zu neuen Ufern! zweiundzwanzigstes Kapital
Post by: Uniphase on 16. August 2022, 04:00:22 AM
Zweiundzwanzigstes Kapitel

Kommt man mit dem Schiff nach Saint Hiram, könnte man meinen, man laufe eine kleine Hafenstadt irgendwo in Grossbritannien an. Im Vordergrund ein Hafen mit Kaimauern, die zum Schutz der vor Anker liegenden Boote und Schiffe dient. Dahinter eine Stadt aus niederen Häusern, die sich einen Abhang hochzieht, andererseits sich nach links und rechts ausdehnt. Wenn man näher kommt kann deutlich die verschiedenen Baustile erkennen, von ganz alt im Zentrum bis neuzeitlich an den ausufernden Rädern. Man erkennt auch verschiedene Klassen von Häusern. In Hafennähe die einfacheren Gebäude und solche, die dem Gewerbe und dem Handel dienen. Die wohlhabenden Insulaner haben sich mehr an den Abhängen niedergelassen. Der moderne, zeitgemässe Hochseehafen befindet sich ausserhalb des eigentlichen Stadtbereichs.
Was jedem Ankömmling sofort ins Auge sticht: ein riesengrosses Backsteingebäude, dass über der Stadt thront, und diese im nächsten Augenblick niederzudrücken scheint. Auf dem Haus weht einerseits der Union Jack als Verbundenheit zu Grossbritannien, andererseits die bunte Flagge von Saint Hiram.
Ich war gerade dabei, zusammen mit Fiona, die breiten Treppen zu diesem Gebäude hoch zu eilen, dem Verwaltungs- und Regierungsgebäude von Land und Stadt.
Wir hatten einen Termin bei DC Molly Johnson. Sie wollte noch einige Dinge, im Zusammenhang mit dem versuchten Einbruch bei uns gestern Abend besprechen, und wir mussten noch die Protokolle unterzeichnen.

„DC Johnson erwartet uns.“
Die Dame in schlichter, aber representativer Uniform hinter dem Schalter, rund vierzig Jahre alt, lächelte uns entgegen. Das perfekte MacGee-Gebiss ohne jegliche Zutaten. „Ich werde DC Johnson anrufen. Nehmen sie doch bitte solange Platz...“ sie zeigte auf eine lange Reihe Holzbänke, die unbequem aussahen und bestimmt aus der Bauzeit des Gebäudes stammen. Sie waren waren unbequem, und während wir auf DC Johnson warteten, neigte sich Fiona in meine Richtung und flüsterte mir ins Ohr: „solch ein schönes Gebiss würde sich bei mir auch hinter all dem hier verbergen...“ sie zog ihre Lippen auseinander und klopfte mit dem manikürten Zeigefinger gegen ihre Zahnspange.
Ich neigte mich zu ihr und flüsterte: „warum flüsterst du? Und willst du deine Spangen jetzt doch los haben?“
„In so einem Raum muss man einfach flüstern, schau‘ die anderen machen es auch. Und nein, Zahnspangen bleiben noch eine ganze Weile drin.“ ich sah mich um, sie hatte recht, alle Anderen, die auch am Warten waren, erhielten sich nur flüsternd. So flüsterte ich ihr ins Ohr: „du siehst heute blendend aus.“ „danke, ich will Molly importieren!“ „warum?“ „Rivalität! Hast du gesehen, wie sie mich gestern angesehen hat?“ nein, mir ist nichts Auffälliges ins Auge gestochen. Im Gegenteil, ich fand sie sehr sympathisch, und ich hoffe, das wird etwas mit dem Treffen in privaten Rahmen mit ihr und ihrem Lebenspartner. Ohne dass ich etwas sagte, flüsterte Fiona: „Frauenangelegenheit, das werden Männer nie verstehen...“ ich wollte der Sache, die ich nie verstehen werde, eigentlich noch näher auf den Grund gehen, aber „Klapp, Klapp, Klapp.“ eine Frau mit roten, nach hinten gebundenen Haaren in einem blauen Kostüm kam auf uns zu. Eine seit gestern Nacht bekannte MacGee-Baustelle lachte uns entgegen: „Wie ich diesen Boden hasse, ich hab noch keine Schuhe gefunden, die darauf nicht einen solchen Lärm machen. Ich habe das Gefühl, es hallt richtig, wenn ich durch diese Halle gehe. Schön, dass ihr Zeit gefunden habt.“

Ihr Büro war vom selben nichtvorhandenen Charme, wie die ganze Möblierung in diesem Gebäude, das mit der Funktion gebaut wurde, den allmählichen Staat zu repräsentieren und seine Besucher einzuschüchtern. Auf DC Johnsons Schreibtisch stand ein Blumenstrauss.
„Ein Grund zum Gratulieren?“ wollte Fiona wissen?
„Ach nein, ich muss einfach etwas Farbe auf meinen Arbeitsplatz bringen. Das Gebäude wurde definitiv nicht nach Feng-Shui-Grundsätzen gebaut.“ Dabei lachte sie, was mich an den Balzruf eine Singvogels erinnerte. Ich wusste nur noch nicht an welchen. Und sie hatte Gummis an den Seitenzähnen, die hatte sie gestern nicht!
„Frau Cristina Gomez hat gestern unter Tränen noch ein Geständnis abgelegt. Ich habe sie heute Morgen nochmals gesprochen, und es war ihr sehr wichtig, dass ich euch sage, wie schrecklich leid ihr das tue...“
„Diese Schl...!“ sagt Fiona, um das Wort zu unterbrechen, „... Sorry, unangemessene Wortwahl in einem Polizeipräsidium, vermute ich?“
DC Johnson gab ihr Vogelgezwitscher von sich und meinte: „in diesem Haus wird noch eine ganz andere Wortwahl, sagen wir... gepflegten. Sowohl, von der Kundschaft, als auch unter Kollegen... Was mich allerdings verwundert, ist diese Wortwahl bei dir, Fiona. Es passt irgendwie nicht zu dir.“ DC Johnson hatte eine ähnliche Konfiguration ihrer Gummis im Mund, wie Francesca, einfach ohne Frontzähne. Diese Gummis hatte sie gestern Abend definitiv nicht.
Fiona wurde rot. „Sorry, ich versuche normalerweise ja auch, mich etwas kultivierter zu Artikulieren, aber nachdem, was sie uns angetan hat, ist diese Wortwahl angebracht. Glaube mir.“
„Darum seid ihr ja hier. Wir müssen wir etwas Licht ins Leben vom Cristina Gomez bringen.“
DC Johnson frage uns ob wir getrennt befragt werden möchten, speziell unter dem Gesichtspunkt, dass ich eine Beziehung mit Cristina gehabt hätte. Die Fragen diesbezüglich würden allerdings nicht zu sehr in die Tiefe gehen.
„Warum nicht?“ fragte Fiona, „... und genau aus diesem Grund begrüsse ich es, dass du uns beide gleichzeitig in die Zange nimmst!“
DC Johnson war erstens Polizistin genug, zweitens kannte sie uns von gestern Abend, und drittens kannte sie Fiona noch aus der gemeinsamen Schulzeit.
„Wir sammeln nur Informationen...“ und an mich gerichtet, ihr ganzes MacGee-Lächeln-in-Process präsentierend: „wir haben übrigens noch Daumenschrauben, die wir übers Wochenende für ein kleines Entgeld ausleihen...“ Welcher Singvogel ist das? DC Johnson wurde mir immer sympathischer!
„Erstens, Molly, ich habe dir deinen Fauxpas mit Roger eigentlich verzeihen. Was nachträglich betrachtet, offensichtlich ein Fehler war. Zweitens wo kann ich mich bezüglich Polizeigewalt hinwenden?“
„Das ist bestenfalls angedrohte Polizeigewalt, und ausserdem steht Opferschutz bei uns ganz weit oben auf der Priorität.“ Sie schenkte mir ein breites Grinsen, von den Molaren bis zu den Molaren. Ihre Gummis waren rot.
„Ich sage nichts mehr, ausser zum Fall! Ich sehe ein, das Blatt wendet sich gerade gegen mich...“
Wir erzählten DC Molly Johnson alles was wir wussten, und sie sagte uns zum Schluss, dass man vermute, dass Jesus ebenfalls auf der Insel sei. Sie gab uns ein Bild von ihm mit der Bitte sie umgehend anzurufen, wenn wir ihn sehen würden. Und sie schloss „wir werden eure Strasse etwas besser im Auge haben, aber Polizeischutz kann ich euch keinen anbieten, das ist definitiv nicht notwendig.“ sie betonte definitiv, um uns das Gefühl von Sicherheit zu geben und schloss: „also Fiona, wenn du ein Polizeiauto auf der Nelson Terrace siehts, wir sind dort für dich, nicht wegen dir...“ definitiv ein Singvogel! „Molly, wir müssen uns unbedingt treffen, ich bereue es schon, dass wir in der Schulzeit nicht befreundet waren...“ sagte Fiona, übers ganze Gesicht strahlend. Sie hatte eine neue Rivalin gefunden, die ihr ebenbürtiger schien.
„Ich würde mich auch riesig auf einen Abend mit euch beiden freuen, es gibt da allerdings eine kleine Einschränkung, ich bin seit einigen Monaten Mama. Das limitiert meinen Radius. Dürfte ich euch zu mir und Ben - und Martine natürlich - nach Hause einladen?“

Carl gab mir „nach dem schrecklichen Vorfall letzte Nacht“ heute frei, und Fiona wollte schon „vor dem schrecklichen Vorfall letzte Nacht“, am heutigen Tag frei nehmen, darum kam Barnie zu einem mehr als ausführlichen Ausgang. Wir gingen zuerst nach Hause, um uns umzuziehen, Barnie einzuladen und Fiona um Ihr Make-up auf etwas weniger rivalisierend zu ändern, und fuhren dann der Küstenstrasse entlang in Richtung Süden. Dort gab es einen dichten Wald der mit einigen schönen Wanderwegen.
„Madame gelüstet nach etwas essbarem!“ hörte ich eine Stimme vom Fahrersitz des kleinen, ferrariroten Fiat 500 Innocenti. Ich sah auf die Uhr, es war schon Mittagszeit.
„Da vorne hatten wir doch einmal diese guten Hamburger...“
„Mein Gedanke!“
Sie bog rasant auf den Kiesplatz und bremste stark ab. Es staubte und Kieselsteine flogen durch die Luft. Ich schaute sie fragend an.
„Weisst du, dass ich das jeden Abend vor unserem Haus machen will? Und du, Spielverderber, hast es mir verboten!“
Ich schaute sie eine Stufe fragender an.

Während des Essens war sie wie üblich ständig darum bemüht, mit der Zunge einen Teil des Essens aus ihren Apparaturen zu klauben.
„Weisst du was das Problem ist?“
„Klimaveränderung? Dollarkurs? Netflix?“
„Nein, mit meinen Zahnspangen. Das Problem ist, ich kann Papa nicht mehr dafür hassen, jetzt, wo ich sie freiwillig trage. Ehrlich gesagt, mir fehlt fast etwas!“
„Es gibt doch noch hundert andere Gründe, deinen Vater zu hassen?“
„Auch da gibt es ein Problem,“ sie nahm einen Finger zur Hilfe, um ein besonderes lästiges Stück Hamburger aus der Zahnspange zu entfernen. „... je mehr Verantwortung ich im Geschäft bekomme, desto ähnlicher werde ich meinem Vater... oder, je mehr kann ich ihn teilweise verstehen. Man hat so viele Dinge, die man im Kopf behalten muss, und wenn etwas schiefgeht, geht unter Umständen eine ganze Firma den Bach runter, mit all den Angestellten, die von uns abhängen. Wahrscheinlich geht mir darum die Sache mit Cristina so auf den Zeiger!“
„Die sind wir wahrscheinlich für die nächste Zeit los!“
„Gottseidank! Und da sie ihre Behandlung jetzt ja definitiv abbrechen muss, und einen Grossteil der Schulden abbezahlt hat, sage ich nur: jupiiii!“
„Apropos Cristinas Behandlung... Sag‘ mal...“
„Etwas Disziplinieren hat noch nie geschadet. Und hier auf Saint Hiram, machen wir gewisse Dinge etwas anders als in good old Europe...“
„Früher wäre in diesem Fall vielleicht sogar besser gewesen.“
Ein Mund voll Zahnspangen, Hackfleisch, Zwiebeln und noch ganz viel anderem gab mir zu verstehen: wir sind uns einig, Traktandum abgeschlossen.


Einige Tage später waren auf dem Weg zu Molly und Ben. Molly hat darum gebeten, dass wir Barnie auch mitbringen. Erstens wolle sie Martine, ihre kleine Tochter, möglichst rasch an Hunde gewöhnen, andererseits sei auch eine Ladung Hundebakterien für Martines Immunsytem wichtig. Es brauchte einige Zeit, Fiona davon zu überzeugen, dass Molly bestimmt nicht meint, unser Hund wäre schmutzig.
„Ich vermute vielmehr, sie denkt, Barnie ist sauber, so dass die Anzahl Bakterien überschaubar ist.“ das leuchtet Fiona ein, so sass Barnie hinter uns in Fionas Wagen und heuchelte. Es roch besser als auch schon.
„Hast du Barnies Zähne geputzt?“
„Natürlich! Wenn es mit so einem kleinen Mädchen in Kontakt kommt!“

Molly und Ben lebten in einem Reihenhaus, wie es auch irgendwo in Grossbritannien stehen könnte: kleiner Vorgarten, zwei Etagen mit steiler Treppe in den oberen Stock, gemütliches Wohnzimmer und geflieste Küche im Erdgeschoss. Und hinter dem Haus einen kleinen Garten, bei dessen Gestaltung die jeweiligen Bewohner ihren Ideen freien Lauf lassen.
Wir wurden vom Molly, Ben und Martine herzlich empfangen. Molly hatte jetzt auch Gummis an den Frontzähnen, genau wie Francesca im Alfredo, allerdings in rot. Ben sah aus, wie man sich einen Polizisten Mitte dreissig vorstellt, und Martine sah etwas zerknittert aus. Aber das tun Babys in diesem Alter immer.
Wir wurden ins Wohnzimmer gebeten und uns wurde ein Appero offeriert.
Fiona fand einmal Zahnspangen seien ein idealer Türöffner, um Gespräche in Gang zu bringen. „Ich sehe, MacGee leistet bei dir ganze Arbeit!“
„Unser guter, alter MacGee. Ob er weiss, wie oft er hier auf der Insel ein Gesprächsthema ist?“
„Ausser bei denen, die er mit seiner Eigenentwicklung ausstaffiert hat..“
Molly brauchte einen Moment, bis sie Fionas Bemerkung verstand, dann: Vogelgezwitscher!
„Letztens hatten wir jemanden zu einem Verhör auf der Wache. Die hat sich geweigert, dass Ding hinauszunehmen, weil Crazy Doc ihre Tragezeiten überwache. Es brauchte einiges an Aufwand, sie zu überzeugen, dass die Polizei in der Hierarchie über MacGee steht.“ Vogelgezwitscher.
Ben klinkte sich ein, und meinte an mich gewandt: „du kommst ja auch aus Europa? Zahnspangen sind bei uns Standard-Equipment jedes Teenagers, aber spätestens mit achtzehn ist bei den allermeisten Schluss. Aber hier, all die erwachsenen Frauen? Ich habe das Gefühl, die tragen diese Dinger sogar freiwillig!“
„Ben. Die Frauen auf Saint Hiram sind etwas spezielles...“ Ich zwinkerte ihm zu und erhob mein Glas.
„Auf jeden Fall! In jeglicher Hinsicht. Ich kann zwar nur für Molly sprechen, du machst auf mich allerdings auch nicht den Eindruck besonders unglücklich zu sein.“
Das war so, darum küsste Ben seine Molly und ich meine Fiona. Sie roch nach Parfüm, Lippenstift und Zahnpasta.
„Ja, meine Zahnspangen...“ nahm Molly die Diskussion wieder auf. „... MacGee meinte, es wäre ratsam, während der Schwangerschaft mit Martine eine zu tragen, damit sich bei all dem Mormonzirkus in meinem Körper meine Zähne nicht verschieben. Ich war damit einverstanden, mein MacGee-Lächeln betrachte ich immerhin als Teil meines Kapitals.
Tja, Martine ist geboren, und jetzt soll ich das Ganze zur Stabilisierung noch für ein Jahr tragen. Er wollte, dass ich diese Gummis,..“ sie zog die Lippen und Wagen auseinander... „die ganze Zeit drin habe. No Way bei meinem Job! Ich konnte dann alle Gummis zuhause, einen Teil im Geschäft, und keine, wenn es nicht anders geht, aushandeln. Ich hätte nie gedacht, dass sich meine Ausbildung im Führen vom Verhandlungen mit Verbrechern einmal in diesem Zusammenhang bezahlt macht...“ wieder Vogelgezwitscher, diesmal unterstützt vom Fiona, Ben und mir.
„Und dich hat es ja auch wieder ziemlich erwischt?“ Fragte Molly.
„Ich glaube sogar noch schlimmer, wenn ich mich an eines unserer Zusammentreffen im Autohaus erinnere?“ ergänzte Ben.
„Das ist allerdings so! Bei mir war einiges überfällig, was verbessert werden musste. In jeder Hinsicht. Aber mit seiner Hilfe hier, ist‘s zu überstehen!“ sie schlug mit ihrer Hand zärtlich auf meinen Oberschenkel.

Bevor Martine ins Bett musste, durfte sie noch Barnie kennenlernen, und Barnie durfte seine ersten Erfahrungen mit einem Baby machen. Er hat es sehr gut gemacht. Guuutr Hund!

„Du kommst als auch von auswärts?“ wollte ich von Ben hören.
„Yes, Midlands. Das ist die Gegend rund um Birmingham. Viel Autoindustrie, früher jedenfalls...“
„Ja, sagt mir was. Mein Mitarbeiter kommt auch von dort. Kevin O‘Malley, vielleicht kennt ihr euch?“
„Sagt mir nichts. Ein Sean O‘Malley hat mir einmal beim Rugby den Oberarm gebrochen. Zack, mittendurch! Wenn er es bei einem der gegnerischen Mannschaft gemacht hätte, ok. Aber wir spielten im selben Team!... warte mal, der hatte einen kleinen Bruder... Bohnenstange, rothaarig und mit Sommersprossen. Der war aber nicht so der Sportliche, der hat - glaube ich Schach - gespielt...“
„Das Signalement passt bestens auf meinen O‘Malley im Büro!“
„Kevin spielt auch Schach?“ wollte Fiona wissen.
„Natürlich! Kevin spielt Schach. Er hat mich schon hundert mal gefragt, ob ich nicht Schach spielen würde!“
„Der arme Kevin, morgen im Büro.“ sagte Fiona, „...wobei, ich wäre gerne dabei!“
„Sparen wir uns den Spass, bis wir wieder einmal Katy und ihn treffen.“
„Könnt ihr ihn mit mir bekannt machen? Ich würde gerne wieder einmal jemand aus der alten Heimat treffen. Ah und die Sache mit meinem Arm, habe ich überwunden. Und zudem war es ja Sean, Kevins Bruder...“ wir lachten wieder.
„Dann habt ihr euch bei der Polizei kennengelernt?“ investigierte Fiona.
„Yep! Mit erstem Kuss auf Streife!“
„Das bei der Britischen Constabulary? Weiss das die Queen?“
Molly lachte ihr Vogelgezwitscher und meinte: „diiiieser Fall sollte Ihrer Majestät definitiv nicht zu Ohren kommen. Ben und ich wurde uns gerade sympathisch... Der Schichtleiter wusste dies nicht und teilte uns zu einem soooo langweiligen Einsatz ein. Wir sollten vor einem Pub warten, bis ein notorischer Alkoholiker das Pub verlässt, sich in seinen Wagen setzt und losfährt. Unser Job wäre es gewesen ihn in flagranti zu überführen... der Frühling war lau, wir waren Jung und die Hormone spriessten...“
„... ihr könnt mich hoffentlich verstehen! Holly ist hübsch, das müsst ihr zugeben!...“
„... Roger fand allerdings, ich sei hübscher!“
„... wer ist Roger?“ wollte Ben wissen.
„... ein unüberwundenes Kindheitstrauma von Fiona, ich erzähle es dir nachher...“ Mollys Singvögel balzten wieder, wie Ben und Molly im Dienstwagen der Midland Police. „... jedenfalls...,“ setze Molly die Geschichte fort, „waren wir offenbar am Knutschen, als der Typ das Pub verliess. Als wir unsere Zungen wieder entknotet hatten, war sein Auto nicht mehr auf dem Parkplatz vor dem Pub...“
„... und dann?“ wollte Fiona wissen.
„dann? Dann hatten wir ein Problem! Wie sollten wir den Chef klarmachen, dass wir diesen simplen Job vergeigt haben? Und vor allem warum?..“
Ben übernahm wieder: „wir schalteten Drehlicht und Horn ein, drehten einige Runden im Dorf und behaupteten, der Typ sei uns angehauen...“
„Was ja rein technisch auch stimmte!“ ergänze ein Vogelgezwitscher und ein Mund voller roter Gummis. „... jedenfalls, der Typ drehte noch einige Tage seinen Runden in seinem rostigen Fiesta, bis in Kollegen von der Strasse nahmen. Diese waren allerdings verwundert, wie er uns mit dieser Karre entkommen konnte. Ben und ich beschloss, uns zur Sicherheit von Queen, Krone und Vaterland nicht mehr gemeinsam einteilen zu lassen. Der Rest ist Geschichte, und hat wahrscheinlich gerade die Windeln gefüllt.“

Auf der Heimfahrt sagte Fiona: „die sind wirklich ein gutes Paar, deren Nummer bleibt gespeichert!“
„Finde ich auch. Zudem ist es immer gut, wenn man mit Polizei im Freundeskreis angeben kann. Ausserdem kann dir Molly helfen, dein Kindheitstraum zu überwinden...“
„Du hast Glück, dass ich mich auf die Strasse konzentrieren muss! Ausserdem: verfalle nicht der Hoffnung, ich sei nachher normal. Da gibt es noch andere Traumata. Beispielsweise meine Taucher-Barbie!“
„Das war der Hund!“
Ein „Wuff!“ kam aus dem Hintergrund. „Nein, nicht du Barnie! Du warst heute ein gaaaanz braver Hund!“



Samstagmorgen.
Fiona war schlecht drauf. Ihre Antworten waren einsilbig, und der Schalk gar nichts vorhanden.
Ich war mit dem Hund draussen, und als wieder zurück kam lag sie immer noch im Bett.
„Was ist los mit dir? Muss ich mir ersthaft Sorgen machen?“
Die Antwort war ein Seufzer.
„Du hast hoffentlich keinen Bruder in Mexiko, den du besuchen willst, oder?“
Wenigstens ein Lächeln! Auch wenn es nur die Mundwinkel waren.
„Wenn es mit mir zu tun, dann sag‘ mir bitte, was ich falsch gemacht habe.“
Sie sass inzwischen auf der Bettkante, „komm. Da. Platz!“
Ich fühlte mich wie Barnie: Frauchen will was! Wenn ich es richtig mache, gibt es vielleicht ein Leckerli!
„Es hat ganz und gar nichts mit dir zu tun. Ich liebe dich, und ich geniesse jede Minute mit dir.“ das war besser als ein Leckerli.
„Aber?“ fragte ich.
„Sie spielte mit der Zunge an Zahnspange und Facebow herum.“
„Ich vermisse etwas!..“
„Und das wäre?“
„Bestätigung!.. und bevor du etwas sagst, lass mich dir alles erklären. Ich war eine unausgeglichene, arrogante, bornierte, herablassende Zicke. Aber weisst du was? Die Menschen reagierten auf mich. Auch wenn meistens abschätzig, aber es gab Reaktionen auf mein Verhalten...“
Jetzt wurde der Facebow mit den Lippen bearbeitet.
„...aber jetzt: null Reaktion. Das frustriert mich. Ich will doch auffallen. Seit der Schulzeit: streitsüchtig und schwatzhaft. Vorlaut, war auch noch eines der Attribute.“
„Du sagst, du willst lieber, dass du deinen Mitmenschen auf den Zahn gehst, als dass du gemocht wirst?“
„Vielleicht. Jedenfalls kenne ich einen, der mich mag, wenn ich nervig bin...“ sie lächelte mich an und strich mir über den Rücken.
„Ich mag deinen Schalk, aber wenn du herablassend bist, mag ich dich keinesfalls. Das weisst du. So, jetzt aus den Federn, aufbretzeln. Wir gehen in die Stadt. Wie ging der? ‚schöne Fiona, glückliche Fiona‘?“
„Dann kamst du mit: glückliche Fiona, schöne Fiona...“
„Aaach, glaub‘ nicht immer alles, was ich den ganzen Tag vor mich her rede. Meistens geht es nur darum aufmerksam zu erregen!“
„Du - bist - näm - lich - ge - nau - gleich!“ und ich wurde siebenmal mit dem Kopfkissen geschlagen.
„Ja, das vermute ich ganz schwer! Darum funktioniert es zwischen uns recht gut.“

„Überraschung?“
„Am Samtagmorgen? Das ist was Neues!“
„Und denke daran: Frauchen braucht Bestätigung! Und jetzt hopp!“ ein Zeigefinger wies Barnie und mir den Weg.

„Ich bin bereit! Wo bist du?“
„Wart schnell!“ leise zu Barnie: „hör zu Hund! Wir haben das mit dem Bellen auf Kommando geübt. Du kannst es. Wenn du es gut machst, gibt es extra Leckerlis. Verstanden?“ lauter ins Treppenhaus: „das Publikum ist bereit, Treppe runter, erste Türe links!“
Sie sah wieder hinreissend aus: die Haare hochgesteckt, dunkle Hornrand-Sonnenbrille im Haar, darunter ihr Tippi Hedren-Kostüm mit den passenden Schuhen. Zum Facebook trug sie einen Headgear mit pinkfarbenem Pad im Nacken. Das Make-up passte stilistisch perfekt.
„Schatz, du siehst wunderschön aus! Perrrrrfekt!“ zu Barnie leise: „gib laut!“ er machte es selten, aber wie wenn er gewusst hätte, um was es ging heule er.
Sie war sichtlich gerührt, „hast du gehört, sogar Barnie gefalle ich.... heee. Gib ihm nicht so viele Leckerlis!“
„Ich habe ihm versprochen, dass er eine Extraportion bekommt, wenn er es gut macht.“

Wir hatten etliche Tüten und Taschen in der Hand, als wir nachmittags wieder auf den Weg zum Parkplatz waren.
„Einen Dave im Arch and Whale?“
„Du warst sooo ein guter Begleiter heute, und da du dich nicht nur mit einem trockenen Leckerli und einem Kraulen unter der Schnauze abfertigen lässt: auf ins Arch and Whale! Überhaupt, ich will auch noch einen solchen Drink!“
„Lady, Gentleman. Das Übliche am üblichen Platz.“
„Sind wir langweilig, Dave?“
„Glaubt mir, wenn ihr beide hier seid, ist es nie langweilig. Zudem: ich weiss immer noch nicht, was Fiona in Byron Bay angestellt hat...“
Auf dem Weg zum Tisch, dem ganz hinten im Pub, gingen wir an einem Tisch vorbei an den drei Typen standen, die Fiona kannte. Man begrüsste sich.
Kaum waren wir abgesessen und Dave hat uns die Drinks hingestellt, sagte Fiona: „nenn‘ mich was du willst. Von mir aus bis ans Ende der Zeit, aber ich brauche sie!“ grinste mich an und rannte davon.
Barnie und ich sassen da und taten nichts. Nicht ganz korrekt: der Eine kraulte, der Andere wurde gekrault. Dann stand Dave am Tisch und stellte mir noch einmal einen Drink unter die Nase: „von den drei Mates da drüben.“
„Warum?“
„Keine Ahnung, frag sie selbst.“
Ich schnappe mir den Drink und ging mit Barnie im Schlepptau an den Tisch.
„Danke Chaps, aber was ist der Grund dafür?“
„Du bist der Erlöser der Leiden!“
„Ist mit neu, und da der letzte Bekannte recht schmerzvoll gestorben sein dürfte, bin ich nicht sicher, ob ich bereit für diesem Job bin.“
„Lass‘ dir sagen: seit du sie ab und zu im Autohaus abholst, ist sie ein anderer Mensch geworden! Lass mich ehrlich zu dir sein, früher was sie...
„...unausgeglichene, arrogante, bornierte, herablassende Zicke...“
„...so hart hätte ich es nicht gerade gesagt...“
„Fionas eigene Worte...“
„...jedenfalls seit du mit dir um die Häuser ziehst, ist sie anders geworden! Umgänglich, nett, bereit zu einem Spässchen... Und weisst du was, sie gibt uns die Komplette der Kunden weiter. Früher hörten wir nur wenn ein Kunde nicht zufrieden war. Letztens hat sie sogar die Süssigkeit, die ein Kunde als Dank abgab, in die Werkstatt gebracht. Weisst du das ist nicht viel, aber es geht um...“ er suchte nach Worten...
„Wertschätzung und Anerkennung.“ sagte ich.
„... genau um das!“
„... was wäre, wenn ich mit Fiona um die Häuser ziehen würde, weil sie sich verändert hat. Wenn ich gar nicht der Erlöser wäre? Und habt ihr Fiona auch schon mal das Kompliment zurück gegeben? Ihr gesagt, dass ihr die neue Fiona schätzt?
„Meinst du sie würde das von uns hören wollen?“
„Macht es, wenn sie wieder kommt, und ich vermute, ihr werdet Fiona nicht wieder erkennen.“
Ich ging wieder an den Tisch, ohne nicht vorher eine Runde für die drei Chaps zu bestellen.
Fiona kam zurück und setze sich an den Tisch. Ihre neuen Lederstiefel waren wirklich der Hammer. „Wann bekomme ich sie zum ersten Mal live zu sehen?“
„Was hältst von Alfredo heute Abend?“
„Italienisch und Lederstiefel! Mein Leben ist perfekt!“
Dann kamen die drei Chaps an den Tisch: „Fiona, hast du einen Moment Zeit für uns?“
Sie war etwas überrascht, und ich sagte: „setzt uns zu uns, darf ich euch etwas offerieren?.... Dave drei Bier!“
„Also Fiona, es ist so... wir hatten ja in der Vergangenheit unsere Differenzen... ich weiss nicht wie wir es dir sagen sollen... du bist ja Chefin, und wir nur...“
Fiona fing an nervös an ihrem Facebow herum zu saugen. Sie war so unsicher, dann sie um Hilfe suchend unter dem Tisch meine Hand umklammerte.
„... was ich dir, oder wir dir sagen wollen: danke, dass du uns in letzter Zeit so... Wertschätzung und Anerkennung entgegen bringst.“

Der Typ der gesprochen hat, schaute mich fragend an. Ich lächelte ihn anerkennend zu.
Aus Fiona brach es heraus. Sie heulte wie ein Schlosshund! Der Typ frage: „habe ich etwas falsches gesagt? Ich habe es eigentlich gut gemeint. Vielleicht kann ich nicht so gut mit Worten...“
Fiona sprang ihm regelrecht um den Hals: „danke, danke, danke vielmals! Das sind die schönsten und besten Worte, die ich seit langem gehört habe!“ sie wischte sich die dauernd fliessenden Tränen aus dem Gesicht. Und der Typ war sich nicht mehr sicher, ob das so eine gute Entscheidung war. „Hört zu!“ sagte sie schluchztend, „ich war in Vergangenheit eine unausgeglichene, arrogante, bornierte, herablassende Zicke. Dafür möchte ich mich entschuldigen! Wirklich, aus ganzem Herzen...“ die drei Chaps waren wohl nicht so die Gefühlsmenschen: „ja, gut, ich meine, wir, weisst du, wir waren auch nicht immer nett zu dir...“ soll ich ihm ein Zeichen geben, aufzuhören?
„Ähm, ich glaube, wir sollten noch weiter... Dave!...“
„Lasst nur, geht auf mich!“
„Bist du sicher? Wir sind schon länger hier.“
Entweder hatten sie einen grossen Durst, oder sie waren tatsächlich schon länger hier. Und ausserdem habe ich schlussendlich den Drink bezahlt, den sie mir offeriert haben. Aber es war jeden Penny wert.
Fiona fing sie wieder und fragte: „das ist wirklich passiert? Nachdem ich dir heute Morgen das erzählt habe? Schwöre, dass du das nicht inszeniert hast?“
Ich erzählte ihr, wie die Sache abgelaufen ist, und das ich den Dreien gesagt hätte, sie sollten ihr das Kompliment selber machen. Ich habe natürlich das mit dem Erlöser erwähnt, und das mit den Süssigkeiten.
„Ich bin überglücklich! Barnie, verstehst du, was gerade passiert ist? Wahrscheinlich nicht. Manchmal möchte ich auch ein Labrador sein. Ich vermute, das Leben ist einfacher...“
„Jetzt möchten wahrscheinlich gerade mit dir tauschen, dann könnte selbstständig seine Blase leeren gehen. Lass uns zahlen und gehen...“


„ich glaube, am Montag werden dir die Herzen zufliegen.“ sagte ich auf dem Weg zum Parkplatz. So viel glitzerndes Metall, das war bestimmt Monatsrekord.

Ich sass schon im Wagen. Fiona war noch draussen am Telefon. Es muss etwas wichtiges gewesen sein, sie ging den Partner hoch und runter und gestikulierte mit der einen Hand, in der anderen hatte sie ja ihr Smartphone. Hin und wieder nickte sie energisch, Dann schüttelte sie den Kopf.
Als sie im Auto sass sagte: „So! Am Montag um zweit habe ich einen Termin bei MacGee!“ und dabei strahlte sie.

Das wird es wohl dann gewesen sein mit Fionas glitzernden Lächeln, Lachen, Wutausbrüchen und Weinen.
Ich freute mich für sie.



to be continued... or not.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: xxxforce on 16. August 2022, 11:12:29 AM
nenene definitiv TO BE continued... nix mit NOT  ;D

Ich würd sagen von dieser herrlich verrückten Story haben wir noch lange nicht genug  8)
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: ballermannb on 16. August 2022, 11:59:29 AM
Ich habe stark die Hoffnung das es noch weiter geht potenzial ist auf jeden fall noch da.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: Uniphase on 16. August 2022, 20:18:45 PM
Es geht weiter. Versprochen.
Den Takt muss ich allerdings etwas reduzieren.
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: xxxforce on 17. August 2022, 12:08:18 PM
Den Takt muss ich allerdings etwas reduzieren.

Qualität vor Quantität  :D
lass dir ruhig ein bissl Zeit wenn du die gewohnte Qualität aufrecht hältst 8)
Title: Re: Auf zu neuen Ufern!
Post by: ballermannb on 17. August 2022, 12:36:39 PM
Mach so wie du meinst das Warten lohnt sich bestimmt!
Title: Auf zu neuen Ufern! dreiundzwanzigstes Kapitel
Post by: Uniphase on 17. August 2022, 21:00:38 PM
Dreiundzwanzigstes Kapitel

Irgendwo in der Mitte der Vereinigten Staaten. Ich sass auf einer Holywood-Schaukel vor dem Motel-Zimmer und genoss die Ruhe des Mitteren Westens kurz nach Feierabend. Nach dem Feierabend der Anderen, den ich hatte Ferien. In welchem Bundesstaat befinde ich mich? Ich wusste schon gar nicht, wie der Ort hiess in dem ich mich aufhielt.
Es war eines dieser Städtchen in Back Road America. Es hatte bessere Tage erlebt; viele Geschäfte an der Main Street waren seit Jahren geschlossen, bei einigen wurden die Schaufenster durch Grosse Holztafeln ersetzt. An manchen hing ein optimistisches Plakat „TO LET“.
Auch die grossen Letter werden kaum jemand dazu veranlassen, ernsthaft mit dem Gedanken zu spielen, sich dort einzumieten.

Der Ort hatte noch eine grosse, moderne Tankstelle und ein kleines Einkaufszentrum ausserhalb der Stadtgrenzen. Und ein Dinner mit angeschlossenem Motel im Stadtzentrum. Gepflegt, sauber, preiswert und mit berechtigt guten Bewertungen im Internet.

Ich schaukelte vorsichtig auf der Schaukel, und diese gab leidende Geräusche aus ihren Gelenken vor sich: „quiiiiid.... quiiiiid.“
Fiona kam breitbeinig um die Hausecke. Sie hatte beide Arme abgewinkelte und tat so, wie wenn sie ein Stück Kautabak kauen würde. Mit gespielt kratziger Stimme sagte sie: „du weisst, dass wir noch eine Rechnung offen haben, Kanaille!“ dann spukte sie den imaginären Kautabak über die Schulter aus und fing an zu lachen.
„Sag mal, war ich glaubwürdig?“
„Totaaaal, ich hatte schon Angst, ich würde nächtens an einem Baum hängen. Umkreist von Geiern.“
„Wart‘ rasch, ich muss noch kurz die Einkäufe dort hinten holen, bevor sie von einem Waschbär geklaut werden...“ und rannte weg.
Sekunden später kam sie mit zwei braunen Papiertüten unter den Armen zurück und lachte mich mit ihrem Zahnspangenmund an.
Nachdem sie die Einkäufe im Zimmer versorgt hatte, setzte sie sich, ein „pffft“ von sich gebend, neben mich auf die quietsche Schaukel.
„Das ist wirklich ein cooler Ort. Wirklich, wie in einem Film! Lass uns noch eine Nacht länger bleiben und die Gegend auskundschaften. Ich bin sicher, da draussen befindet sich so eine Strassenkreuzung, wie in Cast Away!“
„Du meinst die irgendwo im No Where? Hast du nachgeschaut, bis wann wir im Dinner etwas Warmes bekommen?“
„Yes sir! Bis neun ist die Küche offen, um zehn werfen sie uns in einem hohen Bogen raus.“
„Man scheint hier früh ins Bett zu gehen...“
„Dafür bekommst du um sechs Uhr morgens schon wieder ein Spiegelei mit Speck!“ sie machte grosse Augen und fuhr sich mit der Zunge um die Lippen.“
„Du weisst, was ich von Spiegeleiern halte!“
„Wenn du nett fragst, gibt es für dich, du kulinarischer Banause, bestimmt scrambled Eggs.“

Wir waren seit etwas über einem Monat verheiratet und auf Hochzeitsreise. Der Plan war, ohne Plan einmal quer durch die USA zu reisen. Von Ost nach West und wieder zurück.
Ja, Fiona hatte tatsächlich noch, oder wieder, Zahnspangen im Mund. MacGee hatte allerdings alle Bänder durch geklebte Brackets ersetzt, ausser je zwei Bändern im Ober- und Unterkiefer. Im Oberkiefer musste sie zwölf Stunden täglich einen Headgear tragen, im Unterkiefer hatte sie für die gleiche Zeitspanne einen Lipbumper. Laut MacGees Aussagen dienen diese Apparaturen dazu, die Backenzähne in Positionen zu halten, während mit Powerchains die Lücken geschlossen werden, die zwischen den Bändern zurück geblieben sind. Zur Stabilisierung sollten auch der Gaumenbogen im Oberkiefer und sein Äquivalent hinter den Zähnen des Unterkiefers dienen. Besonders erfreut war Fiona darüber natürlich nicht, sie trug es mit Fassung und meinte: „wenn du genau hinsiehst, erkennst du, was für schöne Beisserchen ich eigentlich hätte.“

Ein kühles Lüftchen blies auf einmal durch Small Town America und vertrieb uns aus der Schaukel. „Was denkst du? Wollen wir uns etwas zwischen die Zähne suchen?“
Sie antwortete: „die Suche wird wahrscheinlich von äusserst kurzer Dauer sein. Zum Dinner gibt es - ausser der Tankstelle - keine Alternative. Aber das Dinner sieht ganz anstängig aus...“
„... und es passt bestens zum Ambiente!“

Das Dinner wurde von Agnes und Matt geführt, denen auch das Motel gehört. Sie haben es, so scheint es, in jungen Jahren übernommen und sind alle zusammen gealtert: Agnes, Matt, das Dinner, das Motel und Debbie, die Bedienung.
Aber die Burger gehörten zum Besten, was wir je hatten. An der Theke sassen noch drei ältere Männer. Zwei gaben, wahrscheinlich von einem Zufallsgenerator gesteuert hin und wieder ein: „well, well“ oder „ohyea“ von sich. Der Dritte sagte etwas häufiger zusätzlich „yes-yes“
Ich beugte mich zu Fiona und flüsterte ihr ins Ohr: „beim Dritten stand bestimmt auch vorlaut, geschwätzig und streitsüchtig im Zeugnis.“
Warum sie mich jetzt schlug, konnte ich nicht ganz nachvollziehen. Ich machte mich über den Kerl an der Theke lustig, nicht über sie.
Zusammengebissene Zähne mit Powerchains haben auch noch was!

„Es zieht ein Gewitter auf. Die einzige wirkliche Sehenswürdigkeit, die es hier gibt.“ sagte Agnes, die an unseren Tisch gekommen ist. „Wenn ihr drüben beim Wasserturm parkt, könnt ihr im zusehen.“
„Ist das nicht gefährlich, wegen den Blitzen und so?“ wollte Fiona berechtigterweise wissen.
„Wenn ihr nah beim Wasserturm bleibt und das Auto nicht verlässt, solltet ihr sicher sein.“
„Noch eine andere Frage, Agnes: können wir noch eine weitere Nacht bleiben?“
„Eine Frage, die uns selten gestellt wird. Normalerweise haben wir nur Gäste auf der Durchreise. Aber selbstverständlich dürft ihr bleiben, solange ihr wollt.“

Das Gewitterspektakel unter dem Wasserturm war wirklich grandios. Das Gewitter mit hunderten von Blitzen kam mit einem mörderischen Lärm auf uns zu, entlud sich über uns und zog weiter, möglicherweise zu einem anderen Wasserturm mit Zuschauern in grossen Pick-ups darunter.

Nach einer weiteren Tour einmal quer durchs Städtchen, war es - in Ermangelung an Alternativen - auch für uns Zeit Feierabend zu machen.
Fiona setzte ihren weissen Facebow ein und meinte: „silber gefiel mir besser, der sieht irgendwie komisch aus.“
„Denkst du nicht, dass er weniger weniger auffällt?“
„Dieses Weiss? Vielleicht an einer Wasserleiche. Ich hoffe ich erscheine nicht so bleich.“
Durch den Lipbumper wurde ihre Unterlippe ein wenig gedehnt und ihre unteren Brackets waren sichtbar.

Den nächsten Tag verbrachten wir auf den weiten Strassen und Wegen des Mittleren Westens. Felder und Äcker bis an den Horizont. Ab und zu eine Farm mit grosser Scheune. Über uns ein weiter, blauer Himmel mit weissen Wolken. Für uns beide eine ungewohnte Landschaft. Wir waren uns aber einig, dass uns Erhebungen und Berge in der Landschaft fehlten.
„Stand heute nicht Applepie auf dem Brett im Dinner?“ wollte ich vom Fiona hören.
„Gelesen habe ich nichts, aber gerochen habe ich ihn. Womit das nächste Ziel bestimmt wäre?“
„Yes Ma‘am! Drück das Gaspedal kräftig durch!“
Etwas, was man Fiona nicht zweimal sagen musste. Agnes wöchentlicher Applepie-Tag zog offenbar Leute aus der ganzen Gegend an, das Dinner war sehr gut besetzt, und sogar draussen wurde aufgetischt. Und er war wirklich sehr fein, Agnes‘ Applepie.

Neben, vor und hinter unserem gemieteten Jeep Compass standen Pick-ups in allen Grössen, in allen Zuständen und aus allen Epochen des amerikanischen Autbaus.
Zu meiner grossen Überraschung war Fiona eine wahre Expertin für amerikanische Trucks. Sie war so gut darin, dass sie mit der hauptsächlich männlichen Dorfjugend fachsimpeln konnte. Einmal lehnte sie mit einem jungen Bürschchen über einen Motorraum und diskutierte eifrigst. Die beiden sahen in meine Richtung, Fiona winkte und das Bürschchen zeigte mir einen Daumen nach oben. Als sie mit einem breiten Grinsen zurückkam, sagte sie: Whow! Ein dreiundsechziger Ford, alles noch original! Und noch guter Lack!“
„Geschätzte Frau Gemahlin, du schaffst es immer wieder deinen, dich liebenden Ehemann zu überraschen! Erstens: wo, wann und warum hast du dir das Fachwissen über amerikanische Pick-up-Trucks angeeignet? Zweitens: was bedeuteten die Gesten von dir und dem Jungen.“
„Der Junge fand im Spass, dass er mich, wegen meinen Kenntnissen, heiraten möchte. Ich gab ihm zur Antwort, dass ich seit einem Monat mit diesem Hornochsen dort hinten verheiratet sei. Er fand dann, dass du der glücklichste Mensch sein müsstest!“
Sie strahlte mich an. Ja, auch ohne Bänder und Headgear, darum etwas weniger funkelnd, war ihr Lachen immer noch hinreissendst.
„Da hat das Bürschchen absolut recht! Denn du hast noch andere Qualitäten ausser einem offenbar ausgewiesenen Wissen über Trucks.“
„... womit wir beim anderen Teil der Frage wären: Papas Traum sind solche Dinger. Darum lagen bei uns immer die entsprechenden Magazine herum, die ich dann eben auch gelesen habe.“
„Mir kommt gerade eine Idee! Da du ja eigentlich wieder ein recht gutes Verhältnis zu Papa hast, und er uns die ganze Hochzeit bezahlt hat, inklusive einem grossen Teil dieser Reise...“ Fiona konnte meine Gedanken lesen und strahlte übers ganze Gesicht: „... kaufen wir ihm einen alten Pick-up! Ich weiss genau, was er will. Wir schauen, was an unserer Route angeboten wird, wenn wir etwas passendes finden, kaufen wir es! Göttergatte, das ist die beste Idee, die du jemals hattest.“
Ich fand, meine beste Idee sei es gewesen, Fiona zu heiraten. So können die Meinungen verschieden sein. Fiona sauste los, kam mit ihrem Labtop zurück, bestellte sich ein zweites Stück Applepie und fing an zu recherchieren.
„Die Möglichkeit, dass ich auch noch ein Stück Applepie möchte, hast du auch bedacht?“
„Habe ich, mein Teuerster, habe ich. Allerdings will ich keinen fettgefressenen Ehemann! Wenn ich mich so um mich sehe...“
Ja ja, wegen diesem verschmitzten Lächeln, verzeihe ich ihr jede Beleidigung.
Wie würde es wohl aussehen, wenn sie neben den weissen Powerchains noch weisse Gummis tragen würde?